Bis nach Südamerika und noch viel weiter.... :-)

Reisezeit: Juni 2011 - Juni 2013  |  von Matthias Juranitsch

Chile (Teil 2): Santiago de Chile, Valapraiso & Vina del Mar

22.01.2012 bis 02.02.2012

Hola und willkommen liebe Mitreisende!

Zunächst wiedermal ein ganz herzliches Dankeschön an all die lieben und positiven Rückmeldungen meinen Blog betreffend,...freu mich immer sehr darüber!

Nun aber zu dem,...weswegen ihr hier seit....

Sonntag ging's nach 14 Tagen Argentinien wieder zurück über die Grenze. Ziel: Santiago de Chile. Ich könnte euch jetzt erzählen, dass wegen idiotischer Grenzkontrollen die Busfahrt knapp 4 Stunden länger gedauert hat, tu ich aber nicht Um 8 Uhr abends kamen wir schließlich im Busterminal von Santiago de Chile an,....also eigentlich ist das nicht ganz korrekt, denn um genau zu sein standen wir um diese Zeit erstmal im Stau,.....locker 45 Minuten,....gerade mal 300 Meter vom Busterminal entfernt. Warum die Chilenen das machen, weiß ich nicht, aber so gut wie alle Busse aus Chile und Argentinien die nach Santiago fahren, kommen ungefähr zur gleichen Zeit, nämlich um 8 Uhr abends in Santiago an,....so scheint es zumindest,....und damit das Verkehrschaos perfekt ist und alle Busse wie wild durcheinander hupen (als ob das irgendwas bringen würde), sind auch die Abfahrtszeiten der Busse die Santiago verlassen, so schien mir zumindest, zur selben Zeit angesiedelt. Und so brauchten wir für die letzten 300 Meter rund 45 Minuten,.... abfahrende und ankommende Busse in einander gekeilt,...das ganze untermalt von einem Hupkonzert und herumfuchtelnden Terminal-Buseinweisern.

Santiago - Die Kathedrale

Santiago - Die Kathedrale

Santiago de Chile...... Hauptstadt....Metropole....

Andere Backpacker die ich auf meiner Reise traf meinten, Santiago sei nicht so spannend und 3 Tage würden locker reichten. Da ich aber sowieso alles derzeit eher langsamer angehe, blieb ich dann doch 6 Tage und weiß eigentlich nur Gutes über die Stadt zu berichten.

Santiago ist also die Hauptstadt von Chile. Im Bereich der Stadt leben rund 5,4 Millionen Chilenen, was ungefähr 40% der Gesamtbevölkerung entspricht,....also schon jede Menge Chilenos in dem Gebiet ansässig.

Die Stadt wurde 1541 vom spanischen Eroberer Pedro de Valdivia gegründet und noch im selben Jahr fast von der indigenen Bevölkerung niedergebrannt. Die Frau von Validivia köpfte 7 gefangene Mapuche-Indigene und warf deren Köpfe den Angreifern vor die Füße. Von dieser nicht gekannten Brutalität schockiert zogen sich die Angreifer zurück. Was über die nächsten Jahrhunderte folgte, war ein nicht enden wollender Krieg mit den Mapuche. Noch heute bestehen im tiefen Süden Probleme mit den indigenen Gruppen. Die Mapuche hatten zu Beginn der Auseinandersetzungen das Problem, dass sie in taktischer Hinsicht keine Ahnung hatten und ihnen auch ein hierarchisches System im Militärstil völlig fremd war. Aber über die Jahre bildeten sich hierarchische Strukturen und sie eigneten sich die Taktik der spanischen Eindringlinge an. Anfänglich von der Grausamkeit der Spanier wie gelehmt, dachten sich die Mapuche schließlich "Ha,...blöde Spanier,...das können wir auch" und schlugen mit der gleichen Brutalität zurück,...was folgte war ein psychologischer Krieg. Die Statue von Pedro de Valdivia am Plaza de Armas von Santiago zeigt Valdivia hoch zu Ross, aber ohne Zügel und Saumzeug am Pferd. Das Fehlen der Zügel gilt als Sinnbild für die Schwierigkeiten die Valdivia hatte die indigene Bevölkerung zu unterjochen.

