Farm&Travel in Australien

Reisezeit: November 2006 - Februar 2007  |  von Mirjam & Nico L.

Strathburn Station: Leben auf Strathburn

Am Sonntagmorgen machten wir uns endlich auf den Weg nach Strathburn Station. M. fuhr den Pick Up, in dem zwei der Kinder und ich saßen, während G. und der älteste Sohn im Truck fuhren.

Auf dem Dach des Pick Ups geht mein Rucksack wieder auf Reisen...

Auf dem Dach des Pick Ups geht mein Rucksack wieder auf Reisen...

Wir starteten in Cairns und fuhren immer weiter Richtung Norden. Allmählich wurden die Häuser weniger, dann und wann sah man eine Zufahrt zu einer Farm. Unsere kleine Kolonne kam nur langsam voran, da der Truck nicht sehr schnell fahren konnte. Nach einiger Zeit legten wir eine Pause am einsamen Musgrave Roadhouse ein, dann verließen wir die geteerte Straße und ratterten über Sandpisten weiter.

Australische Wahrzeichen am Musgrave Roadhouse: Roadtrain und Emu

Australische Wahrzeichen am Musgrave Roadhouse: Roadtrain und Emu

Gegen Abend - nach zehn Stunden Fahrt und drei Stunden nach dem letzten Roadhouse - erreichten wir die Abzweigung von der Straße zur Farm. Durch ein Tor hindurch und schon befanden wir uns auf Strathburn und auf dem Weg zum Wohnhaus. "Unsere Straße", wie M. freudig rief. Nun hieß es abschnallen, alle Fenster auf. Die Kinder schrien vor Freude und hüpften auf und ab. Tatsächlich dauerte es noch eine Stunde, bis wir dann endlich am Wohnhaus angelangt waren, denn das Grundstück der Farm war schließlich 2600 Quadratkilometer groß - so groß wie das Saarland! Als endlich die Yards und ein paar Arbeitshütten in Sicht kamen, war es schon dämmerig. Nach einem weiteren Kilometer hatten wir das Wohnhaus erreicht. Sofort sprangen alle aus dem Auto und begannen, die Sachen abzuladen.
Den Wohnwagen, der ab nun mein Zuhause war, hatte M. als "very basic" beschrieben. In der Tat war er sehr alt und etwas schmutzig, alles war abgegriffen und nicht gut in Schuss. Doch ich fühlte mich wohl hier, ich mochte die Atmosphäre auf Anhieb und packte fröhlich meine Sachen aus.

Der rechte Wohnwagen war meiner, der andere diente als "Rumpelkammer".

Der rechte Wohnwagen war meiner, der andere diente als "Rumpelkammer".

