historisches Weserbergland - Spuren der Zeit

Reisezeit: Mai 2022  |  von Herbert S.

Minden

Wir parken in der Nähe von Kanzlers Weide - einem großen Platz, auf dem z.Zt. Kirmes stattfindet und überqueren zu Fuß die Weser auf der großen Brücke.
Wir gelangen über die Bäckerstrasse direkt zum Scharn, wo wir zunächst das Haus Hagemeyer anschauen.
Haus Hagemeyer am Scharn wurde erbaut für den Mindener Bürgermeister Thomas von Kampen (1541-1586) und seine Frau Wobbeke Ciaren (t 1606). Es gilt als eines der schönsten Bürgerhäuser der Weserrenaissance,

Das große Patrizierhaus ist 22,50 m hoch, 9 m breit, 28 m tief.
Nur die sechsachsige Schauseite von 1592 blieb erhalten, aber auch sie wurde im Erdgeschoß verändert: Von ursprünglich sieben Säulen sind heute nur noch vier vorhanden.

Hasu Hagemeyer

Hasu Hagemeyer

Die prächtige Fassade wird trotz der kräftigen, die Horizontale betonenden Gesimse durch die Säulengliederung vertikal bestimmt. Es wechseln sich in den Etagen kannelierte ionische und korinthische Dreiviertelsäulen ab, die mit ihren reichverzierten Trommeln auf noch plastischer geschmückten, viereckigen Sockeln stehen. Die Luken der drei oberen Speichergeschosse sind rundbogig geschlossen. Die vertikale Aufwärtsbewegung der Säulengliederung wird in der Höhe durch die vorzüglich in die Beschlagwerkvoluten der Giebelstufen komponierten lebensgroßen menschlichen Gestalten aufgefangen und beruhigt. Die bekrönende Figur auf der obersten Säule fehlt.

Nur wenige Meter weiter in der Bäckerstr. steht ein weiterer Bau gleicher Epoche.
Der vierstufige Renaissancegiebel des Hauses Hill von 1590 ähnelt dem des Hauses Hagemeyer und könnte von dem gleichen Baumeister stammen, wenngleich er nicht ganz so aufwendig gestaltet ist.

Haus Hill

Haus Hill

Die Gewände der rundbogigen Luken sind, wie beim Hause Hagemeyer, mit den Zierquadern der Weserrenaissance geschmückt. Jedoch setzen sich hier die mittleren Quadern als Band über die Säulenschäfte fort. Auch sind an Stelle der sich abwechselnden ionischen und korinthischen Dreiviertelsäulen des Hagemeyerhauses hier durchweg korinthische Halbsäulen getreten.

Auch scheint die Komposition der Figuren in den Staffelvoluten nicht ganz so geglückt. Die Schauseite des Hauses Hill wurde in den unteren Stockwerken bereits im 18. Jh. verändert.

Die Umgebung des Marktes ist z.Zt. eine Dauerbaustelle und daher nur schwer zu besichtigen. Der Platz vor dem Dom ist jedoch weitgehend frei, liegt allerdings im falschen Licht.
Der Mindener Dom St. Gorgonius und St. Petrus Apostel ist eine römisch-katholische Propsteikirche. Sie war die Bischofskirche des um 800 von Karl dem Großen in Minden gegründeten Bistums Minden.
Im Laufe der Jahrhunderte wuchs der Dom baugeschichtlich von einer einfachen Saalkirche über eine karolingisch-romanische Basilika mit monumentalem Westwerk zur heutigen gotischen Hallenkirche mit romanischem Westriegel. Das lichtvolle, hochgotische Langhaus und seine großen Maßwerkfenster waren stilprägend für eine Reihe späterer Kirchenbauten. Fast 600 Jahre lang blieb der Mindener Dom so gut wie unverändert, bis er im Zweiten Weltkrieg bei einer Bombardierung der Altstadt am 28. März 1945 beinahe völlig zerstört wurde. In den Jahren 1946–1957 wurde er unter der Leitung von Dompropst Josef Parensen und des Architekten Werner March wieder aufgebaut.
1168 traute Bischof Werner von Bückeburg Heinrich den Löwen und Mathilde von England im Mindener Dom.

