Wann kannst du kommen?

Reisezeit: Juli / August 2019  |  von Beatrice Feldbauer

Im Bus nach Independencia

Was kommt dabei raus, wenn man am Sonntag-Mittag Radio hört und grad mit Reisefieber und Neugier überschüttet wird.

Es ist schon einige Zeit her, dass ich das Interview von Renate und Bruno im Radio SRF hörte. Die fünfte Schweiz lässt Schweizer zu Wort kommen, die irgendwo im Ausland leben. Dieses Irgendwo ist im Falle von Renate und Bruno schwierig zu fassen, denn seit bald 20 Jahren sind sie mit ihre Hündin Lola im grossen Camper-Lastwagen auf den Strassen dieser Welt zu Hause.

Seit gut einem Jahr leben sie jetzt allerdings in Independencia, in Paraguay, was mich darauf brachte, sie anzuschreiben und nachzufragen, ob ich sie besuchen dürfte.

Die Antwort kam umgehend. Mit einer Flasche Williams im Gepäck darf ich aufkreuzen. Bin schon sehr gespannt, es ist an sich nicht meine Art, mich irgendwo einfach so anzumelden aber die Einladung war herzlich.

Bis vor Kurzem wusste ich noch gar nichts über diesen Ort: Independencia, Unabhängigkeit. Aber jetzt bin ich auf dem Weg dahin, bin gestartet.

Doch zuvor war noch der Abschied von Stella und Patricio. Ich war 10 Tage auf der Ranch. Viel länger als geplant, aber die Tage sind nur so durchgerast. Es war wie immer bei Stella: viel reden, viel erzählen, viel lachen, rumalbern und immer wieder staunen. Über alles, was sie in den letzten 12 Jahren geschaffen hat. Was sie erreicht hat, wie sie sich als Frau in diesem Macholand durchgesetzt hat.

Ab jetzt ist sie nicht mehr ganz allein, ab jetzt hat sie eine starke Schulter an ihrer Seite, ein Partner, der hinter ihr steht. Ich wünsche den beiden alles Glück und Liebe für ihre Zukunft und freue mich, wenn wir uns Ende Jahr in Österreich wieder sehen.
Hier noch einmal die HP von Stella. Vielleicht möchte jemand als Au-Pair ein paar Monate bei ihr leben oder sich eine Woche oder länger bei ihr wohnen und das Land erkunden. Ihre Bungalows sind ausgerüstet mit Schlaf- und Badezimmer, mit Küche und Wohnzimmer.

Link zur Cabana-Austria

da wartet noch ein Stück Arbeit auf die Hunde

da wartet noch ein Stück Arbeit auf die Hunde

Rosa und Isidro beim gemütlichen Terere

Rosa und Isidro beim gemütlichen Terere

Nachdem wir gestern sehr spät nach Hause gekommen geniessen, geniessen wir heute noch einmal ein grosses Frühstück zusammen. Ich mache einen letzten Rundgang durch den Garten, sammle die wenigen Blumen fotografisch ein und mache einen Besuch bei Rosa und Isidro. Sie wohnen in einem Bungalow in der Nähe der Tiere. Auf dem Weg stolpere ich fast über die Reste des Kuhkopfes. Wie lange das schon wieder her ist.

Und dann bringen mich Stella und Patricio zur Busstation in Caacupe. Der Bus sollte in einer halben Stunde fahren, also verabschiede ich die beiden und bin ab jetzt wieder auf mich selbst angewiesen.

Immer wieder fahren Busse vor, halten kurz an, lassen Leute aussteigen, einsteigen. Die meisten Busse haben dunkel gefärbte Fenster, oder die Vorhänge sind zugezogen. Einmal kommt einer, der ist komplett voll, die Leute stehen im Gang. Glück gehabt, er fährt in eine andere Richtung. Dann kommt ein grosser moderner Reisecar, zweistöckig, dunkle Fenster, Gratis Wifi steht auf der Türe. In der Türe stehen zwei Ayudanten, die das Gepäck entgegen nehmen würden, wenn es der richtige Bus wäre. Ist es aber nicht. Schade, ich warte weiter.

