Wann kannst du kommen?

Reisezeit: Juli / August 2019  |  von Beatrice Feldbauer

City-Tour Brasilia

Brasilia

Eine Vision, auf dem Reissbrett entworfen, in kürzester Zeit realisiert, sollte Brasilia die ideale Stadt der Zukunft werden. In der Zeit, in der normalerweise einzelne grosse Gebäude geplant und erbaut werden, wurde hier eine ganze Stadt in den Dschungel gebaut. Ein Husarenstück, das nur von Phantasten und einem kommunistischen Präsidenten erschaffen werden konnte. 1956 kam Juscelino Kubitschek an die Macht, 1960 war die Stadt nahezu fertig und wurde eingeweiht.

Und trotzdem, es ist eine faszinierende Idee und es sind grandiose Gebäude entstanden. Nur schon die Form der Stadt. Zwei sich kreuzende Achsen, einem Kreuz gleich, das in einer spontanen Idee zu einem Flugzeug geformt wurde mit abgewinkelten Flügeln.

Das Flugzeug ergibt eine einfache Orientierung. Im Cockpit die Macht, im Rumpf Verwaltung mit grossen Blöcken für die verschiedenen Ministerien. In den Flügeln die Wohnbezirke. Die ganze Stadt wurde der damaligen grenzenlosen Entwicklung der Autos unterworfen. Dem Glauben an eine immer wichtigere individuelle Mobilität. 4-8 spurige Strassen führen über die Hauptachsen, Staus habe ich keine gesehen. War aber auch nur am Wochenende hier. Mir schien die Stadt ruhig.

"Die Stadt wurde für 500'000 Einwohner geplant, heute nähern wir uns fast der 4 Millionen-Grenze", erklärt unsere Stadtführerin. Sie spricht portugiesisch und spanisch. Viele Menschen leben in den Agglomerationen der Stadt. In Hütten, die in krassem Gegensatz zu den fantastischen Gebäuden der Stadt stehen. Armensiedlungen, die man den Touristen nicht zeigt. Und die ich auch nicht besuchen möchte, denn mir fehlt die Sprache.

Ist es ein Zufall, dass die Stadtführung mit dem neuen Fussballstadion beginnt? Erbaut 2014 für die damalige Weltmeisterschaft fasst es gut 70'000 Zuschauer. Schade, dass die Zeit nicht reicht für einen Besuch im Stadion selber. Ein kurzer Fotostopp muss genügen: "Fünf Minuten für die Fotos".

Der zweite Halt ist beim JK Monument. Der Gründer der Stadt, Juscelino Kubitschek war von 1956 bis 1961 Prösident Brasiliens.

Er wollte eine neue Hauptstadt die frei von der kolonialen Geschichte der Portugiesen sei, eine unbelastete Hauptstadt, die allen Bewohnern gerecht werde.
Ausserdem wollte er dem Hinterland und seinen Bewohnern entgegenkommen. Brasilien findet an der Küste statt. Hier sind die grossen Städte, die Wirtschaftszentren. Im Landesinnern befinden sich die grossen Regenwälder, der Amazonas mit seinen vielen Zuflüssen und Nebenflüssen.

Heute hat die Stadt zwar riesige Grünflächen, die unter der gleissenden Sonne aber braun werden. Es gibt kaum Schatten. Auch die kümmerlichen Bäume können das Gesamtbild nicht verbessern. Einzig an den Zufahrts-Achsen habe ich ein paar grosse imposante Bäume gesehen.

Beim Monument erkenne ich schnell, dass Brasilia für Weitwinkelkameras gebaut wurde, all die offiziellen Gebäude sind flach und lang. Einzig die Hotels sind hoch hinauf gebaut. Sie liegen links und rechts vom Rumpf, am Anfang der Flügel und bilden einen imposante Skyline. So wie man sie sich bei einer so grossen Stadt vorstellt.

Hoch oben geniesst Kubitschek den Ausblick über seine Stadt, in der er allerdings zu Lebzeiten nicht lange wohnte. Schon ein Jahr nach der Einweihung wurde er abgewählt und lebte bis zu seinem Tod im Exil. War wohl einfach zu gross, dieser Mann in seinem Wahn. Vor dem Monument sitzt er jetzt aus Bronze zusammen mit seiner Frau auf einer der wenigen Sitzbänke. Die gibt es tatsächlich kaum. Mir fallen die grossen Parkplätze vor allen Gebäuden auf, sie sind heute fast leer. Unser Touri-Bus kann überall problemlos anhalten.

