Szenen aus Vietnam

Reisezeit: Mai 2014  |  von Misch und HO :-)

Szene 15 - Vorwärts mit der Vergangenheit

Irgendwie nimmt das hier alles sozialistische Züge an...

Wie gesagt, unser Transfer nach Mui Ne war mit dem Nachtzug geplant.

So warteten wir denn auf unseren Zug. Und warteten. Laut Plan sollte er ja um 21.58 ankommen und um 22.13 weiterfahren. Aber Planung ist das halbe Leben, die vietnamesische Realität die andere Hälfte. Um 22.50 kam der Zug dann endlich an. Die Reisenden verteilten sich in alle Richtungen und bestiegen ihren entsprechenden Wagon.

In weiser Voraussicht, dass es mit unserem Gepäck ein wenig eng werden könnte, haben wir zwei Softseat Liegebetten reserviert. Und auf anraten unserer überaus geschätzten Reisebürofachberaterin dann gleich noch zwei Betten dazu, damit wir das ganze Abteil für uns haben. Ein wenig Luxus darf ja auch mal sein.

Luxus? Ähem... der sieht aber anders aus. Schon als wir den Wagon - NUMMER 10 ÜBRIGENS - bestiegen haben, zog uns ein strenger Geruch in die Nase, das WC stank bis in den Gang. Zudem war es alles anderes als nur dreckig. Es war sehr sehr dreckig. Aber das sind Details, schliesslich ging es primär darum, das gebuchte Abteil zu finden. Dass die Fenster am Gang nach aussen hin vergittert waren, schuf zwar nicht gerade eine heimelige Atmosphäre, aber störte nicht weiter. Was allerdings etwas mehr störte, war das Abteil, welches für die kommenden 13.5 Stunden unsere Herberge sein sollte.

In einem Satz ausgedrückt: Sozialistischer Charme aus den 60er Jahren, vollvergittert und wohl mit den verschiedenen Tieren von Bettwanzen über Flöhe bis hin zu - daran wollen wir gar nicht erst denken - verseucht. Optisch zumindest.

Alleine der Gedanke, auf diesen Betten zu schlafen war doch ein wenig verstörend. Doch zum verzweifeln blieb keine Zeit, brachte der freundliche Wagonschaffner doch just in diesem Moment zwei neue Bettlaken für uns. So war es wenigstens gefühlt ein wenig angenehmer. Nachdem wir unser Gepäck auf den oberen Betten verstaut hatten (woanders war auch definitiv kein Platz dafür), die Kopfkissen mit den Hemden eingekleidet waren, die wir auf dem Hinflug nach Vietnam getragen haben und die festgeklebten Plastikblumen ein wenig zurechtgezupft waren, sah das ganze doch schon recht heimelig aus.

Der erst Schock war überwunden und ein kleiner Whisky Cola reichte aus, um uns mit der Situation anzufreunden. Um die Situation noch etwas erträglicher zu machen, beschlossen wir das Rauchverbot zu ignorieren, bastelten für unser vergittertes Fenster eine Art Öffnung und rauchten wie die Nachtbuben heimlich und kichernd eine Zigarette durch den Spalt in die Freiheit.

Beim ersten Halt, ca. 30 Minuten später, wollten wir legal eine Zigarette rauchen gehen, der Schaffner jedoch bedeutete uns, dass die Zeit zu knapp wäre und wir doch bitte da rauchen sollen, wo es erlaubt wäre. Genau dort, wo die Aschenbecher im Vorraum (also vor unserer Nase) hingen... Ja, so geht es auch...

So verbrachten wir die eine oder andere Stunde, redend, schreibend oder Bilder sortierend, bis wir beschlossen, dass es Schlafenszeit wurde. Mit ein wenig Mühe schliefen wir auch sofort ein, jeder das eine oder andere Mal kurz aufwachend um sich zu vergewissern, dass das Abteil kein Albraum war. Und in der Tat, mit jedem aufwachen fühlte es sich ein kleines Stück besser an...

Morgens um 8.00 h weckte uns der Schaffner um uns mitzuteilen, dass wir Nha Trang erreichen würden und es Zeit war aufzustehen um auszusteigen. Kleines Missgeschick, da wir ja eigentlich nach Mui Ne wollten.

