TimeOut in Südamerika

Reisezeit: April - August 2008  |  von Beatrice Feldbauer

Woche 10 14.- 20. Juni 1008: Fische

Wunderbar habe ich geschlafen in meinem grossen breiten Bett. Was für ein Luxus nach der schmalen Koje in der engen Kabine. Und ein Bad mit Badewanne. Und das Frühstücksbuffet! Man merkt erst, wie wunderbar solche Dinge sind, wenn man sie mal eine Weile vermisst. Ausserdem kann ich wieder Radio DRS hören und bin über die Aktualitäten wieder im Bild. Obwohl, manchmal möchte man gar nicht alles wissen. Unglück in der Schweiz, Streik in Italien, Erdbeben in Japan.

Ich melde bei der Reception, dass ich noch bleiben werde und bekomme prompt ein anderes Zimmer. Eines mit Meersicht, weil heute viele Leute abgereist sind. Man wird meine Sachen in das andere Zimmer bringen, während ich ausgehe.

Ich schlendere durch die Hauptstrasse. Auch hier wieder, jedes Haus hat seinen eigenen Stil, ist in einer anderen Farbe gestrichen. Manchmal ist das ganze Haus eine einzige Reklame, grell angemalt, während beim nächsten Haus die Farbe langsam abblättert. Und wie hier wohl die Elektriker arbeiten? Ein Wunder, dass alles funktioniert, dass es überall Strom gibt, das Internet funktioniert und das Telefon.

Ob der Elektriker da wohl ein Schema hat?

Ob der Elektriker da wohl ein Schema hat?

Überall gibt es kleine Verkaufsstände. Händler haben ihre Ware auf der Strasse ausgelegt. Handschuhe und Socken, Mützen, Handtücher, Kosmetik, Haarspangen ein richtiger Warenmarkt. Direkt vor dem Supermarkt stehen die Gemüseverkäufer. Salat, Rüebli, Randen das ganze Angebot auf einem kleinen Tischchen. Manchmal ist es auch nur ein Tuch, das auf dem Boden ausgebreitet ist.

Und dann sehe ich etwas eigenartig schwarzes bei den Muscheln. Meeresalgen seien das, erklärt mir die Frau. Miriam heisst sie und sie hat nichts gegen einen kurzen Schwatz. Sie verkauft ganze Miesmuscheln und ausgenommenes Muschelfleisch. Algen und was da so in Büscheln zusammengebunden ist, sind geräucherte Muscheln. Ob ihr Mann Fischer sei, will ich wissen. Nein, sie kauft die Sachen selber ein und verkauft es hier an ihrem kleinen Stand weiter. Und wenn sie am Abend nicht alles verkauft hat? Dann hat sie hier ganz in der Nähe einen Kühlschrank, um die Sachen aufzubewahren. Ich staune immer wieder, wie unbeschwert man hier mit Lebensmitteln umgeht.

Miriam...

Miriam...

... und ihr kleiner Verkaufsstand

... und ihr kleiner Verkaufsstand

geräuchte Muscheln hängen am Strassenrand

geräuchte Muscheln hängen am Strassenrand

Aus einer winzigen Werkstatt lacht mir ein Mann entgegen. "Darf ich eintreten?" "Adelante, nur herein". Was er da macht, möchte ich wissen. Er heisst Santiago und ist Sattler. Er arbeitet ausschliesslich mit Leder und bearbeitet im Moment lange Schnüre aus feinem Ziegenleder. Mit einem Schmirgelpapier macht er sie noch feiner, damit er sie nachher als Verzierungen brauchen kann. Er macht Handtaschen, Gürtel und Hüte. Alles handgemacht, betont er stolz.

Santiago, der Sattler

Santiago, der Sattler

Am liebsten aber macht er Sättel. Einen hat er hier und zeigt ihn mir. Wie lange braucht er dafür? Ein paar Wochen. Aber selbstverständlich arbeitet er nicht den ganzen Tag am gleichen Stück. Und wie hat er diese langen Schnüre aus einem Stück Leder so präzise geschnitten. "Oh, dafür habe ich eine ganz spezielle Maschine. Extra importiert".

