Ein Segelsommer auf der Adria

Reisezeit: Mai - September 2009  |  von Thomas Lippert

5. Zurück in Kroatien: Starkwind bestimmt unseren Zielhafen

Die Gelegenheit ist günstig: wenn wir schon ein zweites Mal durch Dalmatien segeln, dann bringe ich doch gleich meine Liste der Dinge auf den Tisch, die ich noch gerne sehen möchte, wofür uns bei der Hinfahrt jedoch die Zeit fehlte:

  • Die Stadt Ston an der "Wurzel" der Halbinsel Peljesac mit ihrer über vier Kilometer langen Stadtmauer, den Salzsalinen und natürlich Muschel- und Austernzuchtanlagen mit einem Besuch in einem entsprechenden Restaurant.

[/punkt]Die Insel Vis mit einem Besuch der Blauen Grotte auf der nahegelegenen kleinen Insel Bisevo.[/punkt][/punkt]Die Töpferinsel Iz, deren zur Zeit einziger Töpfer nur in den Monaten Juli und August auf der Insel weilt.[/punkt]
Unser Schlag für heute steht damit fest: von Cavtat nach Ston, das sind etwas über fünfundzwanzig Seemeilen. Es ist bereits neun Uhr und kaum einer der Ankerlieger hier in der Bucht hat zum Aufbruch geblasen. Fangen wir also selbst damit an. Heute ist Südostwind gemeldet, Jugo, mit Windstärken bis zu fünf Beaufort. Für unseren Kurs kommt der genau von achtern, was mich freut. Mit einem letzten eiligen Blick durch den Salon vergewissere ich mich, dass auch alles gut verstaut ist. Denn aus Erfahrung weiß ich, dass solch ein Jugo auch ein unruhiges Meer mit sich bringen kann.

Wir verlassen die Bucht unter Segeln. Das Meer schickt uns wie erwartet kräftige achterliche Wellen, die auch ihren Teil zum Vorschub beitragen. Unsere Logge meldet fünf Knoten, fünfeinhalb, sechs und schließlich bis knapp über sieben Knoten. Wunderbar so schnell voranzukommen! Doch es ist nicht einfach bei starkem Wind einen Raumschotkurs zu laufen. Das Heck schlingert mal nach der einen, dann wieder zur anderen Seite. So ist das Ruder bei diesem Wellengang nicht leicht zu halten, ich muss ständig das durch die Wellen verursachte Auf- und Ab und Hin und Her ausgleichen. Deshalb nennt man das also auch Segelsport - aha. Und mit dieser sportlichen Geschwindigkeit segeln wir bis neben die elafitischen Insel, die wir auf unserem Kurs nach Ston passieren werden. Hinter der ersten der Inseln, also zwischen dem Festland und Kolocep ist der Seegang gering, der Wind jedoch noch genauso stark. Das war zu erwarten, versteckt sich bei stärkerem Seegang doch selbst die große Jadrolinija-Fähre hinter den elafitischen Inseln auf ihrem Weg nach Dubrovnik. Bis hierher musste ich mit der widerspenstigen Pinne kämpfen, mein linker Pinnenearm ist schon ganz fertig. Das ruhigere Wasser tut ihm jetzt gut.

Wir sind recht schnell für Cleo-Verhältnisse, doch in Höhe der Insel Sipan werden wir noch von zwei größeren Schiffen überholt. Das große Motorboot ändert jedoch seinen Kurs und steuert in Richtung der Bucht Sipanska Luka. Da waren wir ja schon auf dem Weg Richtung Süden, brauchen wir also nicht mehr anzusteuern. Das andere große Schiff ist ein hölzener Segler, der sich plötzlich nach rechts in die Slano-Bucht am Festland wendet. Nun ja, jeder hat so seine Ziele denke ich, während der Jugo schnell immer kräftiger bläst und die Wellenhöhe selbst hinter den Inseln auf die Ein-Meter-Grenze ansteigt. Ein Rundumblick verrät, dass urplötzlich keine Schiffe mehr unterwegs sind. Die Pinne übergebe ich sofort an Claudia und verschwinde schnell im Salon, wo ich das Hafenhandbuch heraushole.

Die Ansteuerung ist bei jedem Wetter schwierig und bei südlichen Winden können starke Strömungen und Wasserstandsveränderungen bis zu einem Meter (!) auftreten und das bei teilweise nur 2,5 Meter normaler Wassertiefe.

Das steht im Revierführer kroatische Adria von Wolfgang Albrecht. Unsere 777 Häfen und Buchten schreiben: Bei stürmischen SO-Jugo sollte man den Stonski Kanal nicht befahren. Aha. Unser Vorhaben ist also nichts für den Sohn meiner Mutter und seiner Frau. Zurück im Cockpit reffe ich unsere Segelfläche so gut es eben geht und wir ändern unseren Kurs in die uns bereits bekannte Bucht von Sipan.

Jetzt müssen wir allerdings gegen den Wind kreuzen und haben auch die Wellen von vorn. Trotz wilder Kreuzschläge kommen wir schlecht voran, machen nur ein paar wenige Meter Höhe gut. Bis Sipanska Luka sind es noch zwei Meilen, Kreuzschläge nicht mitgerechnet. Ich kneife die Augen wegen der überkommenden Seespritzer und dem Wind zusammen. In einer Bucht Steuerbord querab von unserem Kurs sehe ich das Riesen-Motorboot ankern, welches zuvor seinen Kurs eher abrupt geändert hat. Ich treffe die Entscheidung, uns nicht bis zum Hafen von Sipanska Luka vorzukämpfen und auch in der Bucht Schutz zu suchen. Claudia fiert die Segel und Cleo folgt unserem Willen. Sie steuert durch den mir jetzt wütend erscheinenden Wind auf Halbwindkurs zur Ankerbucht.