Mein "Badezimmer": Eine Blechhütte

Mein "Badezimmer": Eine Blechhütte

Dort befand sich auch die Waschmaschine

Dort befand sich auch die Waschmaschine

In den nächsten Tagen kehrte auf Strathburn zunächst erstmal nicht der Alltag ein, denn all die Lebensmittel mussten vom Truck abgeladen und ausgepackt werden. Das war harte Arbeit und zudem musste ich mich nach zehn Tagen im vergleichsweise kühlen Cairns erst wieder an die Hitze im Outback gewöhnen. Mittags herrschten vierzig Grad!
Ich fühlte mich zunächst sehr wohl auf Strathburn und war froh, bei so einer netten Familie gelandet zu sein. Doch auch dieser Job war wirklich nicht das, was M. am Telefon versprochen hatte. Denn dort hatte sie erklärt, hauptsächlich solle ich auf die Kinder aufpassen und mich mit ihnen beschäftigen. Außerdem beinhalte der Job ein wenig Hausarbeit - darunter hatte ich mir nicht wirklich acht Stunden Hausarbeit pro Tag vorgestellt... Wahrscheinlich hatte M. diese Tatsache sehr beschönigt, um mich nicht abzuschrecken. Denn wie sie mir später erzählte, war es sehr schwer für sie, jemanden für den Job zu finden, da die meisten Frauen nicht so weit weg von den Städten arbeiten wollten und schon gar nicht während der Regenzeit. Ich konnte das verstehen, aber trotzdem fühlte ich mich hereingelegt, als ich schon wieder den ganzen Tag putzte, abwusch und Wäsche aufhängte.
Meine Situation hatte sich trotzdem gegenüber der auf Somerville stark verbessert, denn hier verstand ich mich mit der Familie, nahm die Mahlzeiten mit ihnen ein und wurde viel mehr in das Leben auf der Farm eingebunden.
Nachdem ich vorsichtig bei M. angedeutet hatte, dass ich aufgrund unseres Telefonats doch etwas andere Vorstellungen von dem Job gehabt hatte, durfte ich dann schon ab und zu etwas mit den Kindern machen und beschäftigte mich manchmal nachmittags einige Stunden mit ihnen. Jedoch gestaltete sich auch das als sehr schwierig. Diese Kinder legten ein völlig anderes soziales Verhalten an den Tag als andere Kinder in ihrem Alter. Sie schwankten zwischen übertrieben erwachsen und übertrieben kindlich. Ihre Kindheit unterschied sich eben grundsätzlich von der eines Stadtkinds: Keine Spielkameraden außer den Geschwistern, keine normale Schule, kein Sportverein, kein Musikunterricht, nur dreimal im Jahr Schokolade. Sehr viele Eigenschaften und Wissensbestände, die für andere in ihrem Alter normal sind, hatten sie nicht, dafür aber spezielle Fähigkeiten des Lebens im Outback, die den meisten Menschen immer verborgen bleiben.

Das Wohnhaus

Das Wohnhaus

Die vordere Veranda, die beiden rechten Türen führen zu Bad und Toilette, die große Tür ins Wohnzimmer (es gibt keine Wohnungstür und keinen Flur)

Die vordere Veranda, die beiden rechten Türen führen zu Bad und Toilette, die große Tür ins Wohnzimmer (es gibt keine Wohnungstür und keinen Flur)

Die hintere Veranda

Die hintere Veranda

Blick aus dem Küchenfenster

Blick aus dem Küchenfenster

Die Wasseranlage, dahinter das Haus

Die Wasseranlage, dahinter das Haus

Der Weg vom Wohnwagen zum Haus

Der Weg vom Wohnwagen zum Haus

Der Garten

Der Garten

Ein Ausschnitt der Speisekammer...

Ein Ausschnitt der Speisekammer...

Hinter dem Haus wuchs ein Bananenbaum

Hinter dem Haus wuchs ein Bananenbaum

Der Alltag auf Strathburn war wirklich eine Herausforderung für mich. Ich bin nicht wirklich ein Stadtmensch, ich liebe die Natur und ich mag es auch, alleine zu sein. Aber nicht in diesem Maße! Es war wirklich schwer, dass es niemand anderen zum Reden gab als nur die Familie. Jeden Tag die gleichen Gesichter zu sehen, niemals jemand anderen, niemals eine andere Stimme zu hören, war wirklich gewöhnungsbedürftig. In der Stadt ist man so an all die Ablenkungen gewöhnt. Man kann sich ständig unterhalten oder auf andere Gedanken kommen, und sei es, dass man nur in den Supermarkt geht oder irgendwo einen Kaffee trinkt. An einem Ort wie diesem hat man das nicht, und erst so erfuhr ich, welche Bedeutung es hat. Dinge wie Freunde zu treffen, ins Kino oder ins Restaurant zu gehen, einfach andere Menschen zu treffen und aktiv zu sein... Oder eher: Hinzugehen wohin man möchte, einfach einen Bus oder Zug zu nehmen und irgendwo hinzufahren. Ein wenig Kultur und Austausch zu erleben, wenn man es möchte, oder ein wenig Unterhaltung....
Auf einer Farm ist dafür keine Zeit. Die Menschen müssen arbeiten, und sie arbeiten sehr hart. Es ist einfach keine Zeit und Energie für etwas Anderes übrig. Auf Strathburn arbeitete man von morgens bis abends, nach der Arbeit gab es Abendessen und die Nachrichten wurden angeschaut, dann ging man gegen neun zu Bett, und am nächsten Morgen begann alles wieder von vorn. Es ist wirklich ein hartes Leben, und es zeigte mir auch, wie verweichlicht die Menschen in der Stadt auf gewisse Art sind. Dort müssen wir nicht den ganzen Tag körperlich arbeiten, wir müssen nicht ständig gegen die Natur ankämpfen, sind nicht von Überschwemmungen, Dürren und Feuern bedroht...

