Wann kannst du kommen?

Reisezeit: Juli / August 2019  |  von Beatrice Feldbauer

Poltern

Stella und Patricio waren schon sehr früh aufgestanden, Stellas Vater kam heute in Asuncion an. Zum Frühstück sind alle zurück und so ist unsere Runde schon wieder erweitert. Peter und Patricios Eltern haben sich noch nie gesehen, es ist daher höchste Zeit, dass sich die beiden Elternteile treffen.

Nach dem Frühstück schlendere ich hinüber zu den Ställen und treffe beim Lagarto auf Rosa und Isidro. Sie arbeiten für Hof und Haus und sich für die Versorgung der Tiere und den Unterhalt der Unterkünfte zuständig. Im Moment sitzen sie gemütlich bei einem Terere und besprechen den heutigen Tag. Sie haben vier Kinder und ich glaube, dass es ihnen allen auf Stellas Ranch ganz gut geht.

Sie sind bei Festen dabei, bekommen zum Lohn Lebensmittel und auch von den Erträgen des Hofes dürfen sie sich bedienen. Stella hat ein grosses Wassermelonenfeld, das jeden Sommer viele Früchte ergibt. Auch sonst gibt es im Sommer viele Früchte.

Dann fahren wir los und holen Brigitte bei der Bushaltestelle ab. Sie ist wie Stella Österreicherin und lebt mit ihrem paraguayischen Mann in der Nähe. Sie wird Stella heute Abend beim Poltern helfen.

Vorher besuchen wir zusammen Simon. Er war der erste Angestellte von Stella. Er war auch der, der mit ihr den Banküberfall plante, als sie mich abholten und damit den armen Taxifahrer völlig irritierten.

Simon kann sich an meinen Besuch und unsere gemeinsamen Ausritte erinnern und freut sich sehr, dass wir ihn in seinem Haus ganz in der Nähe besuchen.

Natürlich offeriert er einen Terere und so bekomme ich noch einmal eine Erklärung zu Terere und wie er zelebriert wird. Aus seinem Brunnen schöpft er kaltes Wasser, in einen Thermoskrug, gibt ein paar zerquetschte Blätter dazu, die je nach Bedarf und Wunsch des Gastgebers zusammengestellt sind. Dann holt er seinen silbernen Becher, der mit Leder beschlagen ist, steckt den Löffel mit dem Sieb hinein und schüttet fein gemahlene trockene Kräuter dazu. Jetzt wird mit kaltem Wasser aufgefüllt und er als Gastgeber nimmt den ersten Zug, füllt wieder auf, gibt den Becher weiter.

Jeder trinkt, bis der Becher leer ist, respektive nichts mehr hergibt. Viel ist das nicht, der Becher ist klein und halb gefüllt mit der Kräutermischung. Der Becher wird immer wieder zurück gegeben, der Gastgeber füllt neu auf und gibt den Becher dem nächsten. Der Becher geht so reihum, bis jemand sich beim Zurückreichen des Bechers bedankt, damit zeigt er an, dass er genug hat, und er wird in den folgenden Runden ausgelassen. In der Regel geht das so weiter, bis der Krug leer ist. Wenn er während der Runde nicht leer wird, muss ihn der Gastgeber am Schluss selber beenden.

Für meine Foto holt mir Simon sogar den Löffel heraus, damit ich sehe, wie er beschaffen ist. Das ist allerdings fast ein Sakrileg und er muss auch wieder richtig hinein gesteckt werden, damit er nicht mit Kräutern verstopft wird.

Terere ist ein Ritual, das in ganz Paraguay zelebriert wird. Als mir der Mann in Asuncion den Becher gab, hatte ich kurz darin gerührt, damit hatte ich mich definitiv als Unwissende erwiesen. Bei der Rückgabe an die alte Frau hatte ich mich bedankt, womit mir kein weiterer Trank mehr angeboten wurde.

Das nächste Mal werde ich mich besser benehmen.

Es gibt viel zu erzählen, alte Erinnerungen werden ausgetauscht, von gemeinsamen Bekannten erzählt und viel gelacht. Ein gemütlicher Mittag in Simons Garten. Am Schluss durchstöbern wir ihn auf der Suche nach exotischen Pflanzen. Brigitte kennt sich aus und interessiert sich sehr für Pflanzen. So ist es kein Wunder, dass Simon ihr ein kleines Bäumchen schenkt. Es gibt auch hier die verschiedensten Früchte und Blumen im verwilderten Garten.

Der Brunnen ist überall hier auf dem Land die Wasserversorgung

Der Brunnen ist überall hier auf dem Land die Wasserversorgung

Im Nachbarsgarten entdecke ich ein altes Auto, dessen Marke nicht mehr zu erkennen ist. Ob das wohl wieder einmal zum Fahren kommt. Möglich ist hier vieles, doch dieses Wrack scheint seinen Lebensabend wohl hier als Gartenskulptur zu beenden.

ich habe nur die Blume gekannt, die interessanten Früchte hatte ich noch nie gesehen. Die Frangipani habe ich in Asien oft fotografiert, wusste nicht, dass sie auch hier wächst.

ich habe nur die Blume gekannt, die interessanten Früchte hatte ich noch nie gesehen. Die Frangipani habe ich in Asien oft fotografiert, wusste nicht, dass sie auch hier wächst.

Nach dem Besuch bei Simon kehren wir zurück zur Ranch. Patricio empfängt uns mit einem Salat und den Resten des Linseneintopfes. Ich liebe Linsen und die sind mit dem Speck ganz besonders fein.

Danach ruhen wir uns noch ein wenig aus, wir haben einen anstrengenden Abend vor uns.

Poltern ist angesagt, Stella wird am Montag heiraten, das muss vorher gefeiert werden. Noch ein kurzer Besuch im Supermarkt um das Frühstück einzukaufen, dann fahren wir in ihr neues Haus. Nur Stella, Brigitte und ich, die Männer müssen zu Hause bleiben. Patricio, sein Vater Domingo und Stellas Vater Peter werden sich einen eigenen lustigen Abend gestalten, während Mama Cladys wahrscheinlich früh schlafen gehen wird.

Bei Einbruch der Dunkelheit erreichen wir Stellas Haus und werden von Erika erwartet. Auch sie eine Österreicherin, die seit ein paar Jahren in Paraguay lebt. Sie ist nicht nur eine sehr gute Freundin von Stella, sie ist auch ihre Weddingplanerin. Darum hat sie auch bereits das Haus geschmückt und verschiedene Utensilien für einen gemütlichen und lustigen Abend eingekauft.

Ein paar wenige Fotos müssen zu diesem Anlass reichen, der Rest bleibt Girls Secret. Wir verbringen eine feuchtfröhliche Nacht in deren Verlauf Stella von der Prinzessin mit dem Zauberstab zur Königin aufsteigt.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Eine unerwartete Einladung ist der Start zu einer ungeplanten Reise.
Details:
Aufbruch: 15.07.2019
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 12.08.2019
Reiseziele: Paraguay
Brasilien
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 20 Jahren auf umdiewelt.
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