das karolingische Westwerk wirkt immer noch ausgesprochen monumental

das karolingische Westwerk wirkt immer noch ausgesprochen monumental

Baugeschichte in Stein gehauen

Baugeschichte in Stein gehauen

moderne Fassung eines gotischen Kirchenfensters

moderne Fassung eines gotischen Kirchenfensters

Das 1909 von dem Kaufmann Hermann Schmieding errichtete Gebäude mit seiner malerischen Fachwerkfassade ist ein typisches Beispiel für die historistische Baukunst, die ihre Formen aus Baustilen vergangener Epochen schöpfte. Hier ist es die nordische Renaissance, auf die durch die Fachwerkgliederung, den vorragenden Erker und das sehr steile Dach Bezug genommen wird. Auch die reichen Pflanzenornamente weisen auf die Renaissance zurück, zeigen aber gleichzeitig deutliche Jugendstileinflüsse. Über dem Erdgeschoss zeigt ein Fries in scherenschnittartiger Ausführung Bilder aus der Mindener Geschichte: Widukinds Taufe bei Minden 785, die Hochzeit Heinrich des Löwen mit der englischen Königstochter im Mindener Dom 1168, der Besuch Kaiser Karls IV. 1377, die Reformation 1529, die Belagerung der Stadt durch die Schweden 1633, der Besuch des Großen Kurfürsten 1673, eine „preußische“ Ballszene von 1780, die französische Zeit 1806, die Eröffnung der Köln-Mindener Eisenbahn 1847 und die „moderne“ Zeit mit Auto, Rad und Zeppelin 1909.

In dem Haus Markt 8 wurde seit 1625 die zweite Mindener Apotheke betrieben. Die kurfürstlich-brandenburgische Regierung bestätigte 1661 das Apotheken-Privileg, das mit dem Haus verbunden war. Das 1831 erweiterte Giebelhaus wurde 1899 umgebaut. Die aufwendige Klinkerfassade in Formen der norddeutschen Backsteingotik und die Apothekenausstattung gestaltete der aus Hannover stammende Architekt August Kelpe.

Über die Martinitreppe setzen wir unseren Rundgang fort und erreichen die Obere Altstadt mit der Martini-Kirche.
Die Kirche St. Martini ist ein Kirchengebäude in der alten Mindener Innenstadt an der Kante zur oberen Altstadtterrasse.
Die Kirche wurde kurz vor 1029 gegründet und ist im romanischen und gotischen Stil errichtet. 1530 wurde die Kirche im Zuge der Reformation evangelisch-lutherisch. Hier verlas Nikolaus Krage die von ihm verfasste evangelische Kirchenordnung und damit die erste in Westfalen.

Martinikirche

Martinikirche

Nebenan fällt ein massive Bau auf: das ehemalige Proviant-Magazin Minden. Es ist ein vierstöckiger neoromanischer Bau, der von 1835 bis 1836 als Teil der Festung Minden erbaut wurde und 3360 Quadratmeter umfaßt.
In der oberen Altstadt auf trockenem Grund gelegen, hatte er als Proviant-Magazin zusammen mit der neben dem Proviant-Magazin gelegenen Heeresbäckerei die Aufgabe, die Bevorratung der Preußischen Armee in der Festung Minden zu gewährleisten.
Das Gebäude umfasst drei Vollgeschosse über einem hohen, rustizierten Sockelgeschoss. Die Außenwände sind mit Portasandstein verblendet.
Seit 1975 beherbergt es eine Schule, das Weser-Kolleg.

Brüderstraße - Schnurrviertel
Die Brüderstraße, im Mittelalter „platea fratrum predicatorum" oder „Broderstrate" genannt erinnert an die vielfach als Predigerbrüder bezeichneten Dominikaner des 1236 gegründeten Klosters St. Pauli.

Hier liegt auch die Alte Münze, sie soll das älteste Steinhaus in Westfalen sein.
Das dreigeschossige Haus - im Kern romanisch - ist aus Sandsteinquadern aufgebaut. Versehen ist es mit einem Staffelgiebel und gotischen Maßwerkfenstern aus dem 13. Jahrhundert. Sie sind erst 1928 freigelegt worden. In einer Umbauphase zu Beginn des 17. Jahrhunderts hat das Gebäude eine Auslucht und ein Portal der Spätrenaissance bekommen.

Das Museum Minden ist in alten Kaufmannshäusern, der sogenannten Museumszeile, in der oberen Altstadt von Minden untergebracht. Zur Gründung des Museums wurde die ehemalige Buchhandlung Körber & Freytag in der Ritterstraße Nr. 23 umgebaut. Durch den Ersten Weltkrieg kam es zu Verzögerungen, so dass das Haus erst am ab dem 22. September 1922 öffentlich zugänglich war. In den Jahren 1953 bis 1959 wurden unter dem Museumsleiter Otto-Kurt Laag die beiden Nachbarhäuser Nr. 25 und 27 hinzugefügt. Damit ist das Mindener Museum in einer Häuserzeile beherbergt, der den Baustil der Weserrenaissance beispielhaft zeigt.

