historisches Weserbergland - Spuren der Zeit

Reisezeit: Mai 2022  |  von Herbert S.

Lemgo: Lemgo II

Die senkrecht zur Mittelstr. verlaufende Breite Str. führt südlich in die Bega-Aue und uns zu einem bedutenden Bau - dem Hexenbürgermeisterhaus - vorbei an einigen hübschen Bürgerhäusern.

Breite Str. 45

Breite Str. 45

Breite Str. 47

Breite Str. 47

Hexenbürgermeisterhaus (heute städtisches Museum, Breite Straße 19
Meisterwerk bürgerlicher Renaissance-Architektur erbaut 1568—1571. Bauherr Hermann Kruwel (zum Bürgermeister gewählt 1579, gest. 1582). Das Haus erhielt seinen Namen nach dem berüchtigten späteren Bürgermeister Cothmann (1667—1683), dessen Familie es seit 1600 gehörte. (dazu mehr im Museum)

Schöpfer der Fassade muß der Lemgoer Baumeister Hermann Wulff gewesen sein. Die gleichen Steinmetzzeichen wie am Schloß Brake, das Wulff 1585—1592 erbaute, kehren an der Fassade wieder. Das übrige Gebäude errichtete wahrscheinlich der Lemgoer Steinhauer Ludolf Crossmann. Die plastische Durchgliederung mit lebhafter Schattenwirkung und die überaus wuchtigen Formen der Fassade stimmen u.a. mit denen der Lemgoer Rathausvorhalle überein. Zudem kehren hier für den Meister Hermann Wulff typische Einzelformen wieder: z. B. die aus Medaillons hervorlugenden Büsten eines Mannes und einer Frau an der linken Auslucht. Die ebenmäßige und doch abwechslungsreiche Fassade wird von einem Staffelgiebel beherrscht, dessen Stufen durch halbkreisförmige und mit einem senkrechten Stück an die Staffel geheftete Volutenbänder (nur unten in Spiralen endend) sowie durch Muschelfüllungen gemildert werden.
Ein von welschen Giebeln bekrönter, von Konsolen getragener Erker (rechts) und eine zweigeschossige Auslucht (links) mit Volutengiebel flankieren unsymmetrisch das Portal. Ihre Brüstungsreliefs zeigen Tugenden und Wappen.

Hexenbürgermeisterhaus - Breite Str. 19

Hexenbürgermeisterhaus - Breite Str. 19

linke Auslucht

linke Auslucht

rechte Auslucht - welsche Giebel

rechte Auslucht - welsche Giebel

Das rundbogig geschlossene Portal, das nicht in der Mittelachse des Hauses steht, wird von starken ionischen Säulen eingefaßt, darüber vollplastisch Adam und Eva mit dem Baum der Erkenntnis

Darstellung des Sündenfalls über dem Dielenportal des Hexenbürgermeisterhauses von 1571

Darstellung des Sündenfalls über dem Dielenportal des Hexenbürgermeisterhauses von 1571

Eine Ädikula mit Dreieckgiebel bildet die Giebelbekrönung. Darunter in einer Nische Christus mit der Weltkugel. Große dreiteilige Fenster und nicht übereinanderstehende (auf Luke) schwere Halbsäulen sowie fünf kräftige Gesimse, die sich jeweils um die Säulenbasen kröpfen und die Horizontale betonen, gliedern die Fassadenfläche.

Museum im Hexenbürgermeisterhaus

Im Jahre 1926 wurde das Heimatmuseum im Hexenbürgermeisterhaus eröffnet. Im Jahre 1937 wurde es erweitert. Dabei wurde eine Folterkammer als Museumsinszenierung eingerichtet, die es in dem privaten Bürgerhaus nie gegeben hatte.
Im Jahre 2007 wurde die neue Dauerausstellung des Museums eröffnet. Die zahlreichen bauhistorischen Befunde zeigen als „Fenster in die Geschichte", wie es zu verschiedenen Jahrhunderten im Haus ausgesehen hat. Wie in nur wenigen Bürgerhäusern sind beim Rundgang durch das Hexenbürgermeisterhaus die Spuren der mehr als 400-jährigen Haus- und Baugeschichte zu entdecken.

Das Sandsteinrelief befand sich seit Anfang des 14. Jahrhunderts an der sog. Feldseite des Regenstors, einem der Lemgoer Stadttore, über der Durchfahrt. Als letztes aller Stadttore wurde das Tor 1876 abgebrochen.