Auch die ewig gleiche Ernährung machte mir zu schaffen, dazu das heiße Wetter. Dazu war ich immer eine Person, die sehr am Weltgeschehen interessiert war, und so konnte ich einfach nicht verstehen, dass wir nur den Sportteil der Nachrichten anschauten (der auf diesem Sender zuerst, vor den anderen Nachrichten kam), und dann, wenn es zum politischen Teil kam, einfach ausmachten! Ich fand das schrecklich, auf der anderen Seite konnte ich es aber auch nachvollziehen. Es gab hier einfach andere Probleme! So wartete die Familie verzweifelt auf Regen. Ich hörte, wie die Tochter mit ihrer Freundin telefonierte und sagte, am meisten wünsche sie sich zu Weihnachten Regen. Es war in der Tat dringend. Wenn es innerhalb der nächsten drei Wochen nicht regnete, würden die Kälber und ihre Mütter nicht genug Kraft haben, um zu überleben. Aber es durfte auch nicht zuviel regnen, denn dann würde es eine gewaltige Flut geben. So eine Flut hatte im letzten Jahr vierhundert Rindern das Leben genommen - ein schrecklicher Verlust für Strathburn. Wenn man solche Probleme hat, wofür braucht man dann die Nachrichten?

Doch auf der anderen Seite gab es unglaublich schöne Momente. Zum Beispiel der Tag, an dem es endlich einen Regenschauer gab - der erste Regen, den die Kinder seit April gesehen hatten. Sie rannten hinaus und tanzten und sangen vor Freude und ich stand dort und sah ihnen mit Tränen in den Augen zu.
Dann die Freude und Aufregung, wenn am Donnerstag das Postflugzeug kam. Den ganzen Vormittag warteten wir auf das Motorengeräusch und dann hörten wir es endlich und jeder rannte hinaus auf das Landefeld. Nun gab es Gelegenheit, ein Pläuschen zu halten mit dem Piloten oder ein paar Touristen, die im Flugzeug mitflogen, und dann wurde aufgeregt im Wohnzimmer der Postsack aufgerissen, die Briefe über die ganze Erde verteilt und nach vertrauten Handschriften gesucht.
Und auch mein Job hatte seine schönen Seiten, so musste ich z.B. abends zum Hühnerstall gehen und alle Küken zählen, um sicher zu gehen, dass keines verloren war. Drei schwarze, drei weiße - alle da, ich konnte beruhigt schlafen gehen.
Da waren die Kängurus, die gegen Abend am Waldrand erschienen und mir dabei zusahen, wie ich die Wäsche aufhängte.
Und die wunderschönen Outback-Nächte, wenn ich zu den Sternen sah und nicht glauben konnte, dass ich wirklich hier war, dass ich meinen Traum verwirklicht hatte und auf einer Farm im Outback arbeitete! Ich war aus Deutschland ganz alleine hierher gekommen, um zu tun, was ich wollte, und das war ein großartiges Gefühl. Ich war wirklich hier und erlebte es, spürte die Hitze und sah den roten Sand, roch den Busch und hörte in der Nacht die Tiere um den Wohnwagen herumwuseln. Ich war mit allen Sinnen hier, und obwohl sich doch jeder Tag stark glich, war jeder Tag auf seine Art aufregend.