Am Lichtsignal steht ein Jongleur. Er wirft Messer in die Luft, fängt sie mit Händen und Füssen wieder auf oder stellt sie sich ins Gesicht. Kurz bevor die Ampel auf grün schaltet, holt er sich seinen Obolus von den wartenden Autos. Sein kleiner Sohn hilft ihm, indem er ein Plakat hält, auf dem um eine Spende gebeten wird und am Strassenrand steht seine Partnerin.

Auf dem kalten Gehsteig hocken zwei kleine Jungen und spielen mit dem Handy Es ist kalt heute und ich bin froh um den Pullover, den mir Stella ausgeliehen hat. Bis Ende Jahr, wenn wir uns voraussichtlich in Österreich wieder sehen.

auf der Foto schlecht sichtbar, der Messerwerfer bei der Ampel.

auf der Foto schlecht sichtbar, der Messerwerfer bei der Ampel.

Der wär bestimmt bequem gewesen - mit Gratis-Wifi - war aber leider nicht meiner

Der wär bestimmt bequem gewesen - mit Gratis-Wifi - war aber leider nicht meiner

ein lokaler Bus, auch nicht meiner

ein lokaler Bus, auch nicht meiner

Und dann endlich, mein Bus. Der Ayudante verstaut mein Gepäck im Kofferraum, öffnet mir die Türe zum Passagierraum. Ich ringe um Atem. Da stehen sie. Die Passagiere.Der Bus ist absolut voll, wo soll ich da noch stehen? Hinter mir wird die Türe geschlossen, Chauffeur und Ayudante sind vorn, der Rest kümmert sie nicht.

Auf meinem Rücken der Rucksack braucht ebenfalls seinen Platz, aber im Moment sehe ich keine Möglichkeit, ihn abzunehmen, wüsste auch nicht, wo ihn ihn deponieren sollte. Auf dem Kopf? Der Bus fährt los. Die Fenster sind mit schwarzen Vorhängen verschlossen, dahinter abgedunkelte Scheiben. Neben mit auf dem Sitz schläft eine junge Frau, hält ihr Baby im Arm. Auch die Frau daneben schlummert. Überhaupt scheint jeder zu schlafen, der einen Sitz ergattert hat. Die anderen stehen. Der Bus fährt.

Irgendwann wird eine Tasche über die Köpfe der Leute nach vorne gebracht. Dahinter folgt eine Frau. Wie um Himmels Willen will die zum Ausgang kommen? Sie kommt. Schritt für Schritt kommt sie näher, zwängt sich an den Leuten vorbei, keiner weicht auch nur einen Zentimeter aus, Niemand kann sich wirklich vom Platz entfernen, trotzdem schafft es die Frau, bis zur Tür. Und bleibt ausgesprochen höflich. "Muy amable", sagt sie, als sie bei mir vorbei kommt. "Sehr lieb". Immer wieder staune ich über die Freundlichkeit und stoische Ruhe der Leute.

Beim nächsten Halt steigt sie aus. Dafür steigt jetzt eine andere Frau ein, im Arm trägt sie einen grossen Korb, bedeckt mit einem helles Tuch . Sie drängt sich durch, scheint nach hinten zu wollen. Bleib doch hier, möchte ich ihr sagen, aber sie drängt sich an mir vorbei. Körper an Körper, an den Sitz der jungen Frau gedrückt, fast falle ich über sie her, reiben wir uns aneinander vorbei. Und dann streckt ihr jemand einen Geldschein entgegen. Jetzt verstehe ich, sie verkauft Chipas, kleine Gebäckstücke und sie will sich jetzt unbedingt bis ganz hinten durch den Bus kämpfen. Mitsamt ihrer Kollegin, die ihr folgt und aus ihrem Krug ein süsses Getränk verkauft.

