2 Jahre China

Reisezeit: März 2009 - April 2011  |  von Katrin Link

die Sache mit dem Warten...

Um ganz ganz ehrlich zu sein: Ich im Moment bin die meiste Zeit extrem gereizt und fühle mich wie ein Vulkan kurz vorm Ausbruch. Ich weiß eigentlich nicht so richtig warum. Es liegt vielleicht an vielen kleinen Dingen. Es ist der graue Himmel der mich mürbe macht, es ist das tägliche Neue, Unkonstante hier immer und überall, es ist die extreme Lautstärke in diesem Land, die sich in dauerhaftem Hubkonzerten der Straße, den lauten Stimmen und der lauten Musik in den Geschäften und auf der Staße, lauten Preis-Geschrei im Supermarkt und und und äußert. Dem hingegen steht dann die Stille gepaart mit einer immer größeren werdenden Unruhe in mir selbst, die ich wahrscheinlich durchbrechen muss, indem ich auf einen Berg steige und einen Urschrei loslasse, wofür ich aber gerade weder Kraft noch Motivation habe, denn die brauche ich komplett im Labor, denn da läuft es auch nicht rund. Vielleicht muss ich ja auch einfach mal ein bißchen WARTEN. Immerhin hab ich lang genug auf die Sonne gewartet, die im Moment nach Regen immer mal wieder durch den Nebel durchkommt. Es gab in den letzten Tagen zwei Anlässe, was mich darüber nachdenken ließ, etwas zum Thema "Warten in China" zu schreiben. 1.) Auf der Strasse nahm ich zuerst den dichten Strassenverkehr wahr, dann das Geheul der Sirenen eines Rettungswagens. Ich dachte zuerst es handelt sich um einen Unfall, aber der Straßenverkehr hat sich einfach gestaut und der Rettungswagen mit Sirene und Blaulicht wollte einfach nur sagen: Lass mich durch.... Platz hat da keiner gemacht. Das einzige was die Sanitäter machen konnten ist wie alle anderen Autos auch: Warten. (ich kann endgültig zu dem Schluss nie wieder in irgendeiner Form einen Unfall zu haben und ins Krankenhaus zu müssen)... 2.) Ich war im Supermarkt Gemüse einkaufen und ich konnte es nicht glauben, aber vor der Gemüsewaage hatte sich doch tatsächlich eine Schlage zum Anstehen gebildet. Wahnsinn! Ich hatte direkt bessere Laune. Kein Drängeln, kein schubsen... einfach nur Warten, bis man an der Reihe ist. Im Allgemeinen warten Chinesen nicht, wenn es um so profane Dinge wie das Abwiegen des Gemüse geht, sie drängeln sich vor, z.B an der Gemüsewaage im Supermarkt. Das kann einen manchmal ein bißchen aggressiv machen, wenn man gerade der Verkäuferin die Tüte Kartoffeln reichen will und dann von hinten noch jemand seine Tüte mit Paprika auf die Waage schmeißt. Da würde ich innerlich manchmal gerne die Kartoffeln nehmen und... naja... ich hab mir angewöhnt ganz entspannt in den Supermarkt zu gehen, um halbwegs entspannt wieder raus zu kommen. Wenn man sich nicht vordrängeln kann (z.B an der Supermarktkasse oder im Flughafen... naja, da kann man sich im Grunde genommen auch vordrängeln) dann kann es schon mal sein, dass man in die Hacken getreten bekommt oder mit dem Koffer-Trolley ständig von hinter gerammt wird. Da hilft auch nicht, sich umzudrehen und vielleicht ein bißchen böse zu schauen. Geht es mit dem Shuttle-Bus zum Flugzeug wird man an der Gangway fast umgerannt. Ich habe in solchen Momenten gelernt einfach zu Warten und mir das Spielchen einfach anzuschauen. Das Flugzeug fliegt ja eh erst ab, wenn alle drin sind. Noch ein Beispiel: Aufzüge. Bei mir im Haus kommen die zwei Aufzüge meistens zur selben Zeit an. Es stürmen dann ca. 5 - 10 Leute in den ersten rein ohne Rücksicht, ob da evtl. jemand noch raus möchte oder nicht. Da ich nun mal ziemlich weit oben wohne, warte ich dann immer 10 Sekunden länger und nehm dann meist als einzige den zweiten Aufzug und fahre auf direktem Wege in mein Stockwerk, ohne dass ich 5 mal in einem anderen anhalten muss. Ich hab mal gelesen, dass die Leute in China für die Olympischen Spiele lernen mussten anzustehen....

Das witzige an der Sache ist: Ich muss hier oft auf irgendwas warten! "wait a moment" heißt es dann, und der Moment, der kann dann 5 Minuten dauern, zwei Tage oder auch schon mal drei Wochen....... So muss ich dann schon mal auf der Arbeit drei Tage warten, um ein Flasche für mein steriles Wasser zu bekommen. Ich muss auch schon mal 12 Wochen warten um offiziell aus der Uniwohnung auszuziehen, was ich letzte Woche erfolgreich gemacht habe. Ich musste natürlich für die 12 Wochen noch bezahlen, aber egal... Hauptsache ich hab nichts mehr mit dem Schimmel, der verschlossenen Wohnungstür und dem Uni-internen Internet am Hut.

immer mit der Ruhe!!!

immer mit der Ruhe!!!

© Katrin Link, 2009
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Sooooo... am 29. März 2009 geht das Abenteuer los. Ich nehme mit 29 anderen Leuten aus ganz Europa am Science und Technology Fellowship Programm EU-China teil. Ab nach China und das für zwei Jahre. Die ersten sechs Monate werde ich in Peking sein um mit den anderen Chinesisch zu lernen und anschließend 18 Monate in Chongqing, um dort zu arbeiten.... Ich wünsch Euch viel Spaß beim Lesen.
Details:
Aufbruch: 29.03.2009
Dauer: 25 Monate
Heimkehr: April 2011
Reiseziele: China
Der Autor
 
Katrin Link berichtet seit 15 Jahren auf umdiewelt.
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