Zwei Bayern auf Reisen

Reisezeit: Mai - Dezember 2009  |  von Georg Holl

Australien 1.Teil: Canberra

03.07.

Nachts gegen 20.00 Uhr kam ich mit dem Bus in der Hauptstadt Australiens an. Wie die meisten sicherlich wissen, konnten sich Sydney und Melbourne vor 100 Jahren nicht einigen, wer die Hauptstadt Australiens werden sollte, so dass dann die Regierung beschloss, zwischen beiden Städten eine neue Stadt namens Canberra zu bauen, welche die neue Hauptstadt Australiens werden sollte. Canberra wurde auf dem Blatt Papier entworfen und frisch, von Null auf an, aufgebaut und liegt ca. 4 Stunden von Sydney und 10 Stunden von Melbourne entfernt in einer hügeligen Gegend. Die Fahrt dorthin war schon sehr krass: Nachdem der Bus die Vororte Sydneys verlassen hat, fuhren wir stundenlang durch die Nacht, und plötzlich fährt man über einen Hügel und man sieht die Stadt Canberra, mitten im Nichts liegen.
Leider sagte der Wetterbericht für meinen einzigen Tag in Canberra Regenschauer an, aber ich beschloss trotzdem mir ein Fahrrad auszuleihen, ich kann ja nicht immer Glück mit dem Wetter haben (ohne Rad ist es bei diesen weiten Entfernungen und Strecken kaum möglich, allzu viel von Canberra zu sehen).
Nächsten Tag schaute ich aus dem Fenster und was sah ich: Keine einzige Wolke am Himmel, total blauer Himmel. Ich lieh mir ein Fahrrad aus und als erstes machte ich mich zum neuen Parlament auf, welches vor ein paar Jahren für über 700 Millionen Euro in einen Hügel hineingebaut wurde, in welcher sich die drei Hauptachsen der Stadt schneiden. Zwar sieht es von außen sehr interessant aus, doch vom Innenraum war ich dann eher enttäuscht. Und sehr enttäuscht war ich vom Dach, bzw. vom Hügel. In allen möglichen Reiseführern und Flyern über das Gebäude kann man lesen, dass es beeindruckend ist, dass man über das begrünte Dach spazieren kann. In Wirklichkeit muss man mit einem Aufzug innerhalb des Gebäudes nach oben fahren und steht dann auf dem Dach, das ein wenig begrünt ist. Nichts anderes, als ob man auf dem Dach des Reichstags in Berlin steht! Aber die 360° Aussicht über Canberra entschädigt ein wenig. Ich als bekannter Stadt-Achsen-Freund fand dann die Stadt mit ihrem riesigen, künstlich angelegten See gar nicht mal so schlecht, obwohl die meisten Leute diese Stadt als die hässlichste Stadt Australiens bezeichnen. Man muss sich vor Augen halten, dass diese Stadt als Regierungsstadt, mit vielen Parks und Grünflächen, entworfen wurde.

Nach dem Regierungsgebäude machte ich mich auf dem Weg zu den verschiedenen Botschaftsgebäuden. Als ich dann vor der Deutschen Botschaft stand und einige Fotos davon machte, warnte mich ein vorbeijoggender Mann, dass ich von der nächsten Botschaft am besten keine Fotos machen sollte, nicht dass mir dort mein Fotoapparat genommen wird oder gar ich noch erschossen werde. Die nächste Botschaft war dann von Israel. Vor der Einfahrt standen zwei bewaffnete Männer und vor dem Zaun war eine Art Bunker mit getönten Scheiben. Das war schon sehr eigenartig, weil bei allen Botschaften keine einzige Bewachung gesehen habe, teilweise einige Botschaften nicht einmal einen Zaun hatten, und dort war es wie eine Festung.
Bei jeder kleinen Bewegung von mir hörte ich dann das Surren einer Kamera, die mich auf jeden Schritt verfolgte. Ich machte mich für eine Minute einen Spaß daraus und fotografierte dann die Botschaft auf der anderen Straßenseite etwas ausführlicher und ging dafür absichtlich 5 Meter vor, blieb stehen, dann wieder zurück, nach links usw., immer das Surren der Kamera im Rücken. Schon ein eigenartiges Gefühl. Ich beschloss dann nicht weiter zu testen, wie weit die Israelis gehen werden und machte dann kein Foto von deren Botschaft.
Über einige Museen und weiteren Regierungsgebäuden gelangte ich dann über den See zur ANZAC-Promenade mit deren ca. 8 Kriegsdenkmälern und dem "War-Memorial" am Ende der Achse. Sehr beeindruckend ist dort das Museum und die Tafeln der Verstorbenen Soldaten. Eine ewig lange Wand mit allen Namen der verstorbenen australischen Namen, und vor einigen Namen stecken rote Plastikrosen in der Fuge, ein beeindruckendes Bild. Zum Schluss beschloss ich, das Museum über die Stadtgeschichte (das mich eigentlich brennend interessiert hat) nicht zu besuchen sondern dafür das gute Wetter auszunutzen und auf einen Berg zu fahren, auf welchem ein Fernsehturm steht und man eine schöne Aussicht auf Canberra haben sollte. Und diese Entscheidung hab ich schnell bereut: Ein langer, steiler Anstieg (ich schob fast die Hälfte des Weges mein Fahrrad), und ich musste mich beeilen, da ich gegen die Zeit kämpfte, weil ich vor der Dämmerung oben sein wollte. Oben angekommen war dann der Lift vom Turm 3x so teuer als in meinem Buch beschrieben, oben war es dann so windig (und die Dämmerung setzte auch schon ein) das ich kein vernünftiges Bild machen konnte, und die Sicht von da oben war auch sehr bescheiden, man erkannte von der Stadtstruktur gar nichts. Man war ich sauer!

