Mittelamerika

Reisezeit: Juni 2023 - Januar 2024  |  von Beatrice Feldbauer

Sonntagsmusik

Es ist Sonntag, heute vor einer Woche bin ich in CDMX angekommen. Ich fühle mich besser und beschliesse, mich so zu verhalten, als ob ich heute angekommen wäre. Also bin ich bereits am Vormittag unterwegs in der Umgebung meines Hotels. Es ist alles noch ruhig, die Stadt erwacht langsam.

In der Fussgängerpassage bei der Regina-Kirche, da wo die speziellen bronzenen Sitzbänke stehen, ist auch noch alles ruhig, die Strasse leer.

Nur vor der Kirche werden Festpavillions aufgestellt, es scheint, dass da später ein Event stattfindet. Tische werden aufgestellt, eine Musikanlage installiert. Ich gehe daran vorbei, will heute weiter kommen und vor allem ein anderes Restaurant finden. Brauche neue Ziele.

Kurz darauf finde ich tatsächlich ein sehr schönes Lokal in dem schon reger Zulauf herrscht. Ich staune immer wieder über die riesige Auswahl von Frühstücksvarianten, die es hier gibt. Hier hat ein Frühstückskoch schon am Morgen alle Hände voll zu tun mit den verschiedensten Eiervarianten, den Omeletts mit verschiedenen Zutaten. Den Früchten, den Gemüsen, den pickanten Sossen, den verschiedenen Tortillas und warmen Brötchen. Nur einfach Marmalade und Butter zu einem Croissant ist dabei gar nicht vorgesehen.

Nachdem ich jetzt also frisch gestärkt bin, siegt die Neugier und ich gehe zurück zur Kirche. Schon in der Fussgängerzone, wo vorher noch gar nichts los war, sind jetzt Tische und Stühle unter Sonnenschirmen aufgestellt. Ein paar kleine Bistros entstehen. Und vor der Kirche erklingt Musik und viele Leute stehen da.

Als ich näher trete, sehe ich, dass eine Tanzveranstaltung im Enstehen ist.

Nach dem Frühstück, das zeitlich eher ein frühes Mittagessen war, gehe ich zurück zur Kirche, will wissen, was da vorbereitet wird - und staune.

Unter einem der Pavillion hat sich eine Musikgruppe mit einer Sängerein aufgestellt und auf dem Platz tanzt eine bunte Tänzertruppe. Wie sie ihre Röcke schwingen, wie sie sich drehen, wie sie lachen, strahlen und ganz in ihren überlieferten Bewegungen aufgehen.

Natürlich bleibe ich stehen, natürlich fange ich an zu fotografieren, Videos zu machen, ich kann mich kaum satt sehen, an all den Farben.

Nach einem langen Tanz verschwinden die Frauen in der Kirche und kommen kurz darauf in anderen Kostümen wieder heraus. Ein neuer Tanz beginnt. Die Gruppe besteht aus gut 10 Frauen und 4 Männern. Dabei ist auch ein kleines Mädchen, das in seinem langen Rock all die Figuren mittanzt. Und auch der Junge, der wahrscheinlich mit seinem Vater da ist, folgt ihm und versucht die stolzen Gesten nachzumachen.

Es ist wunderschön, und ich vergesse völlig die Zeit, vergesse, dass ich eigentlich weiter gehen wollte, dass heute mein erster Tag in CDMX ist, dass ich die Stadt erobern wollte.

Es scheint ein trauriger Tanz zu sein, die Frauen verstecken ihre Gesichter hinter dunklen Schleiern.

Es scheint ein trauriger Tanz zu sein, die Frauen verstecken ihre Gesichter hinter dunklen Schleiern.

die typiscchen weissen Kleider von Veracruz

die typiscchen weissen Kleider von Veracruz

Erst als nach gut zwei Stunden der letzte Ton verklungen, die Tänzerinnen sich mit einer Verbeugung vom Publikum verabschiedet haben und in der Kirche verschwunden sind, wache ich wieder auf. Was für eine Überraschung, dieser Tanznachmittag. Die Frauen haben sich mindestens fünfmal umgezogen, trugen ihre Kleider mit den langen Ärmeln und schwingenden Röcken, tanzten ihre überlieferten Tänze ohne Schwäche mit viel Freude und Begeisterung. Dabei brennt die Sonne vom Himmel, die Zuschauer versuchen, irgendwo einen Schattenplatz zu bekommen, die Wasserverkäufer machen Umsatz. Es sind zwar gar nicht so viele Zuschauer da, es scheint eher ein Anlass für die Gemeinde, die Kirchenangehörigen zu sein, denn fast alle sind engagiert mit dem Verkauf von Essen oder Getränken.

Es herrscht kein Gedränge, Leute wie ich, die gar nichts mit der Organisation zu tun haben, die nur hier sind, um zuzusehen sind höchstens hundert da. Ein kleiner intimer Anlass also, so wie ich das liebe.