Santiago liegt in einem Talkessel von hohen Bergen umzingelt,....was den Smog in der Stadt nicht gerade verhindert und so gibt es zwar zwei Aussichtshügel den Cerro Santa Lucia und den Cerro San Cristobal, aber man muss schon Glück haben, um nicht in einer Smogwolke stehend das Panorama der Stadt hustend zu genießen,...ein Glück das ich hatte

alt trifft neu,....Spiegelbild der Kathedrale im gegenüberliegenden Bürokomplex

alt trifft neu,....Spiegelbild der Kathedrale im gegenüberliegenden Bürokomplex

Reiter ohne Zügel - Pedro de Valdivia

Reiter ohne Zügel - Pedro de Valdivia

Plaza de Armas

Plaza de Armas

Ich quartierte mich im schönen Barrio (=Bezirk) Bellavista im La Ruca Hostel ein,...ein modernes gemütliches Hostel, welches mir von mehreren Reisenden empfohlen wurde. Bis auf einen unorganisierten BBQ Abend gab es bei diesem Hostel nichts auszusetzen (sauber, gute Betten, großartige Angestellte). ...aber der BBQ Abend der ging mächtig in die Hose.

Es hieß um 5.000 Pesos,...also rund 7,50 EUR,....all "you can eat and drink"- BBQ,...Startzeit 20 Uhr. "Lecker!" dachten wir uns,...sparten uns den Hunger für den Abend auf und freuten uns auf ein gutes BBQ. Die Jungs vom Hostel meinten es ja auch gut, waren aber absolut unorganisiert und überfordert. Pünktlich um 20 Uhr fanden sich die Hostelbewohner mit knurrenden Mägen im Innenhof des Hostels ein. .....????........kein Feuer,...kein Fleisch,...kein BBQ. Mit einer kurzen Entschuldigung wurde uns mitgeteilt, dass sich das BBQ "ein wenig" nach hinten verschieben werde. "Naja, südamerikanische Pünktlichkeit halt,...macht ja nix,....trinken wir halt einen Pisco Sour auf nüchternen Magen". Um 21:30 Uhr gab's dann schließlich und endlich mal Feuer,....um 22:00 dann auch endlich eine Glut,...."HUUUUNNNGGEEERRR!!!" .......3 Pisco Sour später, leicht beschwipst aber immer noch hungrig, gab's schließlich um 22:30 Uhr,....kurz vor hungerbedingten Revolten,....für jeden, quasi als Appetizer - ein kleines mickriges Würstchen und ein Stück Brot,....Salat nur für die ersten 10 Personen,...denn dann war der Salat aufgebraucht und es gab nix mehr. Die Appetizerwürstchen führten jetzt natürlich dazu, dass die Mägen meinten "Juhuu,...jetzt geht's loooos!" und sich für "All-you-can-eat" bereit machten. ...... der Grill war leer,...nix zu Essen,....also sattelten wir um auf Pisco mit Cola,.....2 weitere Pisco Cola später gab es um 23:00 Uhr ein mageres Flügelchen vom Huhn, kein Brot (denn das war schon als Appetizer aufgebraucht worden) , keine Beilagen und kein Salat....... ???...... "HUUUUUUUUUUNNNNGGGGEEEERRRRRR!!!!"........ Kurz bevor aggressive Übergriffe der Hostelgäste auf die Belegschaft stattfanden wurde ein großes Stück Fleisch auf den Grill geworfen,.....Problem: das Stück war so dick, dass der Brocken sicherlich an die 45 Minuten brauchen würde um gar zu sein. Die ersten Gäste holten sich bereits aus umliegenden Lokalen Pizzen und Empanadas,...andere gingen frustriert und hungrig schlafen. Um 00:05 gab es dann schließlich für jeden der bis zu diesem Zeitpunkt durchgehalten hatte und aufgrund der vielen Piscos noch stehen konnte ein kleines Stückchen (3x5 cm) Fleisch. BBQ ENDE!

Viele Gäste machten die Belegschaft darauf aufmerksam, dass das ja wohl nicht "All-you-can-eat" gewesen sein könne,....da jeder der Anwesenden "more-ge-eatet-hätte-wenn-more-ge-BBQed-worden-wäre". Die Beschwerden wurden zwar verstanden und teilweise auch zur Kenntnis genommen,....Ersatz gab's aber keinen und so gingen wir hungrig, dafür aber leicht beschwipst schlafen. Das Hostel is echt toll,....aber das mit dem BBQ würd ich mir ernsthaft überlegen

in the streets of Santiago,...breakdance  ....seeeehr coole Jungs!

in the streets of Santiago,...breakdance ....seeeehr coole Jungs!

