Ein Sprung ins kalte Wasser

Reisezeit: August 2006 - März 2007  |  von Claudia Reinhardt

Donde fueras, haz lo que vieras.

Ein Spanisches Sprichwort: Wo Du hingehst, mach das, was Du siehst.
Also dachte ich mir, wenn ich ein halbes Jahr hier leben moechte, sollte ich keine ignorante Einstellung an den Tag legen und mich mit den Traditionen des Landes auseinandersetzen. Im Klartext heisst das: Corrida de toros - Stierkampf!
Auch auf die Gefahr hin, dass sich einige meiner Leser mit schwachem Gemuet oder Tierliebhaber von diesem Kapitel fruehzeitig verabschieden, liefere ich Euch trotzdem saemtliche blutigen Details.
Die erste Stierkampfarena wurde 1749 gebaut und Sevillas Arena zaehlt zu einer der aeltesten. Es treten 3 Matadore (matar=toeten) und 6 Stiere auf. Es gibt feste Regeln im Ablauf, der ca. 20 Minuten dauert. Ein Kampf besteht aus drei Teilen, die durch Signale (ich glaube es waren Posaunen - wie biblisch) voneinander getrennt werden.
Im ersten Teil tritt der Matador mit seinen Helfern auf, die mit magenta- und gelbfarbenen Tuechern ausgeruestet sind. Ihre aufgabe liegt darin, den Stier zu reizen und zu ermueden. Hier wird bereits das absurde Verhalten des ganzen Spektakels deutlich. Der Stier ist naemlich, entgegen meinen Erwartungen, gar nicht daran interessiert, die Maenner anzugreifen. Scheint ein recht friedliches Tier zu sein. So erklaert sich auch, dass der Torero nur wenige Zentimeter vor dem Stier stehen kann, ohne, dass dieser sich regt. Erst das Rumfuchteln mit den Tuechern laesst den Stier agressiv werden und er beginnt auf das Tuch loszustuermen.

Der Torero vor der Pforte des Stieres in (freudiger) Erwartung.

Der Torero vor der Pforte des Stieres in (freudiger) Erwartung.

Und dann kommt das Riesenvieh auf einen zu.

Und dann kommt das Riesenvieh auf einen zu.

Nach kurzer Ermuedungsphase kommen die Picadores, 2 Maenner auf Pferden, die mit Lanzen bewaffnet sind. Ab jetzt wird es ungerecht. Sobald der Stier diese Reiter angreift, rammen sie dem armen Tier mehrfach ihre Lanzen in die Seite. Die Pferde sind zwar rundherum gepolstert, aber mir kann keiner erzaehlen, dass die unverletzt aus einem Zusammenstoss mit Stier aus vollem Lauf aus der Arena herausgehen. Fragt sich jetzt bestimmt jemand. warum das Pferd einfach da steht und den Stier in sich reinrennen laesst. An diesem Punkt kommt eine der groessten Manipulationen des Ganzen zum Ausdruck. Erstmal werden den Pferden die Augen verbunden; die haben ja schliesslich nen natuerlichen Fluchtreflex. Das arme Tier sieht also noch nicht mal, was da passiert. Wie fies ist das bitte? Und jetzt kommt echt die Kroenung. Gehirnwaesche total! Sobald der Stier das Pferd einmal gerammt hat, bin ich davon ausgegangen, dass dieses sich aus dem Staub macht. Nein! Es bleibt stehen und laesst die Prozedur noch oefters ueber sich ergehen. Die Trainer muessen denen doch voellig den Willen geraubt haben. Wahrscheinlich sind die auch noch auf Beruhigungsmitteln. Und da erzaehl mir nochmal einer, es handele sich hierbei um einen fairen Kampf zwischen Mensch und Tier. Nix da!

Immer schoen reinpiecken.

Immer schoen reinpiecken.

Jetzt folgt der zweite Teil. Die Banderillos treten auf. Sie haben lange, mit Baendern geschmueckte Spiesse in der Hand, die sie dem Stier in den Ruecken schleudern. Ziel ist, das diese am Muskel zwischen den Schulterblaettern haengen bleiben, um diese Stelle fuer den finalen Stoss des Matadors mit einem Schwert zu markieren.
Im dritten Teil tritt dann der Matador mit dem dunkelroten Tuch (muleta) und dem Schwert oder Degen bewaffnet auf. Dabei handelt es sich um den allen bekannten Tanz des Toreros mit dem Stier. Der zweite der 3 Toreros hat dabei auch einige Kunststuecke zum besten gegeben. Dazu wir Paso Doble gespielt.

Die Kunstgriffe des Matadors.

Die Kunstgriffe des Matadors.

Der Matador beendet seinen Tanz mit dem Stoss zwischen die Schulterblaetter des Stieres, wobei sich ein guter Matador darauf versteht, das Schwer ganz hinein zu stossen. Der erste war so schlecht, dass er zwei Versuche gebraucht hat und das Schwert nur halb im Stier steckte.

Matador setzt zum Stoss an. Der arme Stier will gar nicht weglaufen oder angreifen und laesst alles ganz brav ueber sich ergehen.

Matador setzt zum Stoss an. Der arme Stier will gar nicht weglaufen oder angreifen und laesst alles ganz brav ueber sich ergehen.

Was fuer eine unnoetige Quaelerei fuer den Stier, der von den Speeren schon blutueberstroemt war.

Was fuer eine unnoetige Quaelerei fuer den Stier, der von den Speeren schon blutueberstroemt war.

Wer der Meinung ist, bei dem Stoss des Matadors handele es sich um den Todesstoss, hat wieder mal falsch getippt. Jetzt kommen die Helfer hinzu, die den Stier an die Bande draengen. Durch seine Verwundung ist er so verletzt, dass er den Kopf senkt. Mittels eines Dolchstosses ins Genick, von einem der fleissigen Helferlein ausgefuehrt, stirbt er deann schlussendlich. Aber selbst das bringen die nicht immer beim ersten Mal zustande. So wurde auf einen Stier dreimal eingehackt.
Es ist auch schon mal vorgekommen, dass das Publikum die Begnadigung eines Stieres gefordert hat, der nach 24 Schwertstoessen immer noch am Leben war.

Die letzte Runde durch die Arena.

Die letzte Runde durch die Arena.

Der Stier wird von Pferden herausgeschleifft, der Matador befubelt und das wars dann.
Nach vier von sechs Kaempfen war ich wuetend genug, um mir die letzten beiden Kaempfe nicht mehr anzuschauen. Kampf ist im uebrigen auch nicht wirklich die richtige Bezeichnung fuer diese einseitige Volksbelustigung.
Meine Meinung zum Stierkampf hat sich also nicht geaendert, aber jetzt kann ich wenigstens mitreden. Ein Ereignis, bei dem ich voller Ueberzeugung sagen kann: Ein Mal und nie wieder.
Sprichwort hin oder her, man muss vielleicht doch nicht immer machen, was Traditionen und Brauchtum entspricht.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
7 Monate Erasmus und WG-Leben unter der Sonne Spaniens. Olé!
Details:
Aufbruch: August 2006
Dauer: 7 Monate
Heimkehr: 03.03.2007
Reiseziele: Spanien
Der Autor
 
Claudia Reinhardt berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
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