Mit dem Zug nach Armenien und zurück

Türkei-Reisebericht  |  Reisezeit: August - Oktober 2019  |  von Caroline Gustke

4. Etappe: Ankara - Kars

Malerisches Anatolien

Der Zug fährt und fährt und fährt und als ich morgens aufwache, schlängelt er sich gerade an einem türkisfarbenden Fluss entlang durch die Täler hoher felsiger Berge.
In Iliç, der Provinz Erzican, wird ein dreistündiger Stopp eingelegt und ich nehme das Angebot wahr, mit dem Minibüs in das Bergdorf Kemaliye zu fahren, wo ich schon mal hier bin
Die Tour ist exklusiv für die Passagiere des Zuges (überwiegend türkische Touris) und der Preis erscheint mir zumindest für deutsche Verhältnisse angemessen. So richtig pauschaltouristisch werden wir etwa 45 Minuten durch die trockenen Berge bis zum türkusfarbenden Fluss XY gekarrt.
Zwischendurch sieht man immer wieder kleine weiße Fähnchen im Berg stecken - Markierungen für die Goldsucher, die sich in der Gegend immer weiter ausbreiten. Was das für die Umwelt und v.a. die reichen Wasserressoucen bedeutet, mag ich mir gar nicht vorstellen.
Zunächst schippern wir mit dem Motorboot 10 Minuten flussaufwärts durch eine Schlucht und wieder zurück. Es heißt, der Karalinïk Kanyon sei "der tiefste der Welt nach dem Grand Canyon". Ob die Info stimmt, weiß ich nicht, zumindest verkauft es sich besser. Tief ist der jedenfalls.

Hoch oberhalb des Flusses liegt das kleine alte Dorf Kemaliye, an dem einst die Seidenstraße entlang führte. Vermutlich gibt es deshalb gleich sieben Moscheen. Produziert werden hier insbesondere Honig, getrocknete Maulbeeren, eine spezielle Sorte Schafkäse und Bergkräuter für Tee.
Nach einem Spaziergang durch das Dorf und einem Çay (Schwarztee) geht es zurück zum Zug.

Die Landschaft Ostanatoliens sieht aus, wie in einem Bilderbuch. Für etliche Stunden fahren wir parallel zum Fluss durch ein viele Kilometer breites Tal, das auf beiden Seiten von hohen rötlich-felsigen Bergketten eingerahmt ist. Das Tal ist grün und vor allem Pappeln, Weiden und Obstbäume wachsen hier. Am Fenster ziehen Wiesen, Felder, große Rinderherden und Szenen idyllischer Landwirtschaft vorbei.

Ein weiterer Ausflug findet nahe des Ortes Erzican statt, wo wir einen durchaus recht beeindruckenden Wasserfall besichtigen, an dem die Einwohner*innen der Gegend gerne mit ihren Familien Picknick und Fotoshooting machen. Die Leute dort sind sehr herzlich und selbst die steinalte Oma versucht mit Händen und Füßen mit mir zu kommunizieren. Ich glaube, es kommen nicht sehr viele europäische Touris hier her .
Ganz in der Nähe wurden 2003 die Überreste eines uralten Tempels aus politheistischer Zeit ausgegraben, von dem vor allem ein toller Mosaikfußboden mit tierischen Motiven noch zur Hälfte erhalten ist. Leider sind alle dazugehörigen Erklärungen auf türkisch und Übersetzungen meiner Mitreisenden sind nur in Maßen zu gebrauchen.
Auf dem Rückweg halten wir noch kurz an einem Basar mit einem beeindruckenden Sortiment an traditionellen Kupferwaren, dem Stolz der Region. Außerdem füllen wir unsere Flaschen an einem sprudeligen Mineralwasserbrunnen auf. Daneben werden Simide (Sesamkringel) sowie in Flaschen schwimmende Blutegel verkauft (zu Gesundheitszwecken, nicht für aufs Brot ).

In Erzurum, der größten Stadt Anatoliens, ist aufgrund der Verspätung unseres Zuges und der bereits hereingebrochenen Dunkelheit nur Zeit für einen kleinen Spaziergang. Ich schließe mich einem Mädel namens Hande und ihrer Tante an, die aus Istanbul kommen, im gleichen Waggon reisen wie ich und die einen Blick auf die älteste Moschee der Türkei werfen wollen.