Darstellung des Agnus Dei bezieht sich auf das Johannes-Evangelium (1, Vers 29): »Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.«

Darstellung des Agnus Dei bezieht sich auf das Johannes-Evangelium (1, Vers 29): »Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.«

Die Hexenverfolgung in Lemgo in Nordrhein-Westfalen hat überwiegend zwischen 1509 und 1681 stattgefunden. Lemgo bekam 1617 als einzige lippische Stadt die Blutgerichtsbarkeit vom Landesherrn Simon VII. verliehen und hatte damit das Recht, bei bestimmten Straftaten über Leben und Tod seiner Bürger selbstbestimmt zu entscheiden. Lemgo gehörte innerhalb Deutschlands zu den Städten, in denen Hexenprozesse (siehe Hexenverfolgung) besonders intensiv geführt wurden.
Die rund 200 im Stadtarchiv Lemgo erhaltenen Prozessakten gehören zu den umfangreichsten lokalen Zeugnissen von Hexenprozessen in Deutschland. Aus ihnen geht hervor, dass den Prozessen schätzungsweise 250 Menschen zum Opfer fielen, davon die Hälfte ab 1653. Tatsächlich dürfte die Zahl aber höher sein. Von den der Hexerei Angeklagten, davon etwa 80 % Frauen, wurde unter der Folter ein Geständnis erzwungen, dem nach dem Todesurteil meist die Hinrichtung durch Verbrennen auf dem Scheiterhaufen folgte.
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Unsere Ferienwohnung liegt in der Strasse Rampendal, benannt nach der 1681 im letzten Hexenprzess verurteilten Maria Rampendahl.

Kropscher Kasten:
Schließkasten aus dem Prozess gegen den Raubmörder Johann Christoph Krop
Holz und Eisen, 1773
Am 30. Mai 1773, dem Pfingstmorgen, wurde der Lemgoer Obrigkeit ein dreifacher Mord berichtet. Der Bäcker und Brauer Johan Lorenz Koch, seine Ehefrau Marie Elisabeth Stockmeiers sowie die Dienstmagd Catharina Ilsabein Temmen waren beraubt und ermordet worden. Die Tat hatte sich in der heutigen Breiten Straße 54 ereignet.
Verdächtigt wurde der vagabundierende Leineweber Johann Christoph Krop. Er wurde in Herford verhaftet und nach Lemgo gebracht. Dort hatte man einen besonders gesicherten Gefängnisraum im Ball- oder „Tanzhaus" am Marktplatz hergerichtet.
Krop leugnete während der ersten Verhöre jegliche Beteiligung an der Tat. Um ein Geständnis zu erreichen, hatte man sich in Lemgo an das Beispiel des Verfahrens gegen eine Diebesbande im pommerschen Stargard erinnert. Dort hatten die verdächtigten Personen ein Geständnis abgelegt, nachdem man sie in einen Schließkasten eingesperrt hatte. Die Einschließung diente zugleich als Folterersatz.
In Lemgo war bekannt, dass sich im Zuchthaus in Detmold ein ähnlicher Schließkasten befand. Ihn ließ man nachbauen. Der Kasten konnte mit einem Deckel verschlossen werden. Die Arme des Delinquenten wurden durch zwei seitliche Öflhungen so nach außen geführt, dass sie an der Außenkante des Kastens angeschlossen werden konnten. Die Füße waren mit eisernen Bügeln im Kasten angekettet
So lag der Delinquent „fest eingeklemmt und angespannt" (Justus Gruner) in dem Kasten. Die erhoffte Wirkung stellte sich ein: Nachdem Krop zum zweiten Mal einige Stunden in dem Kasten gelegen hatte, gestand er seine Beteiligung an dem Raubmord.
Die Juristenfakultät der Universität Rinteln wurde um die gutachtliche Abfassung eines abschließend»» Urteilspruches gebeten. Krop wurde zum Tod verurteilt. Er sollte mit glühenden Zangen dreimal gerissen und mit dem Rad hingerichtet werden. Die Urteilsverkündung und die anschließende Hinrichtung fanden im Beisein von „einigen Tausend Zuschauern" am 21. März 1774 statt
Es handelte sich dabei um die letzte Hinrichtung in Lemgo.