Über meinem Kopf läuft eine Leuchtschrift. In roten und grünen Lettern werden Informationen angezeigt: Dios de bendiga / 90 km/h / buen viaje / 28.07.19 /
Geschwindigkeit, Datum, gute Wünsche für die Reise- und dass uns Gott beschütze. Scheint mir angebracht zu sein Noch immer kann ich nicht nach draussen sehen, aber wir sind ziemlich schnell unterwegs. Auch zur Fahrerkabine ist der Blick versperrt. Irgendwann kann ich meinen Rucksack im Gepäckfach verstauen und nach einer guten Stunde lichtet sich der Bus, es steigen mehr Leute aus, als einsteigen. Jetzt kann ich mich sogar setzen. Auf dem vordersten Sitz, mit Blick zum Chauffeur, wenn die Kabinentüre bei den Halten geöffnet wird.

wichtiger als für mich der Rucksack: Terere-Wasserkurg mit Becher.

wichtiger als für mich der Rucksack: Terere-Wasserkurg mit Becher.

Kurze Pause...

Kurze Pause...

... es geht gleich weiter

... es geht gleich weiter

Ich habe keine Ahnung wo ich bin, wann ich ankommen werde, ich verlasse mich da komplett auf den Ayudante. Er wird mich informieren, wenn wir in Independencia ankommen. Beim Almacen 50, dem Laden 50.

Irgendwann sind wir da. Vor einem Laden. Nichts deutet auf eine Busstation hin. Es ist ein Gemischwarenladen, in dem man einfach alles kaufen kann, was man zum Leben braucht.

Ich setze eine WhatsApp-Nachricht an Renate auf: bin angekommen, beim Almacen 50 und prompt kommt die Antwort: bin in 8 Minuten dort.

Tatsächlich hält schon bald ein Pickup vor mir. Renate hat mich gleich erkannt, wer steht schon mit Koffer und Rucksack vor dem Laden und guckt auf alle Seiten, was da wohl kommen mag.

Die Begrüssung ist herzlich, fast bin ich nicht mehr gewohnt, Schweizerdeutsch zu sprechen, aber dann sind wir schon mitten im Gespräch. Wir fahren ein kurzes Stück auf der Hauptstrasse, und biegen dann auf eine Naturstrasse ein. Natürlich bin ich neugierig. Auf die Weltenbummler, die sich nach all dem Unterwegs sein, hier niedergelassen haben. Warum Paraguay, warum hier?

"Wegen den Bergen, ich könnte nicht ohne Berge sein". Ich bin etwas begriffsstutzig. Berge? ich sehe bestenfalls Hügel. Aber Renate berichtigt mich, die Erhebungen sind bis zu 800 m hoch.

Bald erreichen wir ihr Grundstück. Abgetrennt mit einem automatischen Tor, ein einstöckiges Gebäude, daneben ein Bungalow. Und auf der Weide zwei Pferde. "Eines gehört mit, das andere ist zur Pflege da." Und ein weiter Blick hinaus in die Landschaft. Weit hinten Hügel.

"Das ist dein Bungalow" zeigt mir Renate mein Reich und jetzt komme ich aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Ein Zimmer mit Bad, wie ich es unterwegs noch nie gesehen habe. Die grosse Glas-Schiebetüre schliesst ohne Ritzen, eine dicke weiche Bettdecke - Renate nennt sie Deckbett, ein grosses Badezimmer und alles kuschelig warm.

Später gehe ich hinüber ins Wohnhaus wo mich Bruno im grossen Küchen-Wohnraum begrüsst. Das Haus könnte genau so gut in der Schweiz stehen. Im Jura zum Beispiel, dort könnte sich Renate auch vorstellen, zu leben. Doch das ist gar nicht nötig. Der Komfort ist hier genau so gross. Ausserdem gibt es nur wenige Nachbarn, grosse Weiten, warmes - im Sommer monatelang heisses Wetter, einen Pool vor dem Haus und Pferde, die über den Rasen spazieren.

