TimeOut in Südamerika

Reisezeit: April - August 2008  |  von Beatrice Feldbauer

Woche 1 12.-18. April 2008: Nichtstun

Heute habe ich mich ausschliesslich mit meinem neuen Hobby beschäftigt. Dem Nichtstun. Fing gleich nach dem Frühstück an, als ich mich von Hulda mit einer Shiatsu-Massage verwöhnen liess. Sie half mir, meinen neu gefundenen Atem weiter zu spüren und zeigte mir ein paar Übungen, die mir auch in Zukunft helfen sollen, wenn es mir mal wieder den Atem verschlägt.

"Und jetzt was trinken und entspannen", wies mich Hulda am Schluss an. Als ob man mir das noch extra hätte sagen müssen. Ich legte mich gleich ins Solarium, resp. in den Liegestuhl an die Sonne und studierte den Himmel. Keine einzige Wolke wollte sich heute zeigen. Strahlend blauer Himmel. Für die nächsten paar Stunden waren meine einzigen Bewegungen, wenn ich den Liegestuhl einen halben Meter verschieben musste, weil die Pinien die Sonne verdeckten. Oder wenn ich eine Seite meines neuen spannenden Buches umblättern musste. Ausserdem beobachtete ich meinen Wecker, wie er genüsslich über den Rasen stolzierte und da und dort ein Körnchen aufpickte. Zugegeben hat er es zwar nicht, und er war auch sehr still, aber ich vermute trotzdem, dass dieser braungelbe Vogel am Morgen vor meinem Zimmer jeweils die Sonne begrüsst.

Nicht einmal ins Hallenbad schaffte ich es, obwohl ich mir doch vorgenommen hatte, täglich ein paar Runden zu schwimmen. Ich liess einfach die Sonne ihre Bahnen ziehen und die Stunden vorbei gehen. Inzwischen bin ich fast der einzige Gast in der Anlage. Nur noch ein älteres Paar aus Argentinien treffe ich jeweils beim Frühstück.

Am Abend hatte ich dann meine neue Betätigung genügend ausgekostet. Musste kontrollieren, ob mich meine Beine überhaupt noch tragen und spazierte ans Meer. Die Sonne war gerade untergegangen und sandte ihre letzten Strahlen über die Wellen. Hier veranstalteten diese eine Symphonie von Farben in blau und rot und die langen Wasserzungen spiegelten den glühenden Himmel. Erst teilte ich den Strand noch mit einem Wasservogel, aber dem schien meine Anwesenheit nicht zu behagen und er flog weg. Wahrscheinlich hatte er gefunden, was er gesucht hatte. Jedenfalls wurde mir plötzlich bewusst, dass jetzt der ganze Strand mir ganz allein gehörte.

Und da kam mir die Idee, mal nachzusehen, ob das Wasser wirklich so kalt sei, wie mir gesagt wurde. Der grosse Zeh musste als Thermometer herhalten und fand die Temperatur nicht gar so garstig. Wenn dieser Strand schon mir allein gehört, dann möchte ich ihn auch wirklich in Beschlag nehmen, fand ich und bald waren Jeans und Pullover und was sonst noch so an mir war, im Sand und ich lief in die Fluten. Liess mich von den Brechern anspritzen und im tieferen Wasser von den Wellen tragen. Ganz sanft, nur beobachtet vom Mann im Mond. Da ich auch die Brille am Strand gelassen hatte, sah ich ihn nicht so genau und hoffte, dass auch er nicht gerade den Feldstecher auf mich gerichtet hatte. Nehme an, dass ich nicht die einzige Attraktion zu dieser Stunde war. Herrlich war es, dahin zu treiben, die Gedanken auszuschalten und nur dem schwindenden Sonnenlicht nachzusinnen. Irgendwann fand ich dann allerdings, dass es vielleicht einfacher sei, meine Kleider wiederzufinden, solange noch ein kleines bisschen Licht da wäre und so entstieg ich den Fluten. Ich fühlte mich neugeboren wie Aphrodite. Ob diese allerdings auch gleich angefangen hatte zu frösteln, weiss ich nicht. Ich jedenfalls war froh, dass ich auch die warme Jacke mit an den Strand genommen hatte.

Jürgen machte mir dann noch eine Pizza, die ich mit in den Bungalow nahm. Und da sitze ich jetzt. Die Pizza ist vertilgt, das Feuer lodert und heute gibt es Pfefferminztee. Morgen werde ich mir wieder eine neue Betätigung suchen.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nicht Nichtstun steht im Mittelpunkt. Sondern etwas tun, wofür im normalen Alltag zu wenig Zeit bleibt. Meine beiden Leidenschaften Reisen und Schreiben möchte ich miteinander verbinden. Und wenn mich dabei jemand begleitet, umso schöner. Es sind vor allem Geschichten, die ich erzähle und erst in zweiter Linie Beschreibungen von Orten und Gebäuden. Ich möchte versuchen, Stimmungen herüberzubringen. Feelings, sentimientos. Wenn mir das manchmal gelingt, ist mein Ziel erreicht.
Details:
Aufbruch: 12.04.2008
Dauer: 4 Monate
Heimkehr: 03.08.2008
Reiseziele: Uruguay
Brasilien
Paraguay
Argentinien
Chile
Bolivien
Peru
Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
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