Teil 2 - Pyrenäen 2012 (Katalonien/Aragon) - Spanien

Reisezeit: September / Oktober 2012  |  von Uschi Agboka

Viu-Perves-La Pobla de Segur-Vall d'Aneu

Congost Collegats -Vall d'Isil -Port de la Banaigua - Vall d'Aran - Viella

21. September 2012 - Freitag - 20. Tag
Campingplatz Alta Ribagorca, El Pont de Suert, Lleida (Spanien)
Alt de Viu - Col de la Creu de Perves - La Pobla de Segur - Torre Mauri - Congost Collegats - Rio Noguera Pallaresa - Vall d'Aneu - Vall d'Isil - Sant Joan d'Isil - Alos d'Isil - La Mare de Deu de les Ares - Port de la Bonaigua - Vall d'Aran - Viella - Viella-Tunnel
Fahrzeit: 6 ½ Stunden - 205 km

Mit meinem Bein/Knie geht es so einigermaßen. Ich reibe viel mit Voltaren Gel ein und nehme starke Schmerzmittel. Doch hin und wieder durchfährt mich ein Schmerz, als ob mir einer mit dem Messer ins Bein sticht. Zuhause werde ich als Erstes zum Arzt gehen. Das Einkaufen ist hier in Spanien nicht so gut wie in Frankreich. In den Supermärkten - klein, oft ungepflegt - findet man kaum frisches Gemüse und Salat, oft abgepackt und eher gammelig. Da sind die Intermarches in Frankreich, die frische regionale Produkte verkaufen, viel besser. Kleine Märkte haben wir bisher in den Miniorten nicht gesehen. Die Geschäfte haben meist geöffnet von 9 bis 12 Uhr (da sind wir meist unterwegs und nicht in Orten) und dann ab 16.30 oder 17.00 bis 20.00 Uhr - da sind wir schon zurück auf dem Campingplatz, Einkaufen ist daher etwas komplizierter. Die kleinen Tante Emma Lädchen etc. sind allerdings sehr gut sortiert, man findet alles, auch Fisch, Fleisch, Gemüse, Käse zu vernünftigen Preisen.

Der Wecker weckt wie immer um 7.30 Uhr. Heute Morgen ist es kalt, 1,5 Grad wärmer jedoch als Gestern. Ich spüre das und brauche keine Handschuhe beim Frühstück. Bis zu 10 Elstern versammeln sich um uns herum und picken, Käse, Brot und Trauben. Abfahrt um 10 Uhr über die enge kurvige N-260, über Viu de Llevata, Alt de Viu, 1.325 m, Col de la Creu de Perves, 1.350 m.

Das alte Örtchen Perves liegt herrlich auf einem Hügel im Sonnenschein. Besonders schön sind die orangefarbenen Dächer der alten Häuser.

In La Pobla de Segur machen wir Halt, schauen uns die Kirche an und kaufen eine schöne Pfeife für Rolf. Bevor wir die kleine Stadt (ca. 3.300 Einwohner) verlassen, halten wir am Torre Mauri. Dieser burgähnliche Gebäudekomplex von Palast, Ölmühle, Scheune, Garage und Garten (1907) ist prachtvoll anzuschauen. Moderne Formen sind kombiniert mit einem ungewöhnlichen neoromanischen Stil. Der Palast verfügt über ein Erdgeschoss und einen Aussichtsturm mit Zinnen. Die wunderschönen Mosaik-Arbeiten stammen von Luis Bru und Salelles.

Torre Mauri wird heute als Rathaus genutzt. Daneben liegt die Moli de L'Oli - die ehemalige Ölmühle St. Joseph wurde 1904 ebenfalls von Ramon Mauri entworfen und beherbergt heute eine Kunstausstellung. In der ehemaligen Garage ist das Fremdenverkehrsamt untergebracht. Auch der Park, der die Gebäude umschließt, ist sehenswert, viele interessante Bäume, gut beschildert und erklärt. Einige Bäume sind mit gestrickten Binden in den katalanischen Farben geschmückt, so etwas haben wir noch nie gesehen. Ich finde hier auch einige Infos über den Ort, der am Zusammenfluss des Rio Noguera Pallaresa und des Rio Flamicell liegt. Er hat eine lange Tradition als Hochburg der Flößer, die die Baumstämme aus den waldreichen Gebieten im Norden zu sogenannten Rais zusammenbanden und diese strom-abwärts in die Ebene lenkten. An die harte Arbeiter der Männer, die heute durch den Transport auf LKWs überflüssig geworden ist, erinnert das Museu des Raiers. Auch das Fest der Raiers im Juli erinnert an die Flößerarbeiten, die Rafting wie einen gemütlichen Bootsausflug aussehen lassen.

