Wann kannst du kommen?

Reisezeit: Juli / August 2019  |  von Beatrice Feldbauer

Rio de Janeiro

Den gestrigen Tag kann ich gleich vergessen, respektive, es gab nicht viel, was zu erzählen wert wäre. Ich ging hinunter zum Strand und sah den Surfern zu. Spazierte den Wellen entlang und trank eine kühle Kokosnuss.

Und dann bin ich zurück ins Zimmer und habe mich um meinen Blog gekümmert, und gelesen. Immerhin habe ich eine kleine Bibliothek von vier Büchern mitgenommen, was mir beim Einpacken gar nicht so bewusst war, weil beim Packen willkürlich immer noch das eine oder andere Buch in den Koffer rutscht und ich in Kloten dann merke, dass alle Bücher im Koffer sind und ich noch eines am Kiosk kaufen muss.

Für heute habe ich die grosse Rio-City-Tour gebucht. Bin wieder einmal früh beim Frühstück, denn ich werde um acht Uhr abgeholt. Eigentlich hatte ich mich auf eine grosse Gruppe und einen Bus eingestellt und bin dann ganz überrascht, als ein Minivan vorfährt und unsere Gruppe nur gerade zehn Personen umfasst. Ein junger Russe, der in meinem Hotel an einer Tagung ist, ein bolivianischer Pilot mit seiner Frau, der sich einen Tag Auszeit nimmt, zwei junge Irinnen, die heute Abend nach Hause fliegen, zwei holländische Piloten, eine mexikanische junge Frau mit ihrem kleinen Sohn. Also eine sehr internationale Gruppe. Der Guia heisst Warley und wechselt spielend von spanisch auf englisch und verbreitet ausserdem auf Anhieb eine gute Stimmung.

Zuerst zur Sprache. "Wisst ihr, warum wir hier portugiesisch sprechen? Natürlich, weil die Portugiesen uns entdeckt und kolonisiert haben. Und wisst ihr, was die erste Sprache hier ist? Portugiesisch! und die zweite? portugiesisch! und die dritte? portugiesisch!"

Er könnte das Spiel wohl noch eine Weile weiter spielen, aber mir ist inzwischen einiges klar geworden. Ich war gestern Abend im Restaurant richtig depressiv, als der Kellner nicht einmal die mindesten Worte von mir verstand. Egal, wie ich es versuchte, er war ein einziges Fragezeichen.

"Und wisst ihr, wie ihr einen Brasilianer leicht verärgern könnt? Wenn ihr gracias sagt. Bei uns sagt man obrigado bei einem Mann oder obrigada, wenn du dich bei einer Frau bedankst." Hoppla, da bin ich wohl schon hundertmal ins Fettnäpfchen getappt.

Das wäre also schon mal geklärt. Dann kommt er zum Strand. "Rio hat 25 Strände, kleinere und grössere. Der längste ist hier. Mit 17 km ist die Marapendi Beach die längste in Rio. Gegen 400'000 Einwohner leben in diesem Quartier und sogar unser Präsident lebt hier." "Hier? aber der wohnt doch in Brasilia?" "Ja, dort hat er seine offizielle Residenz, privat lebt er aber hier in diesem Quartier." Es ist eine neu aufkommende Gegend, viele Häuser sind neu. Auch mein Hotel gehört übrigens zu den neuen Häusern. Als ich im Google Earth nachgesehen hatte, war da eine Baugrube und noch kein Hotel.

"Rio de Janeiro hat knapp 8 Millionen Einwohner, gegen eine Million lebt in Favelas, so wie ihr sie da oben am Hang seht. Der Name Favela kommt von einer Kletterpflanze, ähnlich einer Bohne. Sie rankt sich hoch, so wie die Häuser, die da eines über dem anderen steht. Favela verbindet man mit hoher Kriminalität, mit Drogen und Verbrechern. Doch das hat sich in den letzten Jahren geändert, die Situation ist besser geworden. Die Polizei hat stärker durchgegriffen, die Banden sind zerstört, die Kriminellen im Gefängnis, tot oder untergetaucht. Wir versuchen, den Namen Favela durch Comunidades zu ersetzen. "

Es ist eine lange Fahrt von Marapendi bis ins Zentrum, darum muss Warley einiges erzählen, damit es uns nicht langweilig ist. Ich mag diese Informationen. ich mag es, wenn man mir etwas erzählt, kann es mir besser merken, als wenn ich sie mir mühsam im Internet zusammensuchen muss.

