TimeOut in Südamerika

Reisezeit: April - August 2008  |  von Beatrice Feldbauer

Woche 7 24.-30. Mai 2008: Südwärts

Nachdem ich gestern Mittag die zwei Wale gesehen hatte, konnte ich am Mittag getrost von Puerto Madryn abreisen. Daniel in der Bar liess ich noch ausrichten, dass ich sie gesehen hatte, denn er konnte es am Abend vorher nicht verstehen, dass ich noch immer keine Wale gesehen hatte. Dabei war ich ja selber schuld gewesen, weil ich nach dem Tag auf der Halbinsel Valdés nicht einmal mehr Energie hatte, auf die Hafenmauer zu sitzen. Da hätte ich aber auch nicht viel gesehen, höchstens eine Fontäne, die die Wale immer wieder ausstossen.

18 Stunden im Bus lagen vor mir. Ich wollte mir die Zeit in 6-Stunden-Pakete einteilen und ich freute mich auf die Tagesfahrt. Kaum hatten wir die Stadt verlassen, fuhren wir wieder über diese unglaubliche Einöde. Ein Zaun auf jeder Seite der Strasse und lauter niedriges Gebüsch und Gras. Und manchmal ein paar Schafe, oder sogar ein paar Guanacos, die wilden Lamas, die ich jetzt bereits kannte. Und einmal sah ich ein Emu, ganz allein. Das ist eine etwas kleinere Variante des Vogel Strauss, der hier vorwiegend wild lebt. Stundenlang ging die Fahrt durch diese Einöde. Manchmal ein Zaun, quer durch das Gelände. Da fängt eine andere Estancia an, wusste ich jetzt von Guille. Und ausgerechnet hier hatten sich ein paar Schafe eingefunden. Ob die wohl auch auf der Suche nach ihrer persönlichen Grenze waren?

Nach dem Regen hatte es überall Wasserlachen gegeben, so dass die Tiere genügend Wasser fanden. Ich sass wieder vorne, über dem Chauffeur und hatte eine hervorragende Sicht. Verkehr herrschte fast keiner, ein paar Lastwagen mit offensichtlich sehr schwerer Last, manchmal ein Überlandbus, der mit Lichthupe und Winken auf sich aufmerksam machte. Und manchmal, aber nicht oft, sah ich einen privaten PW. Unser Bus überholte alle, und alle liessen sich auch bereitwillig überholen. Ich hatte Guille nach der Geschwindigkeitslimite gefragt, als er mit 120 Sachen auf der geteerten Strasse von der Halbinsel zurückfuhr. Er hatte gelacht: "gibt es nicht". Man kennt auch keinen Radar. Allerdings haben die Busse eine Limite von 90 km, die anscheinend ziemlich genau eingehalten wird. Jedenfalls wenn ich die Streckenkilometer mit den gefahrenen Stunden vergleiche. Ich habe höchste Hochachtung vor diesen Strassencowboys, die tagtäglich durch diese eintönige Landschaft fahren. Woran sie sich wohl orientieren. Nur am Tacho, oder vielleicht doch an der grünen Hinweistafel, am roten Abfallkübel rechts, oder dem links, der später kam? Oder vielleicht am weiss gestrichenen Eingangstor, hinter dem eine Strasse zu einer weit entfernt liegenden Estancia führt?

Trotz der Einöde, waren wir plötzlich doch in eine etwas gebirgigere Gegend gekommen. Weit weg zeigten sich Hügel, öffneten sich Täler. Die Vegetation war unmerklich noch etwas mehr zurückgegangen und dann sah ich plötzlich weisse Flecken rechts und links der Strasse. Schneereste. Und dann ging es sehr schnell und da waren nicht nur vereinzelte Flecken, sondern richtige Schneefelder und wenn ich genau hinsah, waren die Wasserflächen mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Erstarrt in Wellen mit dem Wind, der eben noch über die Oberfläche gestrichen war. Unterdessen war die Sonne hinter dicken Wolken verschwunden. Und wir fuhren von der Hochebene wieder hinunter. Weit vorn konnte ich die Lichter einer Stadt am Meer erkennen. Und zwei Schiffe, die draussen auf dem Meer vorbeizogen. Wir näherten uns unserem ersten Ziel: Comodor Rivadavia. Es war 18.00 Uhr, die ersten sechs Stunden waren wie im Flug vergangen. Ein Drittel lag bereits hinter mir.

