Wann kannst du kommen?

Reisezeit: Juli / August 2019  |  von Beatrice Feldbauer

Richtung Grenze

Als ich erwache läuft gerade ein Pferd vor meiner Schiebetüre vorbei. Was für ein Anblick. Und ein Blick aus dem Fenster zeigt mir, dass Bruno bereits unterwegs ist. Renate sehe ich soeben im Haus verschwinden.

Also nichts wie aufstehen, ich habe es mit Frühaufstehern zu tun. Wunderbar habe ich geschlafen. im Zimmer war es so warm, dass ich zum Schlafen die Heizung ausschalten musste. Und im Badezimmer kommt warmes Wasser aus der modernen Armatur, als ob ich nicht tausende Kilometer von zu Hause entfernt wäre.

Noch mehr Schweizer Feeling kommt auf, als ich zum Frühstück in die Wohnküche komme. Renate hat einen Zopf gebacken. Einen Sonntagszopf.

Dazu gibt es frisch gepressten Orangensaft von den Bäumen hinter dem Haus. Es sind zwar Bitterorangen und der Saft ist entsprechend sauer. Dafür spürt man jedes gesunde Vitamin einzeln. Zum Marmelade kochen seien die Orangen zu bitter, das würde zu viel Zucker brauchen, meint Renate. So kann leider nur ein Teil der Früchte verwertet werden. Aber als Orangensaft zum Frühstück schmeckt er ausgezeichnet.

Es fällt mir gar nicht leicht, diese Oase zu verlassen, doch andererseits zieht es mich weiter. Es ist gar nicht so einfach, herauszufinden, wo und wann ein Bus Richtung Osten fährt, Eventuell müsste ich umsteigen, es ist nicht klar, ob es einen direkten Bus nach Ciudad del Este gibt. Renate erkundigt sich in ihrem Netzwerk von Auswanderer-Freunden. Doch es scheint, dass niemand wirklich Erfahrung mit dem ÖV hat, alle sind mit ihren Pickups unterwegs. Würde mir auch so gehen. Wir werden auch im Internet nicht richtig fündig, darum bitte ich Bruno, mich an der Stelle auszuladen, an der voraussichtlich ein Bus hält.

Ich bedanke mich bei Renate und Bruno für die grosszügige Gastfreundschaft. Sie haben mit ein ganz anderes Paraguay gezeigt, ein selbst erschaffenes Paradies. Ich werde bestimmt in Zukunft gelegentlich einen Blick in ihre Homepage werfen und sehen, wo sie sich gerade aufhalten und wie ihre Geschichte weitergeht.
Hier gehts zum Blog vom Pepamobil

Auf der Fahrt zur Tankstelle, bei der voraussichtlich ein Bus anhalten sollte, erkundige ich mich nach der Ortschaft Independencia. Es gibt keinen Ort, der so heisst, es ist mehr eine Gegend. Es gibt hier sehr viele Siedler, Auswanderer. Seit vielen Jahren sind es vor allem deutsch sprechende, die hier wohnen. So kommt es, dass in vielen Läden, wie auch im Almacen 50, wo ich gestern ausgestiegen bin, deutsch gesprochen wird. Wir fahren hinter einem Lastwagen mit Anhänger. Er ist voll beladen mit Zuckerrohr. Es ist Zuckerrohrernte. Wenn die Stangen so wie auf dem Wagen vor uns, noch ganz sind, wurde von Hand geerntet, wenn das Zuckerrohr bereits gehäckselt ist, war eine Maschine im Einsatz. Ich sehe später noch einige Transporte. Die Handarbeit überwiegt.

Der Tankwart bestätigt, dass in einer halben Stunde ein Bus hier anhalten werde und so verabschiede ich mich von Bruno.

Zuckerrohr, handgeerntet

Zuckerrohr, handgeerntet

Wohin fährst du denn? willl der Tankwart nach einer Weile wissen.
Nach Ciudad del Este.
Warum nimmst du nicht den bequemeren Bus, ab Oviedo?
Weil ich mich mit den Bussen nicht so auskenne, wann fährt denn der Bus nach Oviedo?
In einer knappen Stunde.
Na dann warte ich eine halbe Stunde länger und werde in Oviedo umsteigen.

