TimeOut in Südamerika

Reisezeit: April - August 2008  |  von Beatrice Feldbauer

Woche 11 21.-27. Juni 2008: Temperaturen

Augen zu und nichts mehr sehen. Vor allem keine neuen Eindrücke mehr. Ich habe heute so viel Neues gesehen, der Tag war ein Wechselbad der Gefühle, und vor allem der Temperaturen.

Angefangen hatte es am morgen um vier Uhr, als ich bei beissender Kälte und in stockdunkler Nacht vom Bus abgeholt wurde. "Ich heisse Christian" stellte sich der Guia vor. "Wir fahren jetzt zwei Stunden in die Berge, ihr könnt ruhig noch ein wenig schlafen, es gibt nichts zu sehen". Hat schon mal jemand im Schüttelbecher geschlafen?

Wir fuhren auf Naturstrassen und kaum einen Moment war es ruhig im Bus. Der ganze Bus vibrierte und rüttelte und ich staunte, wie ein Fahrzeug solche Strapazen überhaupt aushalten kann. Draussen war es finster und nur die Scheinwerfer beleuchteten einen kurzen Teil der Strasse. Wir fuhren offensichtlich ziemlich steil in die Berge.

Nach zwei Stunden kamen wir an einem Parkplatz an. "Achtung, draussen sind es im Moment 14 Grad Minus, zieht also alles an, was ihr dabei habt," wies uns Christian an und wir stiegen schlotternd aus dem Bus. Wir waren in einer unwirklichen Kraterlandschaft gelandet. Überall stiegen Dämpfe aus der Erde. Und im Boden blubberte es. Wir spazierten zwischen Geysiren. Einige zeigten sich nur als kleine runde Löcher, in denen das Wasser kochte, an anderen Orten spritzte es bis zu vier Meter hoch. Allerdings immer in regelmässigen Abständen. Der höchste Geysir macht jeweils über vier Stunden Pause, bevor er mit aller Macht sein Wasser in die Höhe schiesst.

Wer jetzt glaubt, die heissen Geysire hätten etwas Wärme abgestrahlt, weit gefehlt. Im Gegenteil, das Wasser gefror sobald es auf den Boden traf und so spazierten wir also auf Eis und mussten auch noch aufpassen, dass wir nicht umfielen. "Falls jemand umfällt, oder etwas auf den Boden fällt, nur ganz langsam wieder aufstehen, keine hecktischen Bewegungen, wir sind hier auf 4'200 Metern Höhe", erklärte Christian.

Die Geysire sind selbstverständlich den ganzen Tag aktiv und es stellte sich die Frage, warum wir so früh hierher kommen mussten. "Sobald die Sonne aufgeht, kann man die Nebel und die Dämpfe nicht mehr so schön sehen, weil es dann sehr schnell relativ warm wird", war die Erklärung von Christian. Er hatte uns unterdessen beim Bus ein Frühstück bereit gemacht. Schlotternd hielt ich mich am heissen Tee fest. Diesmal hätte ich gerne Handschuhe dabei gehabt, denn die Finger schienen mir kurz vor dem Erfrieren zu sein. Trotzdem musste ich natürlich unentwegt Fotos knipsen. Gegen sieben Uhr ging die Sonne auf und liess die Berge rundum erstrahlen.

Frühstück bei Minusgraden

Frühstück bei Minusgraden

Nach dem Frühstück stiegen wir wieder in den Bus, es ging zur nächten Station. Ein kleines Tal, ein kleiner Fluss aus dem Dampf aufstieg. Nach einem kurzen Abstieg waren wir da und weil wir unsere Badekleider dabei hatten, sassen wir schon bald alle im heissen Wasser.

Zwischen 34 und 40 Grad warm ist das Wasser hier und wir konnten uns so richtig wieder erwärmen. "Nach einer Stunde löst sich die Haut von Touristen auf", warnte Christian. Nach einer Stunde waren wir auch alle wieder bereit zu neuen Taten. Nur das aussteigen aus dem warmen Wasser und das anziehen an der kalten Luft war etwas schwierig. Ausserdem hatte ich auch ein wenig Mühe mit dem Aufstieg zurück zum Auto, immerhin waren wir noch immer auf 4200 Metern.

