Wann kannst du kommen?

Reisezeit: Juli / August 2019  |  von Beatrice Feldbauer

Nichts tun

Heute ist vor allem Nichts tun angesagt. Lesen im Wohnzimmer, ein wenig surfen, Computerspielen, plaudern. Zum Schreiben fehlt mir die Motivation, es gibt auch nicht wirklich etwas zu erzählen.

Ausser, dass wir gestern ein Schweizer Paar besucht haben. Babs und Carlos. Ich hatte sie an der Hochzeit kennen gelernt, Peter kannte sie schon länger, denn sie hatten ein gutes Jahr bei Stella gewohnt. In dieser Zeit hatten sie die Gegend erkundet. Per Roller und Bus waren sie durch das Land gefahren auf der Suche nach einem geeigneten Grundstück.

Paraguay sei ihr Land, weil es so unaufgeregt ist, Wenig Touristen, nicht viel los, ziemlich eben mit wenig flachen Hügeln. Gerade das richtige für Carolos ausgedehnte Fahrradausflüge.

Fündig geworden sind sie in Ypacaray, in der Nähe des San Bernardino-Sees in einer kleinen neuen Siedlung. Diese Überbauungen gibt es jetzt überall. Die Grundstücke werden von einer Agentur verkauft. Diese ist für die Sicherheit zuständig, mit einem Wärter beim Eingang, wo man sich ausweisen muss. Der Vorteil ist, dass man das Haus jederzeit auch für längere Zeit verlassen kann.

Stella muss auf ihrer Grancha immer jemanden haben, der auf dem Gelände bleibt. Darum leben Isidro und Rosa mit ihren Kindern auch auf der Ranch. Und eine ganze Hundemeute. Undenkbar, das Grundstück alleine zu lassen. Das war auch der Grund, dass das Datum der Hochzeit nicht publik war. Isidro und Rosa waren zur Feier eingeladen und für das Grundstück war eine Sicherheitsfirma mit ihren Leuten engagiert.

Peter und ich fuhren also nach Ypacaray, wo uns Carlos beim Lichtsignal abholte.

Nehmt den Ypacarai-Bus und fahrt bis zum Lichtsignal, schrieb Babs per WhatsApp. Das brachte uns zu unserer ersten Fahrt mit dem öffentlichen Bus. Zwar gibt es keine offizielle Haltestation, aber es scheint, dass fast alle Busse beim Supermarkt, bei km 45 anhalten. Jedenfalls wenn da jemand steht und wartet. Ich drückte dem Fahrer 5000 Guranis in die Hand und das schien zu reichen. Später habe ich erfahren, dass man pro Strecke zahlt. Egal wie lange sie ist. Wenn man also dreimal umsteigen muss, zahlt man dreimal den Preis.

Die meisten Sitze im Bus waren bereits besetzt, aber irgendwo fanden wir noch einen Platz, wo wir uns dazu setzen konnten. Auf dem Boden lagen grosse Bündel, in denen die Leute ihre Sachen transportieren. Statt Plastiksäcken. Es rüttelte wie in einem Schüttelbecher und immer wieder hielt der Bus an. Lies Leute aus- und einsteigen.

Beim Lichtsignal stiegen wir aus und schon bald fuhr Corlos mit seinem Fiat vor. "Es gibt nebst der schönen Lage noch einen Grund, dass wir uns für diesen Ort entschieden," lacht er." Hier ist Erdbeerland. Während mehrern Wochen im Jahr werden hier auf der Westseite des Sees Erdbeeren geerntet. Es scheint, dass die Hügel auf der anderen Seite zusammen mit dem See ein eigenes Mikroklima entstehen lassen, das für Erdbeeren besonders geeignet ist."

Und wie durch Zufall ist jetzt im Winter Erdbeerzeit. Wir fahren zu den Erdbeer-Verkaufständen, die am Rand der Hauptstrasse aufgestellt sind.

Bei Geronima decken wir uns mit einer Erdbeertorte mit viel Sahne ein und fahren dann zu Babs, die uns in ihrem Haus erwartet. Leider hat sie sich in den letzten Tagen ziemlich stark erkältet, was bei diesen Temperaturen natürlich kein Wunder ist. Es sind im Moment nur 12 Grad und die Häuser sind nicht so wärmedämmend gebaut, wie wir das gewohnt sind. Aber immerhin gibt es einen Cheminee-Ofen, der das Wohnzimmer angenehm erwärmt.

Wir verbringen einen gemütlichen Nachmittag und ich erfahre einiges über das Leben als Auswanderer. Es ist alles vorhanden. Verschiedene Einkaufsmöglichkeiten bei Produzenten wie den Supermarkt. Medizinische Versorgung mit Ärzten, Zahnärzten und einem Spital. Auch die Nähe der Hauptstadt, die man mit dem Bus in knapp zwei Stunden, mit dem Auto in einer Stunde erreicht, ist sehr praktisch.

Carlos werkelt am Haus, im Moment verpasst er dem Pool einen neuen Anstrich und ist ansonsten viel mit dem Fahrrad unterwegs. Babs widmet sich ihrem Hochbeet, erntet Tomaten und Salat und ist dabei, das Haus mit Wandmalereien und Handarbeiten zu verschönern. Ein unaufgeregtes Leben, genau so wie es sich die beiden Weitgereisten vorgestellt hatten.

Am Abend sind wir bei Stella und Patricio in Altos zum Nachtessen eingeladen. Nein, meint Carlos, da fahrt ihr besser nicht mit dem Bus. Ihr müsst drei bis viermal umsteigen und bis ich euch das erklärt habe habe ich euch mit dem Auto hingebracht. Das Angebot nehmen wir natürlich an.

Bevor wir losfahren zeigt uns Carlos noch den alten Bahnhof von Ypacarai. Längst fahren keine Züge mehr aber vor einiger Zeit hat man eine alte Lokomotive hergebracht. Man spricht sogar davon, die Strecke von der Hauptstadt her wieder in Betrieb zu nehmen. Die Schienen sind noch vorhanden, zwar überwachsen und an einigen Stellen wurde illegal darauf gebaut. Aber das Land für das Schienentrassee gehört noch immer der Eisenbahngesellschaft. Es wird wohl noch einige Zeit gehen, bis im alten Bahnhof wieder Tickets verkauft werden. Wir bestaunen jedenfalls die alte Lokomotive und versuchen uns als Führer und Heizer.

Den Abend verbringen wir mit den beidne Flitterwöchlern in Altos. Patricio steht wieder am Herd und zaubert ein wunderbares Nachtessen mit Tomatensalat, grünem Salat, und Ravioli mit einer würzigen Salsa.

In der neuen Stube steht ein Ofen und der scheint mir im Moment der wichtigste Gegenstand im ganzen Haus, denn er verbreitet eine wohlige Wörme und fast könnte man sich in Europa fühlen.

Nach dem Essen fahren wir alle zusammen zurück zur Grancha.

Und da bin ich jetzt heute, auch hier gibt es im Wohnzimmer einen Holzofen und eigentlich möchte ich gar nie mehr aus dem Haus gehen.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Eine unerwartete Einladung ist der Start zu einer ungeplanten Reise.
Details:
Aufbruch: 15.07.2019
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 12.08.2019
Reiseziele: Paraguay
Brasilien
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
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