Leinen los und los!

Niederlande-Reisebericht  |  Reisezeit: April - Oktober 2007  |  von Doris Sutter

Vom Lauwersmeer ins Sneeker Meer

So richtig weit sind die Entfernungen in Holland nirgends. Und das ist auch gut so, denn wenn man nicht frühzeitig einen Liegeplatz findet, dann wird's eng. Ankommen, wenn andere wegfahren, das ist das Geheimnis.
Trotzt vieler Liegemöglichkeiten, am späten Nachmittag kann's knapp werden. Selbst im Frühsommer ist der Bootsverkehr erstaunlich.
Kein Wunder, wir befinden uns auf der "Staande Mastroute". Hier können Segelboote mit stehendem Mast von den Friesischen Inseln und der Waddenzee über die friesische Seenplatte ins Ijsselmeer schippern. Und erstaunlich viele Segler nutzen diese Binnenroute.

Das Lauwersmeer ist heute ein friedlicher, schilfumsäumter Süßwasser-Binnensee. Das war nicht immer so. Vor der Eindeichung drückte die Waddenzee über die Zoutkamperrijl und das Reitdiep auf der einen und das Dokumer Grootdiep auf der anderen Seite tief ins Binnenland.
Heute sind das Lauwersmeer und die anschließenden Wasserläufe tidenfrei und auch für Ungeübte leicht zu befahren.

Lauwersmeer

Lauwersmeer

Auf den knapp 11 km vom Lauwersmeer bis Dokkum findet man nicht weniger als 7 Anleger der Marrekrite.
Marre = Meer (See) Krite = Gebiet.
Der Name kommt aus den friesischen und bedeutet so viel wie Seengebiet.
Die Marrekrite ist ein Verband zur Förderung des Wassersports. 2007 feiert er das 50jährige Bestehen.
Schön, dass es ihn gibt, denn er baut Anleger und Liegeplätze, mäht die Wiese und entsorgt, wenn eine Strasse in der Nähe ist, den Müll und bittet nur darum sein Fähnchen zu kaufen um Solidarität zu bekunden und um seine Bemühungen auch finanziell zu unterstützen.

Eine gemütliche Fahrt, vorbei an großen Bauernhöfen und einer kleinen Werft in Ee bringt uns nach Dokkum.
Hier wurde vor Unzeiten der heilige Bonifatius mitsamt seinem 52köpfigen Anhang gemeuchelt. Doch der Ort wurde wohl mehr durch seine Jahrhunderte lange Verbindung zum Meer geprägt. Die Admiralität von Groningen und Friesland hatte sich hier niedergelassen. Erst als Stadt und Hafen durch die Eindeichung des Lauwersmeers ihre Bedeutung verloren, zogen sie um nach Harlingen.
Ein zauberhafter Ort dieses Dokkum, allerdings nicht ganz billig. In der ganzen Stadt wird Liegegeld kassiert und an der Brücke ist man gleich noch mal 4,30 € los.

Windmühle De Hoop in Dokkum

Windmühle De Hoop in Dokkum

Dokkum

Dokkum

Hier kommt der Holzschuh fürs's Brückengeld

Hier kommt der Holzschuh fürs's Brückengeld

Die anschließende Dokkumer Ee ist kein Kanal, sie ist ein Wiesenbach, der sich unverdorben an prächtigen Gehöften vorbei durch eine ruhige Wiesenlandschaft windet.
Kühe und Schafe grasen sich ignorierend auf den Weiden, dazwischen Enten und Schwäne, manchmal ein Sichelschnäbler, der seinen langen gelben Schnabel auf der Suche nach Nahrung zwischen die Steine der Uferbefestigung schiebt.

Ein bisschen die Seele baumeln lassen und bei den Brücken den Holzschuh fangen ist angesagt.
Zauberhaft die Ortsdurchfahrt durch Birdaard an der wunderschönen Windmühle vorbei. Eine Fahrt wie durch ein Freilichtmuseum. Der Passantenhaven wäre zu klein für uns, doch außen im "Fluss" kann man auch anlegen.

Ein kleines bisschen Neid kommt auf. Die wunderschönen Häuschen mit ihren zauberhaften Gärten, daneben der eigene Hafen.
Man kann nicht alles haben.

Die alten Windmühlen stehen still, dafür rauschen flächendeckend Windräder im Kilowatt-Takt.

Auf den 22 km bis Leeuwarden laden uns wieder sieben Marrekrite-Plätze zum Verweilen ein.