Vor dem Monument liegen Pelotas, Bälle in der Wiese. Kunst. Und über die breite Strasse käme man zum Museum der Indigenen, der Einheimischen. Das manifestiert sich schon an der Bemalung des Hauses.

Einsamer Soldat vor dem Quartel General de Exercito

Einsamer Soldat vor dem Quartel General de Exercito

Unser nächster Halt ist beim Militär-Hauptquartier, das von einem einsamen Soldaten bewacht. wird. Er geht aber gleich zur Seite, um den Touristen freien Platz zum Fotografieren zu geben.

Das Dach scheint einem riesigen Pflanzenblatt nachempfunden zu sein. Es ist bewusst so konstruiert, dass es Geräusche verstärkt, denn der Architekt Oscar Niemeyer, der der Stadt seinen Stempel aussetzte und für die meisten Gebäude verantwortlich ist, spielte mit der ganzen Palette des Bauens. Vielleicht sollten mit der Halle auch die Militärparaden gewaltiger klingen. Jedenfalls erzeugt ein einfaches in die Hände klatschen einen eindrücklichen Klang. "Concha acustica" wird sie genannt, akustische Muschel.

Das Theater, neben dem Militär Hauptsitz ist einem Militärzelt nachempfunden.

soll einem Militärzelt nachempfunden sein, das Teatro Pedro Calmon

soll einem Militärzelt nachempfunden sein, das Teatro Pedro Calmon

Gemäss Plan kommen wir jetzt zu einer Kirche. Ein riesiger Block ist es, Schmale Säulen die in gotischen Spitzbogen enden. Dazwischen Glasfenster. Von aussen sehr unspektakulär, aber innen eine Offenbarung: Die Kirche Don Bosco.

Innen eröffnet sich ein riesiger Raum, der in blaues Licht getaucht ist. Wenig Schmuck, ein Altar mit einem grossen Kreuz, eine weisse Statue von Dos Bosco, einfache Kirchenbänke.

Man wird automatisch ganz andächtig.

Die Glasfenster, die aus 12 verschiedenen Blautönen zusammengesetzt sind, sollen den Himmel mit den Sternen symbolisieren. Der riesigie Lüster in der Mitte der Kirche enthält 7400 Teile aus Muranoglas.

Don Bosco war nie in Brasilien, ist aber der Schutzheilige der Stadt Brasilia.

Der Lüster aus Murano-Glas

Der Lüster aus Murano-Glas

Beim nächsten Halt stehen wir vor der Kathedrale von Brasilia, der runden Kirche mit der Krone. Die Kirche, die für mich das Symbol der Stadt ist. Daneben steht ein Glockenturm mit vier Glocken und davor stehen die vier Evangelisten in Bronze.

Hinein tritt man durch einen kurzen Tunnel, die Kirche ist in die Erde gebaut, das Dach wie ein Zelt über dem runden Innenraum.

Hier ist es nicht ein Lüster oder eine Lampe, die aufgehängt ist, hier sind es zwei schwere steinerne Engel, die im Innenraum zu schweben scheinen. Auch hier ist wieder blau die vorherrschende Farbe.

Wieder ist in diese Raum eine kleine akustische Spielerei eingebaut. Wenn man bei der Wand etwas flüstert, kann man es bei der nächsten Türe, da wo die Rundung der Wand unterbrochen wird, auffangen, wenn man sein Ohr ganz nahe an die geschwungene Mauer hält.

Ich spreche die Reiseleiterin auf den Bettler an, der beim Eingang auf dem Boden sitzt. Auch an einem anderen Ort habe ich einen Mann gesehen, der gebettelt hat und ich habe bemerkt, dass sie ihm diskret etwas zugesteckt hat.

Ja, meint sie, es ist schwierig, die Schere weitet sich. Wir stehen vor grossen Problemen in diesem Land. Viele Menschen haben grosse Bedenken, wie es hier in Zukunft weitergeht. Mehr möchte sie wohl nicht sagen, ausserdem geht unsere City-Tour weiter.

Im Rumpf des Brasilia-Jets befinden sich die verschiedenen Ministerien. Für jedes ein 10 stöckiger Block

Im Rumpf des Brasilia-Jets befinden sich die verschiedenen Ministerien. Für jedes ein 10 stöckiger Block

Kongresspalast

Kongresspalast

Als nächstes kommen wir zum Cockpit des Flugzeuges Brasilia, dem riesigen Platz der drei Gewalten.