Am ersten Tag in Santiago besuchte ich gleich mal den Mercado Central,... überwältigend kann ich euch sagen. Auf einer Fläche von gut drei Fußballstadien bekommt man so gut wie alles,....vom Duschbad bis zur Sojasauce, von der Riesenzucchini bis zum Riesenlachsfilet,...alles dabei,... und richtig günstig,.... ich meine günstig in chilenischen Pesos gedacht,... an Bolivien reicht's natürlich nicht ran. Die kommenden zwei Stunden waren von Reizüberflutung geprägt .... wie der Pavlowsche Hund vor mich hinsabbernd durchstreifte ich die Markthallen,.... sooooo viele lecker Sachen,... Meeresfrüchte, jede Art von Gemüse und Obst, geröstete Erdnüsse, getrocknete Früchte,... ein Shoppingparadies für jeden Möchtegern-Jamie-Oliver. Eigenartig war jedoch, dass mir die Verkäufer keine normalen Mengen verkaufen wollten. Ich musste immer mehrmals darauf hinweisen, dass ich ein Angebot von 5 Riesenzucchini um 80 Cent, 1 Kilo Shrimps um 6 EUR oder ein Lachsfilet in der Größe des Weißen Hai um gerade mal 10 EUR sehr verlockend finden würde, ich jedoch allein reisen würde, also OHNE meine chilenische Großfamilie (Frau Consuela plus meine 7 Kinder: Jorge, Carmela, Maria-Lucia, den Zwillingen Fernando & Federico, Enrique, und der kleinen Shakira ) und ich somit Haushaltsmengen vorziehen würde,.... Kopfschütteln und Unverständnis folgten mir durch die gesamte Markthalle. "Heute bei der Arbeit,...da kam so ein Gringo,...kannst du dir das vorstellen ?!?....der wollte nur EINE Zucchini und nur 20 dag Shrimps,......diese Gringos,...die sind schon sehr eigenartig!!!"

La Virgen de Santiago am Cerro San Cristobal

La Virgen de Santiago am Cerro San Cristobal

An einem Tag unternahm ich einen Ausfug auf einen der zwei Aussichtshügel. Es gibt wie gesagt zwei in der Stadt,...der kleinere Cerro Santa Lucia,... und der größere Cerro San Cristobal. Auf den San Cristobal Mirador führt eine Standseilbahn hinauf,.....wobei Standseilbahn sich jetzt ja eher nach Hochgebirgsbahn in den Tiroler Alpen anhört,....die "Standseilbahn" hier, legt gerade mal 200 Höhenmeter zurück.....oben angekommen kann man im größten Park der Stadt eeeelendslang dahin marschieren und bei guter Sicht das Panorama der Stadt genießen. Im Lonely Planet (von 2010!!!) steht, dass oben auf diesem Hügel eine Gondelbahn entlangfährt,...ein Erlebnis dass sich der Santiagobesucher nicht entgehen lassen sollte. Das diese Gondelbahn seit 3,5 Jahren wegen Budgetmangel außer Betrieb ist, ist der Lonely Planet Redaktion aber offensichtlich entgangen (wie so vieles Andere ) und so legte ich halt eine nette kleine Wanderung von 2 Stunden am Rücken des Aussichthügel zurück.

Cerro San Cristobal - Blick über Santiago,....der graue Nebel ist keine Linsentrübung meiner Kamera sondern Smog

Cerro San Cristobal - Blick über Santiago,....der graue Nebel ist keine Linsentrübung meiner Kamera sondern Smog

....mit der Standseilbahn in luftige Höhen,...hinauf auf den Cerro San Cristobal

....mit der Standseilbahn in luftige Höhen,...hinauf auf den Cerro San Cristobal

Der kleinere Aussichtshügel erinnert stark an den Schloßberg in meiner Heimatstadt,....mitten im Zentrum, klein, aber mit großartiger Aussicht über die Stadt. Der Cerro Santa Lucia, so hübsch er auch ist, hat jedoch eine Sache die nervt. Alle Verliebten, die offensichtlich kein Zuhause haben, kommen hierher um Händchen zu halten, wie wild herumzuknutschen, herumzufummeln oder was weiß ich was zu machen...... man stolpert jedenfalls ständig über irgendwelche ineinander verschlungenen Pärchen. "Love is in the air" vor mich hin pfeifend durchstreifte ich in aller Kürze den Hügel und war erleichtert ohne Geschlechtskrankheit am anderen Ende den Park wieder zu verlassen (ookayyy,....so arg war's dann auch wieder nicht )

...der Eingang von Cerro Santa Lucia

...der Eingang von Cerro Santa Lucia

...am Cerro Santa Lucia

...am Cerro Santa Lucia

....und der Blick vom Cerro Santa Lucia

....und der Blick vom Cerro Santa Lucia

In Santiago empfiehlt es sich eine der auf Trinkgeld basierenden Citytouren mit zu machen. Studenten die einem viel über die Stadt berichten können, gehen jeden Tag mit einigen Touristen im Schlepptau durch die Straßen und zeigen die Sehenswürdigkeiten der Stadt. Dabei erfährt man so einiges, dass nicht in den Reiseführern steht.