Um 20.30 Uhr ging dann mein Bus Richtung Melbourne, wo ich dann um 6.15 Uhr in der Früh ankam.

(Auszug aus einer Busfahrt, die anders lief als geplant)
"... Der Plan für die Busfahrt über Nacht ist perfekt durchgeplant im Kopf. Als einer der ersten einsteigen und sich gleich in eine der ersten Reihen setzen. Hat mehrere Vorteile: Man kann super Fernsehschauen, es hockt sich da vorne sich keiner zu dir, das heißt, man hat zwei Sitze zum hinlegen und kann perfekt schlafen, noch dazu laufen nicht dauernd Leute vorbei, die nach Hinten auf die Toilette müssen. Perfekt, so wird's gemacht: Einen Film anschauen, dann gemütlich 8 Stunden schlafen!
Beim Warten sehe ich dann schon, dass dies Überlegte sehr schwierig wird, da sehr viele mit dem Bus mitwollen. Dann der erste Dämpfer: Beim Einsteigen vergibt der Busfahrer die Sitzplatznummer, ich bekomme 9C, verdammt, fast ganz hinten. Und ich habe einen Sitznachbarn, das auch noch... OK, 9C ist der Fensterplatz. Aber ich Volldepp biete meinem Sitznachbarn den Platz am Fenster an, den er auch gleich annimmt. Ich brauche eigentlich das Fenster zum anlehnen, anders kann ich im Bus nicht schlafen. Verdammt. Dann muss halt die ganze Nacht Filme anschauen. Der Busfahrer erklärt beim Start, dass der Fernseher kaputt ist und somit nicht möglich ist, Filme laufen zu lassen. Ja super, das läuft ja super, die Busfahrt wird hart für mich, das ist jetzt schon klar! Als der Bus startet schau mich kurz um, ob vielleicht eine leere Reihe vorhanden ist, aber nichts. Gerade einmal zwei Sitze sind frei, bei einem sitzt ein Typ, der sich die ganze Zeit nur mit Asiatinnen unterhält und den 2. Sitz als Ablage für sein Essen benutzt. Und der andere freie Platz ist hinter mir, daneben sitzt ein Typ, der die ganze Zeit mit einer Lautstärke telefoniert, dass er den ganzen Bus damit unterhält. Und nebenbei dauernd ein Klacken: "BummGrrrrr" ! Keine Ahnung wo das herkommt und was es ist. Das schlimmste ist, wenn man dann mitzählt und herausfindet, dass das Geräusch alle 7 Sekunden kommt. Kurz aufgerechnet weiß ich, dass ich das Geräusch ziemlich genau 5.000 Mal hören werde, bis in Melbourne bin. Ich fange an mitzuzählen, nach Minuten und erst bei 60 oder so angekommen bin ich endgültig frustriert! Mein Sitznachbar schläft, und braucht nicht einmal das Fenster, sondern kann aufrecht im Sitz schlafen... Naja, gut das ich meinen Platz hergegeben hab. Ich überleg mir, ob mich in den Gang reinlegen soll: Doch der steht unter Wasser, weil anscheinend der Wassertank von der Toilette undicht ist und ein wenig Wasser aus der Toilettenraum durch den Gang fließt. Es hat sich alles verschworen gegen mich! Das einzige beruhigende ist, dass es auch andere Leute augenscheinlich so ergeht wie mir. Nach 3 Stunden Busfahrt hält der Bus an, und es steigt eine Person aus. Ich kann mein Glück gar nicht fassen, es ist mein Sitznachbar. Unglaublich, was hab ich für ein Glück! Jawohl! Ich hole sofort mein Kissen hervor, und mach es mir richtig bequem, und spüre eine Menge neidvolle Blicke im Bus, die auf mich gerichtet sind. Mir egal! Man wie bequem ist das denn?! Und sogar der Typ hinter mir hat mal nach Stunden aufgehört zu telefonieren. Was sind schon sehr anstrengende 3 Stunden gegen dieses Glück und die nächsten hervorragenden 7 Stunden! Mit dem Klacken döse ich ein wenig weg, wache aber nach 15 Minuten wieder auf, weil zu dem regelmäßigen Klacken ein unregelmäßiges Klicken hinzukommt... Nach 2 Minuten hab ich die Quelle ausfindig gemacht: Der Typ hinter mir spielt irgendein Spiel auf seinem Handy, mit Ton, natürlich. Oh man, was für ein Volldepp ist das denn, und wann ist endlich sein Akku leer, des kann ja nicht sein. Nach wiederum 20 Minuten bin dann wieder kurz vorm einschlafen, als plötzlich mein Sitz völlig hin und her geschüttelt wird: Mein Hintermann muss auf die Toilette und zieht sich schwerfällig an meinem Sitz hoch: Ich bin kurz davor, dass erste Mal in meinem Leben einen "Erstschlag" auszuführen. Und der Typ hätte es verdient!!! Und ich bin mir sicher, ich wäre nicht der erste, von dem der im Bus eine fängt! Wiederum bin ich kurz vorm Einschlafen und überlege mir gerade noch, ob ich jetzt die anderen Leute erst recht neidisch machen soll und sogar noch meinen Schlafsack auspacken und mich in den hineinzukuscheln soll, als der Bus das 2. Mal hält, 4 Leute steigen aus, einer steigt ein, und welchen Platz bekommt der Typ? Genau, den Platz neber mir! Verdammt. Und der steigt sicherlich nicht mehr aus. Das war es mit dem Liegen, jetzt ist wieder sitzen abgesagt. Dafür behalte ich meinen Fensterplatz. Aber irgendwie kann ich nicht mehr einschlafen, und zu allem Überfluss beginnt der Trottel hinter mir zu schnarchen, und als ob er mich indirekt ärgern will, sitzt er senkrecht in seinem Sitz und braucht seinen freien, zweiten Platz nicht. Man, bin ich sauer! Um halb 4 Uhr hält der Bus ein weiteres Mal, und ein Typ steigt aus. Und jetzt kommt der Vorteil des Nichtschlafens: Ich bemerke als Einziger (weil ich glaube, alle schliefen), dass dadurch eine Reihe frei wurde und lege mich sofort dort hin. Ich kann dann doch 2 ½ Stunden schlafen. Pünktlich um 6.15 Uhr kommen wir in Melbourne an, ich wache auf, gehe vollkommen verschlafen zu meinem eigentlichen Platz nach hinten, hole meinen Rucksack und steige aus, ohne daran zu denken, dass mein Reisepass im Sitz steckt. Des fällt mir dann 2 Stunden später beim Einchecken in ein Hostel auf, doch zu der Zeit ist der Bus schon längst wieder auf dem Weg zurück Richtung Canberra. Ohne mich, aber mit meinem Reisepass!