Und dann hat er gleich noch eine spannende Geschichte. "Als die Portugiesen hierher kamen, entdeckten sie die grosse Bucht und glaubten, dass da ein Fluss wäre, der in der Trockenzeit kein Wasser bringt. Die grosse Bucht hat keine Wellen vom Meer her. Daher kommt die Bezeichnung Rio. Es war Januar, also die heisseste Zeit des Jahres. Januar = Janeiro (port.) daher der Name Fluss vom Januar / Rio de Janeiro. "

Jetzt sind wir im Zentum angekommen und Warley lädt uns zu einer Samba-Übung ein. Der Bus wird jetzt gleich eine enge Strasse befahren, da könnt ihr das wichtigste des Sambas üben, den Hüftschwung.

700 Meter hoch ist er, der Corovado und ganz oben steht Christus Redentor auf einem 8 m hohen Sockel. 30 m hoch ist er und überblickt die ganze Stadt Rio. Und genau das machen wir jetzt auch. Schauen hinunter auf das weltbekannte Panorama und ich kann es kaum fassen, hier zu stehen. Von weitem grüsst der Zuckerhut, die weite Bucht von Rio.

Wir sind natürlich nicht die einzigen hier, aber wenn man bedenkt, dass 6 Millionen im Jahr hierher kommen, das sind in der Hochsaison 6000 im Tag, resp 600 in der Stunde (!!!) dann ist es hier heute richtig ruhig. "Ja, es ist Winter, es ist nicht low season, es ist low low season," meint Warley. "Zur Zeit ist nichts los in Rio, auch die Strände sind leer. Ausserdem ist es kalt. brrrr" - es sind im Moment 20 Grad. Der junge Russe kann dazu nur verschmitzt lachen, er stammt aus Sibirien und die beiden Irinnen erzählen, dass sie gestern im Bikini am Strand waren. "It was great!". So sind die Wahrnehmungen verschieden.

Es ist die Zeit der kreativen Fotografen. Um den hoch aufragenden Christus richtig ins Bild zu bekommen, muss man sich schon etwas anstrengen...

natürlich muss auch ich Selfie üben...

natürlich muss auch ich Selfie üben...

es braucht hier flelxible Models...

es braucht hier flelxible Models...

... und bewegliche Fotografen

... und bewegliche Fotografen

Nachdem wir uns satt gesehen haben, gehts wieder zurück, den Berg hinunter, wir fahren mitten in die Stadt, ins Künstlerviertel Santa Terese. Hier gibt es eine Treppe, die aus vielfarbigen Kacheln gemacht wurde und ein echter Hingucker ist.

Mein Fotograf heute: Warley, unser Guide

Mein Fotograf heute: Warley, unser Guide

Nächste Station, die moderne neue Kathedrale Metropolitan San Sebastian. Sie wurde 1976 eröffnet und sollte mit ihrer modernen und offenen Architektur vor allem auch junge Leute ansprechen. Die breite offene Türe lädt zum Eintreten ein und Warley meint, es funktioniere auch. Morgens vor der Arbeit würden viele Leute noch einen kurzen Besuch in der Kirche machen.

Aussen ist sie einem Mayatempel nachempfunden und wenn ich die Spiegelung in einem der nahen Hochhäuser ansehe, kommt das noch viel mehr zur Geltung. Innen ist sie rund und hoch, hat hohe schmale Fenster mit farbigem Glas. Über dem Altar hängt ein riesiges Kreuz und auch das Dach wurde in Kreuzform gestaltet.

Ein sehr eindrücklicher Bau. Drei Jahre hat der Bau gedauert. Das ist nur ein Jahr weniger, als der Bau der ganzen Stadt Brasilia gedauert hat.

Könnte ein Maya-Tempel in Tikal sein...

Könnte ein Maya-Tempel in Tikal sein...

Unser nächstes Ziel ist der Zuckerhut, der Pao de Azucar, also das Zuckerbrot, wie es auf Portugiesisch heisst. Es hätte die Form eines portugiesischen Brotes, erklärt Warley.

Es sind zwei Seilbahnen, die hinauf führen. Zuerst die Bahn auf den Morra da Urca. Die erste Bahn wurde schon 1912 eingeweiht und steht oben noch als Erinnerung. Die heutige Bahn ist erst ein paar Jahre alt.

