TimeOut in Südamerika

Reisezeit: April - August 2008  |  von Beatrice Feldbauer

Woche 7 24.-30. Mai 2008: Spiegelverkehrt

Es hat nicht geklappt, das mit dem früh schlafen gehen. Erst mussten sich die Sätze für den eindrücklichen Tag einstellen, zu einem Ganzen zusammenfügen. Dann musste ich mich entscheiden, welche Fotos am besten dazu passen würden. Das war gar nicht so einfach, denn ich hatte wieder einmal mehr als 150 Bilder geschossen. Und dann schickte ich das Ganze über eine äusserst langsame Leitung online. War aber nicht so schlimm, mein Platz vor dem Feuer in der Hotellobby schien mir reiner Luxus zu sein.

Ja, und dann fand ich, dass mein Magen ein leichtes Nachtessen ertragen würde und setzte mich ins elegante Restaurant, bestellte eine Tomatensuppe und Crevetten mit Champignons. Und dazu einen dieser speziellen Weissweine aus Mendoza. Einen Sauvignon blanc von Trapiche. Ja und so kam es, dass es kurz vor Mitternacht war, als ich das Restaurant verliess. "Reist du morgen ab?" wollte Pablo, der junge Kellner wissen. Wie er das gemerkt hatte, blieb mir ein Rätsel, denn wir hatten kaum gesprochen. Aber er hatte mir jeden Abend das Feuer angezündet und wenn nötig Holz nachgelegt. "Ja, ich werde morgen sehr früh abreisen." "Dann wünsche ich dir eine schöne Reise und viel Glück", sagte Pablo und küsste mich zum Abschied. So wie man sich hier immer von guten Freunden verabschiedet.

Am Morgen hat alles geklappt. Mein Natel weckte mich, die Rezeption rief an und pünktlich um viertel vor vier stand das Taxi vor der Tür. Mit dem Linienbus zurück nach Rio Gallegos. Vier Stunden, wofür wir letztes Mal sechs benötigt hatten. Auf der Höhe lag überall noch Schnee. Wie die Strasse aussah, konnte ich nicht erkennen, ich sass hinten.

Auf halber Strecke gab es den obligaten Halt. Der Chauffeur zündete das Licht an und rief: "fünfzehn Minuten Pause." Kein Mensch reagierte, alle schliefen, eingekuschelt in ihre Sitze. Trotzdem ging der Chauffeur in die Cafeterie, liess den Bus mit eingeschalteten Lichtern und laufendem Motor stehen. Ich war inzwischen hellwach und fand, dass auch mir jetzt ein Kaffee gut tun würde. Ob die Strasse schneefrei sei, wollte ich wissen. "Nein, das ist sie nie um diese Jahreszeit, aber sie ist recht gut." Geschneit hatte es nicht mehr in den letzten Tagen und mir ist nicht klar, wie die hier die Strasse räumen. Bei uns wäre sie inzwischen bestimmt absolut trocken. Während der Chauffeur sich am Tresen noch mit Brötchen und verschiedenen Backwaren für die nächsten zwei Stunden eindeckte, vertrat ich mir draussen ein wenig die Füsse.

Die Fahrt ging weiter ohne Zwischenfälle. Es war eine klare Nacht. Der Mond stand als Sichel am Himmel. Er lag auf dem Rücken und es schien, als ob er gemütlich schaukeln würde. Wieder einmal fragte ich mich, ob er bei uns eigentlich auch in dieser Stellung zu sehen sei. Eigentlich müsste er abnehmend sein, denn auf der Fahrt von Bariloche war Vollmond gewesen, aber seine Stellung bedeutete zunehmend. Manchmal kommt mir hier alles spiegelverkehrt vor. Auf den ersten Blick siehst du nichts spezielles, aber wenn du nochmals genau hinsiehst, hast du das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Oder vielleicht doch, so genau weiss man das eben nie.

Und jetzt bin ich also wieder in Rio Gallegos. In der Station, in der ich schon so viele Stunden verbracht hatte. In der Cafeteria.

Und genau an diesem Tisch, an dem ich jetzt sitze, sass beim letzten Mal ein Mann. Und was für einer. Gross, markante Gesichtszüge, blaue wache Augen, lange blonde Haare mit einem dunklen Cowboyhut bedeckt. Er trug ein weisses Hemd, enge verwaschene Jeans und bestickte Stiefel. Seine Lederjacke hatte er lässig über den Stuhl gehängt. Und die Serviertochter brachte ihm gerade sein zweites paniertes Schnitzel mit Mayo. Vor ihm stand eine Flasche Rotwein und im Glas schwammen - ich konnte es kaum fassen - Eiswürfel. Draussen herrschte gerade mal eine Temperatur von ein paar Grad und da drinnen sitzt einer und trinkt den Rotwein mit Eis.

