Ein Segelsommer auf der Adria

Reisezeit: Mai - September 2009  |  von Thomas Lippert

4. Montenegro: Die Luft ist raus - unser Törn am Wendepunkt

Wir nähern uns dem Übergang von der Adria in das Ionische Meer. Detaillierte Gedanken, wie unser genauerer weiterer Verlauf der Reise sein wird, kommen auf. Welches sind die nächsten anzulaufenden Häfen? Wir stellen fest: die einzelnen Schläge werden länger, insbesondere in Albanien, dessen Häfen nicht so dicht gesät sind. In Cavtat (Kroatien) sagte mir der Hafenkapitän beim Ausklarieren bereits, dass diese Häfen sehr behutsam und mit äußerster Konzentration anzulaufen sind, da die Tiefenverhältnisse nicht 100%ig sicher seien. Leider haben wir kein Hafenhandbuch für Albanien, finden auch keines. Nicht in Kroatien und auch nicht in Montenegro. Wie wichtig solche Dinge, insbesondere für Crews mit nicht so ausgereifter Erfahrung sind, haben wir während dieser Tour erfahren. Der Hafenkapitän in Cavtat gibt mir den Rat, Albanien am besten nur mit einer Zwischenstation zu umfahren, allerhöchstens zwei Stationen. Bei Cleo's aktueller Marschgeschwindigkeit von fünf Knoten ist das Utopie. Und das ist auch nicht der Sinn unserer Reise.

Die BSH-Karte weist das Gebiet vor der albanischen Küste als Gefährliches Gebiet aus. Keine weitere Erläuterung. Claudia schaut mich skeptisch an: "Wo willst Du eigentlich mit mir hin?". Ich weiß selbst nicht, was die Bemerkung auf der Seekarte bedeutet und erkläre es mit "ganz alten Dingen von früher". Und nein, Piraten gäbe es da längst schon nicht mehr. Claudia stellt ihren Kopf etwas schräg, kneift die Augen zusammen und schaut mich etwas von unten an. Sie schlägt den Skippertipps Törnplaner auf. Dort steht nah der Grenze Montenegro/Albanien "VORSICHT! Bitte ausreichenden Abstand zur albanischen Grenze halten". Ich weiß, dass das dort steht. Was wollen uns die beiden Karten damit sagen? - Dass sie selbst nicht wissen, was sie schreiben. Mutmaße ich als Erklärung für Claudia. Doch Claudia spürt eine Unsicherheit bei mir. Hat nicht die Avalon, die in Dubrovnik neben uns lag, auch das Ziel Korfu gehabt? Und antwortete ihr Skipper nicht, auf die Frage, warum er via Brindisi und Otranto, also via Italien dorthin fährt: "Albanien ist immer noch nicht sicher.". Ein anderer erzählte uns schon mal: "Da sollen noch nicht alle Minen geräumt sein." Was für Minen? - Ich weiß es nicht, kann Claudia keine zufriedenstellende Antwort geben. Sie möchte jetzt, dass ich wenigstens Hafenpläne von Google-Maps oder Ähnlichem aus dem Netz lade. Doch von dort bekomme keine brauchbaren Vergrößerungen.

OK, wenigstens unser Funkgerät solle dann funktionieren, bestimmt Claudia. Das wartet schon lange als unerledigte Aufgabe für mich. Der Service-Dienst in der Stipanska Bucht auf Brac hatte herausgefunden, dass bei unserem Funkgerät keine Antenne angeschlossen ist. Die Antenne war zwar auf dem Mast, jedoch tot. Deswegen funktionierte es nicht. Bei der Schiffsübergabe Anfang Mai ließ ich mich damals dummerweise zu leicht abwimmeln: "Eine Bedienungsanleitung für das Funkgerät ist im Kartentisch. Ich kenne nicht alle unterschiedlichen Geräte." Und so sind wir damals ausgelaufen aus dem Heimathafen der Cleo. Wir merkten erst später, dass wir das Gerät nicht zum Sprechen/Zuhören bringen konnten.