Unsere Badewanne

Unsere Badewanne

Wie zur Bestätigung sahen wir kurz darauf eine Gruppe Vicunos. Das sind kleinere Verwandte der Guanacos, die ich an verschiedenen Orten bereits gesehen hatte. Vicunos leben nur auf einer Höhe ab 4000 Metern. Sie sind sehr streng geschützt und ihre Wolle ist die wertvollste, die es gibt. Nur gerade 200 Gramm produziert ein Tier in zwei Jahren. Es gibt ein paar Farmen, die sich auf Vicunos spezialisiert haben. Diese dürfen die Tiere einfangen, scheren und wieder laufen lassen. Das Fleisch der Vicunos wird nicht gegessen.

Vicunas

Vicunas

Noch ein anderes Tier sahen wir ganz unerwartet. Eine Art Hase. Das heisst, es sieht nur so aus wie ein Hase, hat lange Ohren, aber einen langen buschigen Schwanz. Gehört aber zur Familie der Ratten. Ganz still sassen zwei Exemplare auf einem Felsen und sahen auf uns herunter.

Nächster Halt war in einem kleinen Dorf. Auf 4000 Meter leben hier noch ungefähr 40 Menschen. Die Kirche ist 300 Jahre alt und so lange ist da Dorf hier auch schon bewohnt. Die Leute haben Lamas, denen wir später auch noch begegneten. Die meisten aber haben auch noch eine Arbeit in der Stadt, die eine gute Stunde entfernt ist. Eine Stunde über Schotterpisten. Hier konnten wir Lamafleisch probieren. Und die Frau machte ganz frische Epinadas mit Käse.

Weiter ging die Fahrt zu einer Lagune. Sie erstrahlte in einem unglaublichen Blau. Zwar war sie stellenweise noch gefroren, aber verschiedene Vögel tummelten sich an ihrem Ufer. Und die Farben schienen hier noch stärker zu sein, als anderswo. Alle Blautönen und an den Ufern verschiedenes Grün.

Im Tal der Kaktusse

Im Tal der Kaktusse

Noch ein letzter Halt stand auf dem Programm. Ein kurzer Spaziergang im Tal der Kaktusse. Hier wachsen diese Säulenkaktusse und weil sie inzwischen geschützt sind, standen hier bis zu vier Meter hohe Exemplare. Früher hatte man diese für den Hausbau verwendet, inzwischen darf man nur noch abgestorbene Kaktusse ernten. Sie werden noch für verschiedenes Kunsthandwerk benutzt.

Inzwischen waren wir wieder auf 3500 m abgestiegen. Trotzdem setzte mir dieser letzte Spaziergang zu. Ich war hundemüde. Auf der Rückfahrt nach San Pedro nickte ich trotz Rüttelpiste kurz ein und als ich endlich im Hostal ankam, wollte ich nur noch eines: schlafen.

Und das tat ich dann auch. Irgendwann schrieb ich diesen Bericht unter der Bettdecke, aber die Energie, um in die Lobby zu gehen, nachzusehen, ob das Internet frei sei und dann den ganzen Bericht mit all den Fotos noch abzuschicken, was bei diesem langsamen Computer eine gute Stunde dauert, diese Energie hatte ich nicht mehr.

Und darum erhält ihr nun diesen Bericht vom Montag mit einiger Verspätung.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nicht Nichtstun steht im Mittelpunkt. Sondern etwas tun, wofür im normalen Alltag zu wenig Zeit bleibt. Meine beiden Leidenschaften Reisen und Schreiben möchte ich miteinander verbinden. Und wenn mich dabei jemand begleitet, umso schöner. Es sind vor allem Geschichten, die ich erzähle und erst in zweiter Linie Beschreibungen von Orten und Gebäuden. Ich möchte versuchen, Stimmungen herüberzubringen. Feelings, sentimientos. Wenn mir das manchmal gelingt, ist mein Ziel erreicht.
Details:
Aufbruch: 12.04.2008
Dauer: 4 Monate
Heimkehr: 03.08.2008
Reiseziele: Uruguay
Brasilien
Paraguay
Argentinien
Chile
Bolivien
Peru
Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
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