Das Hansehaus ist eines der wenigen erhaltenen niederdeutschen Bürgerhäuser, das, 1547 nach mittelalterlichem Wohnprinzip gebaut, noch heute einen Eindruck des damals in Norddeutschland auch in den Städten üblichen Großraumwohnens vermittelt. Ebenerdiges, fast ungeteiltes Saalhaus mit massivem, ungeteiltem Obergeschoß. Reiner Ziegelbau. Diele (8,80 m breit, 18,20 m lang, 4,50 m hoch) mit spätgotischem Kamin an der Ostwand und zwei 3 m hohen Fenstern an der Straßenfront sowie 6,65 m breitem Fenster an der Rückfront.
1628 wurde an der Westseite des Einraumhauses ein schmaler Renaissanceanbau mit Schleppdach als besonderer Wohnteil mit Erker hinzugefügt. In der reichverzierten Werksteinbrüstung des Erkers und ebenso an dessen Konsolen Kerbschnittbossensteine. Es ist das letzte fast vollständig erhaltene Beispiel für die einst zahlreichen Backsteinbauten mit Staffelgiebeln

Um 1260 wurde das Rathaus als repräsentativer Steinbau mit Laube und Kellergewölbe errichtet. Mit der Lage unmittelbar neben dem Haupteingang zur Domimmunität demonstrierte die Mindener Bürgerschaft ihre Eigenständigkeit gegenüber den geistlichen Stadtherrn. In der Rathauslaube wurde Recht gesprochen. Hier kauften die Fernhändler ihre Waren.
In den folgenden Jahrhunderten veränderten zahlreiche Umbauten den Baukörper. Im 18. Jh. erhielt das Rathaus einen Uhrturm.

alte Regierung Minden - am Weserufer gelegen

alte Regierung Minden - am Weserufer gelegen

Die ersten Schiffmühlen, die urkundlich erwähnt wurden, stammen aus dem Jahr 536 nach Christi Geburt. Die Ostgoten belagerten Rom und kappten die Wasserzufuhr zu den Wassermühlen in der Stadt, um die Römer auszuhungern. Daraufhin ließ ein römischer Feldherr im Tiber Kähne verankern, auf denen Mahlwerke von Landmühlen errichtet wurden. Als Antrieb wurden zwischen den Kähnen Wasserräder in die Strömung des Tiber gehängt.

Vor allem im Mittelalter und in der jüngeren Neuzeit wurden auf allen größeren mitteleuropäischen Flüssen Hunderte Schiffmühlen eingesetzt. Deren Leistung allerdings war stets gering. So schrieb um 1850 ein Mühlenbau-Meister, dass eine solche Schiffmühle „schwerlich etwas Beträchtliches leisten könne“.
Wir haben im vergangenen Jahr eine solche bereits in der Seiermark besichtigt,

die erste urkundliche Erwähnung von Mindener Schiffmühlen geht auf das Jahr 1326 zurück. Damit gehört Minden zu den ältesten Schiffmühlen-Standorten Deutschlands

die erste urkundliche Erwähnung von Mindener Schiffmühlen geht auf das Jahr 1326 zurück. Damit gehört Minden zu den ältesten Schiffmühlen-Standorten Deutschlands

Zurück geht es über die Fußgängebrücke zum Parkplatz. Von der Brücke kann man noch einmal die Schiffsmühle bewundern und in der Ferne das Kaiser-Wilhelm-Denkmal erkennen.

Kaiser-Wilhelm-Denkmal

Kaiser-Wilhelm-Denkmal

© Herbert S., 2022
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Mein 100. Reisebericht auf umdiewelt! 16 historische Städte und acht historische Stätten sind unser Zielgebiet. Ausschlaggebend für unsere Reise war eine umfangreiche Recherche zum Thema Weser-Renaissance, ein Begriff der der Erkenntnis entstammt, dass die Bauten des 16. und 17. Jahrhunderts dieser Region zwar der Renaissance zuzuordnen sind, jedoch einen außerordentlichen Reichtum an ähnlichen Dekorationen aufweisen, die den anderen Regionen abgeht.
Details:
Aufbruch: 04.05.2022
Dauer: 14 Tage
Heimkehr: 17.05.2022
Reiseziele: Deutschland
Der Autor
 
Herbert S. berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Herbert sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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