Das neue Parlamentsgebäude

Das neue Parlamentsgebäude

Achse über das alte Parlament zum War Memorial

Achse über das alte Parlament zum War Memorial

Auf dem "Dach"

Auf dem "Dach"

Altes Parlament mit dem "Aboriginal Tent" - Botschaft

Altes Parlament mit dem "Aboriginal Tent" - Botschaft

ANZAC-Promenade

ANZAC-Promenade

Gedenktafel im War-Memorial

Gedenktafel im War-Memorial

aktuelle Gedenktafel

aktuelle Gedenktafel

Canberra

Canberra

© Georg Holl, 2009
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Vom entspannten Liebesurlaub zur abenteuerlichen Männerreise in 2 Akten mit kurzem Zwischenspiel (Solo): 1. Akt: Schorsch und Claudi auf den Fiji-Inseln und in Neuseeland. Zwischenspiel: Schorsch von Cairns nach Melbourne 2. Akt: Schorsch und Piet über Australien und Indonesien quer durch Süd-Ost-Asien (Malaysien, Thailand, Kambodscha, Laos, Vietnam, China, Tibet, Bhutan, Nepal, Indien).
Details:
Aufbruch: 10.05.2009
Dauer: 7 Monate
Heimkehr: Dezember 2009
Reiseziele: Fidschi
Neuseeland
Australien
Singapur
Malaysia
Thailand
Laos
Der Autor
 
Georg Holl berichtet seit 15 Jahren auf umdiewelt.