TimeOut in Südamerika

Reisezeit: April - August 2008  |  von Beatrice Feldbauer

Woche 5 10.-16. Mai 2008: Blume

Erstaunlich, wie schnell man neue Freunde hat, oder wenigstens Bekannte. Habe mich gestern Abend von Michelle verabschiedet, mit Küsschen. Er hatte im Internet immer Nachtdienst und werde mich vermissen, wenn ich nicht mehr kurz vor Mitternacht mit meinem Stick vorbeikomme. Von Massimo im Hotel. Ich hatte ihm erklärt, dass ich nun doch nicht in den Süden fliegen würde, sondern nach Mendoza. Oh, er bekam ganz glänzende Augen. "Denken sie an mich, in Mendoza. Das ist einer der schönsten Orte Argentiniens". Und vom Kellner heute Morgen. "La ultima vez" hatte ich gesagt, als er mir nach einem kurzen Blickkontakt mein Frühstück gebracht hatte. Es sind noch keine zwei Wochen her und Buenos Aires war für mich lediglich ein Name auf meinem Globus. Und jetzt kenne ich bereits einige Leute hier. Inés und Fernando gehören auch dazu, die Tänzer von San Telmo.

Springbrunnen vor dem Congeso

Springbrunnen vor dem Congeso

Ich rufe ein Taxi. "Zum Flugplatz, aber vorher halten sie bitte kurz bei 'el ave' an." Die grosse Blume ist ein Geschenk meines Bruders an mich. Weil ich so frustriert war und dringend eine neue Idee brauchte, fand er, dass er mir einen positiven Vorschlag machen musste. Bei seinen Recherchen ist er auf diese riesige Blumenskulptur gestossen. Sie ist mit Sensoren bestückt und öffnet sich am Morgen der Sonne entgegen und am Abend schliesst sie ihre Blütenblätter wieder wenn die Sonne untergeht. Ich hätte sie prompt verpasst. Und dabei stehe ich genau auf sowas. Diese Kombination von Technik und Design. Sie ist das letzte Bild, das ich von dieser Stadt mitnehme. Danke Xavi.

'El Ave' heisst zwar 'der Vogel', aber es ist trotzdem eine Blume

'El Ave' heisst zwar 'der Vogel', aber es ist trotzdem eine Blume

der allerletzte Blick - aus dem Taxi

der allerletzte Blick - aus dem Taxi

Auf dem Flugplatz das gleiche Chaos wie beim letzten mal. Diesmal funktioniert allerdings mein Trick mit dem Anstehen an der langen Schlange nicht. Nachdem eine gute Viertelstunde gar nichts vorwärts geht, entdecke ich, dass ich nicht vor dem Checkin-Schalter sondern vor dem Billet-Verkaufsschalter anstehe. Also neu anstellen und mich mit viel Geduld wappnen. In der Halle sind mindestens vier Fernsehequipen mit grossen Kameras und Mikrofonen unterwegs. Kabel liegen auf dem Boden und erschweren den Reisenden zusätzlich das Durchkommen mit ihren vollgeladen Gepäckkarren und rollenden Reisekoffern. Irgendein Prominenter fliegt heute ab und soll bei der Ankunft am Flugplatz interviewt werden. Wer es wohl ist? Vielleicht Diego? Diego Maradona. Das wäre die Sensation.

Wer auch immer es ist, er taucht noch nicht auf und die Kameraleute werden langsam nervös. Da werden Kurzinterviews mit anstehenden Passagieren gemacht, dort hält jemand ein Blatt Papier vor eine Kamera. Weissabgleich? Und hier spricht eine Reporterin etwas in die laufende Kamera. Und dann werden die Warteschlangen gefilmt. Komme ich jetzt im argentinischen Fernsehen?

Eigentlich hätte ich zu gern gewusst, wer da erwartet wurde, aber irgendwann stehe ich doch vor dem Check-in Schalter. Und dann verliert der Prominente für mich seine Wichtigkeit und ich gehe zum Gate. Im Flugzeug werfe ich kurz einen Seitenblick auf meinen Sitznachbarn. Nein, es ist nicht Diego. Hätte ja sein können.

Wir fliegen über flaches Land. Es ist topfeben, die Pampa, Land der Gauchos. Irgendwann legen sich Wolken über das Land. Dichte weisse Wolken. Sehen aus wie Watte. Weich und angenehm. Und sie verdecken die Landschaft. Und schon bald senkt sich das Flugzeug wieder. Bereit zum Anflug auf Mendoza. Wie wird sie sein, diese Stadt? Mein Reiseführer sagt nicht viel aus, ausser dass es die Weingegend Argentiniens ist und dass hier die höchsten Berge des Landes sind. Bis zu 6000 m. Ich nehme ein Taxi in die Stadt und versuche es mit der alten Methode. Ob er ein günstiges Hotel im Zentrum kenne? Ja, meint er und fährt los. Jetzt sehe ich die Berge besser. Kahl und abweisend sehen sie aus. Die Anden. Und ganz hinten sehe ich einen hervorschauen. Er ist ganz mit Schnee bedeckt. Der gefällt mir am besten. Auf der kurzen Fahrt in die Stadt kommen wir an einem Feld mit Reben vorbei. Ich kann nicht erkennen, ob die Trauben schon geerntet sind.