3 Minuten dauert die Fahrt hinauf und noch einmal 3 Minuten die zweite, hinüber zum Gipfel des Zuckerhuts, 400 m hoch.

unsere internationale Gruppe

unsere internationale Gruppe

verklärter Blick zur Copacabana

verklärter Blick zur Copacabana

Warley organisiert bereits wieder den Bus für die Weiterfahrt

Warley organisiert bereits wieder den Bus für die Weiterfahrt

Jetzt ist Zeit fürs Mittagessen, der Russe muss zurück zu seinem Seminar, die Irinnen gehen ins Hotel, sie fliegen heute ab und auch die beiden holländischen Piloten hatten nicht den ganzen Tag vorgesehen, so bleibt der spanisch sprechende Teil der Gruppe. Monica und ihr Mann, der Latam-Pilot und Karina mit ihrem kleinen Sohn Mateo.

Wir gehen in ein Lokal an der Copacabana, wo ein reichhaltiges Buffet auf uns wartet. Sogar feine Sushis gibt es hier. Doch das wichtigste hier sind die Fleischspiesse, mit denen die Kellner unterwegs sind. Sie rotieren damit von Gast zu Gast und schneiden kleine Portionen ab. Vielleicht etwas Beef vom Nacken, kurz gebraten, oder lieber durch, ein Filet auf dem Bret, etwas Schwein oder Putenbrust.

Sie kommen immer wieder vorbei, solange das Zeichen auf dem Tisch auf grün steht. Wenn man die runde Karte dreht, ist Schluss.

Genau das ist es, was ich die ganze Zeit gesucht hatte, ein richtig brasilianisches Churrascao. Brasilen ist ein Fleischland.

Zum Abschluss offeriert uns Carlos, der bolivianische Pilot ein ganz besonderes Dessert. "Das müsst ihr einfach versuchen!"
Gebackene Ananas mit Zimt - ein Traum.

Und was machen wir jetzt? Gar nicht so einfach, diese gesättigten Gäste noch einmal für ein Thema zu begeistern. Doch Warley hat noch etwas auf Lager. Die berühmte Karnevalsparade.

Natürlich kann er uns keinen Karneval organisieren, aber er erzählt von den Wettkämpfen. Es sind die verschiedenen Sambaschulen, die sich an vier Nächten ihren Sieger ausmachen. Jede Nacht sind es 6 Schulen, die sich auf der 1 km langen Strasse präsentieren. Mit Show, Tanz, Musik. Jede Präsentation dauert 90 Minuten, dann kommt die nächste. Ein Fest, eine ungeheure Stimmung. Rio platzt dann aus allen Nähten. Viele Einwohner flüchten dann irgendwo ins Hinterland. Die die da geblieben sind, trifft man nachher in den Kirchen. Sie haben viel zu beichten, denn Christus, der immer über ihnen thront, hat alles gesehen, hat jeden Einwohner immer im Blick. Aber natürlich hat er auch viel Verständnis, es ist ja nur einmal im Jahr Karneval.

Bei den Tribünen gibt es einen kleinen Souvenirladen, der ein paar der Kostüme zeigt und wo eine wunderschöne Brasilianerin ein Kostüm präsentiert. Ein kleiner Nasenstüber von Karneval, mehr ist es nicht.

Die Tribünen für die Parade sind einen Kilometer lang

Die Tribünen für die Parade sind einen Kilometer lang

Und jetzt kommt noch das Fussballstadion. 70'000 Zuschauer fasst es noch. Vor dem Umbau waren es 100'000. Und wer ist der berühmteste Fussballer aller Zeiten. Pele. Pele der König, Er wird noch immer sehr verehrt. "Wisst ihr, dass Pele sein ganzes Leben lang nie zur gleichen Türe hinaus geht, wie er hinein gegangen ist. Es gibt immer einen Auflauf, wenn er irgendwo auftritt. "

Mateo darf den Pokal stemmen, aber ich glaube, er ist nicht so angefressen vom Fussball wie ein Brasilianer, er nimmt die Sache jedenfalls sehr locker.

Jetzt geht es zurück ins Aussenquartier, nach Marapendi. Eben geht die Sonne unter und ich bin völlig geschafft.

Zurück in mein Zimmer, ausruhen, Fotos sortieren und den wunderbaren Tag noch einmal in Gedanken durch den Kopf gehen lassen.

Rio de Janeiro, Fluss vom Januar, eine faszinierende Stadt.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Eine unerwartete Einladung ist der Start zu einer ungeplanten Reise.
Details:
Aufbruch: 15.07.2019
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 12.08.2019
Reiseziele: Paraguay
Brasilien
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
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