Er lacht verschmitzt und holt ein kleines abgewinkeltes Stück Blech aus seiner Tasche. Das ist die ganze Maschine. Mit dem scharfen Messer setzt er an der Kerbe an und schneidet wunderbar gerade Lederbändel.
Jetzt will er wissen, woher ich komme. "Aus der Schweiz, von weit weg". "Ja", meint er, "das ist weit weg, aber eigentlich ist es doch auch ganz nahe. Heute mit diesen Flugzeugen ist man doch ganz schnell weit weg". Ich bin überzeugt, er ist noch kaum je aus seinem Ort herausgekommen, aber er hat eine sehr grosszügige Weltanschauung.

Und er möchte wissen, was ich so mache, wohin ich reise. Interessiert hört er mir zu und wir lachen über die verschiedenen Jahreszeiten, die im Moment in Chile und der Schweiz sind. Mit seiner offenen Art holt er sich die Welt in seine winzige Werkstatt von gerade mal drei auf drei Metern. Beim Abschied wünscht er mir viel Glück auf meiner weiteren Reise. "Que se vaya bien." "Gracias y hasta luego."

Ich bummle entlang den Ständen mit Handarbeiten. Irgendwo fällt mir ein Gürtel auf. "Ist der von hier?" will ich wissen. "Alles ist von hier", erklärt mir der Händler. "Aber genau diese Art von Gürtel kaufe ich immer in Guatemala," wundere ich mich. Darauf hat der Mann keine Antwort und schüttelt etwas unwirsch den Kopf, geht zurück in seinen Laden.

Viel später am Nachmittag klärt sich dieses Rätsel auf. Ich komme mit Angel ins Gespräch. Er hat einen Laden mit Wollsachen und ich entdecke Pullover, die mir sehr irisch vorkommen. "Nein, meint er, die sind nicht von Irland, die kommen aus Ecuador".

wenn das nicht irisch ist...

wenn das nicht irisch ist...

Sein Freund Rafael, der ihm die Sachen von dort liefert ist zufällig auch da und erklärt mir, dass es möglich sei, dass die Muster von Irland übernommen worden seien. Ausserdem wäre auch der Schal, den ich trage von dort. "Aus Ecuador? Aber ich war noch nie dort, den Schal habe ich in Guatemala gekauft". Ja, auch dahin würden diese verkauft. Und er zeigt mir im Laden den Stapel mit den wunderschönen Schals in allen Farben, von denen ich in Guate immer ganz viele kaufe, um sie später an Freundinnen zu verschenken. Interessant, wie der Handel spielt.

Ich erzähle ihm von den Gürteln, die ich gesehen habe. Er weiss sofort, wovon ich spreche, und er weiss auch, welchen Stand ich meine. Denn die Gürtel kommen ebenfalls aus Ecuador und er hat sie dem Händler selber verkauft. Immer wieder spannend, mit Leuten ins Gespräch zu kommen, man erfährt soviel neues.

Für alle, die immer noch Angst haben, ich könnte hier verfrieren...

Für alle, die immer noch Angst haben, ich könnte hier verfrieren...

Ich suche kleine runde Ohrstecker aus Malachit, die zu einer Halskette passen, die ich zuhause habe. Malachit ist ein tiefgrüner Stein, den es auch in Chile gibt. Aber die einfachen Kügelchen scheint es nirgendwo zu geben. Ich frage die junge Frau im kleinen Schmuckstand. Sie weiss sofort was ich meine und holt sie mir aus einer Schublade. Wunderbar, ich habe an so vielen Orten schon danach gesucht.

Sie will wissen, woher ich komme und wie ich heisse. Sie heisst Mercedes und studiert am Abend, will Lehrerin werden. Sie erzählt aus ihrem Leben. Sie ist hier in Puerto Montt geboren und liebt die Stadt. Aber sie hat Mühe mit der Kälte. Oh, wenn nur dieser Winter nicht wäre. Sie arbeitet acht Stunden im Tag zu einem festen Lohn in diesem offenen Marktstand. Ist also der Witterung immer ausgesetzt. Abends studiert sie oder macht Hausaufgaben. Ausserdem hat sie einen kleinen neunjährigen Sohn. Nein, sie möchte keine weiteren Kinder mehr. Tagsüber ist ihr Sohn bei ihrer Mutter und abends schaut ihr Mann zu ihm. Es ist eine grosse Verantwortung, ein Kind zu erziehen. Das Geld, das sie verdient, reicht gerade um das Studium zu bezahlen und ihrer Mutter etwas für die Betreuung des Buben zu geben. Für die Kosten des Haushalts ist ihr Mann zuständig.