Weiter geht es Richtung Sort, durch Congost de Collegats. Der Rio Noguera Pallaresa ist der längste Fluss in den Pyrenäen. Der wuchtige Charakter des Flusses macht ihn zu einem der interessanten Wildflüsse. Die im Unterlauf befindliche, 5 km lange Felsenschlucht "Congost de Collegats" gehört zu den schönsten Schluchten Europas. Der Rio Noguera Pallaresa bahnte sich hier seinen Weg durch die Kalksteinformationen und erschuf dabei bizarre Stalaktiten-Felsen wie den Roca de L'Argenteria. Von der zerklüfteten Landschaft ließ sich auch der Architekt Gaudi beeinflussen, der die hier gesehenen Formen u. a. beim Entwurf der weltberühmten Kirche " Sagrada Familia" in Barcelona verwendete. Aufgrund ihrer wilden Beschaffenheit wurde die Schlucht immer wieder im Laufe Zeit mit dem Teufel und Hexen in Verbindung gebracht. Der Fluss Noguera Pallaresa entspringt im Val d'Aran und ist ein 154 km langer rechtsseitiger Zufluss des Rio Segre. Dieser fließt in den Ebro und dann ins Mittelmeer. Wir sind von der gewaltigen Felslandschaft sehr beeindruckt. Nur die vielen Strompfeiler stören das Bild. Es ist schon sehr warm geworden.

Von Sort - viele Rafter sind hier - über die C 13 Richtung Rialb, Llavorsi, am Parc Nacional d'Aigües Tortes vorbei. Wir machen Pause an einem Stausee. Dann fahren wir auf C 147 weiter, Vall d'Aneu und dann in das winzige Vall d'Isil und schauen uns dort die katalanisch-romanische Kirche Sant Joan d'Isil mit Friedhof an. Viele kleine friedliche Weiler mit geschichtsträchtigen Kirchlein und Kapellen sind in diesen Tälern zu finden. Wir befinden uns in einem Naturparadies, Flüsse, Schluchten, Nadel-wälder, Wiesen und die hohen Berggipfel der Pyrenäen. Eine enge kurvige Straße führt bis zum Bergdorf Alos d'Isil, alte schöne Häuser, manche verlassen, daneben neue Bauten. Ab hier wird die "Straße" zum Feldweg, zwar asphaltiert, aber eng, enger geht es kaum. Ein spanisches Ehepaar fragt uns nach dem Weg, Rolf zeigt ihnen alles auf seiner Karte. Wir wundern uns, denn hier ohne Karte zu fahren ist schon mehr als abenteuerlich. Wir fahren bis zu einem Refugio, ab hier beginnt der Nationalpark - Schotterpiste voller Rinder. Die Straße selbst bis zum Refugio ist vollgekackt, was extrem gefährlich für Motorradfahrer ist, weil man leicht ausrutschen kann. Kein Mensch ist im Refugio, auf 1.380 m Höhe, nur ein junger Mann, der uns einen super guten Kaffee und einen tollen Rotwein serviert. Die Sonne ist so stark, dass wir es ohne Sonnenschirm kaum aushalten. Die Kühe haben den Parkplatz in Besitz genommen.

Wir fahren die herrliche Straße - kein Mensch unterwegs - ein Stück zurück und biegen dann ins Vall d'Aneu ein, hoch hinauf zur Kirche " La Mare de Deu de les Ares". Von Esterri d'Aneu führt die Straße auf 23 km Länge und einer durchschnittlichen Steigung von 4,8 % auf den Port de la Bonaigua, 2.072 m. Dieser Pass verbindet Vall d'Aran mit Comarques Pallars Sobira. Er liegt auf der Europäischen Wasserscheide. Zweimal war die Passhöhe Teil der Tour de France: 1974 und 1993. Im Jahr 2008 führte die 8. Etappe der Vuelta a Espana über den Pass. Wilde Pferde laufen hier frei herum, sie sind sehr zutraulich. Eine Traumlandschaft ist das, kaum mal ein Auto zu sehen. Rolf kann prima kurven.

Das Pottok-Pony ist eine alte, seltene Ponyrasse aus dem Baskenland. Pottok bedeutet in der baskischen Sprache "kleines Pferd". Sie werden bis 1,30 m hoch. Diese Pferde sollen die Nachfahren von den Urpfer-den sein, die man häufig auf Höhlenzeichnungen findet. Die Tiere leben noch heute halbwild in den westlichen Pyrenäen, sowohl in Frankreich als auch in Spanien. In Spanien sind sie auch unter dem Namen "Poni Vasco Navarro" bekannt, da sie in den autonomen Regionen Baskenland und Navarra gehalten werden.

Wir durchfahren das Vall d'Aran. Lange Zeit war dieses Tal im nordwestlichsten Winkel Kataloniens eine der einsamsten Regionen der Pyrenäen. Erst der Bau des Viella-Tunnels im Jahr 1948, durch den man das Vall d'Aran auf der N 230 von El Pont de Suert aus erreicht, schaffte ein Verbindung zum Hinterland und sorgte für Aufschwung. Das Tal entlang der Garonne war nun eine bequeme Route auf dem Weg von Frankreich nach Spanien. Die später erschlossenen Ski-Gebiete trugen ein Übriges zum Boom bei. Das Gebiet um Baqueira-Beret ist eines der größten Wintersportgebiete der Pyrenäen und ganz Spaniens.

