Rückenwind

Reisezeit: Januar 2010 - März 2011  |  von Marco Burkhart

Bolivien: La Balsa

La balsa bedeutet auf Spanisch das Floss. Mal wieder ein Zufallsprodukt meiner Reise dank der Begegnung mit Markus aus Deutschland. Markus erzaehlt mir von seinem Vorhaben fuer fuenf Tage mit dem Flosss durch den bolivianischen Dschungel zu fahren. Ich bin sofort begeistert und es soll die entspannteste Fahrt von A nach B aller Zeiten werden.

Wir werden von La Paz nach Guanay, dem Ausganspunkt unser Fahrt gebracht. Wie es in Bolivien nun mal ueblich ist, werden solche Touristentransporte auch gerne fuer kleine Gefaelligkeiten genutzt. Es faehrt der Onkel oder die Tante oder ein Sack Mehl mit. Oder eben in unserem Fall 1.900 Kueken. 19 Kartons voller Kueken! Ich denke, ich steh im Wald und lache mich schlapp. 16 Kartons passen aufs Dach, die restlichen drei werden im Innenraum verstaut. Dieses Getschiepe kannst du dir nicht vorstellen. Beim Anfahren werden die kleinen tierisch nervoes und stimmen gemeinsam in ein zweistuendiges Konzert ein.

Kuekentransporter

Kuekentransporter

Die erste Begegnung mit unserem schwimmenden Untersatz jagt mir einen kleinen Schrecken ein. Als eingefleischter Segler schuettelts dich beim Anblick einer Konstruktion aus Holzstangen, Schnueren und LKW-Schlaeuchen. Und du fragst dich, wo ist hier der Notausgang? Aber unser Flossfuehrer Ruben floest uns vertrauen in sein Gefaehrt ein. Also fahren wir mit drei Passagieren, zwei aus Baden und Adam aus Australien sowie Ruben und der Koechin Susanna von Guanay nach Rurre.

Das Floss

Das Floss

Ich bin etwas nervoes, ob das gut geht mit diesem Gummi-Holz-Geflecht? Guanay liegt auch noch an einer etwas turbulenten Passage des Rio Mapiri mit Stromschnellen. Unser Floss wird komplett geflutet und die Klamotten auch. Aber wir meistern die ersten Meter gut, keiner faellt ins Wasser und wir kentern nicht. Nach zwei Stunden fuehle ich mich wohl auf dem Floss und beginne die Fahrt zu geniessen. Eine traumhafte Umgebung aus einer hervorragenden Perspektive, vom Wasser. Nach drei Stunden Fahrt parken wir an einem traumhaften Strand und schlagen unsere Zelte auf. Wir werden sofort von Sandfliegen attackiert. Diese Viecher sind so klein, dass du den Einstich nicht spuerst. Nach zehn Minuten sind meine Fuesse uebersaeht mit roten Punkten.

Unser erster Strand fuer die Nacht

Unser erster Strand fuer die Nacht

Am naechsten Morgen werden wir frueh von Ruben geweckt und geniessen ein Luxusfruehstueck mit Pfannkuchen und Ei. Nach kurzer Fahrt starten wir eine kleine Wanderung durch den Dschungel zu einem versteckten Wasserfall. Ich komme mir vor wie im Film, aber es ist real. Wir huepfen in das kuehle Nass und planschen wie Kinder.

Passend zum Spieltag und dem ersten Torschuetzen

Passend zum Spieltag und dem ersten Torschuetzen

Da an diesem Sonntag das erste Spiel unserer Jungs bei der WM ist, steuern wir ein Dorf an. Es soll das letzte Stueck Zivilisation fuer die naechsten Tage sein. Doch nach einer Odyssee durch die Kneipen muessen wir leider feststellen, dass es keine Live-Uebertragung gibt. Das ist natuerlich enttaeuschend, aber die entspannte Weiterfahrt macht alles wieder wett.
Wir kommen an etlichen blauen Plastikzelten vorbei, die den Goldsuchern als Behausung dienen. Rio Mapiri und Rio Kaka transportieren Gold, das sich im Fluss bildet. Die Goldwaescher stehen mit ihren Pfannen am Flussrand und durchsieben das Gestein.

So drehen wir auf dem Fluss unsere Runden, je nachdem wie es der Stroemung und unserem Floss passt. Wir treiben langsam flussabwaerts, Meter fuer Meter. Nicht zu vergessen unsere fuenf Millionen Begleiter: Sandfliegen, die dir kontinuierlich um den Kopf schwirren und versuchen auf einem Fleck Haut einen Stich zu landen. Aber nach der etwas leidvollen Erfahrung am ersten Abend, sind wir komplett mit Repellent eingesprueht.

Wir suchen uns wieder einen Strand fuer die Nacht und finden ein kleines Stueck Paradies. Ich fuehle mich an "The Beach" erinnert. Es ist wie in einer anderen Welt, ich kann gar nicht fassen, wo ich mich gerade befinde. Einige Meter hinter uns beginnt der Dschungel. Wir lauschen den Voegeln, die etwas anders klingen als bei uns daheim und geniessen den Sternenhimmel.

Nachtlager wie aus dem Reisekatalog

Nachtlager wie aus dem Reisekatalog

Der Plan fuer die folgende Nacht ist mir etwas unheimlich. Ruben macht mit uns eine Nachtwanderung durch den Dschungel. Als ob das tagsueber nicht schon gefaehrlich genug waere. Wir sind auf der Suche nach Tieren und ich bin etwas erleichtert, dass wir ausser Spinnen und Ameisen nur zwei Affen finden. Die Schlangen und Jaguare scheinen gerade im Urlaub zu sein. Zum Glueck.

Der naechste Morgen ist ein Paradebeispiel fuer das Erwachen des Dschungels. Die Voegel kreischen in einer Lautstaerke, das jeden Wecker in den Schatten stellt. Also stehen wir ungewollt frueh auf und geniessen eine dunstige Nebellandschaft, die sich nach und nach in ein kraeftiges Gruen verwandelt. Wir fahren weiter und erleben das Gebruell des mono rojo, des sogenannten Rotaffen. Es ist so laut und furchteinfloessend, dass ich froh bin auf dem Wasser und nicht im Dschungel zu sein.

Nach fuenf megaentspannten und kurzweiligen Tagen erreichen wir das Ziel unserer Reise, den Nationalpark Madidi und die Hafenstadt Rurre. Wir sind alle etwas traurig. Die Zeit ging viel zu schnell vorbei, obwohl du auf dem Floss unendlich viel Zeit hast und dir weiss Gott keinen Haxn ausreisst.
Wir werden aus unserer Traumwelt wieder herausgerissen und sind zurueck in der Zivilisation.

Tor des Nationalparks Madidi

Tor des Nationalparks Madidi

© Marco Burkhart, 2010
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Am Donnerstag, 28. Januar früh fuhr ich mit dem geliehenen Citroen "Jolly" Jumper, über die Elbbrücken Richtung Freiburg. Auf Delta Radio lief "Rückenwind" von Thomas D. Ich dachte nur, was gibt es passenderes als Titel für dieses Kapitel?
Details:
Aufbruch: 31.01.2010
Dauer: 14 Monate
Heimkehr: 31.03.2011
Reiseziele: Argentinien
Chile
Antarktis
Brasilien
Bolivien
Peru
Ecuador
Kolumbien
Panama
Costa Rica
Botsuana
Sambia
Mosambik
Südafrika
Namibia
Ruanda
Tansania
Der Autor
 
Marco Burkhart berichtet seit 11 Jahren auf umdiewelt.
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