Neben den historischen hardfacts erfuhr ich so auch , was in Santiago die "Happy Minute" ist. Mitten im Finanzviertel,....zwischen Banken, Regierungsgebäuden oder medizinischen Einrichtungen gibt es Cafés die von außen eigentlich ganz normal aussehen. Die Cafés heißen Café con piernas, was so viel wie Café mit Beinen heißt. Die vor einigen Jahren praktizierte ursprüngliche Form der Happy Minute war folgende: Zur Mittagszeit ging der biedere Bankangestellte oder lüsterne Regierungsmitarbeiter mit seinen Kollegen auf einen schnellen Mittagskaffee ins Café um die Ecke. Zu einer unbestimmten Zeit zog der Cafébesitzer die Rollläden des Cafés hinunter,.....genau für 60 Sekunden. In diesen 60 Sekunden tanzten die Kellnerinnen der Bar (alle recht gutaussehend) oben ohne auf den Tischen im Café,....je nach Trinkgeld bzw Zahlungswilligkeit der Gäste ging auch mehr. Nach genau 60 Sekunden war der Spuck vorbei und das Café wieder ein Kaffeehaus wie jedes andere. Niemand wusste zuvor, ob und wann eine Happy Minute stattfinden würde, aber dieser Tradition wurde quasi täglich nachgekommen und gehörte voll akzeptiert zu Santiago. Mittlerweile sind die Cafés von außen an den abgedunkelten Scheiben zu erkennen und die Happy Minutes sind seltener. In den Cafés gibt es auch nur Kaffee,....kein Alkohol,....es handelt sich auch nicht um Peep-Shows oder Bordelle,...es gibt also keine offene Prostitution. Unser Guide meinte verschmitzt grinsend: "Wer einen guten Kaffee haben will,....ich kann diese Cafés nur empfehlen,....verbringt aber nicht euren ganzen Santiagoaufenthalt in einem Café in der Hoffnung eine Happy Minute zu erleben,.....denn ob und wann eine Happy Minute stattfindet, kann keiner sagen,....das liegt im Entscheidungsbereich des Besitzers". Eine hübsche wohlgeformte Kellnerin schoss bei unserem Vorbeigehen aus einem der Cafés und lud uns ein doch alle einzutreten. Unsere Gruppe, von annähernd 40 Touristen, ging jedoch hinter unserem Guide einfach weiter,... die Mädchen in der Gruppe schubsten ihre Freunde vorwärts,...zerrten sie von den Cafés weg... "Du magst doch gar keinen Kaffee,...du trinkst doch immer nur Tee!". Die Jungs in der Gruppe schauten im Weitergehen verträumt zur winkenden Kellnerin zurück.

Präsidentenpalast "La Moneda",....während des Putschs 1973 von Militärmaschinen beschossen....

Präsidentenpalast "La Moneda",....während des Putschs 1973 von Militärmaschinen beschossen....

...ein bisschen Kunst muss sein,....Museo Bella Artes....

...ein bisschen Kunst muss sein,....Museo Bella Artes....

Bei der Tour kommt man auch am alten Parlament vorbei,....gegenüber liegt das Justizgebäude. Mittlerweile befindet sich der Regierungssitz nicht mehr in Santiago, sondern im 2 Stunden entfernten Valparaiso,...aber zu Zeiten Pinochets wurden hier die Geschicke des Landes gelenkt. Auf einer Gebäudefront zwischen Parlament und Justizgebäude wurde ein Graffiti angebracht. Es zeigt das Parlament, das Justizgebäude und dazwischen einen Fluss aus Blut der in die Armenviertel reicht,.....ein Mahnmal, ein Hinweis, eine Anklage,...an schlimmere Zeiten in Chile.

Alle anderen interessanten Plätze zu erzählen würde jetzt den Rahmen sprengen,...aber wie gesagt, .....so eine Citytour zahlt sich echt aus.