Ich war froh, mich wirklich als Teil dieser Familie zu fühlen und so hatte ich auch an den schwierigeren Dingen des Lebens im Outback Anteil.
Es war ein aufregendes Gefühl, sich so weit entfernt vom nächsten Nachbarn zu befinden. Man war hier sehr auf sich alleine gestellt, und das war es auch, was mich am meisten beeindruckte: Man musste hier wirklich Probleme selbst in die Hand nehmen, musste selbst zurecht kommen und sich selbst helfen.
So erzählte mir M. von einigen Dingen, die sich auf der Farm ereignet hatten. Vor einem Jahr z.B. war ein Gast von einem Stier aufgespießt worden und beinahe verblutet, bis endlich die Flying Doctors gekommen waren. In der Speisekammer stand eine große Kiste mit der Aufschrift "Royal Flying Doctor Service". In dieser Kiste befanden sich, streng in Fächern geordnet und nach Nummern sortiert, hunderte von Medikamenten. Wenn auf Strathburn etwas passierte, musste man die Fliegenden Ärzte anrufen, ihnen am Telefon den Fall beschreiben und konnte das nötige Medikament in Sekundenschnelle in der Kiste finden. Ich bekam selbst mit, wie G. an einem Tag plötzlich große Schmerzen im Bauch hatte und M. ihm selbst ein Schmerzmittel spritzen musste. Zum Glück verschwanden die Schmerzen wieder, so dass die Ärzte nicht kommen mussten.
Ist es angesichts dieses Lebens verwunderlich, dass die Bewohner des Outbacks von einem anderen Schlag sind und man sie als Stadtmensch häufig nicht begreifen kann? Wohl eher nicht. Hier zählt nur die Arbeit, das Überleben, der Kampf gegen die Natur. Für einen Außenstehenden mag dies unverständlich wirken - warum sollte man so ein Leben führen? Es muss den Menschen im Blut liegen, denn sonst hält man es einfach nicht aus.
Doch wenn ich nachts in meinem Wohnwagen lag und die Wildschweine am Kompost herumwühlen hörte, wenn ich abends um neun, halb zehn mit der letzten Arbeit fertig war und unter dem klaren Sternenhimmel des Outbacks zu meinem Wohnwagen hinüber lief, dann liebte auch ich es und war fasziniert davon, etwas so Einzigartiges erleben zu dürfen.

Die "Straße"

Die "Straße"

Auf der Flugzeuglandebahn

Auf der Flugzeuglandebahn

All diese Erlebnisse und Geschichten berührten mich sehr tief und so hatte ich Stunden, in denen ich überglücklich war. Ich spürte, dass diese Zeit mich prägte und mich sehr weiter brachte und dass ich begann, Strathburn und seine Menschen zu lieben. Doch andererseits hatte ich auch oft Heimweh, zwar nicht der schlimmsten Art, aber doch so sehr, dass ich wusste, ich konnte hier nicht sehr lange bleiben. Ich vermisste weniger meine Familie, denn mit ihr stand ich per Satelliten-Internet in Kontakt. Doch ich hatte einfach nicht erwartet, dass mir die Stadt so sehr fehlen würde, und damit meine Freiheit, was für eine Freiheit das auch immer war.
So blieb für mich zunächst offen, wie lange ich auf Strathburn bleiben würde, denn einerseits war ich froh hier zu sein, aber andererseits gab es viele Momente, in denen ich glaubte, es keinen Tag länger durchhalten zu können.

© Mirjam & Nico L., 2007
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Während meiner ersten Australienreise arbeitete ich auf verschiedenen Farmen im Outback von Queensland und reiste an der Ostküste entlang von Cairns nach Sydney.
Details:
Aufbruch: 07.11.2006
Dauer: 3 Monate
Heimkehr: 07.02.2007
Reiseziele: Australien
Der Autor
 
Mirjam & Nico L. berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
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