Kann sie etwas sparen? Jeden Monat einen kleinen Betrag auf die Bank legen? Sie schaut mich mit grossen Augen an, hat mich auch gar nicht auf Anhieb verstanden. Sparen? Nein, das ist nicht möglich, das Leben ist nicht einfach. Wir plaudern noch ein wenig über das Leben und über Beziehungen. Dann erzählt sie mir, dass ich, wenn ich hier weiterlaufe, zum Fischmarkt komme. Als Kunden hereinkommen, verabschiede ich mich.

Ich bin froh, dass Mercedes mir das vom Fischmarkt gesagt hat, denn sonst wäre ich jetzt umgekehrt, es gibt keine weiteren Handarbeitsstände mehr. Ich bin im Hafen angekommen, dort wo gestern die Navimag angelegt hatte. Ich spaziere also weiter und komme in den Fischerhafen. Möven kreischen und die farbigen Fischerboote liegen am Ufer. Und da gibt es jede Menge kleine Restaurants in einem pittoresken Gebäude.

Unten bieten die Fischhändler ihre Ware an und oben sind es winzige Beizlein mit fünf bis zehn Tischen. Aber immer sehr schön aufgedeckt. Schade, dass ich keinen Hunger habe, würde mich sonst gern hier irgendwo hinsetzen, einen feinen Fisch essen und die Aussicht auf den Hafen geniessen. So schlendere ich eben durch den Fischmarkt. Sierra heisst der riesige Fisch, der überall angeboten wird.

Sierra

Sierra

Am Abend sehe ich im Wörterbuch nach. Sierra heisst Gebirge oder Säge. Ein Sägefisch? Ich finde nicht heraus, wie der Fisch auf Deutsch heisst. So gibt es eben immer spezielle örtliche Bezeichnungen. Wahrscheinlich kommt der Name von den scharfen Rücken- und Bauchflossen. Der andere Fisch aber, der ebenfalls frisch angeboten wird, ist der Lachs. Grosse Lachse sind es, die als ganzes oder schön filetiert ausgelegt sind. Viele Händler bieten geräuchten Lachs und abgepackte Muscheln an. Alles ist appetitlich und sauber. Da gibt es Muscheln aller Art, dort werden Seeigel ausgenommen und frisch in Gläser abgefüllt. Ich sehe ein paar Krebse und immer wieder diese riesigen silbernen Sierra.

Auf dem Rückweg kaufe ich beim Strassenmusikant eine CD mit Andenmusik. Und beim nächsten Strassenhändler finde ich einen Anhänger mit einem Seehundzahn, schön gefasst in Silber. Im Sommer, wenn mehr Touristen hier sind, würde er ihn für den doppelten Preis verkaufen, meint der Händler, als ich versuche, den Preis ein wenig zu drücken.

Als es anfängt zu regnen, halte ich ein Taxi an und das bringt mich ganz schnell zurück in die Stadt wo ich im Cafe Dresden einen Cappuccino bestelle. Dann bummle ich zurück ins Hotel und beziehe mein neues Zimmer. Mit Meerblick. Wunderbar. Im 9. Stock gibt es einen Pool und genau dahin gehe ich jetzt.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nicht Nichtstun steht im Mittelpunkt. Sondern etwas tun, wofür im normalen Alltag zu wenig Zeit bleibt. Meine beiden Leidenschaften Reisen und Schreiben möchte ich miteinander verbinden. Und wenn mich dabei jemand begleitet, umso schöner. Es sind vor allem Geschichten, die ich erzähle und erst in zweiter Linie Beschreibungen von Orten und Gebäuden. Ich möchte versuchen, Stimmungen herüberzubringen. Feelings, sentimientos. Wenn mir das manchmal gelingt, ist mein Ziel erreicht.
Details:
Aufbruch: 12.04.2008
Dauer: 4 Monate
Heimkehr: 03.08.2008
Reiseziele: Uruguay
Brasilien
Paraguay
Argentinien
Chile
Bolivien
Peru
Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
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