Parlament,...Justiz,....ein Fluss aus Blut aus den Armenvierteln kommend,..... Erinnerung an schlechtere Zeiten in Chile

Parlament,...Justiz,....ein Fluss aus Blut aus den Armenvierteln kommend,..... Erinnerung an schlechtere Zeiten in Chile

An einem Nachmittag besuchte ich die Gedenkstätte "Londres 38". Es handelt sich dabei um eines der Folterhäuser, die es während der Diktatur im ganzen Land gab,... mitten in Santiago,...umringt von Luxushotels. Londres 38 ist heute als leeres Haus eine Gedenkstätte, ein Mahnmal für die Folter die während der Diktatur verübt wurde. Das Haus ist leer,...es zeigt keine Folterwerkzeuge,....braucht es auch nicht,....in der architektonisch netten Villa spürt man geradezu das hier Geschehene. Der dort beschäftigte Historiker nahm sich netterweise mehr als eine Stunde Zeit mir vieles über die Zeit der Diktatur zu erzählen und mit mir darüber zu diskutieren. So berichtete er mir zB folgendes:

Überlebende von Londres 38 erzählten Gleichgesinnten über dieses Folterhaus und so wurden die Gerüchte um das Bestehen von derartigen Einrichtungen immer lauter. Es hieß in Londres 38 verschwinden Menschen,...werden gefoltert,...und manche kehren nie aus dem Haus zurück. Die Pinochetregierung änderte daraufhin die Hausnummer von Londres 38 auf Londres 40.
"Es gibt kein Haus in der Straße Londres mit der Hausnummer 38,....nur eines mit der Nummer 40 und eines mit der Nummer 36,.... alle Gerüchte um Folter und Mord sind genauso erlogen wie die Existenz eines Hauses mit der Nummer Londres 38".... so arbeiten Diktaturen.

Interessiert an der Geschichte dieses Landes besuchte ich eines Tages das Museum "La Casa de la Memoria y derechos humanos",.... für mich DAS BESTE Museum in meinen bisherigen 8 Monaten in Südamerika,... ein Museum der Zeitgeschichte,... aufwühlend,... emotional,... erschreckend,... aber auch Hoffnung gebend und zuletzt erfreulich. Leider gibt es von diesem Museum keine Fotos,... denn wie so oft hieß es auch hier "Fotografieren verboten!".

Dieses Museum behandelt die Zeit der Pinochetdiktatur mitsamt der Menschenrechtsverletzungen. Sinn des Museums ist es das Geschehene nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Das Museum zeigt Zeitungsberichte, Fotos sowie Film- und Audioaufzeichnungen (mit englischem Untertitel), die sich mit der Diktatur von deren Beginn am 11. September 1973 bis zu deren Ende 1989 auseinandersetzen.

Im ersten Stock sieht man zunächst den Tag des Putsches,...den 11. September 1973. In der Früh dieses Tages nahmen Kriegsschiffe im Hafen von Valparaiso Stellung. Über den Tag verstreut riss in weiterer Folge das Militär die Macht an sich. Regierungsgebäude, Zeitungen, Radiostationen wurden systematisch eingenommen und von der Außenwelt abgetrennt. Im Museum kann man die letzte Rede vom Präsidenten Allende ans chilenische Volk hören,....eine sehr mitreisende und großartige Rede,....vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass Allende zur Zeit zu der er die Rede aus dem Stegreif hielt unter einem Schreibtisch im letzten sendenden Radiosender in Santiago saß,....während der Putsch in vollem Gange war. Allende verabschiedete sich am Ende der Rede von Volk und Vaterland,.....einige Stunden später setzte er sich im von Militärflugzeugen zerschossenen Präsidentenpalast "La Moneda" die Pistole an den Kopf und drückte ab.