Viele Menschen in diesem Teil der Türkei sind sehr konservativ und die Religion hat einen sehr hohen Stellenwert.
Auffallend sind die vielen von Kopf bis Fuß schwarz verhüllten Frauen in den Straßen, die hier nicht wie gefährliche Aliens angestarrt werden, wie oftmals in Deutschland der Fall. Es ist einfach ganz normal; es gehört zum alltäglichen Straßenbild und das fühlt sich für mich auf eine Art sehr entspannend an. Hande schätzt, dass etwa die Hälfte der Frauen sich freiwillig so verhüllen, die andere tue es aufgrund familiären Drucks. Sie selbst kenne keine von ihnen persönlich, denn die sehr religiösen Leute bewegten sich in ihren eigenen Kreisen. An der Uni sei diese Form der Verhüllung nicht gern gesehen, auch wenn sie nicht strikt verboten ist. Dementsprechend schlagen also eher wenige Frauen aus sehr konservativen Familien einen höheren Bildungsweg ein, was wiederum stark zum Erhalt einer von Männern dominierten Welt beiträgt.

Während die Frauen immer nur von A nach B unterwegs zu sein scheinen, meist zu mehreren, sitzen die Männer gerne zusammen an der Straße bzw. vor kleinen Cafés und gucken meist teetrinkend in die Gegend. Hin und wieder auf der Reise habe ich versucht, aus erster Hand mehr über die Hintergründe dieser deutlich sichtbaren Geschlechtertrennung zu erfahren. Als Antwort bekam ich lediglich, dass die Menschen hier eben konsertvativ seien.
Ich fände es ehrlich gesagt sehr spannend, mal mit so einer verhüllten Frau eine Zugfahrt zu unternehmen... Ich habe so viele Fragen.

Altes Haus in Kemaliye.

Altes Haus in Kemaliye.

Beliebtes Ausflugsziel für Familien.

Beliebtes Ausflugsziel für Familien.

Aktuelle Reisegefährten: Müge & Buçin.

Aktuelle Reisegefährten: Müge & Buçin.

Was wäre ein Picknick ohne Samowar?!

Was wäre ein Picknick ohne Samowar?!

Plastikfreier Snack!

Plastikfreier Snack!

Ausgrabung in Erzican.

Ausgrabung in Erzican.

Kupferwaren aus Erzican.

Kupferwaren aus Erzican.

Blick in die älteste Moschee der Türkei.

Blick in die älteste Moschee der Türkei.

Und noch eine alte Moschee in Erzurum.

Und noch eine alte Moschee in Erzurum.

© Caroline Gustke, 2019
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Fliegen kann jeder - Zugfahren auch. Der Klimawandel macht mir Angst und mein bisheriger CO2-Fußabdruck ist erschreckend. Daher steht für mich fest: Bis Fliegen nachhaltig geht, wird nicht mehr geflogen! Nun ist die Reise - Pferdetrekking durch den armenischen Westen - schon lange geplant und so gehe ich das Wagnis ein, die etwa 5000 km pro Weg per Zug zurückzulegen, quer durch Europa und darüber hinaus - als Konsequenz von Erkenntnis, als Klimastreik und Selbstversuch.
Details:
Aufbruch: 26.08.2019
Dauer: 6 Wochen
Heimkehr: 07.10.2019
Reiseziele: Armenien
Rumänien
Türkei
Schweiz
Deutschland
Der Autor
 
Caroline Gustke berichtet seit 10 Jahren auf umdiewelt.
Aus dem Gästebuch (3/7):
Lena 1570654651000
Liebe Caro,
deine tollen Berich­te habe ich versch­lun­gen! Danke, dass ich auf diese Weise an deinem A­ben­teu­er teil­ha­ben konnte! Die Welt braucht Vi­sion­är/in­nen und Macher­/in­nen wie dich! Weiter so!
Für deine wei­teren Reisen alles Gute!
P.S. Im nächsten Jahr werde ich mit der Bahn in Urlaub fahren!
Gerhard Steimann 1570186766000
Hallo Ca­ro­li­ne, nach einem ersten Über­blick habe ich mir viel Zeit genom­men, um Deine Reise, bzw. Deinen Rei­se­bericht, auf mich ein­wir­ken zu lassen. Am Ende bleibt bei mir nur Stau­nen: über Deinen Mut, Deine Er­leb­nis­se, Deine Kontak­tfreu­de, Deine bil­dhafte Schi­derung, Deine be­ein­drucken­den Bilder! Danke, dass ich das lesen kon­nte.­
Lie­be Grüße von Gerhard
anonym 1569845136000
Oh wow­...was für ein toller, e­reig­nis­reicher und span­nen­der Rei­se­bericht. Danke dafür, habe ihn versch­lun­gen und Lust be­kom­men mit dem Zug mein nächstes A­ben­teu­er zu star­ten. Viele liebe Grüsse und bleib so wie du bist.