Ein Segelsommer auf der Adria

Reisezeit: Mai - September 2009  |  von Thomas Lippert

5. Zurück in Kroatien: Sipanska Luka 2

Der Hafen ist voll, keine Boje frei, kein Platz an der Pier. Ankern im Hafenbecken ist unsere einzige Option als sich unerwartet eine Segelyacht aus der Gruppe der pierliegenden Schiffe löst und davonfährt. Die zurückgebliebenen Schiffe rücken sofort auf, die hinterlassene Lücke wird so eng, das ich gerade mal noch Platz für die Breite eines Kajaks entdecken kann. Fast möchte ich aufgeben und doch wieder zum Ankern ins Hafenbecken steuern, als der Marinero die Mooringleine hochzieht, auf den Booten links und rechts der schmalen Lücke die Besitzer ihre Fender ausrichten und mit Bootshaken zur Hilfe an ihre Schiffsspitzen laufen. Ja, wenn das keine nette Einladung ist denke ich und steuere die Cleo mit ihrem Bug auf diesen schmalen Wasserpfad zu. Natürlich wird sie bereits zu Anfang ihres Annäherungsversuchs von den Fendern der neuen Nachbarn ausgebremst, doch mein Gashebel hat noch Reserven, die ich ihm jetzt abfordere. Cleo schiebt sich Stück für Stück in die Enge Lücke und drängt die Schiffsleiber links und rechts auseinander. Claudia schnappt sich vorn die Mooring und wirft einem weiteren Helfer die Bugleine zu, der nun aus Leibeskräften an diesem Ende zieht bis Cleo mit ihrer Spitze wieder vor der ihr bereits bekannten Mauer steht.

Nach diesem verschiedene internationale Kräfte bündelnden Anlegemanöver (rechts ein Österreicher, links ein Kroate und dazwischen wir, also Deutsche) haben wir uns ein schönes Essen verdient und spazieren in eines der Hafenrestaurants. Wir essen wirklich sehr lecker, als neben uns eine Gruppe Kroaten ein Akkordeon hervorkramen und anfangen mit einem großartigen Temperament zu singen. Begeistert schaue ich eine Weile zu, obwohl die Lautstärke des Gesangs nach Ohrschützern schreit. Der Wirt tritt an meinen Tisch und befragt mich und Claudia, was wir denn jetzt trinken möchten.

"Nein, nein, ich möchte zahlen." Ist meine Antwort.

"Nein, nein, dieser Herr am Nebentisch möchte Sie einladen!" Ich schaue in das fröhliche mitsingende Gesicht des spendablen Kroaten und Claudia und ich bestellen uns jeweils ein Bier.

Ich bedanke mich bei Branko, so heißt das Geburtstagskind aus Dubrovnik. Branko ist heute extra nach Sipan gekommen, um mit seinen Freunden dieses jährliche Ereignis zu feiern. Er spricht gut deutsch, ist als Kind teilweise in Deutschland aufgewachsen. Der Akkordeonspieler bemerkt unterdessen, dass wir Deutsche sind und startet ein deutsches Volkslied: "Muss sie denn, muss sie denn zu dem Städele hinaus ...". Dann kommt noch "Fariah-Fariah -hoh", von dem er keinen Text kennt und nun von mir erwartet, dass ich ihn mitsingen kann. Leider muss ich passen, das Lied kannte ich einmal vor weit mehr als zwanzig Jahren. Mein Gott, wir singen doch viel zu selten - eher gar nicht! Mir kommt in diesem Moment nicht einmal der Titel "Lustig ist das Zigeunerleben" in den Sinn. Im Gegensatz dazu können die kroatischen Geburtstagsgäste fast alle Texte der von ihnen angestimmten Lieder mitsingen. Branko erklärt mir auf deutsch die Hintergründe dieser meist traditionellen Lieder und übersetzt mir die Texte sinngemäß. Das Repertoire ist erstaunlich weit gefächert. Hier kommen Lieder aus der Österreich-Ungarn-Zeit, bosnische Serenaden als auch mazedonische Volksweisen und Zigeunerlieder mit eher lustigen Texten, die uns alle zum Lachen bringen. Der Akkordeonspieler ist sicher kein Caruso, macht seine Sache dennoch so leidenschaftlich, rollt die Augen und gibt lauthals seinen gesamten Rachenraum zum Einblick, dass niemand hier ernsthaft einen Caruso herbeisehnen würde.

