Mittelamerika

Reisezeit: Juni 2023 - Januar 2024  |  von Beatrice Feldbauer

San Pedro

Ich hab mir gestern in einem der Souvenirläden eine Hängematte gekauft. Hat ziemlich lange gedauert, bis ich darauf gekommen bin. Dabei bin ich doch so Fan von Hängematten. Letzte Woche hatte ich mit Marcelo, dem Eigentümer des Hotels gesprochen. Er wollte wissen, wie es mir gefällt und überhaupt, was ich hier mache, da ich so lange hier bleibe. Ich glaube, es wohnen hier ganz selten Fremde. Der Preis der Unterkunft ist so günstig und ausserdem ist er nicht auf Booking, so dass vor allem Einheimische hier für eine Zeit leben. Marcelo bestätigt mir das. Es sind Gutemalteken, die hier irgendwo arbeiten und eine Unterkunft für einen Monat oder länger brauchen.

Es sind darum relativ einfache Zimmer mit Dusche/WC und einer einfachen Küche ausgestattet. Nur leider ist gar nichts da. Kein Geschirr, kein Besteck, Töpfe, gar nichts. Nicht einmal Toilettenpapier oder Handtücher sind vorhanden. Aber die hat mir Raquel besorgt, oder ich habe sie selber gekauft. Bei dem Preis kann man sich einiges selber anschaffen.

Jetzt also habe ich mir eine Hängematte gekauft und David hat versprochen, dass er mir jemanden schickt, der sie aufhängen wird.

Heute ist Francisco gekommen. Er ist eigentlich ein Onkel von David, aber da er bei seiner Grossmutter und deren vielen Kindern aufgewachsen ist, war Francisco wie ein Bruder für David. Ich bin erstaunt, wie gross und erwachsen er geworden ist. Gekannt hatte ich ihn als kleinen Jungen, für den ich eine schulische Unterstützung gesucht hatte. Leider hat das damals nicht auf Anhieb geklappt. Francisco hatte noch nicht verstanden, wie wichtig Ausbildung ist und nach einem Jahr habe ich die Unterstützung eingestellt. Inzwischen hat er seinen Weg aber trotzdem gemacht. Hat seine Schule abgeschlossen und eine einfache kaufmannische Ausbildung gemacht. Im Moment arbeite er aber vor allem spontan in kleinen Jobs. Also doch noch nicht ganz seinen Platz gefunden.

Francisco

Francisco

Er gibt sich grosse Mühe, geht durch den grossen Garten, sucht den besten Platz für meine Hängematte und findet ihn unter einem Dach bei einem der Sitzplätze, wo ich am Anfang oft gesessen bin, weil der Internet-Zugang hier besser funktioniert, als in meinem Zimmer. Hier hat es am Nachmttag genügend Schatten und ich werde mich mit meinem Buch wunderbar zurückziehen können.

Auf den ersten Blick erscheint mir San Pedro nicht speziell zu sein. Das Dorf liegt am Hang, begrüsst mit einem Banner, das über die Strasse gespannt ist. Mir ist bald klar, dass ich hier ein Tuctuc brauche, um das Dorf kennen zu lernen. Ich bin erst einen Block hinauf geschlendert, hab die Auslage von Artesania Rosario angesehen, die in einem eigenartigen Gebäude untergebracht ist. Es ist schmal, dreistöckig, zimmerbreit, knallgrün bemalt, steht aber irgendwie allein in der Gegend. Ich staune immer wieder, wie fantasievoll respektive wie intuitiv Häuser hier gebaut werden.

Viel weiter bin ich noch nicht bekommen, als ein Tuctuc daher gefahren kommt. Es ist eine Frau! Zuerst glaube ich, dass mich meine Augen täuschen, muss eine Fata Morgana sein. Auf all meinen Reisen habe ich noch gar nie eine Frau gesehen, die ein Tuctuc fährt. Auch Taxifahrerinnen oder Busfahrerinnen gibt es in Lateinamerika keine.

Sie stellt sich vor, Maria, ist 20 Jahre alt und fährt seit 8 Monaten mit ihren eigenen Tuctuc durch San Pedro. Weil es ihr Spass macht, weil sie gern selbständig ist und gern fährt. Das kann ich ihr gut nachfühlen und ich frage sie, ob sie mir San Pedro zeigen könne. Was willst du sehen? Die Aussichtspukte? Die Textilherstellung? Schokolade? Am besten wohl alles, finde ich, denn wie kann man etwas auswählen, von dem man keine Ahnung hat.