Als einziges span. Gebiet liegt das Vall d'Aran auf der Nordseite der Pyrenäen, hier herrscht atlantisches Klima - sobald man den Viella-Tunnel passiert hat, strahlt die Sonne nicht mehr so dauerhaft und es fällt erheblich mehr Niederschlag. Der Fluss Garonne, der hier entspringt, ist der wichtigste Fluss des Tales. An seinem Ufer haben sich die meisten der ca. 6.000 Talbewohner niedergelassen. Viella als geografischer Mittelpunkt bildet mit seinen 2.000 Einwohnern das Zentrum. Da die Schneemassen auf den Pässen die Region jahrhundertelang jeden Winter vom Süden abschnitten, entstanden eine Reihe eigener Sitten und Gebräuche. So entwickelte sich das Aranes, eine Sprache, die aus katalanischen und gasconischen Elementen besteht und noch heute von vielen Einheimischen, neben Spanisch, gesprochen wird. Bis ins 11. Jh. wurde im Vall d'Aran Baskisch gesprochen. Die Nähe zu Frankreich spiegelt sich auch in der hiesigen Küche wieder. Doch besonders die Schönheit der grünen Landschaft, die grauen Schieferdächer der Dörfer und die hier mehr als 3.000 m hohen Berge der Pyrenäen machen das Tal mehr als sehenswert.

Über Bagergue und Arties kommen wir nach Viella, wo wir um 15.35 Uhr Pause machen. In der Ferne über den Bergen sehen wir Gänsegeier kreisen. Während Rolf einen kurzen Rundgang durch das historische Zentrum des Ortes macht, "hüte" ich das Motorrad und schreibe meine Notizen auf. Nach Viella kommen viele reiche Spanier und Franzosen, die sich im nahen Skigebiet Tuca vergnügen, u. a. König Juan Carlos. Nun fahren wir durch den Viella-Tunnel, es ist saukalt und tröpfelt leicht. Vor der Einfahrt in den Tunnel gibt es eine Baustelle und eine lange Schlange ist vor uns - Rolf fährt an den vielen LKWs und Autos vorbei, an die Spitze. Mit dem Motorrad ist das gut machbar und die Franzosen bzw. Spanier machen Platz. In Deutschland hätte man uns eher abgedrängt. An der Baustelle zeigt sich ein bisschen die chaotische Organisation der Südländer: Wir dürfen bis in die Mitte der Baustelle einfahren, müssen dann wieder warten. Solche Gefahrenquellen werden z. B. in den USA ausgeschaltet.

Der Viella-Tunnel ist Teil der N 230 und besteht aus zwei parallel geführten Tunneln. Der Ältere, Alfonso XIII Tunnel (benannt zu Ehren des spanischen Königs Alfonso XIII), wurde 1948 eröffnet und war der längste Straßentunnel der Welt (5.240 m) bis 1964, als der Große St. Bernhard Tunnel eingeweiht wurde. Der neue Tunnel, Juan Carlos I Tunnel (zu Ehren des spanischen Königs Juan Carlos I) ist 5.230 m lang und wurde im Jahr 2007 mit 2 Fahrspuren in Richtung Süden und 1 Fahrspur in Richtung Norden eröffnet. Der alte Tunnel wird als Notausgang verwendet und seit 2011 auch für LKWs, die brennbare oder andere gefährliche Produkte geladen haben.

Nach dem Viella-Tunnel folgen noch drei kleinere dunkle Tunnel, dann sehen wir den Lac Redon und einen Stausee - Embalse de Senet. Eine herrliche Gegend ist das und wir haben so gut wie keinen Verkehr. Gegen 16.30 Uhr, nach 6 ½ Stunden und 205 km sind wir zurück auf dem Campingplatz. Dort haben sich inzwischen zwei weitere Camper eingefunden, allerdings weit von uns entfernt, auf der untersten Terrasse, nahe den Sanitäranlagen. Vor uns kann sich eh niemand stellen, wir haben freien Blick auf die Berge rund-herum und das Hochgebirge. Dort regnet es, doch wir genießen es, in der warmen Sonne zu sitzen. Unser Dinner: Huhn und Zucchini, in Rotwein und Olivenöl geschmort. Dazu Chicoree-Salat, Tomaten, Oliven, Baguette, Trauben und Rotwein. Hier ist mal anzumerken, dass die Weintrauben wesentlich besser schmecken als die abgepackten bei uns in Deutschland. Leider habe ich festgestellt, dass es in dieser Region Spaniens sehr viel Massentierhaltung gibt, obwohl genügend Platz vorhanden ist. Ich finde das sehr schade.

© Uschi Agboka, 2012
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Es handelt sich um eine 42-tägige Tour von Niederbayern nach Frankreich, in die Auvergne, weiter in die französischen und spanischen Pyrenäen.
Details:
Aufbruch: 02.09.2012
Dauer: 6 Wochen
Heimkehr: 13.10.2012
Reiseziele: Spanien
Frankreich
Schweiz
Der Autor
 
Uschi Agboka berichtet seit 15 Jahren auf umdiewelt.
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