Ich besinne mich auf mein Ziel, gehe weiter in der Fussgängerpassage, wo bereits erste Gäste in den Bistros sitzen, biege in eine der Hauptachsen zum Zocalo ein und bin bald auf dem grossen Platz, auf dem ich vor einer knappen Woche bereits einmal war. Damals konnte ich kaum etwas aufnehmen, heute fühle ich mich viel besser, freue mich über die grosse farbige Dekoration, die über der Strasse direkt gegenüber der Kathedrale hängt, mache Selfies,

Der Platz ist auch heute gesperrt, aber rundherum hat es viel mehr Leute. Kein Wunder, ist ja Sonntag heute. Links und vor der Kathedrale werden grosse Bühnen aufgebaut, am nächsten Samstag ist der Nationalfeiertag Mexikos, das wird eine riesige Veranstaltung werden. Rechts vor dem Nationalpalast zieht sich eine lange Tribüne und ich frage mich, wo wohl der Eingang ist, denn drinnen könnte man die Murales, die berühmten Wandbilder von Diego Ribero sehen. Ich kann keinen Eingang entdecken und vermute, dass das mit der Tribüne, die davor steht, zu tun hat. Nun, ich habe ja noch etwas Zeit, mich mit dem Thema zu befassen.

Viel mehr locken mich die Töne, die vom Platz neben der Kathedrale erklingen. Es sind dumpfe Trommelklänge und der Klang von unzähligen Rythmusinstrumenten. Als ich näher komme, sehe ich es, auch wenn ich mich erst orientieren muss in diesem wogenden Tanz.

Schon wieder Tanz. Doch diesmal sind es Azteken, verkleidete Menschen in fantasievollen Kostümen. Die meisten mit riesigem Kopfschmuck in dem hunderte von Federn stecken. Sie bewegen sich im Rythmus der Trommeln, an ihren Fussfesseln tragen sie Gurte mit Nüssen, die mit jedem Schritt mitklingen. In den Händen tragen viele Rasseln. Alles zusammen ergibt einen eigenwilligen Klangteppich, auf dem sich die Tänzer in immer gleichen Schritten bewegen. Über ihnen wogt ein Meer von Federn. Meist lange Fasanenfedern in einem Strahlenkranz um den Kopf angelegt, einige sind gefärbt. Ein paar tragen einen grossen Kopfschmuck mit einem Adlerkopf, mit einem Totenkopf, oder zwei. Die Fantasie kennt keine Grenzen.

Und auch die Kleider sind selbst gemacht. Viele Männer tanzen mit nacktem Oberkörper, mit Lendenschurtz aus Tierfellen, mit bemalten Kostümen und auch die Frauen tragen farbige Kleider mit Applikationen aus verschiedenen Stoffen und Materialien. Es ist eine riesige Show, aber jeder tanz für sich. Für sich und zusammen als grosse Einheit.

Ein besonders aufwändiges Kostüm

Ein besonders aufwändiges Kostüm

Sie tanzen sich in Trance, nur manchmal gibt es einen kurzen Unterbruch. Dann atmen die Tänzer kurz durch, wechseln ein paar Worte, doch bald darauf beginnt die Haupttrommel erneut. Schlägt ihre monotonen Klänge. Die Musik und die Stimmung kommt von den Tänzern. Von ihren Beinrasseln, ihren rauschenden Kopfputzen.

Am Rande der Tanzenden werden Amulette verkauft, Schamanenrituale abgehalten.

Nachdem ich eine ganze Weile zugesehen habe, staunend und ungläubig über diese ganz andere Art von Tanz, in die ich innert weniger Stunden geraten bin, suche ich ein Restaurant und finde einen freien Balkon in einem Restaurant am Rande des Platzes. Hier oben geniesse ich einen Crevettencocktail, der hier überall wunderbar frisch angeboten wird, während unten die Tänze weitergehen.

Die Frau die mich bedient, bestätigt mir, dass der Nationalpalast im Moment nicht zugänglich ist. Allerdings nicht nur wegen den Vorbereitungen zum Nationalfeiertag, nein, es wäre im Moment überhaupt nicht mögich, in den Nationalpalast zu kommen, denn der aktuelle Präsident wohne jetzt hier. Dadurch ist der Zugang generell für das Publikum gesperrt. Nun, dann muss ich mich wohl nicht mehr mit dem Thema befassen. Schade, die Murales wurden mir von verschiedenen Freunden dringend empfohlen.

Ich bleibe da oben auf dem Balkon bis die Sonne untergeht, bis die riesige Nationalflagge (35 m2) auf dem Zocalo eingezogen wird, dann mache ich mich langsam auf den Heimweg. Beim Verlassen des Zocalo werfe ich noch einen Blick die Strasse hinunter zum Torre Latinamericano, dem höchsten Turm der Stadt. Da hinauf werde ich an einem der nächsten Tage noch gehen, das steht fest.

Der Heimwerg dünkt mich, jetzt wo es mir besser geht, überhaupt nicht mehr so weit, ich schlendere durch die Fussgängerpassage bei der Regina-Kirche, wo sich jetzt die Bistros mit Menschen füllen.

Da ich keinen Hunger habe und allein an einem Tisch zu sitzen keinen Sinn macht, bin ich bald zurück in meinem Hotel. Ich brauche im Moment noch etwas Ruhe.

Torre Latinamericana

Torre Latinamericana

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Am Start einer neuen Reise ist meist noch alles ganz klar. Nur das erste Ziel: Guatemala und später im Jahr eine Hochzeit in Mexika. Es wird also einmal mehr eine sehr lange Reise mit vielen Überraschungen. Ich freue mich über virtuelle Mitreisende und werde wie gewohnt über meine Erlebnisse berichten.
Details:
Aufbruch: 09.06.2023
Dauer: 7 Monate
Heimkehr: Januar 2024
Reiseziele: Guatemala
Mexiko
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 20 Jahren auf umdiewelt.
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