Mit dem Zug nach Armenien und zurück

Türkei-Reisebericht  |  Reisezeit: August - Oktober 2019  |  von Caroline Gustke

6. Etappe: Batumi - Yerevan

Spaziergang durch Batumi, singing in the rain...

Spaziergang durch Batumi, singing in the rain...

Wunderschöne georgische Keramiken.

Wunderschöne georgische Keramiken.

In Batumi verbringe ich den nächsten Vormittag mit einem Spaziergang im Regen; das Wetter durchkreuzt leider meinen Plan, einmal ins Meer zu springen. Dafür habe ich mehr Zeit, mir die Stadt anzuschauen. Sie ist keine wirkliche Schönheit, aber die Atmosphäre ist nett.
Sehr gewöhnungsbedürftig finde ich den halsbrecherischen Straßenverkehr. Als Faustregel gilt prinzipiell, dass alles in einem dynamischen Fluss bleiben muss, dann klappt das auch mit der Straßenüberquerung.
Sprachlich bin ich hier ziemlich aufgeschmissen, aber die Menschen sind sehr hilfsbereit und irgendwie weiß man sich schon zu verständigen.

Hier kannse Kippen kaufen gehn...

Hier kannse Kippen kaufen gehn...

Typischer "Supermarkt" in Batumi.

Typischer "Supermarkt" in Batumi.

Kathedrale in Batumi; gerade findet eine Taufzeremonie statt.

Kathedrale in Batumi; gerade findet eine Taufzeremonie statt.

Die letzte Etappe bis Yerevan lege ich in einem alten, sehr rustikalen Zug aus Sowietzeiten zurück. Es gibt Klappbetten, aber keine geschlossenen Abteile. Man läuft durch den vollgestopften Waggon und überall liegen Menschen herum. Aufgrund des Regens ist die Luft besonders stickig, es gibt nur wenige Fenster und der Zug ist bis auf den letzten Platz besetzt. Die Toilette ist ein Abenteuer für sich und wird aus hygienischen Gründen in den Bahnhöfen abgeschlossen...
Die Reise bis Yerevan dauert 15 Stunden - sie wird mir als eine der tollsten Fahrten überhaupt in Erinnerung bleiben!

In meiner Sitznische begegne ich zunächst ein paar sehr netten Reisenden aus Russland, die mit fünf Erwachsenen und sieben Kindern einen Monat lang mehrere Länder mit dem Zug bereisen. Natürlich ist das anstrengend, doch die Kinder wissen sich zu beschäftigen und lieben es, die Klapppritschen rauf und runter zu klettern, pausenlose Aufmerksamkeit von den Erwachsenen zu bekommen, Filme auf dem i-pad zu gucken und Sachen zu naschen, die es sonst nicht gibt. Den Rest der Fahrt verschlafen sie sowieso.
Wie auf allen langen Strecken sind die Passagiere ausgesprochen kommunikativ. Man hilft sich gegenseitig, das vorhandene Essen wird geteilt und es gibt georgischen Wein aus echten Tassen, die wir uns von unserem Schaffner ausborgen.
Europäische Touris gibt es hier eher wenige; die Reisenden in meinem Abteil kommen alle aus Armenien, Georgien oder Russland und ich komme mir fast ein bisschen exotisch vor, denn die Leute sind sehr an Gesprächen mit mit interessiert. Da ist eine armenische Familie und ein Mädchen, das sich über eine Gelegenheit zum Englisch Üben freut und später gesellt sich auch noch der Schaffner unseres Waggons dazu, der die Strecke zweimal pro Woche hin und zurück fährt und erzählt, dass die Stimmung unter den Passagieren immer ausgesprochen fröhlich sei. Zwischenduch betet er einzelne Wörter in allen erdenklichen Sprachen herunter, die er hier im Zug von den Leuten gelernt hat. Meine Gitarre kommt auch wieder zum Einsatz und es wird bis tief in die Nacht lebhaft in unterschiedlichen Sprachen erzählt (zum Glück habe ich zwei wunderbare Übersetzerinnen). Alle strahlen richtig vor Freude, in dem Augenblick dabei zu sein. Wir genießen das Leben buchstäblich in vollen Zügen.

Eine willkommene Gelegenheit, mal frische Luft zu schnappen.

Eine willkommene Gelegenheit, mal frische Luft zu schnappen.