In Zelenika kaufe ich jetzt endlich eine "Notantenne". Der Verkäufer klemmt mir noch extra den Stecker an das Kabel, da ich behaupte (was auch nicht ganz falsch ist), so etwas nicht ordnungsgemäß zu können. Ich freue mich jetzt auf mein Funkgerät. Endlich wird es mir gute Dienste leisten. Ein erster euphorischer Test enttäuscht mich jedoch. Ein zweiter, bereits mit nachlassender Euphorie, tut das Gleiche. Claudia steigt auf den Baum und hält die Antenne in die Luft. Sieht irgendwie gut aus mit ihren Shorts und dem enegen T-Shirt, befinde ich mit einem Blick vom Niedergang aus. Claudia steht dort in voller Blüte. Das Funkgerät bleibt davon unbeeindruckt. Wie kann es nur so stur sein! Ich drücke ihm einfach auf die paar vorhandenen Knöpfe. Hey, spürst Du überhaupt etwas? Das Display gibt meine aktuelle - und zufällige Auswahl - wieder. Aha, das taube Ding empfindet also wenistens etwas. Claudia läßt die Antenne ein wenig kreisen. Tolles Bild, wie sie da so balanciert. Doch das Funkgerät kann ihre artistischen Einlagen vom Navigationsbereich aus nicht sehen, es weiß nichts von Claudias Anstrengungen und würdigt sie somit auch nicht. Ich stelle den Rauschpegel des Geräts auf extrem laut (damit Claudia auch direktes Feedback bekommt, das ist das Gerät ihr wenigstens schuldig!). Sind da nicht Töne auf Kanal 68, die Stimmen sein könnten? - Selbst wenn und wie es auch sei - das Gerät bleibt für mich unbrauchbar.

Nach alldem macht Claudia jetzt Tabula rasa: "Was willst du dort unten in Griechenland und Italien alles sehen? Wie ist dein genauer Zeitplan?" Und vieles mehr. Wir lassen eine genaue Entscheidung, wie wir weiter vorgehen, offen. Jedoch schlafen wir beide ab jetzt unruhig und der nächste Tag wird nicht so lustig. Erstens fast nur Regen und allererstens: wir schieben eine Last vor uns her.

Am nächsten Abend fassen wir gemeinsam fein säuberlich zusammen:

  • Cleo scheint uns nicht die Schnellste. Sicher die liebste und süßeste Segelyacht, auf die wir jemals unseren Fuß setzten. Aber eben nicht die Schnellste. (In der Tat verbot ich Claudia einmal den vorbeifahrenden Yachten auch noch zu winken, als sie uns alle gegen Wind und Welle überholten, obwohl unsere tapfere Cleo alles gab

  • Mein Besichtigungsplan für Sehenswürdigkeiten und die anderen Naturschönheiten scheint inzwischen selbst mir doch etwas zu enthusiastisch. Filmen, Fotos, Berichte - das kann ich alles nicht auf so lange Zeit durchhalten. Wir brauchen mehr Anker- und Buchttage. Sonst werden die Schönheiten immer normaler, wir sehen sie nicht mehr. Wo bleibt meine Auszeit, die es ja ursprünglich und hauptsächlich sein soll?

  • Albanien ohne Hafenpläne ist uns nicht mehr so recht. Doch Albanien auslassen wollen wir auch nicht. Und einfach so über das Meer wie die Avalon? Wir bräuchten dann zwischen dreißig und vierzig Stunden. Das ist nichts für uns, Nachtfahrten wollen wir vermeiden.

  • Kein Funkgerät, grrr. (Handfunkgeräte als Notlösung konnten wir hier in Montenegro nicht bekommen.)


Was können wir denn sonst machen? - Zurückfahren, Istrien, Slowenien und Venedig/Triest von der anderen Seite her anfahren. Durch das Auslassen von Griechenland und Apulien verschaffen wir uns die "auszeitgerechte Luft", das Quentchen an mehr Zeit zum Faulenzen. Zeit, die man sich im Urlaub einfach nehmen sollte.

Die Entscheidung ist jetzt plötzlich sehr schnell gefunden. Ja, wir fahren einfach zurück und streichen das Ionische Meer aus unserem Programm. Erleichtert sinken wir danach in unsere Kopfkissen und schlafen endlich wieder entspannt.

© Thomas Lippert, 2009
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Über vier Monate im und am Meer unterwegs mit allem, was man sich wünschen kann: nette Menschen, wunderschöne Orte, gigantische Landschaften, herrliches Wetter... Und auch mit Einigem, was sich keiner wünscht: Segelschaden, Probleme mit dem Motor und schließlich einem Blitzschlag am Ankerplatz, der unseren Törn vorzeitig beendete. Auch die Vorbereitungen zu dieser Reise - Probleme mit dem Job, der Wohnung und anderen Dingen - werden thematisiert.
Details:
Aufbruch: 01.05.2009
Dauer: 5 Monate
Heimkehr: 30.09.2009
Reiseziele: Kroatien
Bosnien und Herzegowina
Montenegro
Italien
Slowenien
Der Autor
 
Thomas Lippert berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
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