Wir fahren durch Alleen, vorbei an ein- bis zweistöckigen Gebäuden und ich frage, mich, wie wohl das Zentrum der Stadt sei. Und da hält das Taxi auch schon an. Kann ja wohl kaum schon das Zentrum sein, aber ich mag jetzt nicht diskutieren, bin irgendwie geschafft. Ja es gibt noch ein freies Zimmer. Es ist im 5. Stock. Und Frühstück gibt's im 6. Stock. 6. Stock? Ich hab wohl etwas übersehen. Ja, wir sind unvermittelt im Zentrum angekommen. Aber die vielen hohen Bäume, die alle Strassen beidseitig säumen, verdecken die jetzt höheren Gebäude. Das Zimmer ist sauber, das Badezimmer nach meiner winzigen Nasszelle in Buenos Aires eine wahre Pracht und das Bett bequem.

Blick aus dem Fenster im fünften Stock

Blick aus dem Fenster im fünften Stock

Musste mich gleich mal kurz hinlegen. Aber nicht lange, denn jetzt will ich wissen, wo ich eigentlich angekommen bin. Also wieder runter auf die Strasse, an der Reception einen Stadtplan besorgt und um eine Ecke gebogen - ich bin im Zentrum. Es ist eine breite Allee mit schönen Geschäften und vielen Strassencafés, die jetzt am späten Nachmittag draussen noch aufgedeckt haben. Die meisten Geschäfte sind offen. Ich schlendere durch die Strassen, komme zum Hauptplatz. Da wird gerade ein grosser Markt aufgebaut. Artesania. Handarbeiten. Ich gucke durch ein Kaleidoskop und staune ob all den Farben, die sich darin in immer neuen Mustern zusammenfinden und wieder auseinander gehen. Aber eigentlich bin ich selber mitten in einem Kaleidoskop. Ein wunderschöner Springbrunnen wirft sein Wasser in die Höhe, es glitzert in der Sonne und fällt in ein grosses Wasserbecken.

Plaza de Independenzia

Plaza de Independenzia

Irgendwo entdecke ich ein Touristenbüro. Aktivitäten sind im Schaufenster ausgestellt. Bergsteigen, Pferdeausritt, Riverrafting und Paragliding. Musste ich wirklich hierher kommen, um mit so einem Ding ins Tal zu gleiten? Das hätte ich schon vor 30 Jahren haben können. Mit Otti Hofstetter am Delta. An der Rigi. Habe mich damals nicht getraut. Und heute? Es gibt auch eine Besichtigung der Weingüter. Das ist im Moment eher nach meinem Geschmack. Ich buche für morgen. Den Abenteuer-Prospekt nehme ich trotzdem mit. Man kann nie wissen.

Und dann setze ich mich in ein Strassencafé und bestelle einen Cappuccino. Haben wir nicht, bedauert die freundliche Serviertochter. Espresso hätte sie. Das will ich jetzt aber nicht. Ich brauche irgendetwas, das ein wenig mehr hergibt, habe seit dem Croissante vom Frühstück nichts mehr gegessen. Den klebrigen Riegel den es im Flugzeug gab, kann man getrost streichen. Hatte dabei sowieso eher das Gefühl, er wäre dazu da, alle nicht mehr ganz festen Plomben aus den Zähnen zu reissen. "Haben sie eine heisse Schokolade?" Ja, hat sie. Sie erklärt mir zwar noch etwas dazu, aber wie immer, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, das ich nun unbedingt will, mag ich nicht mehr so genau zuhören. Kurze Zeit später bekomme ich - einen Becher heisse Milch, ein paar Zuckerportionen und einen grossen Riegel Schokolade. Ich sehe mich um. Was mache ich jetzt damit? Tunke ich die Schokolade in die Milch, wie früher als Kind? Damals haben wir sie wieder herausgefischt und abgeschleckt. Ich lasse sie hinein gleiten und rühre was das Zeug hält. Und es funktioniert. Am Schluss habe ich eine leidliche warme Schokolade, die mindestens meinen akuten Hunger etwas stillt und den Magen beruhigt.

Später im Hotel lege ich mich hin. Es ist erst sieben, viel zu früh, um Essen zu gehen. Draussen ein Riesenlärm. Die Fenster sind offen. Es herrscht ein Verkehr, dass ich das Gefühl habe, neben einer Autobahn zu wohnen. Dabei schien mir das eine ruhige Nebenstrasse. Den Töff mit dem defekten Auspuff höre ich, bis er die Stadt verlässt. Es ist so ziemlich das Letzte, was ich höre. Ich muss trotzdem eingedöst sein. Eine Stunde später glaube ich ein Klopfen an der Türe zu hören. Kann ja wohl nicht möglich sein. Verschlafen öffne ich. Es ist das Zimmermädchen, will wissen, ob alles in Ordnung sei. "Fehlt etwas? Ein Handtuch, Seife? Brauchen sie noch irgendetwas?" Nein, alles in Ordnung. Es ist Zeit wieder aufzustehen, Notizen wollen ins Reine geschrieben werden. Ich habe unterwegs ein riesiges Internet-Lokal gesehen, das bis 1.00 offen ist. Dahin gehe ich jetzt. Und dann suche ich mir ein nettes Lokal fürs Nachtessen.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nicht Nichtstun steht im Mittelpunkt. Sondern etwas tun, wofür im normalen Alltag zu wenig Zeit bleibt. Meine beiden Leidenschaften Reisen und Schreiben möchte ich miteinander verbinden. Und wenn mich dabei jemand begleitet, umso schöner. Es sind vor allem Geschichten, die ich erzähle und erst in zweiter Linie Beschreibungen von Orten und Gebäuden. Ich möchte versuchen, Stimmungen herüberzubringen. Feelings, sentimientos. Wenn mir das manchmal gelingt, ist mein Ziel erreicht.
Details:
Aufbruch: 12.04.2008
Dauer: 4 Monate
Heimkehr: 03.08.2008
Reiseziele: Uruguay
Brasilien
Paraguay
Argentinien
Chile
Bolivien
Peru
Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
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