Noch weitere Segler liegen in der Bucht vor Anker. Die Bucht gehört zur kleinen Insel Jakljan, über die im Hafen- und Buchtenführer ein Ankerverbot wegen einer Ferienanlage ausgeschrieben ist. Daran scheint sich bei diesem Wind niemand zu stören, nicht der Schwede mit seiner Beneteau, nicht der Deutsche auf seinem blaurümpfigen Segelschiff, nicht der offenbar kroatische Segler und auch nicht das kleine italienische Motorboot. Alle hoffen, hier sicher vor Anker zu liegen und den Wind abzuwettern. Die Ferienanlage scheint verlassen, nicht eine Menschenseele ist an Land zu sehen.

So suchen wir nach einer geeigneten Stelle für das Herunterlassen unser Ankerkette. Etwa einhundert Meter vor dem italienischen Motorboot glauben wir, diesen Punkt gefunden zu haben und Claudia lässt die Kette hinab. Schon erfasst der Wind den Bug und schleudert ihn herum. Cleo wird jetzt quer rückwärts getrieben. Der Anker wird sich doch hoffentlich bald eingraben denke ich und vernehme vom Wind zerfetztes Geschrei des Italieners. Er deutet aufgeregt auf seine Ankerkette und in gerader Richtung auf unser Boot. Aha, er meint offenbar, unsere Kette hat sich über seinen Anker gelegt. Den Wind stört das nicht und die Seitwärtsdrift der Cleo hört nicht auf. Um uns noch extra zu ärgern schickt der Windgott uns jetzt eine besonders starke Böe, die unsere Querdrift beschleunigt. Ich bin inzwischen längst vorn an der Ankerleine, da das händische Heraufziehen dies schweren Eisengeschirrs nichts für Claudias Arm- und Rückenmuskulatur ist.

Schon kann ich jede Falte im Gesicht des Italieners sehen, der inzwischen mit seiner Frau und coolem Gehabe mit verschränkten Armen am Bug seiner Motoryacht steht und diese Haltung gelegentliche durch Droh- und Schimpfgebären unterbricht. Der Wind dreht und schiebt Cleo in beunruhigender Weise, es besteht Gefahr, dass wir zusammenstoßen würden. Wir brauchen nur noch eine Böe oder auch weit weniger als eine halbe Minute, dann käme es zum Körperkontakt der Schiffsleiber. Claudia steht am Steuer und ruft verzweifelt, was sie denn machen soll. Mein Blick nach achtern rät mir, seitlich wegzulenken und ich rufe "Rückwärtsgang!", da ich weiß, dass der starke Radeffekt unserer Schraube das Heck der Cleo stark nach backbord ausbrechen lässt und somit unser Schiff an dem Bug des Italieners vorbeigehen müsste. Claudia glaubt mir natürlich nicht, dass das die Lösung sein kann und gibt stark Gas vorwärts, was jedoch genau das Richtige ist. Jetzt habe ich auch den Anker wieder aus dem Wasser und weise den Italiener auf das Ergebnis meiner Bemühungen hin, nicht ohne ihm durch den Wind sicherlich ähnliche Verwünschungen zuzuschreien, wie er mir vorher zukommen ließ. Doch der Wind pfeift so laut, dass er es nicht hören kann, wahrscheinlich auch nicht übersetzen könnte. Nicht mal ich konnte meine Worte so richtig hören, weshalb ich sie hier auch nicht wiederzugeben vermag ... [Smiley] . Der Italiener hebt erleichtert die Hand und geht in sein Cockpit, um seine Manöver einzuleiten. Ich lasse unsere Anker erneut fallen und mit lautem Rasseln geht die Kette hinab.

Jetzt bändige ich mit einem Tampen das Vorsegel, welches sich aufgrund der hohen Windkräfte nicht mehr komplett einfahren ließ und so dem Wind immer wieder ein ihm willkommenes Angriffsziel bietet. Ab und an sehe ich am Ufer verschiedene Bäume vorbeiziehen (komisch, nicht?), während die Cleo ihre Seitwärtsdrift unbeirrt fortsetzt. Aha, der Anker wird über den Grund geschleift, keine Spur von Verhaken oder gar Eingraben. Schon erreichen wir das Ende der Bucht und müssen den Anker aufholen und erneut nach hinten in die Bucht fahren. Dort haben der Kroate und der Schwede ihre Anker gehoben - oder haben die auch nicht gehalten? - und beide suchen jetzt das Weite. Das beschließen wir auch zu tun und steuern letztlich doch den Hafen von Sipanska Luka an.

© Thomas Lippert, 2009
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Über vier Monate im und am Meer unterwegs mit allem, was man sich wünschen kann: nette Menschen, wunderschöne Orte, gigantische Landschaften, herrliches Wetter... Und auch mit Einigem, was sich keiner wünscht: Segelschaden, Probleme mit dem Motor und schließlich einem Blitzschlag am Ankerplatz, der unseren Törn vorzeitig beendete. Auch die Vorbereitungen zu dieser Reise - Probleme mit dem Job, der Wohnung und anderen Dingen - werden thematisiert.
Details:
Aufbruch: 01.05.2009
Dauer: 5 Monate
Heimkehr: 30.09.2009
Reiseziele: Kroatien
Bosnien und Herzegowina
Montenegro
Italien
Slowenien
Der Autor
 
Thomas Lippert berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
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