Kropscher Kasten

Kropscher Kasten

Breite Straße 10
Der mit seiner Traufe an der Straße stehende Steinbau trägt noch heute den Namen Alte Abtei. Errichtet wurde er allerdings als Wohnhaus des lippischen Kanzlers Heinrich Kerkmann um 1585. Im Jahr 1768 erwarb Graf Ludwig zur Lippe, Bruder des regierenden Grafen Simon August, das Gebäude und ließ es für seine Gemahlin Anna von Hessen-Philippstal repräsentativ umbauen (Wappen über dem Türsturz). Erhalten blieben davon lediglich in zwei Räumen Rokkoko-Stuckaturen. Gleichzeitig legte er hinter dem „Annenhof" einen großen Park an. 1797 bestimmte Graf Ludwig den Annenhof zur Residenz der Äbtissinnen des Damenstiftes St. Marie:

Alte Abtei - Breite Str.

Alte Abtei - Breite Str.

Damit ist der Renaisance-Rundgang von Lemgo abgeschlossen und uns bleibt noch ein Haus, das etwas außerhalb liegt und wir unbedingt sehen wollen: Das Junkerhaus. Daher laufen wir über den äusseren Wall bis zum Kreisverkehr am Kanzlerbrunnen.

ehemaliges Postamt

ehemaliges Postamt

Das Junkerhaus ist eine Schöpfung des Künstlers Karl Junker (1850-1912). Es handelt sich um einen zweigeschossigen Fachwerkbau mit Backsteinsockel und quadratischem Grundriss. Sein ungewöhnliches Aussehen erhält das Haus durch die reich geschnitzte Bauornamentik.

Junkerhaus

Junkerhaus

Wie im Bereich der Fassade so dominiert das Holz auch in der Einrichtung der Räume. Alle Wände und Decken, mit Ausnahme der bemalten Herd- und Ofenrückwände, sind mit Holz verkleidet. Verschiedene Räume und das Treppenhaus weisen darüber hinaus Wand- und Deckengemälde auf.

Eine eigene Qualität besitzen die von Karl Junker entworfenen und gebauten Möbel. Zusammen mit den Wand- und Deckenverkleidungen bilden sie eine Einheit. Das Junkerhaus ist als Gesamtkunstwerk ein einzigartiges Baudenkmal und Ausdruck enormer künstlerischer Konsequenz.

Gemälde und Plastiken

In der Stadt zurück haben wir uns unser Abendessen im Stadtpalais - Papenstr. 24 - redlich verdient.
Herausragend in seiner Erscheinung ist der Adelshof des Franz von Kerssenbrock. Das Haus wurde um 1565 unter Verwendung von Teilen des Vorgängerbaues, den der Bauher von seinem Vater geerbt hatte, als giebelständiges Steinhaus errichtet. Franz von Kerssenbrock, als Söldnerführer zu Wohlstand gelangt, war seit 1567 mit Anna von Canstein verheiratet. Er starb bereits 1576. Auf seinem steinernen Epitaph in der Nicolaikirche ist er in Ritterrüstung kniend dargestellt. 1659 gelangte der Hof in den Besitz des gräflich-lippischen Rat und Drosten zu Schwalenberg Jakob
Henrich von Zütterich. Er ließ die zwei Portale anlegen oder umgestalten und das Untergeschoss des Erkers anbauen. 1970 erwarb der Kunsthändler Rosteck den Bau und baute ihn zum Hotel und Restaurant „Stadtpalais" um. Dafür ließ er mehrere Architekturteile des abgebrochenen niedersächsischen Renaissanceschlosses Eimbeckhausen (an der Hofseite des Haupthauses ein Portal und die Auslucht sowie Türen im Inneren) einbauen. Der Brunnen wurde an originaler Stelle neu aufgemauert.

Papenstr. 24 - Stadtpalais

Papenstr. 24 - Stadtpalais

© Herbert S., 2022
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Die Reise
 
Worum geht's?:
16 historische Städte und acht historische Stätten sind unser Zielgebiet. Ausschlaggebend für usnere Reise war eine umfangreiche Recherche zum Thema Weser-Renaissance, ein Begriff der der Erkenntnis entstammt, dass die Bauten des 16. und 17. Jahrhunderts dieser Region zwar der Renaissance zuzuordnen sind, jedoch einen außerordentlichen Reichtum an ähnlichen Dekorationen aufweisen, die den anderen Regionen abgeht.
Details:
Aufbruch: 04.05.2022
Dauer: 14 Tage
Heimkehr: 17.05.2022
Reiseziele: Deutschland
Der Autor
 
Herbert S. berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Herbert sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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