Nun, so waren wir wach und kauften in Nha Trang etwas frisches Brot am Bahnsteig und während Misch seinen geschundenen Körper noch einmal wendete, schrieb Ho an diesem Blog. Bald übermannte ihn jedoch der Hunger und nachdem er langsam und leise die Tüte mit dem Brot geöffnet hatte, war Misch auch sofort wieder körperlich und geistig voll anwesend. Woher der das nur immer weiss?

So bestrichen wir das frische Brot mit unseren in Hoi An erstandenen "la vache qui rit" Käse mit unserem in Hoi An erstandenen Messer (übrigens nur 20'000 Dong statt 100'000 Dong, welche die erste Marketenderin uns abzocken wollte) und genossen ein wundervolles Frühstück. Und weil eines nicht genug war, genossen wir gleich noch ein zweites, etwas gummrigeres weil von gestern, Brot und machten uns auf einen Verdauungsspaziergang in Richtung Wagen elf. EIN FEHLER!

Wagen elf unterschied sich dahingehend von unserem Wagen 10, als dass die Fenster nicht vergittert waren, die Wände mit sozialistisch braunem Holzimitat überzogen waren (was im Unterschied zu unserem schicken grau ein wenig wärmer wirkte und diese Abteile ein wenig freundlicher machte und in eben jenen Abteilen sogar etwas wie ein Klapptisch verfügbar war. Neid machte sich breit...

Solchermassen mit Wissen betraut, welches wir gar nicht haben wollten, gingen wir zurück in unseren sozialistischen Gefangenentransportwagon und warteten auf unsere Ankunft in Moung Man - dem nächsten Bahnhof von Mui Ne. Mit nur 45 Minuten Verspätung kamen wir sozusagen pünktlich an und wir wussten, wir sind nur noch eine Taxifahrt von Mui Ne entfernt (welche im Übrigen der ins Verhältnis gesetzt, teuerste Transfer dieses Urlaubs war).

Vor dem Aussteigen nahm der Schaffner uns noch zwei unserer vier Tickets ab, da wir ja eigentlich bis Saigon gebucht hatten, und er diese sicher meistbietend an andere gewillte Reisende weiterverschachern konnte.

Wir waren mittlerweile mit unserem Abteil auf Du und Du, hatten uns sozusagen angefreundet und fanden, dass es nach ein wenig Schlaf doch gar nicht mehr so schlimm war.

Innovatives Raucherloch...

Innovatives Raucherloch...

Abtöten und schönsaufen...

Abtöten und schönsaufen...

Schön schlafen....

Schön schlafen....

Tipp

Wer von Hanoi mit dem Zug in Richtung Süden fährt und den SE7 nimmt, hat eine sehr grosse Chance unseren Zug zu bekommen. Eine Decke für das Kopfkissen ist sicher von Vorteil, und ein kleines Literfläschchen Sagrotan oder Cillit Bang kann Wunder bewirken.
Der geneigte Reisende möge jedoch beten, dass er nicht Wagen 10 bekomme. Sollte es derselbe Zug sein, den wir hatten, so ist dies nicht die beste Wahl!

Die freundliche aber nette Nachfrage ob den in Wagen elf noch etwas frei sei gibt Euch eine Chance wenigstens etwas aus dem Fenster zu sehen.

Diese Angabe ist natürlich ohne Gewähr, schliesslich kann es sein, dass in jedem anderen Zug Wagen 11 im Herzen eine 10 ist...

© Misch und HO :-), 2014
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Zum Routing: Flug von Zürich nach BKK mit Swiss, Weiterflug nach Hanoi. Zwei Nächte Hanoi, eine Nacht Halong Bay, Flug nach Hue, zwei Nächte dort. Transfer nach Hoi An, hier vier Nächte, dann der Nachtzug nach Mui Ne. Nach zwei Nächten dort irgendwie nach Ho Chi Minh City gelangen, zwei Nächte in Saigon verbringen. Dann nach BKK fliegen, auf ein Feierabendbierchen mit Cyrill gehen, übernachten und powershoppen; zuletzt dann noch der Rückflug mit Swiss nach ZRH.
Details:
Aufbruch: 01.05.2014
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 18.05.2014
Reiseziele: Vietnam
Thailand
Der Autor
 
Misch und HO :-) berichtet seit 12 Jahren auf umdiewelt.