Nur im Moment ist es kalt. Sehr kalt sogar. Es gab ein paar Frostnächte und verschiedene Pflanzen haben diese nicht überstanden. So sind alle Bananenstauden erfroren. Auch Palmen und andere Pflanzen haben sehr gelitten. Das ist sehr ungewöhnlich für Paraguay. Kalt wird es hier schon im Winter, aber dieses Jahr scheint extremer zu sein. Vor allem Frost ist man hier nicht gewohnt.

Es wird ein unterhaltsamer Abend, Zugegeben, ich löchere mit Fragen, denn mich fasziniert es, wenn Menschen ein ungewöhnliches Leben führen. Ob ich das auch so möchte, frage ich mich dann. Ja und nein. Einige Aspekte würde ich sehr gern übernehmen, bei anderen Dingen bin ich komplett anders. Und genau das ist doch immer wieder spannend. Renate scheint in der Gegend fast schon zur Tierärztin zu mutieren. Immer wenn die einheimischen Nachbarn Probleme mit den Tieren haben, wird sie um Hilfe gebeten. Zum Beispiel als Hebamme bei einer Geburt eines Fohlens oder bei Verletzugen der Pferde. Und Bruno scheint sich als Bestatter zu eignen. Jedenfalls seit er sein neues Spielzeug, einen Bagger hat. Damit lassen sich auch grössere Tiere wie ein Bulle begraben. Langweilig scheint es ihnen nicht zu werden.

Ich habe das späte Mittagessen verpasst, zu dem die beiden eine Freundin eingeladen hatten. Es gab Käsefondue. Schade um die Begegnung, aber das Fondue ist für mich vielleicht doch nicht ein so grosses Versäumnis. Habe ich ja erst vor zwei Wochen die Schweiz verlassen Dafür habe ich eine kleine Schweizer Fahne mitgebracht, und ein paar Lampions. So können die beiden einen stimmungsvollen Schweizer Nationalfeiertag begehen, ist ja schon bald der 1. August.

Als Ersatz für das entgangene Fondue bekomme ich ein Entrecote mit Pasta. Renate scheint Kochen zu lieben - und ich lasse mich sehr gern verwöhnen.

Renate und Bruno sind nicht nur weitgereiste Globetrotter, sie halten ihre Erlebnisse auch schriftlich fest. Und sie sind beide sehr gute Fotografen. Bruno ist seit einiger Zeit auch Drohnenpilot und wir sehen uns seine schönsten Videos an. Von Puerto Madryn, von den Walen, die da immer im Sommer ihre Babys gebähren. Sie waren schon öfters in der Gegend, stellen ihren Lastwagen am Ufer hin und beobachten die Wale im Wasser und die Seeelefanten am Strand. Ich war vor elf Jahren auch dort, aber ich hatte die Ankunft der ersten Wale um wenige Tage verpasst. Dafür geniesse ich die Aufnahmen von Bruno jetzt umso mehr.

Und die Fahrt über die Anden von Peru. Auf schmalen Bergstrassen lässt jedem die Haare aufstellen. Darf gar nicht daran denken, an diesen steilen Hängen mit dem grossen Wagen selber unterwegs zu sein. Wer schöne Naturbeobachtungen und Reiseberichte, vorwiegend aus Südamerika mag, sollte unbedingt einen Blick auf ihre Homepage werfen. Es lohnt sich, darin zu stöbern.

Hier gehts zur Homepage vom Pepamobil

Das Pepamobil steht unter dem Vordach und die beiden sind immer wieder damit unterwegs. Pepa war übrigens der Name ihres ersten Hundes. Jetzt begleitet sie Lola, ein ehemaliger Strassenhund aus Mexiko.

Hier gehts zur SRF-Sendung 'Die fünfte Schweiz'
Diese Sendung hat mich zu diesem Besuch gebracht.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Eine unerwartete Einladung ist der Start zu einer ungeplanten Reise.
Details:
Aufbruch: 15.07.2019
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 12.08.2019
Reiseziele: Paraguay
Brasilien
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
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