Rückenwind

Reisezeit: Januar 2010 - März 2011  |  von Marco Burkhart

Chile: Lago Buenos Aires

Von El Chaltén weiche ich von der Standardroute der Backpacker ab. Im Bus an den Lago Buenos Aires sitze ich mit zwei Mitfahrern, der Rest faehrt nach Bariloche, in die argentinische Schweiz. Nach all den grossartigen Attraktionen wird es Zeit fur die Menschen und deren Kultur. Die Weiterfahrt ans Westende des Sees mache ich in einem Minibus. 14 Personen, allesamt Chilenos und ich mitten drin. Da wurde mir klar, dass ein neuer Abschnitt meiner Reise beginnt. Die Leute transportieren Mehl, Zucker, Oel und Nuesse. Wir setzen einen nach dem anderen im Nichts ab. Haeuser alleine am See umgeben von Steinen und Bueschen. Das klingt vielleicht idyllisch, ist aber knochenhart. Ich lande schliesslich bei einer sympathischen Familie in Guadal mit seinen 800 Einwohnern.

Lago Buenos Aires oder Toscana?

Lago Buenos Aires oder Toscana?

Der Ort wird der Ausgangspunkt fuer meine Tour am Lago Buenos Aires auf der Carretera Austral, eine Schotterpiste, die die ruralen Regionen Chiles mit Santiago verbindet. Gebaut wurde sie unter dem Pinochet Regime. Eine gute Tat hat wohl jeder Diktator vollbracht.
Ziel der Tour ist Rio Tranquilo in 70 km Entfernung. Ich decke mich fuer vier Tage mit Proviant ein. Der Rucksack ist schwer beladen und ich gehe einfach mal drauf los. Ein komisches Gefuehl, wenn du gar keine Vorstellung hast, was dich erwartet. Aber der Piste folgend komme ich an malerischen Flecken vorbei mit Fluessen, Gletschern, Buchten, ab und zu ein Bauernhaus. Es geht auf und ab, doch kein Mensch in Sicht. Die erste Unterhaltung fuehre ich am zweiten Tag mit einem Bauern, der seine zwei Kuehe einfaengt. Er sitzt aufm Gaul und wird von zwei Hunden flankiert. Ein Gebruell und Geklaeffe! Er traegt ein Schafsfell als Hose und ist ganz verwundert, dass ich ihn verstehen kann. Voller Stolz stellt er sich mit seinen drei Vor- und zwei Nachnamen vor und posiert fuer ein Foto. Was fuer eine Begegnung!
Der Tag wird heiss, ich gehe mit einem Affenzahn. Und wenn du so gehst, dann gehen dir irgendwann die Gedanken aus. Dein Kopf wird immer leerer und es bleibt nur dein Atem und deine Schritte. Einer nach dem anderen, immer vorwaerts und ein voellig freigelaufener Kopf. Ein grosses Gefuehl.

stolzer Bauer

stolzer Bauer

Die zweite Bekanntschaft ist ein Strassenarbeiter, den ich aus der Ferne als Pylone ausmache. Ein oranger Punkt am Horizont, voellig regungslos, also eine Pylone. Aber der Kerl sitzt einfach nur da und wartet auf die Baumaschine. Was ich denn hier mache? Wandern? Ein sehr verwunderter Ausdruck. Hier kommt sonst keiner zu Fuss durch. Mir begegnen eine Reihe dieser menschlichen Pylonen, die nur rumsitzen und vielleicht die Zwischenzeiten der Baumaschine abnehmen. Sonst wird dem Fahrer noch langweilig.

Die Strasse fuehrt immer weiter vom See und immer hoeher in die Berge. Das mindert meine Chancen auf einen Platz fuer die Nacht, nur Steilhaenge und Buesche. Also kaempfe ich mich einen Fluss hinunter ueber vier Weidezaeune. Das Ergebnis ist eine zerissene Hose und ein Stier, der mich wuetend anblickt, als ich in sein Revier dringe. Ich fluechte auf die andere Seite des Flusses, bis ich vor einem Dickicht stehe, kein Durchkommen. Es wird dunkel und es bleibt keine Zeit fuer eine neue Suche, also schlage ich mein Zelt in zwischen Bueschen umringt von Kuhfladen auf. Ich hoffe nur, dass keine Kuh in der Nacht durchs Zelt latscht.
Die Nacht ist kalt und keine Wolke am Himmel. Ueber mir macht sich ein gigantischer Sternenhimmel breit. Noch nie hab ich so viele Sterne gesehen, Milchstrasse ist untertrieben, das ist ein weisses Geflecht aus Strassen.

Der dritte Tag beginnt mit der Begegnung des Bauern. Ganz aufgebracht sitzt er auf seinem Pferd, drei Hunde dabei. Wir sind wohl beide tierisch nervoes. Was ich denn hier mache? -Zelten. -Ob ich Feuer mache? -Natuerlich nicht. -Ob ich sein Haus nicht gesehen habe? -Nein, es war dunkel. Er entspannt sich und laesst mich gewaehren.
Zurueck auf der Strasse frage ich die Bauarbeiter, wie weit es denn noch nach Rio Tranquilo sei? Die Antwort ist suedamerikanisch und schwankt zwischen 10 - 30 km, je nachdem, wen ich frage. Also gehe ich einfach weiter, immer den Berg hoch, naechste Kurve und es geht immer noch hoch. Nach vier Stunden Marsch erreiche ich mein Ziel. Ich bin erleichtert und schlagartig tun mir die Fuesse weh, kann kaum noch auftreten, 70 km in den Knochen. Was man mit Willen alles steuern kann.

Endlich am Ziel!

Endlich am Ziel!

In Rio Tranquilo mache ich eine Tour zu den Marmorgrotten mit, die ueber Jahrtausende mit Wasserkraft in den Berg geschliffen wurden.

© Marco Burkhart, 2010
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Am Donnerstag, 28. Januar früh fuhr ich mit dem geliehenen Citroen "Jolly" Jumper, über die Elbbrücken Richtung Freiburg. Auf Delta Radio lief "Rückenwind" von Thomas D. Ich dachte nur, was gibt es passenderes als Titel für dieses Kapitel?
Details:
Aufbruch: 31.01.2010
Dauer: 14 Monate
Heimkehr: 31.03.2011
Reiseziele: Argentinien
Chile
Antarktis
Brasilien
Bolivien
Peru
Ecuador
Kolumbien
Panama
Costa Rica
Botsuana
Sambia
Mosambik
Südafrika
Namibia
Ruanda
Tansania
Der Autor
 
Marco Burkhart berichtet seit 11 Jahren auf umdiewelt.
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