Der Nationalkongress mit den prägnanten halbrunden Kugeln auf dem Dach, daneben der Sitz des Präsidenten (Palacio Planalto) und der oberste Gerichtshof (Tribunal Federal)

Vor dem Palacio Planalto stehen zwei weiss uniformierte Soldaten. Sie werden alle zwei Stunden ausgewechselt, Tag und Nacht.

Sitz des Präsidenten Palacio Planalto

Sitz des Präsidenten Palacio Planalto

Wir fahren weiter und verlassen jetzt die Stadt. Fahren hinaus zum See. Ein künstlicher See, wie die ganze Landschaft künstlich ist. Wir fahren über eine faszinierende geschwungene Brücke. Sie trägt den Namen des Stadt-Gründers, Ponte JK. Ihre Bogen sollen die Sprünge symbolisieren, die ein flacher Stein macht, wenn man ihn über ruhiges Wasser wirft. Mich fasziniert schon die Idee.

Am anderen Ufer halten wir an für ein Fotoshooting.

Ponte JK

Ponte JK

Jetzt fehlt nur noch die Residenz des Präsidenten. Wir fahren zurück über seine Brücke und kommen zum Wohnsitz. Wieder ein typischer flacher Niemeyer-Bau. Mitten in einer braungrünen Wiese auf einer Halbinsel am See.

Residenz des Präsidenten

Residenz des Präsidenten

Es geht zurück ins Hotel. Weil ich gestern mit meinem Nachtessen nicht ganz zufrieden bin, frage ich unsere Reiseleiterin nach einer Empfehlung. Sie schreibt mir ein Restaurant in der Nähe auf. 2Wenn du aber einen besonders schönen Ort suchst, gehst du auf die andere Seeseite. Das Lokal heisst Bierfass". Sie schreibt es mir auf und ich erkläre ihr die Bedeutung des Namens.

Später rufe ich ein Uber - bin bereits grösster Fan dieser Organisation - und tippe das Bierfass ein. Zwar scheint es mir auf der Karte nicht direkt am See zu liegen, aber wer weiss, vielleicht habe ich da etwas falsch verstanden. Mit einem Uber-Chauffeur zu sprechen, habe ich inzwischen aufgegeben. Keine Chance, weder spanisch noch englisch. Konversation ist nicht vorgesehen.

Wir fahren tatsächlich die andere Seeseite an, ich steige etwas kritisch aus dem Auto und finde mich in einem Einkaufscenter mit vielen Läden und Verkaufsständen wieder. Ich schlendere durch die Gänge, suche nach einem Restaurant zwischen all den Imbiss-Ständen, den Barber-Shops, den Modeboutiquen, den Elektronik-Läden, Möbelgeschäften und all dem Tingeltangel, der hier verkauft wird. Irgend etwas habe ich wohl falsch verstanden, oder die Vorstellung von einem schönen Restaurant ist grundsätzlich anders. Ich frage bei einem Stand nach dem Bierfass und tatsächlich weist man auf das Restaurant, das mir schon am Anfang am ehesten einen Eindruck gemacht hat. Jetzt entdecke ich auch endlich den Namen: Bierfass. Also dann halt. Ich mag heute kein neues Fleisch-Experiment und bestelle Shrimps. Sie sind zusammen mit kleinen Käsestücklein fritiert. Käse scheint ein sehr wichtiger Bestandteil der Küche zu sein.

Ich bin irritiert, beim Bezahlen, versuche ich ein Gespräch mit dem Kellner und zeige ihm den Zettel den mir die Reiseleiterin aufgeschrieben hat. Aber da steht doch 'beim See' meint er und fast habe ich das Gefühl, dass er resigniert den Kopf schüttelt. Immer diese Touristen, verstehen kein Wort portugiesisch und wollen doch alles wissen.

Das Lokal heisst tatsächlich Bierfass.

Das Lokal heisst tatsächlich Bierfass.

Zurück im Hotel google ich noch einmal nach Bierfass in Brasilia und finde tatsächlich einen zweiten Eintrag: Bier Fass. Dieses Lokal scheint direkt am See zu sein und ist gar nicht weit weg vom ersten.

Morgen ist auch noch ein Tag, resp. Abend.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Eine unerwartete Einladung ist der Start zu einer ungeplanten Reise.
Details:
Aufbruch: 15.07.2019
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 12.08.2019
Reiseziele: Paraguay
Brasilien
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 17 Jahren auf umdiewelt.
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