Man sieht in weiteren Filmberichten die erste Erklärung der Militärjunta rund um Pinochet,... danach Filmberichte über die ersten Verhaftungen in den Tagen nach dem Putsch,... Bilder mit erschreckender Polizeigewalt. Wie berichtet gab es in der Zeit der Diktatur Folterhäuser in ganz Chile,... in den ersten Tagen und den folgenden 26 Jahren verschwanden Gegner des Regimes in solchen Häusern,... wurden gefoltert,... viele kamen nie zurück. Der zweite Teil des Museums beschäftigt sich genau mit diesem dunklen Teil der Geschichte. In Beschreibungen erhält man einen bedrückenden,... ja emotional belastenden Einblick über die angewandten Foltermethoden. Überlebende berichten in Filmberichten über die schlimmsten Stunden ihres Lebens. Gefangene wurden auf Metallbetten gefesselt,... danach wurde Strom durch die Betten und so durch die Körper der Gefolterten gejagt,... mit dem Hammer wurden Knie, Hände und andere Körperteile zertrümmert,... diverse Gegenstände wurden in Körperöffnungen, unter die Haut oder unter die Fingernägel getrieben,... dieser Bereich des Museums ist sehr schwer zu vertragen. Am schlimmsten fand ich das auch Kinder und Jugendliche von der Folter nicht verschont wurden. Kinder wurden vor den Augen ihrer Eltern oder Großeltern gefoltert,... Eltern im Beisein ihrer Kinder,... die wohl schlimmste psychische Art der Folter.... Funde von Kinderleichen und Leichen von Jugendlichen,... keine Seltenheit.

An diesem Punkt im Museum ist man am Tiefpunkt,... man kann bei all den Bildern, Filmen, Zeitungsberichten nicht glauben,... nicht verstehen,... man will es nicht glauben, was Menschen anderen Menschen antun können.

Im zweiten Stock: Nachdem immer mehr Menschen von der Bildfläche verschwanden gingen deren Angehörige auf die Straße,... sie fragten offen wo ihre Angehörigen sein. Filmberichte in denen man verzweifelte Gesichter der Angehörigen sieht,... fragend,.... die Polizei löste derartige Versammlungen rasch auf. In kirchlichen Kreisen bildeten sich in den folgenden Jahren etliche Hilfsorganisationen die den Angehörigen Trost bieten und bei der Suche nach ihren Angehörigen helfen sollten.

Ein weiterer Teil des 2. Stocks beschäftigt sich mit der Militär- bzw. der Polizeigewalt. Etliche Filmberichte lassen einen erschaudern.

  • Studentendemonstration in Santiago - die Polizei stürmt auf die Menge mit Schlagstöcken zu,... rohe Gewalt

  • Demonstration in Santiago - Eine vorbeigehende junge Frau wird von einem Polizisten aufgefordert anzuhalten,.... als sie dem nicht nachkommt zieht der Polizist die Pistole und schießt ohne Warnung auf die junge Frau,...diese kommt nur knapp mit dem Leben davon.

  • 1986: Ein Studentenpärchen wird in einem Vorort vom Militär aufgehalten,....halb bewusstlos verprügelt,....danach werden beide mit einer brennbaren Flüssigkeit besprüht und in Brand gesetzt. Die Soldaten wickeln beide in Tücher und werfen sie nach 7 Kilometer am anderen Ende von Santiago aus dem Auto in den Straßengraben. (mehr dazu in einem Bericht im Spiegel 32/1986)

  • uvm.


Filmberichte zeigen wie die marode wirtschaftliche Lage des Landes weite Teile der Bevölkerung hungern lässt. In ländlichen Regionen formen sich in den Dörfern Suppenküchen. Jeder trägt was bei,...dass was er eben beitragen kann. Eine Jugentliche wird gefragt wann sie zuletzt gegessen hat,..."Gestern,...einen Teller Suppe,..... es gibt jeden Tag nur Suppe,...einen Teller,....Montags mit Mais,....Dienstags mit Kartoffeln,......usw" Sonst nichts,...... über Monate,...eine Suppe täglich,...mehr nicht.

Ich brauche, glaube ich, nicht dazu sagen, dass einen all diese Berichte ziemlich mitnehmen.

Das Museum heißt "La Casa de la memoria",.... mit dem Ziel das Geschehene nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Im zweiten Stock wurde ein Balkon errichtet,...eine stille Glaskuppel die ins Museum hineinragt. In der Kuppel eine schlichte Bank. Wenn man sich dort hinsetzt, umgeben von Stille, blickt man auf die gegenüberliegende Wand des Museums. An dieser Wand hängen hunderte von Bildern,... Bilder von Opfern der Diktatur,... jeden Alters, jeden Geschechts.....

Wer sich darauf emotional einlässt blickt in Gesichter von Menschen die in einer Diktatur ums Leben gekommen sind,... wegen ihrer Überzeugung, ihrer politischen Stellung, ihres Widerstands. Die Bilder der Opfer geben der schrecklichen Zeit Gesichter,... man redet nicht mehr anonymisiert von "den Opfern",... man sitzt ihnen gegenüber,... sieht ihre Gesicher,... leere Bilderahmen für jene, deren Schicksal (noch) unbekannt ist.

