Frankreich 2010 - Loire, Indre, Vienne, Loir, Cher

Reisezeit: September / Oktober 2010  |  von Uschi Agboka

Saumur / Cunault

Der "alte" Teil des Rathauses in Saumur.

Der "alte" Teil des Rathauses in Saumur.

Donjon (Bergfried) von Treves

Donjon (Bergfried) von Treves

Notre-Dame de Cunault

Notre-Dame de Cunault

Schloss von Cunault - befindet sich in Privatbesitz, wird noch bewohnt und kann nur nach Anmeldung besichtigt werden.

Schloss von Cunault - befindet sich in Privatbesitz, wird noch bewohnt und kann nur nach Anmeldung besichtigt werden.

16. Tag - Saumur / Cunault

Sonntag, 03.10.2010 16. Tag Chinon

Auch heute Morgen haben wir schon wieder 17 Grad. Rasch fährt Rolf zum Brot kaufen und dann sitzen wir draußen zum Frühstück. Wir sehen die ersten Besucher oben auf der Festung. Ganz allein sind wir mittlerweile in diesem Teil des Campingplatzes. Vor uns am Ufer der Vienne liegt ein Ausflugskahn, der hin und wieder auf Tour geht. Heute sind auch schon einige Paddler unterwegs. Gegen 11 Uhr starten wir. Zunächst geht es nach Candes-St-Martin, weiter am Fluss Indre entlang bis nach Motresor. Da dort heute großer Markt ist, halten wir und ich will mich ins Getümmel stürzen. Plötzlich stellt Rolf fest, dass er seinen Geldbeutel im Bus vergessen hat. Das ist ein unheimliches Gefühl, sind doch einige wichtige Papiere darin und so fährt er allein zurück, während ich den Markt unsicher mache. U. a. zählen zu meinen Einkäufen herrlich duftende Erdbeeren, Zie-genkäse und Lammfilets. Nach einem kleinen Rundgang durch den Ort sitze ich am Fluss und schaue den Anglern zu bis Rolf zurückkommt. Hin und wieder ertönen Schüsse. Seit dem 1. Oktober sind die Jäger in Frankreich "losgelassen". Überall trifft man auf kleinere oder größere Gruppen von Männern und Jungen, die schwerbewaffnet zur Jagd gehen. Die dauert bis März n. J.. Schilder am Wegesrand warnen davor, im Wald spazieren zu gehen etc.. Wir fahren nun weiter bis nach Saumur.

Saumur
heute bekannt durch seine Kavallerieschule, den Perlwein und die Champignon-Zucht. Saumur war lange Gegenstand von Streitereien zwischen den Grafen von Anjou und von Blois. Es wurde von den Normannen verwüstet und unter Philipp August dem königlichen Krongut einverleibt. Gegen Ende des 16. und 17. Jh. erlebte die Stadt ihre Blütezeit. Saumur entwickelte sich im 16. Jh. zum geistigen Mittelpunkt der Hugenotten (Protestanten). Eine um 1600 gegründete protestantische Akademie wurde als Folge der Rücknahme des Edikts von Nantes im Jahr 1685 aufgelöst. Nicht nur die Akademie schloss, sondern auch ein Großteil der Bevölkerung verließ die Stadt, die damit ihr wirtschaftliches Fundament verlor. 1763 wurde das "Regiment des Carabiniers" nach Saumur verlegt. Dies war und ist bis heute eine Elitetruppe aus den besten Reitern des Heeres. Um 1770 entstand die heute noch bestehende große Kaserne, wo die Offiziere der Kavallerie ausgebildet werden. 1972 wurde die Nationale Reitschule gegründet, zu der auch der "Cadre Noir" gehört, die Reiterelite der französischen Armee. Darbietungen des Cadre Noir ziehen alljährlich viele Besucher an.