Das war wieder einmal einer jener Momente, in denen ich meine Ansichten überdenken musste. Woher kommt es eigentlich, dass ich immer zu wissen glaube, was richtig und was falsch ist? Vielleicht hängt hier nicht nur der Mond anders am Himmel, sondern die Menschen gehen mit den vielen Gewohnheiten ganz anders um. Freier mit weniger fixen Vorstellungen. Der Mann jedenfalls hat mir die Wartezeit sehr verkürzt. Am liebsten wäre ich ja zu ihm rübergegangen und hätte nicht nur etwas von seinem Schnitzel stibitzt. Stattdessen blieb ich an der Theke sitzen und bewunderte ihn heimlich. Als ich ging, schenkte er mir ein Lächeln.

Der Bus fährt heute pünktlich um neun Uhr los. Eine Stunde später hält er an. Grenzkontrolle. Die Formulare hat uns der Adjudante, der Helfer im Bus bereits verteilt. Also aussteigen, Pass zeigen, Formular vorweisen, abstempeln lassen und zurück in den Bus. Als alle wieder eingestiegen sind, fährt der Bus 200 Meter weiter und hält schon wieder an. Chilenischer Zoll. Also nochmal das Ganze von vorn. Diesmal mit Handgepäck. Anstellen, Pass zeigen, Formular abgeben, Stempel fassen und zum nächsten Schalter. Da gibt es ein neues Formular und das Handgepäck wird gescannt.

Feuerland (Google Earth)

Feuerland (Google Earth)

Zurück zum Bus. Die ganze Prozedur dauert fast eine Stunde. Zum Glück ist der Bus nicht voll besetzt, sonst würden wir noch lange hier bleiben. Doch jetzt sind wir in einem neuen Land. Wenn auch nur für ein paar Stunden, denn mein heutiges Ziel heisst Ushuaia und das liegt wieder in Argentinien. Wem diese Erklärung zu kompliziert erscheint, sollte sich jetzt vielleicht doch einmal Google Earth ansehen. Die Grenzen hier im Süden sind wirklich etwas verwirrend.

Am Mittag erreichen wir die Magellanstrasse, diesen legendären lang gesuchten Seeweg an der Südspitze des Kontinents. Wir fahren mit dem Bus auf die Fähre und dürfen aussteigen. Ich steige hinauf bis zur Kapitänsbrücke.

Der Wind überschlägt mich zwar fast und nimmt mir den Atem und füllt doch die Lungen mit viel frischer kalter Luft. Es herrscht ziemlicher Seegang und manchmal schlägt die Gischt bis über Bord. Ich merke wieder einmal, dass es genau das ist, was mir gefällt. Unterwegs sein. Dieser Wind, der mich weiter treibt. Diese weiten Gegenden, unbekannten Landschaften.

Bevor ich ganz durchfroren bin, gehe ich hinein in die Kabine. Da gibt es Hotdogs, mit Senf und Mayonaise. Schmeckt gut. Aber lange halte ich es nicht aus, da drin. Muss wieder raus. Die Überfahrt dauert ja nur 20 Minuten und die will ich spüren. Bald kommen wir am anderen Ufer an. Die Rampe wird heruntergelassen und wir müssen wieder einsteigen.

Tierra del Fuego, Land des Feuers. Ich bin auf der Insel Feuerland, die halb zu Chile und halb zu Argentinien gehört. Feuerland empfängt uns mit einer tief stehenden Sonne, einem weiten hellen Himmel und einer breiten flachen Landschaft mit sanften Hügeln. Und mit einer grossen Gruppe Guanacos und natürlich gibt es auch hier wieder die grossen Schafherden, die auch in dieser mageren Vegetation noch immer genügend zu fressen finden.

Irgendwann habe ich das Gefühl, dass sich der Fahrrhythmus geändert habe, War gerade etwas eingenickt und bin nicht sicher, was es ist. Ich versuche, den Strassenbelag zu sehen, kann aber nichts erkennen. Also nach vorn zum Chauffeur. Und da sehe ich es, wir fahren auf einer Naturstrasse.

Mit 30 Stundenkilometer. "Das geht jetzt 120 Kilometer so", erklärt mir der Chauffeur. Ich kann es nicht glauben. Vier Stunden für eine Strecke, für die man etwas mehr als eine Stunde benötigen würde. "Hat man nicht im Sinn, das zu ändern, die Strasse zu asphaltieren?" "Es gibt da ein paar Unstimmigkeiten. Wir sind hier in Chile und für Chile hat diese Strecke keine grosse Bedeutung. Und Argentinien will hier nichts bezahlen". Es ist wie überall auf der Welt, es geht immer ums Geld.

Weil ich schon mal hier vorn bin, kann ich ganz gut noch ein wenig bleiben und plaudern. Vor allem weil die Sicht hier vorn viel besser ist, als hinten durch die inzwischen von Staub und Seegischt verschmierten Fenster. Höchstgeschwindigkeit 60 km steht auf einem Schild vor einer Kurve. Dass das nur für die wenigen PWs gilt, versteht sich von selber, aber auch diese würden hier kaum 60 km fahren. "Achtet ihr eigentlich grundsätzlich auf Verkehrsschilder?" will ich wissen. "Oh, ja, selbstverständlich, es ist sehr nett, sie zu sehen", schmunzelt der Chauffeur.