Der letzte Teil des Museums zeigt die Wende. Nach der emotionalen Talfahrt der letzten 3 Stunden geht es bergauf. In weiteren Berichten sieht man wie Studenten trotz der Brutalität,... trotz der drohenden Folter immer wieder gegen das Regime auf die Straße gehen. Eine Courage die ich überwältigend finde. Pinochet englitt Chile langsam aber sicher,....von sich irrtümlich überzeugt genehmigte er dennoch eine Volksbefragung 1988. Die Frage: Wollen Sie eine weitere (8 jährige) Amtszeit von Pinochet? (Der Diktator war davon überzeugt, dass Volk stehe geschlossen hinter ihm)

In einem rund 20 Minütigen Film sieht man die Werbefilme der Pro und der Contra Pinochetparteien. Die linken Parteien schlossen sich in der Hoffnung auf Sieg zu einem Bündnis zusammen,....EIN linkes Bündnis gegen Pinochet. Der Schlachtruf in den Werbefilmen: "Voy a decir que NO!" (Ich werde NEIN! sagen). Natürlich gab es auch Werbefilme von den Pinochetanhängern,....die jedoch ein Bild in den Werbefilmen zeigen,... über ein Chile, dass nicht dem zu gleichen scheint, dass man in den Nachrichtenberichten zuvor gesehen hat. Die Schlussminuten des Films zeigen eine Wahlzentrale des linken Bündnis,....erste Hochrechnungen sagen einen Sieg Pinochets voraus,..... zuletzt - das Endergebnis: 53% NO - 47% SI... das Volk hat gesprochen,.... Pinochet ist Geschichte... ein Jubel,...Menschen umarmen sich,....auf den Straßen Santiagos und der restlichen Städte tanzen tausende Menschen im Freudentaumel,....die Diktatur hat ein Ende. Am Ende dieses Films,...Gänsehaut,.....nach den erschreckenden Berichten im Museum,....ein Ende dass einen zuversichtlich stimmt,... einen zum smilen bringt,... einen glücklich macht, dass das Grauen das man in den Berichten gesehen hat oder über das man gelesen hat (zumindest hier) ein Ende hat.

Nach ganzen 4,5 Stunden verließ ich das Museum mit einem positiven, zufriedenen Eindruck,....aber dass Wissen,...der Eindruck,.... der Schrecken,....über diese schrecklichen Berichte der Diktatur bleiben und haben mich sehr bewegt,....bewegen mich noch heute.

ein Pferd mitten in Santiago (vor dem Museo de Arte Contemporaneo)

ein Pferd mitten in Santiago (vor dem Museo de Arte Contemporaneo)

Nach 6 Tagen verließ ich schließlich Santiago in Richtung Valparaiso, an der Küste ca. 2 Stunden von Santiago entfernt gelegen. Valparaiso ist eigentlich eine hässliche Hafenstadt,...oder besser gesagt es WÄRE eine hässliche Hafenstadt, denn die Stadtregierung lässt etwas zu, dass die Stadt absolut genial erscheinen lässt. Jedem Graffitikünstler ist es gestattet in der Stadt Hauswände zu besprühen. Und so erhebt sich in den Hügeln an der Küste eine knall bunte Stadt. Häuser in rot, orange, blau, grün, und ich weiß nicht was für Farben tauchen die Landschaft in ein buntes mosaikartiges Muster.

The Colours of Valparaiso

The Colours of Valparaiso

...die Straße zum Hostel

...die Straße zum Hostel

...und bei Nacht

...und bei Nacht

...stylische alte Omnibuse

...stylische alte Omnibuse

Jetzt kennt man ja die "tollen" Graffitis an den Hauswänden in Österreich. Irgendwelche verschnörkselten , nicht sehr einfallsreichen Schriftzeichen,....einfärbig,....eher Vandalismus als Kunst. Was man in Valparaiso an den Häuserwänden entdeckt ist einfach nur genial,.... richtig geniale Bilder,...aber seht euch die Fotos an und beurteilt selbst.