Wir erkunden die schöne Altstadt mit ihren prächtigen Häusern. Viele haben schmiedeeiserne Balkongeländer, was mir besonders gut gefällt. Der alte Teil des Rathauses, einst in die Stadtmauer eingebaut und direkt an der Loire liegend, stammt aus dem 15. Jh. und ist sehr schön, im Gegensatz zu dem hässlichen modernen Anbau. In einem Cafe in der Nähe stärken wir uns und fahren dann hinauf auf den Hügel zum Chateau, welches wir heute jedoch nur von außen anschauen. Die Besichtigung wird auf einen anderen Tag verschoben. Unsere Fahrt führt uns weiter an der Loire entlang, vorbei am Donjon Treves (erbaut im 15. Jh.) und der Eremitage Saint Jean (aus dem 12. Jh.) bis zur Prioratskirche Notre Dame de Cunault.
Notre-Dame de Cunault (Anfang 12. Jh.), ist eine romanische Prioratskirche. Die Hallenkirche wird wegen ihres äußerlich schlichten Aussehens leicht übersehen. Sie ist aber unter Kennern der romanischen Skulptur insbesondere für ihre 223 Kapitelle berühmt. Sie sind erstaunlicherweise in gutem Zustand erhalten geblieben, obwohl das Bauwerk im 18. Jahrhundert stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Untiere, Fratzen und Grimassen und ein ständiges Sich-gegenseitig-Verschlingen sind Themen dieser interessanten Kapitelle. Gruselig anzuschauen. Das der Jungfrau Maria geweihte Kloster von Cunault wurde im 4. Jh. vom heiligen Maxentiolus, einem Schüler des Heiligen Martin gegründet, der einige Anhänger um sich scharen konnte. Im 9. Jh. mussten die Mönche das Kloster wegen der sich häufenden Überfälle durch die Wikinger oder Normannen verlassen. Gegen Ende des 9. Jahrhunderts kamen die Normannen-einfälle zur Ruhe. Die "Nordmänner" wurden romanisiert Die Ruhe kehrte auch nach Cunault zurück, wo bald wieder einige Mönche lebten, mit den Reliquien der Gebeine des heiligen Maxentiolus , mit einem Fläschchen mit Staub aus der Geburtsgrotte von Bethlehem, mit der angeblich eingetrockneten Muttermilch der Jungfrau Maria und mit einem Ring, der als Hochzeitsring der Heiligen Jungfrau galt. Notre-Dame de Cunault war wegen ihrer oben genannten Heiligtümer schon bald ein bekannter Pilgerort. Im 10. Jahrhundert wurde das Priorat abhängig von der Abtei Tournus in Burgund. Im 11. Jahrhundert erbaute man eine neue Kirche, die Vorgängerin der heutigen. Von ihr steht jetzt allein noch der im ausgehenden 11. Jahrhundert errichtete Glockenturm, der wiederum auf den Resten einer noch älteren Vorgängerkirche steht. Er ist der älteste Kirchturm im Anjou. Aufgrund der großen Freiheiten, die Fürsten und Könige dem Kloster vom 9. bis zum 11. Jahrhundert einräumten, erfuhr das Priorat eine Phase wirtschaftlicher Blüte. So konnte um 1100 mit der Errichtung des neuen, wesentlich größeren Kirchenbauwerkes begonnen werden. Die Länge der Kirche sollte, einschließlich ihrer mittleren Umgangskapelle, die zerstört ist, immerhin knapp 70 Meter messen. Während der ersten Bauarbeiten am Umgangschor stand noch die erst später abgebrochene Kirche des 11. Jahrhunderts für sakrale Riten zur Verfügung, einschließlich ihres heute noch erhaltenen Glockenturms. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurde die Kirche fertig gestellt. Die Klostergebäude von damals existieren heute nicht mehr. Nach den Wir-ren des Hundertjährigen Krieges und der Religionskriege war das Klosterleben der wenigen verbliebenen Mönche auf sei-nem Tiefpunkt angelangt. 1741 wurde das Priorat durch den Bischof von Angers aufgelöst und seine Güter dem Séminaire Saint-Charles in Angers übertragen. Den Chor erwarb 1749 ein Privatmann und nutzte ihn als Scheune. Das Langhaus der ehemaligen Prioratskirche wurde 1754 die Pfarrkirche des Ortes, nachdem in diesem Jahr die ehemalige Pfarrkirche Sankt Maxentiolus durch einen Sturm zerstört worden war. Die Ruinen be-finden sich auf dem Ortsfriedhof. In Zeiten der Französischen Revolution wurden die Gebäude als Staatsgut zum Abbruch verkauft. Um 1838 begann die Restaurierung, die insgesamt 30 Jahre andauern sollte. Leider wurden dabei die Dächer aus finanziellen Gründen vereinfacht, nicht zum Vorteil der äußeren Gestalt.