Es gab eine Stunde Pause, in der der Bus geputzt wurde, und die mir Gelegenheit gab, die Füsse etwas zu vertreten, auf die Toilette zu gehen und ein wenig durch die Strassen der Stadt zu bummeln. Die zweiten sechs Stunden vergingen relativ schnell. Nach dem Aufenthalt ging die Fahrt weiter. Inzwischen war es draussen ganz dunkel Geworden und es gab nichts mehr zu sehen. Ich packte den aufgeladenen Laptop aus uns staunte, wie gut das mit dem Schreiben ging. Jedenfalls bedeutend besser, als von Hand, wo alles ziemlich verwackelt heraus kam. Vom Bildschirm gabs Musikvideos und eine grosse Show von Buenos Aires mit Komikern aus allen Landesteilen. Und dann wurde das Nachtessen serviert. So vergingen diese sechs Stunden problemlos und um eins gab's nochmal einen ganz kurzen Halt. Für Toilette und Zigaretten. Selbstverständlich gibt es auch im Bus ein WC, aber manchmal ist man froh, wenn man ein richtiges zur Verfügung hat und nicht nur ein chemisches. Und dann versuchte ich ein wenig zu schlafen, das heisst, ich liess verschiedene Stationen meiner Reise an mir vorbei ziehen. Heute hatte ich ein Mail von Simon, dem Angestellten von Stella erhalten. Seit ich weg sei, vermisse er mein Lachen auf der Ranch. Das tat richtig gut und ich werde ihm zurückschreiben. Er macht gerade die ersten Gehversuche im Internet unter Anleitung von Stella.

Irgendwann muss ich ein wenig eingenickt sein und irgendwann bin ich auch wieder aufgewacht. Zu müde, irgend etwas wahr zu nehmen, ausser dem regelmässigen Brummen des Motors. Un dann wollte ich doch wieder einmal sehen, ob man von der Gegend etwas sehen könne und putzte die angelaufene Seitenscheib. Wir fuhren durch eine weisse Schneelandschaft. Irgendwann liess es sich nicht mehr vermeiden, ich putzte auch die Frontscheibe, wollte die Fahrbahn sehen. Hatte irgendwie das Gefühl, dass sich etwas verändert hatte. Die Strasse war dick schneebedeckt. Draussen wütete ein Schneesturm. Der Wind verwehte den Schnee über die Fahrbahn und die Spuren von anderen Fahrzeugen waren kaum mehr zu sehen. Noch 46 km bis Rio Gallegos, meinem nächsten Ziel. Der Bus hatte unterdessen seine Fahrt stark verlangsamt und als uns ein anderer Bus entgegenkam, hielten beide für einen Moment an. Informationsaustausch. Und weiter ging die Fahrt. Im Lichtkegel des grossen Busses durch völlige Einsamkeit. Zwei- dreimal begegneten uns stehende Lastwagen, aber unser Bus fuhr unbeirrt weiter. Unsere Fahrt war aber deutlich langsamer geworden. Und dann plötzlich Strassenlaternen. Eine Kreuzung. Die Abzweigung nach El Calafate, meinem eigentlichen Ziel. Ich war mir noch nicht sicher, ob ich noch heute weiterfahren sollte, oder ob ich eine Nacht in einem Hotel in Rio Gallegos einschieben sollte, aber unterdessen war ich wieder ziemlich wach. Nichts von Krise nach einer Nacht fast ohne Schlaf. Nach ein paar Kilometer ein Kontrollposten. Der Bus hielt an und ein Uniformierter stieg zu. Mit einer Liste in der Hand wollte er von jedem Namen und Vornamen wissen. Keine Ahnung, was er bei mir aufschrieb, aber er frage nicht nach und schrieb gewissenhaft, was ich ihm gesagt hatte. Dann wollte er noch Passnummer und Nationalität wissen und, welche Frechheit, mein Alter.

Zum Glück war der Bus nur schwach besetzt, so dass die ganze Prozedur bald vorbei war und wir weiter fahren konnten. Inzwischen hatte der Schnee wieder in Regen gewechselt und weit vorne konnte man die Lichter einer Stadt erkennen. Leicht abschüssig, aber geradeaus führte die Strasse direkt auf die Stadt zu. Und dann glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Ein Autobahnsignal. Und wirklich, wir kamen auf eine vier-spurige Autobahn. Sieben km bis zur Stadt. Es war die erste Autobahn, die ich in Argentinien gesehen hatte, abgesehen von der Stadtautobahn in Buenos Aires. Überall sind es Überlandstrassen, die durch das Land führen. Aber hier, fast am Ende des Landes gibt es eine Autobahn.

Mit 40 Minuten Verspätung kamen wir in Rio Gallegos an. Eigentlich hatte ich geglaubt, dass ch hier übernachten würde, aber weil ein Passagier mir versichert hatte, dass in kurzer Zeit ein Bus nach El Calafate weiter fahren würde, fand ich, dass ich noch fit genug sei, mich um die Weiterfahrt zu kümmern. Hätte ich gewusst, was danach kam, hätte ich vielleicht doch sofort ein Taxi und ein Hotel gesucht, aber ich kaufte ein Ticket für El Calafate. Weiterfahrt um 12.00. Und jetzt? Fünf Stunden warten auf einer Busstation, mit ein paar Plastikstühlen in der zugigen Halle voller Leute und lauter Musik. Eine kleine Cafeteria, ein kleiner Kiosk. Was macht man da fünf Stunden lang? Ich fing an zu schreiben. Das ist immer eine gute Überbrückung und die Berichte werden authentischer. Später setzte ich mich in die Cafeteria und wartete. Und wartete auch zwei Stunden später noch. Schwierig beim allein reisen sind unter anderem diese Wartezeiten. Niemand, der rasch aufs Gepäck aufpasst. Immer muss ich alles mitschleppen. Oder ich frage jemanden, ob er rasch einen Blick auf mein Gepäck wirft, während ich auf die Toilette gehe. Aber alle Leute sind immer in Bewegung. Man kommt und geht. Rasch zum Kiosk laufen um zu sehen, ob da vielleicht etwas zum Lesen zu kaufen wäre, kannst du vergessen. Der ist so klein, da komme ich mit meinem Gepäck schon gar nicht hinein. Also warten, irgendwann und irgendwie gehen auch diese Stunden vorbei.