Also fahren wir zuerst zu einer Textilfabrikation. Es ist nur ein kleiner Raum und ausser einer jungen Frau ist niemand da. Die restlichen Räume sind leer, aber wahrscheinlich arbeiten zu anderen Zeiten mehr Leute hier. Viele arbeiten zu Hause, erklärt mir die Frau, die mir die verschiedenen Farben zeigt. Alles Naturfarben, erklärt sie stolz und zählt auf, womit die verschiedenen Wollstränge gefärbt sind. Es sind alles Pflanzen und mir ist nicht ganz klar, wie sie die Farben aus den Pflanzen extrahiert. Aus Früchten, Blättern und Wurzeln. Die einzige Farbe, die nicht aus Pflanzen gewonnen wird, ist rot. Das kommt von der roten Blattlaus, der Cochinille. Daraus wurden früher auch Lippenstifte gemacht. Es ist ein sehr intensives Rot.

Verarbeitet wird hier Baumwolle, die im Süden des Landes angebaut wird. Sie wird gewaschen, gekämmt, gesponnen und gefärbt. Da alles von Hand gemacht wird, gibt es auch immer wieder feine Farbnuancen, wodurch auch die Endprodukte sehr individuell ausfallen. Bei den schönen Tischdecken möchte ich am liebsten gleich zugreifen. Sie haben so einen feinen eleganten Glanz.

Am nächsten Ort zeigt mir eine Frau, wie hier bei Diego Chocolate die Schokolade gemacht wird. Sie kaufen die fertig getrockneten Kakaokerne, die geröstet und geschält werden müssen. Danach werden sie gemahlen.

Ja, ich soll das ruhig ausprobieren, meint sie. Es ist die gleiche Mühle, wie sie viele Familien auch zum Mahlen des Mais benutzen um ihre täglichen Tortillas zu backen. Danach wird Rohzucker beigemischt und das Ganze zu Rollen geformt, die mit verschiedenen Aromen angereichert werden. Ich kaufe im Laden ein paar Rollen. Gedacht sind sie für die Zubereitung von heisser Schokolade. Man rührt sie entweder in heisse Milch oder heisses Wasser ein. Eine Rolle reicht für eine Tasse. Wie ich herausgefunden habe, kann man sie auch einfach so essen. Sie schmecken anders als eine Milchschokolade, sind etwas körniger in der Konsistenz, aber durchaus als Snack zwischendurch geeignet, wenn ich unbedingt was Süsses brauche.

David hat mir empfohlen, die italienische Bäckerei zu besuchen. Das Brot dort sei ganz besonders fein. Maria weiss was ich meine und da die Bäckerei in einer schmalen Gasse ist, gehen wir zu Fuss. Nur dumm, dass sie ausgerechnet heute geschlossen ist.

Dafür fällt mir auf dem Weg dahin ein riesiges Wandgemälde auf. Eine alte Frau mit einer Beschreibung darunter. Es sei wohl die bekannteste Frau von San Pedro, meint Maria. Es ist die Hebamme Perez Gonzalez. Sie hat 75 Jahre als Hebamme gearbeitet und unzähligen Frauen und Kindern bei der Geburt geholfen. 2015 ist sie 90-jährig gestorben. Bei meiner nachträglichen Recherche bin ich auf einen Film über sie gestossen. Er muss kurz vor ihrem Tod realisiert worden sein. Sie wisse nicht, wie vielen Kindern sie das Leben geschenkt habe, wie oft sie dabei gewesen sei beim Leben und beim Sterben. Sie muss eine ungemein starke Persönlichkeit gewesen sein. Der Film zeigt die 90-jährige Frau, die keinen Moment einen gebrechlichen Eindruck macht.

Comadrona Encarnacion Perez - mit diesen Stichworten findet man den Film bei Google.

Comadrona Encarnacion Perez - mit diesen Stichworten findet man den Film bei Google.

Meine Tour mit Maria geht weiter. Wir besuchen Petrus, den Kirchenpatron. Er steht vor der Katholischen Kirche, mit den Himmelsschlüsseln in den Händen. Ich werfe einen kurzen Blick in die Kirche. Ein schlichter Bau mit einem eher modernen Altarraum und grossen grünen Tüchern, die von der Decke hängen. Vor der Kirche sitzen ein paar Frauen, vertieft in ein Gespräch.