Wer nicht strahlt, sind die armenischen Grenzbeamten; grimmige uniformierte Typen, die zu mehreren in den mittlerweile stillen Waggon kommen und sich mit einem kastenförmigen Gerät zwischen die Fahrgäste pflanzen, um nacheinander jeden Pass darin einzulesen und anschließend krachend zu bestempeln. Draußen umstellen Soldaten den Zug und leuchten ihn mit Taschenlampen ab. Das Ganze nimmt einige Zeit in Anspruch. Als die Fahrt fortgesetzt wird, verschwinden auch die letzten Nachteulen (wir) in unseren Kojen, um wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen.
Mit dem typischen tadam-tadam-Rhytmus des Zuges, den ich tatsächlich wirklich toll finde, bin ich fast sofort weggeschlummert. Als Decke hat jeder nur ein Laken bekommen und zuerst scheint selbst das schon zu warm, doch in der Nacht wird es so kalt, dass ich davon wach werde. Der Blick aus dem Zugfenster bei Sonnenaufgang gewährt einen Blick auf den majestätischen Berg Ararat mitsamt eingeschneiter Spitze.
Und so treffe ich am frühen Morgen des 3. September an meinem Reiseziel ein. Ich hab's geschafft und es ist eine fantastische Reise! Und in Wahrheit ist der Weg das Ziel.

Ararat.

Ararat.

Mit Lucina.

Mit Lucina.

Jetzt bin ich tatsächlich mit dem Zug von Deutschland nach Armenien gefahren. Das war doch eigentlich gar nicht so schwer. Es war sogar ziemlich grandios!
Nun steht die Expedition mit fernwind.de an; eine 9-tägige Trekkingtour zu Pferd durch den Südkaukasus. Ohne Internet und ohne Dusche, aber mit einer tollen, sehr kleinen Gruppe und netten Guides. Ich bin gespannt und werde natürlich anschließend berichten.

Jetzt bin ich tatsächlich mit dem Zug von Deutschland nach Armenien gefahren. Das war doch eigentlich gar nicht so schwer. Es war sogar ziemlich grandios!

Nun steht die Expedition mit fernwind.de an; eine 9-tägige Trekkingtour zu Pferd durch den Südkaukasus. Ohne Internet und ohne Dusche, aber mit einer tollen, sehr kleinen Gruppe und netten Guides. Ich bin gespannt und werde natürlich anschließend berichten.

© Caroline Gustke, 2019
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Fliegen kann jeder - Zugfahren auch. Der Klimawandel macht mir Angst und mein bisheriger CO2-Fußabdruck ist erschreckend. Daher steht für mich fest: Bis Fliegen nachhaltig geht, wird nicht mehr geflogen! Nun ist die Reise - Pferdetrekking durch den armenischen Westen - schon lange geplant und so gehe ich das Wagnis ein, die etwa 5000 km pro Weg per Zug zurückzulegen, quer durch Europa und darüber hinaus - als Konsequenz von Erkenntnis, als Klimastreik und Selbstversuch.
Details:
Aufbruch: 26.08.2019
Dauer: 6 Wochen
Heimkehr: 07.10.2019
Reiseziele: Armenien
Rumänien
Türkei
Schweiz
Deutschland
Der Autor
 
Caroline Gustke berichtet seit 10 Jahren auf umdiewelt.
Aus dem Gästebuch (3/7):
Lena 1570654651000
Liebe Caro,
deine tollen Berich­te habe ich versch­lun­gen! Danke, dass ich auf diese Weise an deinem A­ben­teu­er teil­ha­ben konnte! Die Welt braucht Vi­sion­är/in­nen und Macher­/in­nen wie dich! Weiter so!
Für deine wei­teren Reisen alles Gute!
P.S. Im nächsten Jahr werde ich mit der Bahn in Urlaub fahren!
Gerhard Steimann 1570186766000
Hallo Ca­ro­li­ne, nach einem ersten Über­blick habe ich mir viel Zeit genom­men, um Deine Reise, bzw. Deinen Rei­se­bericht, auf mich ein­wir­ken zu lassen. Am Ende bleibt bei mir nur Stau­nen: über Deinen Mut, Deine Er­leb­nis­se, Deine Kontak­tfreu­de, Deine bil­dhafte Schi­derung, Deine be­ein­drucken­den Bilder! Danke, dass ich das lesen kon­nte.­
Lie­be Grüße von Gerhard
anonym 1569845136000
Oh wow­...was für ein toller, e­reig­nis­reicher und span­nen­der Rei­se­bericht. Danke dafür, habe ihn versch­lun­gen und Lust be­kom­men mit dem Zug mein nächstes A­ben­teu­er zu star­ten. Viele liebe Grüsse und bleib so wie du bist.