Zwölf Uhr, der Bus startete einen halbe Stunde später. Kurz ein Abstecher beim Flugplatz um ein paar Leute abzuholen und schon bald waren wir wieder bei der Kontrollstelle. Diesmal stieg der Uniformierte zu und erklärte, dass die Strasse nach El Calafate soeben für 4-5 Stunden gesperrt worden wäre. Prekäre Schneeverhältnisse. Also zurück zur Busstation, wo unterdessen das Chaos ausgebrochen war. Mehrere Busse waren zurück gekehrt und niemand wusste, wie es weiter gehen würde. Zwei Stunden später, die Stimmung hatte sich etwas beruhigt, brach schon wieder das Chaos aus. Man konnte jetzt fahren. Also alles wieder einsteigen und um halb drei fuhren wir los. Nachdem wieder alle Passagiere ihre Daten bekannt gegeben und auf der Liste wieder gestrichen waren, fuhren wir Richtung Berge. Das heisst, eigentlich war es nur ein Hochplateau, über das wir fuhren. Zuerst konnte lag nur links und rechts etwas Schnee. Die Vegetation war deutlich zurück gegangen, aber alles in allem war es noch immer die ewig gleiche Pampa, durch die wir fuhren. Manchmal ein paar Schafe, die im Schnee nach etwas Essbarem suchten. Manchmal ein einzelnes Lama, ein Emu, ein paar Pferde.

Um sechs Uhr sandte die Sonne ihre letzten Strahlen über das topfebene Land und dann herrschte schon bald wieder Dunkelheit. Und genau da kamen wir wiederum in einen Schneesturm. Der Wind hatte die Fahrbahn verweht und die Strasse war kaum mehr sichtbar. Kam noch dazu, dass wir genau da in einer langen Kurve wieder nach unten fuhren. Schritttempo fuhr der Bus und ich machte mich bereits wieder auf eine lange Nacht bereit. Doch irgendwann war auch diese Hürde genommen, der Schnee war wie durch ein Wunder komplett verschwunden und ich sah die Lichter von El Calafate. Für die 320 km hatten wir ganze fünf Stunden gebraucht. Dafür klappte danach alles ganz schnell. Der Taxifahrer wusste sofort ein schönes Hotel und ausserdem fuhr er auch noch beim Touristenbüro vorbei, wo ich einen Ausflug für morgen buchen konnte. Ja, und in diesem Hotel Michelangelo bin ich jetzt. Habe Internet mit meinem Laptop und bin langsam ziemlich müde. Werde darum nur noch diesen Bericht online stellen und dann wieder einmal in einem richtigen Bett schlafen. Gestern und heute war ich ganze 32 Stunden unterwegs. Übrigens, fast hätte ich es nicht bemerkt, heute war der Nationalfeiertag von Argentinien. Der 25. Mai. Darum liefen alle mit einer angesteckten Fahne herum.

Ja, und jetzt frage ich mich trotzdem noch, wollt ihr eigentlich solche Reisetage lesen. Oder soll ich einfach schreiben: "Bin von Puerto Madryn nach El Calafate gereist. Gut 1500 km per Bus."
Für mich ist es eine Herausforderung, gerade auch über die schwierigeren und langweiligeren Situationen zu schreiben und ich glaube ihr bekommt dann eher eine Ahnung von der Dynamik des Reisens.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nicht Nichtstun steht im Mittelpunkt. Sondern etwas tun, wofür im normalen Alltag zu wenig Zeit bleibt. Meine beiden Leidenschaften Reisen und Schreiben möchte ich miteinander verbinden. Und wenn mich dabei jemand begleitet, umso schöner. Es sind vor allem Geschichten, die ich erzähle und erst in zweiter Linie Beschreibungen von Orten und Gebäuden. Ich möchte versuchen, Stimmungen herüberzubringen. Feelings, sentimientos. Wenn mir das manchmal gelingt, ist mein Ziel erreicht.
Details:
Aufbruch: 12.04.2008
Dauer: 4 Monate
Heimkehr: 03.08.2008
Reiseziele: Uruguay
Brasilien
Paraguay
Argentinien
Chile
Bolivien
Peru
Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
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