In der Stadt, die UNESCO Weltkulturerbe ist, gibt es Aufzüge "Ascensors",...kleine Standseilbahnen die einen auf höhere Ebenen der Stadt bringt. Ebenfalls bunt bemalt wird deren Sicherheit jedoch von den Außenministerien Europas und USA etwas in Frage gestellt,....folgen halt nicht dem gleichen strengen europäischen bzw amerikanischen Reglement. Von der Benutzung dieser Aufzüge wird daher auch abgeraten,...obwohl mir kein Unfall bekannt ist. Wir ließen Empfehlung, Empfehlung sein und fuhren natürlich mit einer dieser Bahnen hoch. Nichts spannendes, aber trotzdem recht nett,....und ich wusste ja schon vor Monaten bei meiner Planung, als ich Fotos von diesen Aufzügen sah,...."Das machst!". Die Aufzüge wurden zwischen 1883 und 1912 errichtet. Leicht abenteuerlich steht man in den Kabinen auf Holzbrettern,...durch die Fugen sieht man das Zugkabel und die Führungsschiene,....nach knapp 5 Minuten ist der Spass schon wieder vorbei.

der berühmteste Aufzug "Ascensor Artilleria" aus dem Jahr 1893

der berühmteste Aufzug "Ascensor Artilleria" aus dem Jahr 1893

...oben angekommen, der Blick zurück...

...oben angekommen, der Blick zurück...

jump #18

jump #18

Auf der höheren Ebene angekommen erstreckt sich Valparaiso bunt und lebendig unter einem und man sieht in der Ferne die Strände von Vina del Mar und Renaca. Nachdem die Temperaturen angenehme 30 Grad aufwiesen gingen wir dann auch einige Male im benachbarten Luxusbadeort der Chilenen Vina del Mar und dem daneben liegenden Renaca zum Strand,....Sonnenbrand inklusive .

Blick über Valparaiso

Blick über Valparaiso

...und den Hafen,.....hinten ganz klein die Strände von Vina del Mar und Renaca

...und den Hafen,.....hinten ganz klein die Strände von Vina del Mar und Renaca

Von Valparaiso, Vina del Mar und Renaca gibt's nicht so viel zu berichten,...ich genoss die Tage in dieser Gegend, lag am Strand, schlug mir den Bauch mit Completos (Hotdog mit Guacamole, Mayonese und Tomaten,....super lecker!) und Choripan (Bratwurst im Brötchen,...also eigentlich auch ein Hotdog ) voll, genoss die frischen Fruchtsäfte am Strand von Vina del Mar und Renaca und hatte Spass am Nachtleben in Valparaiso.

Strand on Vina del Mar

Strand on Vina del Mar

Künstler am Strand von Vina del Mar zeigen ihre Fähigkeiten im "Sandburgnbauen"

Künstler am Strand von Vina del Mar zeigen ihre Fähigkeiten im "Sandburgnbauen"

...der Strand von Renaca

...der Strand von Renaca

Am 2. Februar brach ich dann aber schließlich doch nach Pucon im Lake District von Chile auf,....meine Pläne dort: Besteigung des Vulkan Villaricas, Besuch des Nationalparks Huerquehue, Rafting,...und was sonst noch Spass macht.

Mehr davon wenn ihr mich wiederseht,...ihr müsst unbedingt gucken wie's weitergeht
(Grad noch die Kurve gekratzt,...ich dachte schon ich bring heute gar keinen Film oder eine Fernsehserie aus meiner Jugend unter ....hoffe ihr erinnert euch noch an "Es war einmal der Mensch",....die Schlussworte vom weißbärtigen Mann)

Liebe Grüße

Euer Matthias

und zum Abschluss: der hässlichste Hund von Mittelchile

und zum Abschluss: der hässlichste Hund von Mittelchile

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Ab Juni 2011 geht es einmal um die Welt,...so ist zumindest der Plan,…wie lange es tatsächlich dauert und wo es dann überall hingeht wird sich noch zeigen... Dieser Blog ist für alle, die wissen wollen wo auf der Welt ich mich gerade rumtreibe und was ich dort so erlebe. Das erste Jahr in Südamerika ist leider schon vorüber,...aber im Herbst geht's sofern alles klappt weiter in Richtung Asien und Ozeanien ,-) Freu mich natürlich über Nachrichten im Guestbook. Viel Spass beim „Mitreisen“!
Details:
Aufbruch: 15.06.2011
Dauer: 24 Monate
Heimkehr: Juni 2013
Reiseziele: Ecuador
Cotopaxi
Peru
Bolivien
Chile
Argentinien
Paraguay
Uruguay
Brasilien
Österreich
Der Autor
 
Matthias Juranitsch berichtet seit 10 Jahren auf umdiewelt.
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