Wir verabschieden uns nach einigen weiteren Liedern und bedanken uns bei dem wunderbaren Musikanten für diese herrliche Stimmung und bei Branko für die spontane Einladung zum Mitfeiern seines Jahrestages.

Immer wieder sind wir erstaunt und erfreut über dieses glasklare Wasser in Kroatien

Immer wieder sind wir erstaunt und erfreut über dieses glasklare Wasser in Kroatien

Am Abend. Unter dem sternenübersäten Himmel liegen wir auf dem Rücken im Cockpit unseres Schiffes und raten die Sternbilder, erzählen Geschichten, als die das jüngste Familienmitglied unserer kroatischen Nachbarn mit Gitarre zu einem Kinderlied anstimmt. Die etwa Zehnjährige lässt noch ein Weiteres folgen, was uns beiden totalen Spaß macht. Als das Lied ausklingt fragen wir uns, ob wir unser Gefallen durch Klatschen kundtun sollen, was ja hieße, klammheimlich die Nachbarn "belauscht" zu haben. Wir verzichten darauf und jetzt geht die Gitarre reihum, als Erstes zum Vater. Liebe Leser, Ihr glaubt gar nicht, wie schön solch eine hausgemachte Musik ist. Mit gedämpften Saitenanschlägen und einer beruhigenden Stimme kommen viele wundervolle Melodien zum Vorschein, die unser Herz und die Seele berühren. Die Texte sind in kroatisch, wir verstehen also kein Wort. Doch bei Musik spielt das bekanntlich überhaupt keine Rolle und Claudia findet den für uns so ungewohnten slawischen Klang der Worte jetzt plötzlich vertraut und wunderbar. Die Gitarre wandert nach einer halben Stunde zum Bruder, Schwager - wir wissen es nicht genau. Doch auch der kann den Abend noch mit weiteren Chansons unvergesslich machen. Wir verkriechen uns in unsere Kojen und bei offener "Schlafzimmer"-Luke werden wir träumerisch in den Schlaf gesungen.

Den geschuldeten Beifall bekommen die Nachbarn am nächsten Morgen von uns zugetragen, worüber sie sich herzlich freuen. Die normalste Erwägung wäre jetzt, solange als möglich mit diesem Schiff zu ziehen und jeden Abend am besten den Kaiplatz neben dieser musikalischen Familie zu ergattern.

Blick von der Meerseite in die schmale Durchfahrt zwischen den beiden Inseln Jakljan und Sipan. Im Hintergrund sind die Berge auf dem Festland zu sehen.

Blick von der Meerseite in die schmale Durchfahrt zwischen den beiden Inseln Jakljan und Sipan. Im Hintergrund sind die Berge auf dem Festland zu sehen.

Diesmal habe ich auch eine Erkenntnis des vergangenen Tages: Mensch, schau dir mal wieder alte Volksweisen und Stimmungslieder an. Wenigstens mitsingen sollte ich sie schon können. Denn nur böse Menschen haben keine Lieder. Und wer will schon böse sein! Ich nicht!

© Thomas Lippert, 2009
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Über vier Monate im und am Meer unterwegs mit allem, was man sich wünschen kann: nette Menschen, wunderschöne Orte, gigantische Landschaften, herrliches Wetter... Und auch mit Einigem, was sich keiner wünscht: Segelschaden, Probleme mit dem Motor und schließlich einem Blitzschlag am Ankerplatz, der unseren Törn vorzeitig beendete. Auch die Vorbereitungen zu dieser Reise - Probleme mit dem Job, der Wohnung und anderen Dingen - werden thematisiert.
Details:
Aufbruch: 01.05.2009
Dauer: 5 Monate
Heimkehr: 30.09.2009
Reiseziele: Kroatien
Bosnien und Herzegowina
Montenegro
Italien
Slowenien
Der Autor
 
Thomas Lippert berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
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