Rückenwind

Reisezeit: Januar 2010 - März 2011  |  von Marco Burkhart

Peru: Machu Picchu

Da der Inka-Trail zum Machu Picchu ueber Monate im Voraus ausgebucht ist und eine Stange Geld kostet, entscheide ich mich fuer die alternative Route ueber den Salkantay Pass. Die Route hat es aber in sich und geht auf 4.700 m Hoehe. Mit Adam (von der Flosstour) stand ein Gefaehrte schon laenger fest, mit Tobi aus der Schweiz kam ein zweiter hinzu.

Ersatzsocke, Flohsack und Ginseng

Ersatzsocke, Flohsack und Ginseng

Adam als Ersatzsocke. Er traegt bei 42 Schugroesse 46er Wanderlatschen. Wir vermuten, dass er seine Ersatzsocken im Schuh transportiert. Tobi als Flohsack, ein Blick auf sein Haar erspart jede Erklaerung. Ich als Ginseng. Kein Kommentar, Querverweis auf Amazonas.

Die Tour startet im Nest Mollepata auf 2.800 m. Wir entscheiden die Tour ohne Fuehrer und Traeger zu machen, wir wollen uns eigenes Tempo gehen und den Pass ohne fremde Hilfe, ohne Maulesel erreichen. Anscheinend sind wir die einzigen, die unabhaengig aufbrechen. Von Mollepata fuehrt der Weg nach Soraypampa auf 3.900 m. Nach sieben Stunden sind wir am Camp angekommen und erhaschen einen ersten Blick auf den prachtvollen Berg Salkantay. Ich hab ziemlichen Respekt bei diesem Anblick und vor dem kommenden Tag. Die Nacht bricht an und es wird in kurzer Zeit saukalt. Also verkrieche ich mich in meinen Schlafsack, gemeinsam mit den Huehnern, falls sich welche im Tal aufhalten.

Nevado Salkantay

Nevado Salkantay

Am naechsten Tag steht die Ueberquerung des Passes bevor. Wir fruehstuecken kraeftig. Na ja, meine Gefaehrten Ersatzsocke und Flohsack eher sparsam, da sie Montezumas Rache plagt. Der Weg schlaengelt sich weiter das Tal hoch, bis wir vor einer gigantischen Endmoraene stehen, ueber 100 m hoch. Jetzt wirds ernst, die erste harte Steigung verlaeuft an der Moraene entlang. Ich hab das Gefuehl, hier hat einer am Sauerstoffhahn gespielt. Ich pumpe Luft in die Lungen wie ein Weltmeister, doch in den Beinen kommt nur wenig davon an. Entsprechend ermueden die Beine auch schneller. "Es ist hart, aber machbar", mein Kommentar an die Jungs. Also weiter gehts. Der Wasservorat schwindet im Minutentakt, die Anstrengung ist uns ins Gesicht geschrieben. Ab und zu wuensche ich mir einen Maulesel, einen kleinen Rucksack, wie ihn jeder normale Mensch auf dieser Route dabei hat. Aber die Unabhaengigkeit ist die Schlepperei allemal wert.

Endmoraene, Zeuge eines Gletschers

Endmoraene, Zeuge eines Gletschers

Nach drei Stunden erreichen wir das Hochplateau Pampa Salkantay auf 4.400 m. Einen Moment Luft holen, bevor es in die letzte Steigung geht. Der Berg steht nun in voller Pracht vor uns. Ich geniesse den Blick auf Salkantay mit 6.200 m. Der Pass ist langsam zu sehen. Der Wind pfeift ueber den hoechsten Punkt, die Wolken fliegen vorbei. Vor uns ein moerderischer Anstieg. Nicht lang nachdenken, los gehts. Meine Beine signalisieren, dass sie mich bis nach oben tragen werden. Also bleibt fuer mich nur eines zu tun: Den Puls konstant und die Atmung ruhig halten. Wenn dir die Atmung um die Ohren fliegt, kannst du den Weg nach unten antreten. Bei jedem Schritt ein- und ausatmen. Ein meditatives Ritual, jeder andere Gedanke ist ausgeblendet. Nur noch ein paar Meter, dann ist es geschafft. Der Wind blaest mir nun mit voller Wucht ins Gesicht. Die Temperatur faellt. Wir verkriechen uns zum Vespern hinter einen Felsen und bejubeln unsere Tat. Wir sind oben!

"Kiosk" am Hochplateau

"Kiosk" am Hochplateau

Wir habens geschafft!

Wir habens geschafft!

Jetzt kommt der Abstieg ins naechste Camp Huaracmachay auf 3.800 m. Ersatzsocke und Flohsack duesen los, ich gehe langsam und schone mein Aussenband. Aber der steinige Weg macht mir zu schaffen, meine Baender sind mit dieser Strapaze nicht einverstanden. Also gehe ich noch langsamer. Vor uns oeffnet sich das gigantisch grosse Tal Huamantay.