Bevor wir wieder losfahren will ich noch einmal eine bemalte Mauer fotografieren und entschuldige mich bei den Männern, die davor sitzen. Es ging mir nicht um sie, sondern um das Bild dahinter. Aber das Bild sagt doch gar nichts aus, das hat doch überhaupt keine Wirkung, wenn wir nicht davor sitzen würden, lacht einer und schon darf ich meine Kamera zücken.

Congo negro ein schwarzes Bienenvolk ohne Stachel

Congo negro ein schwarzes Bienenvolk ohne Stachel

Als nächstes fahren wir zum Aussichtspunkt. Das heisst, kurz davor halten wir noch einmal an, ich soll den Laden mit dem Honig besuchen. Honig, der von wilden Bienenvölkern in den Wäldern des Vulkanabhangs eingesammelt wird. Ein junger Mann erklärt mir die verschiedenen Bienen und ich darf die verschiedenen Honigsorten versuchen. Wobei die interessantesten Bienen die schwarzen Congo Negro sind. Sie haben keinen Stachel, können also nicht stechen. Darum ist ein kleineres Bienenvolk über dem Eingang in einem hohlen Ast angesiedelt.
Ich sehe mich kurz im Laden um, bedanke mich für die interessante Präsentation und lege einen kleinen Obolus in die Trinkgeldkasse. Kaufen will ich wie gewohnt nichts. Auch wenn es sogar Shampoo und Gesichtscremen aus Bienenhonig gibt.

Wir sind inzwischen ziemlich steile Strassen hoch gefahren und erreichen den ersten Aussichtspunkt. Hier hat ein fantasievoller Besitzer eine dreigeschossige Terrasse an der Strasse aufgebaut mit verschiedenen Fotopunkten. Man kann sich also in der Herzbank, unter dem Kolibri oder als Schmetterling fotografieren lassen. Auch eine Hand Gottes darf dabei nicht fehlen. Schön sind auch die verschiedenen Wandmalereien. Hier hat sich tatsächlich jemand etwas einfallen lassen. Gegen einen kleinen Eintritt darf man die Terrasse betreten und den Blick hinunter auf den Atitlan-See bewundern.

der Quetzal, der 'heilige' Vogel Guatemalas

der Quetzal, der 'heilige' Vogel Guatemalas

Maria will den nächsten Aussichtspunkt ansteuern, aber als ich sehe, dass der nur gerade 100 Meter vom anderen entfernt ist, winke ich ab.

Das ist die gleiche Aussicht, es sind nur andere Attraktionen, die hier aufgestellt wurden. Ausserdem sollten wir vielleicht besser wieder Richtung Hafen fahren. Es ist nämlich nicht ganz klar, wie lange die Schiffe nach Santiago fahren.

Mein Einwand war nicht ganz schlecht, denn es geht gegen halb fünf, als wir zurück bei den Booten sind. Zwar muss ich noch eine Weile warten, bis genügend Leute eingestiegen sind, und wir losfahren können, aber ich kann mir vorstellen, dass danach kein Publico mehr fährt. Danach müsste ich ein Privatboot engagieren und das kostet bestimmt mehr als ein paar Quetzales.

Ich habe den Nachmittag mit Maria sehr genossen. San Pedro, das vor allem bekannt ist für seine vielen Spanisch-Schulen hat ein Gesicht bekommen.

Zum Nachtessen gehe ich in ein Restaurant, wo ich schon vor ein paar Tagen Crevetten vom Grill gegessen habe. Heute versuche ich die Crevetten-Suppe, die auch sehr fein schmeckt.

Ausklingen lasse ich den Tag bei Rafa mit einem Cappuccino.

Du bist hier : Startseite Amerika Guatemala San Pedro
Die Reise
 
Worum geht's?:
Am Start einer neuen Reise ist meist noch alles ganz klar. Nur das erste Ziel: Guatemala und später im Jahr eine Hochzeit in Mexika. Es wird also einmal mehr eine sehr lange Reise mit vielen Überraschungen. Ich freue mich über virtuelle Mitreisende und werde wie gewohnt über meine Erlebnisse berichten.
Details:
Aufbruch: 09.06.2023
Dauer: 7 Monate
Heimkehr: Januar 2024
Reiseziele: Guatemala
Mexiko
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 20 Jahren auf umdiewelt.
Bild des Autors