Und ja, es gibt Höchstgeschwindigkeiten. Für Busse und Lastwagen gilt 90 km. Und mit dem mitgeführten Bordcomputer wird das auch ganz genau überwacht. Für PWs gilt 120. Ob es Winterpneus gäbe? "Nein, wir haben das im Gefühl. Wir fahren das ganze Jahr mit den gleichen Pneus, aber wir haben Ketten dabei, falls es einmal wirklich nötig ist". Das ist ja richtig beruhigend. Und auch, dass die Chauffeure ohne weiteres acht Stunden durchfahren ohne Pause. Bei schlechten Verhältnissen können es auch einmal zwölf Stunden sein.

Später bin ich auf meinem Sitz eingenickt und gegen vier Uhr Nachmittags hält der Bus wieder einmal an. Grenzkontrolle. Von dem ursprünglich vierfachen Formular, das wir am Morgen erhalten haben, sind immer noch zwei da. Eines geben wir hier am Schalter ab und bekommen dafür den Ausreisestempel von Chile. Und während wir drinnen anstehen, kontrollieren die Zöllner mit einem Hund den Bus. Weiter geht die Fahrt und wir kommen zum nächsten Stop. Argentinische Grenze. Das letzte, vollkommen unleserliche Formularexemplar wird hier abgegeben und wieder ein Stempel in den Pass. Einreise in Argentinien.

Wir sind kaum zehn Minuten unterwegs, als der Adjudante durch den Bus kommt und seine Passagiere zählt. Er zählt noch einmal beim Rückweg von hinten und dann steht fest: einer fehlt. Was nun? Zum Glück ist die Strasse hier etwas breiter. Der Bus hält an und kehrt um. Doch er kommt nicht weit, da kommt uns ein Lastwagen entgegen mit Lichthupe. Er hält auf unserer Höhe an und unser vermisster Passagier steigt aus. Also wieder umkehren, und die Fahrt kann weitergehen.

Und jetzt ist auch die Strasse wieder asphaltiert. Noch ein letzter Boxenstop in einem Ort, der nicht angeschrieben ist. Fünfzehn Minuten. Genug um in der Cafeteria eine heisse Schokolade zu bestellen. Ich merke, dass es interessant ist, immer wieder das gleiche Getränk zu bestellen, weil man es in immer neuen Varianten erhält. Heute ist es wieder einmal ein Glas warme Milch und ein Schokoladestengel, den ich in der Milch auflöse. Das ganze ist viel interessanter als der ewig schwarze Kaffee, den ich früher jeweils bestellt hatte.

Und weiter geht die Fahrt. Es ist plötzlich dunkel geworden. Jetzt kommt der DVD zum Einsatz. Ein Film mit einem Hund als Hauptperson. Der Feuerwehrhund. Ich denke an Falco.

Nach dem Film schaue ich wieder einmal hinaus. Es hat Schnee neben der Strasse. Bis zu einem Meter. Und Wald. weisse kahle Bäume erscheinen im Scheinwerferlicht und verschwinden wieder. Draussen ist es stockfinster. Kein Licht, keine Fahrbahnbegrenzungen. Nichts. Und dann sehe ich doch plötzlich die Lichter einer Stadt in der Ferne. Einer grossen Stadt. Kann es sein, dass wir schon am Ziel eintreffen? Fast eine Stunde zu früh. Es ist so. Zehn Minuten später halten wir im Hafen an. Als ich aussteige, muss ich aufpassen dass ich auf dem dick vereisten Trottoir nicht umfalle. Die haben hier eindeutig einen ganz anderen Umgang mit Schnee und Eis.

Der Taxifahrer bringt mich zum Apart Hotel San Diego. Es ist das erste Mal, dass ich ein Zimmer reserviert habe. Aber das war noch in Buenos Aires, als ich noch keine grosse Erfahrung mit dem Suchen von Zimmern hatte. Da hatte ich per Internet recherchiert und bin auf dieses Hotel gekommen. Diego selber erwartet mich und zeigt mir mein Appartment. Er übergibt mir die Schlüssel und meint: "fühl dich hier wie zu Hause." Wunderbar, ich habe eine eigene Küche, eine Sitzgruppe und einen Esstisch. Es sieht so richtig gemütlich aus und ich bin überzeugt, dass es mir hier gefallen wird. Auch Internet-Verbindung gibt es im Zimmer. Damit steht meinem heutigen Bericht ja auch nichts mehr im Weg.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nicht Nichtstun steht im Mittelpunkt. Sondern etwas tun, wofür im normalen Alltag zu wenig Zeit bleibt. Meine beiden Leidenschaften Reisen und Schreiben möchte ich miteinander verbinden. Und wenn mich dabei jemand begleitet, umso schöner. Es sind vor allem Geschichten, die ich erzähle und erst in zweiter Linie Beschreibungen von Orten und Gebäuden. Ich möchte versuchen, Stimmungen herüberzubringen. Feelings, sentimientos. Wenn mir das manchmal gelingt, ist mein Ziel erreicht.
Details:
Aufbruch: 12.04.2008
Dauer: 4 Monate
Heimkehr: 03.08.2008
Reiseziele: Uruguay
Brasilien
Paraguay
Argentinien
Chile
Bolivien
Peru
Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
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