Was man sich keinesfalls entgehen lassen darf ist Leeuwarden, die Hauptstadt der Provinz Fryslân. Seit 1504 ist sie Hauptstadt. In der Innenstadt liegen die Grachten voller Wohn- und Traditionsschiffe. Wunderschön anzuschauen. Mata Hari, das Symbol für Schönheit, Erotik, Geheimnis und Intrige lebte hier. Von unserem Liegeplatz in der Noorderstadtgracht bis zum "Schiefen Turm von Leeuwarden" ist es nur ein Katzensprung. Auch er ist ein Symbol, nämlich für die Unzulänglichkeit mancher Staatsdiener in jeder Epoche. Eine Kirche sollte gebaut werden. Der Turm war schon halb fertig, als den Herren auffiel, dass die Kirche wegen des schwachen Untergrundes nicht gebaut werden konnte und der halbfertige Turm sacke ab.

Oldehove, der Schiefe Turm von Leeuwarden

Oldehove, der Schiefe Turm von Leeuwarden

Hinter Leeuwarden biegen wir ab in den Van Harinxmakanaal. Er ist ein Großschifffahrtskanal. Schnurgerade, von Frachtschiffen befahren. Die romantischen kleinen Häuschen machen modernen, seelenlosen Wohnblocks Platz.

In der Peripherie der großen Städte verliert Friesland viel von seinem Charme.

Eine moderne Hebebrücke, wie der Deckel auf den Topf

Eine moderne Hebebrücke, wie der Deckel auf den Topf

Und immer wieder Brückengeld

Und immer wieder Brückengeld

Wie schön, dass man die Wahl hat. Wir verkrümeln uns in die Lang Deel.
Ein kurzes Stück Prinses Margrietkanaal bleibt uns aber doch nicht erspart bis nach Grouw. Ich glaube in Grouw liegen mehr Schiffe als es Einwohner hat. Der kleine Ort ist ein wahres Eldorado für Wassersportler und es bewacht den Eingang zum Pikmeer.

Wartena am Lang Deel

Wartena am Lang Deel

Will man nicht einen der üppig vorhandenen Jacht- und Passantenhaven in Grouw anlaufen, bleiben einem massenhaft wirklich schöne Anlegeplätzchen im See.

Wir haben jetzt die Friesische Seenplatte, het Friese Merengebied, erreicht. Hier verbinden unzählig viele kleine Wasserwege genauso unzählig viele kleine und größere Seen. Ein Wassersportzentrum löst das andere ab. Ankern ist erlaubt, will man nicht einen Marrekrite-Platz belegen.

Vom Pikmeer aus erreicht man das Naturschutzgebiet, friesisch "de Âlde Faenen", holländisch Oude Venen, den Princenhof. Er war einmal Jagdrevier des niederländischen Königshauses daher der Name. Die Landschaft entstand durch Torfabbau. Zurückgeblieben sind viele Kanäle und kleine Seen inmitten ursprünglicher Natur.

Im Friesischen Seengebiet könnte man sich jahrelang aufhalten ohne dass es einem auch nur eine Minute überdrüssig wird.

Es ist ein ausgesprochen attraktives Wassersportrevier mit außergewöhnlich guter Infrastruktur, man denke nur an die kleinen, oft künstlich angelegten Inselchen für die Wassersportler. An den Ufern stattliche Bauerhöfe in saftigen Weiden, friedlich grasende Kühe, manchmal die legendären schwarzen Friesen, die Pferderasse Frieslands. Verträumte kleine Dörfer, lebhafte kleine Städte, Kultur und Historie wohin man schaut. Sauberes, wenn auch braunes Torfwasser, Flora und Fauna scheinen pumperle g'sund.

Fahrt einfach mal hin, man ist willkommen in Fryslân.

Grouw

Grouw

Sneeker Meer

Sneeker Meer

Waterpoort in Sneek

Waterpoort in Sneek

Gemütliches Beisammensein auf einer Marrekrite-Insel mit alten Bekannten

Gemütliches Beisammensein auf einer Marrekrite-Insel mit alten Bekannten

© Doris Sutter, 2007
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Begleitet Beluga und ihre Crew auf ihrer Bootsreise durch Deutschland, Holland, Belgien und Frankreich. Man kann 100.000 km mit einem Jet zurücklegen, ohne Mitteilungswertes zu erfahren, aber man kann in einer Stunde gemütlicher Fluss- oder Kanalfahrt auf dem altmodischsten aller Fortbewegungsmittel, dem Boot, sensationelle Erlebnisse haben.
Details:
Aufbruch: April 2007
Dauer: 6 Monate
Heimkehr: Oktober 2007
Reiseziele: Deutschland
Niederlande
Frankreich
Luxemburg
Der Autor
 
Doris Sutter berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Doris sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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