Die Größe des Kirchenschiffes macht auf mich einen besonderen Eindruck und mir gefallen die restlichen verbliebenen Malereien. Ein schwarzes Band um die Bündelpfeiler der Kirchenschiffe und des Umgangschors ist ein "Trauerband". Sehenswert sind auch der Reliquienschrein des Heiligen Maxentiolus, der Chapier, ein niedriger quadratischer Tisch auf vier kurzen Beinen, unter dessen Platte ein flacher Stauraum zur Verfügung steht, in dem die Kirchengewänder aufbewahrt wurden. Schön sind auch die Pieta und die Statue der Hl. Katharina.
Nach Besichtigung der Kirche schauen wir uns das prächtige Schloss von Cunault von außen an. Es liegt in einem großen Park, befindet sich in Privatbesitz und kann nicht besichtigt werden. Die Grundmauern des Schlosses stammen aus dem 16. Jh., später wurde im 19. Jh. weitergebaut. Sehr schön ist auch die Unterkunft des Priors (Logis du Prieur, um 1510 erbaut), ein kaum verändertes elegantes Renaissance-Haus.

Auf unserer Weiterfahrt überqueren wir nun die Loire und fahren am anderen Ufer zurück zum Campingplatz, wo wir um 16.15 Uhr, nach 135 km, ankommen. Unser Abendessen besteht aus Hühnerbrust, Salat, Baguette, Weißwein und Trauben. Es ist sehr warm und wir können lange draußen sitzen, obwohl es angefangen hat zu regnen. Später sehen wir noch zwei Filme: James Bond und Species II. In der Nacht schüttet es wie aus Kübeln. Plötzlich hören wir ein Geräusch. Rolf meint erst, ich hätte was "verbrochen", aber ich bin unschuldig. Wir machen die Rollos hoch, Rolf meint, er sieht einen Mann, der nach seinem Hund sucht. Ich sehe eine schwarze Gestalt, die sich ganz eng an unseren Bus lehnt, Mir kommt das nicht geheuer vor. So zieht Rolf was an und leuchtet mit einer großen Lampe den Platz um uns herum ab. Die Gestalt ist verschwunden. So gehen wir wieder ins Bett. Ich kann lange nicht schlafen. Wieso sucht ein Mann mitten in der Nacht ohne Taschenlampe nach seinem Hund? Kann ich nicht glauben. Rolf meint, ich denke immer zu negativ.

St-Aubin in Treves

St-Aubin in Treves

Da Rolf oft hoch hinauf steigt, warte ich geduldig - nach Rundgang - am Motorrad.

Da Rolf oft hoch hinauf steigt, warte ich geduldig - nach Rundgang - am Motorrad.

© Uschi Agboka, 2010
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Es handelt sich um eine 4-wöchige, kombinierte Campingbus- bzw. Motorradtour, um die Loire-Schlösser anzuschauen.
Details:
Aufbruch: 18.09.2010
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 16.10.2010
Reiseziele: Frankreich
Der Autor
 
Uschi Agboka berichtet seit 17 Jahren auf umdiewelt.
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