Tal Huamantay

Tal Huamantay

Wir erreichen unser Camp lange vor Sonnenuntergang, koennen noch ein wenig die Waerme geniessen und ausspannen, bevor die Nacht einbricht und die Temperatur in Minuten in den Keller faellt. Am dritten Tag geht es fast nur bergab, die Vegetation veraendert sich deutlich. Buesche saeumen unseren Weg, bald sind wir an der Baumgrenze. Schade, eigentlich ist mir die rauhe Landschaft im Hochgebirge lieber. Wir wechseln nun in das Santa Teresa Tal Richtung unseren letzten Camps La Playa auf 2.000 m. Der Weg ist ein einziges auf und ab. Flohsack wird merklich langsamer, Montezuma macht nun ernst mit ihm. Also schlagen wir ein Zwischencamp auf. Ich lege mich ins Gras, beobachte die ziehenden Wolken und kreisenden Voegel. Mir wird klar, das wir mit der Ueberquerung des Passes etwas tolles geschafft haben. Ich freue einfach nur und rauche eine Genuss-Zigarette, die erste seit vielen Wochen.

Alles gut gegangen, Schwein gehabt!

Alles gut gegangen, Schwein gehabt!

Wir lassen uns nach Santa Teresa fahren, suchen uns ein Hotel. Die Dusche ist ueberfaellig, selbst die passierenden Maulesel haben sich am Ende mit einem Huf die Nuestern zugehalten.
Von Santa Teresa gehts nach Aguas Calientes, der Ausgangspunkt fuer Machu Picchu. Wir nehmen ein Taxi, der uns dorthin fahren soll. Aber der Fahrer haelt weit vor der Stadt an einem Kraftwerk. "Das ist fuer uns Aguas Calientes", sein Kommentar. Wir diskutieren, verhandeln den Fahrpreis neu, bezeichnen ihn als Luegner. Aber was nuetzt es, Taxifahrer sind hier so ehrlich wie Politiker. Ich hab mehr Respekt vor einem Maulesel als vor diesem Gesindel. Also gehen wir nochmal zwei Stunden zu Fuss.

Morgennebel am Machu Picchu

Morgennebel am Machu Picchu

Nach einem Ruhetag machen wir uns zum Machu Picchu (Alter Berg) auf. Seit 2007 eines der neuen sieben Weltwunder. Wir starten um kurz nach drei morgens, da wir in der ersten Gruppe auf Wayna Picchu (Junger Berg) sein wollen. Wayna Picchu ist der beruehmte, gruene Berg hinter Machu Picchu. Nur 400 Personen pro Tag koennen dort hoch.
Von Aguas Calientes fuehren Treppen zum Eingang des Weltwunders. Die Treppen werden ab 4.30 Uhr goeffnet, die ersten sind eine Gruppe Japaner in Turnschuhen. Eine dehnt sich, macht sich warm. Ich erwarte ein Gerenne bis zur Ruinenstadt. Das Tor oeffnet sich, die Japaner rennen los. Einer jubelt, als haette er gerade den Hamburg Marathon gewonnen. Nach 400 m ueberhole ich die Dehnerin, voellig schweissgebadet und ausser Atem. Nach weiteren 200 m reihert ein Japaner in die Buesche. Ich krieg mich nicht mehr ein.
Schliesslich bin ich in der ersten Gruppe auf Wayna Picchu. Der Berg und das Tal liegen im Nebel. Erst nach zwei Stunden Warten auf der Spitze lichten sich die Wolken und geben einen atemberaubenden Blick auf Machu Picchu frei.

Die Inka-Stadt von Wayna Picchu aus

Die Inka-Stadt von Wayna Picchu aus

Der Berg mit seiner Ruinenstadt wurde von den Inkas vor der Eroberung durch die Spanier bis ins Jahr 1550 bewohnt. Erbaut wurde sie um 1450 und liegt so versteckt, dass die Spanier dort nie hingekommen sind. Die Gefechte fanden in den Taelern statt. Anscheinend lebten auf Machu Picchu nur Elite-Inkas, die ueber die Existenz der Stadt nichts verraten durften.
Es gab mehrere "Entdeckungen" der Staette, unter anderem durch den deutschen Herman Goehring im Jahr 1874. Nein, nicht dieser, ein anderer. Offizieller Entdecker ist der Amerikaner Hiram Bingham im Jahr 1911. Er legte die ueberwucherte Stadt frei, machte Ausgrabungen. Heute wird sie von 2.000 Besuchern taeglich besichtigt und ist die groesste Attraktion Suedamerikas.

Ich liege mehrere Stunden im Gras und lasse die Kraft dieser Stadt auf mich wirken. Es ist ein magischer, ja mystischer Ort, der dich nicht mehr loslaesst. Wayna Picchu steht majestaetisch im Hintergrund und wirkt wie ein Waechter.

Weltwunder Machu Picchu

Weltwunder Machu Picchu

© Marco Burkhart, 2010
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Am Donnerstag, 28. Januar früh fuhr ich mit dem geliehenen Citroen "Jolly" Jumper, über die Elbbrücken Richtung Freiburg. Auf Delta Radio lief "Rückenwind" von Thomas D. Ich dachte nur, was gibt es passenderes als Titel für dieses Kapitel?
Details:
Aufbruch: 31.01.2010
Dauer: 14 Monate
Heimkehr: 31.03.2011
Reiseziele: Argentinien
Chile
Antarktis
Brasilien
Bolivien
Peru
Ecuador
Kolumbien
Panama
Costa Rica
Botsuana
Sambia
Mosambik
Südafrika
Namibia
Ruanda
Tansania
Der Autor
 
Marco Burkhart berichtet seit 11 Jahren auf umdiewelt.
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