Scheint mir praktischer zu sein, vielleicht ist der bequeme Bus ein Doppelstöcker, mit Wifi.

Auch hier an der Tankstelle habe ich Wifi. Also richte ich mich ein, arbeite an meinem Blog, fünfzehn Minuten bevor der Bus kommen sollte, packe ich meine Sachen zusammen.

Das war dein Bus!
Der Tankwart, der die ganze Zeit in meiner Nähe herumgestrichen ist, zeigt auf einen knatternden Bus, der gerade über die Kreuzung fährt und auf der Landstrasse entschwindet.
Was war das? mein Bus? warum hat der nicht angehalten?

Du bist nicht da vorne an der Kreuzung gestanden.

Damit hat er natürlich Recht, zwei Minuten später wäre ich dort gestanden, ich habe mich auf seine Zeitangabe verlassen.

Und wann fährt der nächste Bus? frage ich vorsichtig.
In eineinhalb Stunden.
Ihm scheint das gar nichts auszumachen, er will jetzt wissen, woher ich komme, ob das erste Mal in Paraguay. Ausserdem erzählt er, dass er gleich im Haus gegenüber wohne.
Interessiert mich alles gar nicht, ich will jetzt wissen, wie ich nach Orviedo komme,, eine weitere Stunde will ich nicht mehr warten.

Kannst du mir ein Taxi rufen?
Ein Taxi? Das kostet viel Geld.
Egal, ruf mir jetzt ein Taxi für Orviedo.
Du willst nach Ciudad del Este?
Ja, Mann, das haben wir doch bereits besprochen.
In 20 Minuten fährt wieder ein direkter Bus. Du musst dort vorne beim Bushäuschen warten. Siehst du die Frau dort, ich kenne sie, sie fährt auch nach Ciudad del Este.

Na also, warum nicht gleich. Bevor ich zur Busstation gehe, die ich vorher nicht als das erkannt habe, will ich noch ein Foto von ihm machen. Man trifft nicht täglich so jemanden. Mir ist nicht klar, ob das ganze ein Flirtversuch, eine Ignoranz oder völlige Dummheit ist. Ich buche es ab als Flirt, vermute aber stark, dass es nur Dummheit war. Oder ganz einfach das Nicht verstehen, dass jemand anders auch nichts versteht.

erst als ich mich zum Bushäuschen aufmachte, habe ich es entdeckt: die Tankstelle ist auch ein Hotel...

erst als ich mich zum Bushäuschen aufmachte, habe ich es entdeckt: die Tankstelle ist auch ein Hotel...

Die junge Frau beim Bushäuschen fährt tatsächlich auch nach Ciudad del Este. Sie empfielt mir, bis zum Terminal zu fahren und dort ein Taxi zu nehmen. Un Taxi de convienza - ein Taxi des Vertrauens. Der Ayudante des Busses sei ihr Freund, er werde mir ein Taxi besorgen.

Im Moment bin ich einfach froh, in einem Bus Richtung Osten zu sitzen. Es hat genug Platz zum Sitzen, die Vorhänge sind gezogen, es ist hell und ich kann mich endlich einmal mit meinem Krimi befassen, den ich in Kloten gekauft hatte. Ein Portugal-Krimi, es wimmelt nur so von portugiesischen Ausdrücken. Genau die richtige Einstimmung für Brasilien.

Als die Frau mit den Chipas zusteigt, - es gibt sie wohl in jedem Bus - kaufe ich eines. Renate hat mir empfohlen, diese Spezialität unbedingt zu versuchen. Sie hatte Recht, die knusprigen Ringe schmecken sehr gut und ersetzen mir das Mittagessen.

Die Fahrt dauert vier Stunden und bei Einbruch der Dunkelheit sitze ich bereits in einem Taxi auf dem Weg zu meinem Hotel.

Es gibt im Hotel ein Restaurant, wo ich später etwas kleines esse und dann bin ich schon bald eingeschlofen.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Eine unerwartete Einladung ist der Start zu einer ungeplanten Reise.
Details:
Aufbruch: 15.07.2019
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 12.08.2019
Reiseziele: Paraguay
Brasilien
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
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