TimeOut in Südamerika

Reisezeit: April - August 2008  |  von Beatrice Feldbauer

Woche 9 7.-13. Juni 2008: Nebelhorn

Irgendwann in der Nacht glaubte ich, ein Nebelhorn zu hören. Ob die Fähre endlich angekommen war? Würde ich morgen losfahren? Mit dem Schlaf war es vorbei. Vielleicht hatte ich gestern viel zu viel geschlafen und war einfach nicht mehr müde.

Alejandro hatte mir gestern nochmals eine Tour für heute gebucht und weil das Schiff nie am gleichen Tag wieder ablegt, kann ich ohne weiteres noch mitgehen. Madalena holt mich um acht ab und es ist eine kleine Gruppe, die da in der Dunkelheit mit dem Hyundai-Bus Puerto Natales verlässt.

Wir kommen am Hafen vorbei, aber da ist kein Schiff. Also doch nichts gewesen, ich werde mich nochmal gedulden müssen. Egal, jetzt bin ich auf dem Weg in den Nationalpark Torre del Paine.

Zuerst besuchen wir allerdings eine riesige Höhle, die hier nach der Eiszeit entstanden ist. Hier hatte man ein riesiges Riesenfaultier gefunden, so dass die Höhle nach diesem Viech Cueva del Milodon genannt wurde. Ziemlich eindrücklich, das Tier, das da in seiner Originalgrösse vor der Höhe steht. Madalena erzählt, dass die Tiere, des Trickfilms Ice Age den Tieren Patagoniens nachempfunden seien. In der Höhle haben später auch Menschen gewohnt. Die Indianer dieser Gegend hiessen Ona und es sind die gleichen, die im Norden Feuerlands und in der Gegend von Punta Arenas lebten.

Inzwischen ist es hell geworden und wir fahren weiter durch die patagonische Steppe. Vorbei an riesigen Schaf- und Rinderherden. Die Kühe werden hier nicht gemolken, es geht nur um das Fleisch. Wir treffen sogar auf einen Gaucho, der mit seinen Hunden auf der Suche nach einer verstreuten Herde ist. Die Hunde machen den grössten Teil der Arbeit. Sie treiben die Tiere zusammen und finden auch die verschollenen Tiere wieder.

Und dann hält Umberto unerwartet an. Es sind immer die Chauffeure, die mit ihren scharfen Augen Tiere sehen. Hier ist es ein Adlerweibchen, das auf deinem Zaunpfahl sitzt und die Gegend kontrolliert. Sehr eindrücklich, wie es da hockt und von Zeit zu Zeit den Kopf mit dem grossen Schnabel dreht. Scheint ihm gut zu gehen, es sieht gut ernährt aus.

Kurze Zeit später halten wir schon wieder an. Hoch über uns auf einem Felsen hat es ein Condornest und mindestens vier Condore sitzen da und warten auf Wind. Condore sind Segler. Und das zeigt sich kurze Zeit später, als wir mindestens 20 Stück in der Luft sehen. Sie kreisen hoch über der Erde. Zuerst glauben wir, dass sie vielleicht ein Stück Aas in der Steppe sehen würden, aber sie ziehen weiter, scheinen aus lauter Freude dahin zu gleiten. Majestätisch und schön anzusehen.

Aber es gibt noch mehr Tiere zu sehen. Beim nächsten traut allerdings niemand, ein Fenster zu öffnen, es ist ein kleines Stinktier, das das gemütlich der Strasse entlang läuft. Es gibt hier viele davon, aber es ist wohl besser, ihm nicht zu nahe zu kommen.

Wir fahren durch ein Panorama von Schneebergen. Und die meisten sind sehr klar zu sehen. Heute ist ein wunderbarer Tag. Zwar ziehen grosse Wolken am Himmel, aber das scheint hier dazu zu gehören. Madalena ist überzeugt, dass hier der Winter die bessere Zeit ist, die Berge zu beobachten, denn im Sommer sind die Spitzen meist in den Wolken. Vor allem die berühmten Torres del Paine sind fast nie komplett ersichtlich. Vielleicht macht gerade das sie so eindrücklich und im Sommer ist die Gegend überschwemmt von Touristen. Heute sind wir die ersten, die in den Park kommen. Und wir begegnen auf der ganzen Fahrt keinem anderen Touristenbus und auch keinem Privatwagen.

Torres heisst Türme und Paine ist das Indianerwort für blau. Es sind also die blauen Türme, die hier inmitten eines gewaltigen Gebirges stehen. Umberto kennt natürlich die besten Plätze, von denen man das Massiv am besten fotografieren kann. Aber es sind nicht nur die Berge, es ist die ganze Landschaft, mit ihren Seen, die ungemein eindrücklich ist. Und die Aussicht wechselt mit jeder Kurve. Die Seen sind Überbleibsel der Gletscher und so langsam entwickle ich mich zu einer Expertin in Sachen Gletscher. Ich habe soviel gehört über die Struktur, die Entstehung, und die Lage von Gletscher. Ich kann aufgrund des Geländes sehen, ob die Berge durch Gletscher geformt oder vorher schon bestanden haben. Jedenfalls könnte ich das, wenn ich alles verstehen und behalten könnte, was man mir in den letzten Tagen erzählt hat. Aber egal, auch wenn ich nicht alles verstehe, die Gegend ist gewaltig.

Im Sommer kann es hier sehr heiss werden. Und durch die Änderung des Klimas bekommen wir langsam Probleme, erzählt Madalena. Letzten Sommer war sehr aussergewöhnlich. Es wurde bis zu 30 Grad heiss und die meisten der kleinen Seen im Park waren ausgetrocknet. Ich musste mir Sommerkleider kaufen, denn vorher hatte ich sowas nie nötig. In der Regel haben wir im Sommer einen Tag Sonnenschein und vier Tage Regen. Ich glaube immer mehr, dass mindestens hier in dieser Gegend der Winter die bessere Saison ist. Man versucht übrigens, die Gegend im Winter populärer zu machen, aber das scheint nicht sehr einfach zu sein.

Ein Nandu. Wir haben heute mehrere gesehen.

Ein Nandu. Wir haben heute mehrere gesehen.

Irgendwo besuchen wir einen kleinen Wasserfall. Wir müssen dazu eine Viertelstunde laufen. Gegen den Wind und der weht hier mit enormer Stärke. Das gibt euch eine Idee, wieviel Kraft der typische patatonische Wind hier hat, meint Madalena. Im Sommer gehen wir hier manchmal fast quer und man muss aufpassen, dass man überhaupt noch stehen bleibt. Zurück geht es einfacher mit Rückenwind. Ueberall stehen hier übrigens Guanacos. Sie sind wie alle Tiere hier im Park streng geschützt. Nur der Puma darf sie jagen und er erlegt jedes Jahr ein Viertel der Population. Es wird geschätzt, dass ca. 6000 Guanacos im Park leben und ca. 50 Pumas.

Wir halten an einem wunderschönen Platz an einem See an und haben genug Zeit, uns umzusehen und die Aussicht zu geniessen. Hier wartet ein kleiner grauer Fuchs auf uns. 'Tiere füttern verboten' steht auf der Tafel, aber wahrscheinlich halten sich viele Touristen nicht an die Anweisung, so dass die Tiere die Scheu vor den Menschen verlieren.

Dann fahren wir weiter, in die Nähe des Lago Grey. Hier steigen wir aus und nach einem kurzen Spaziergang kommen wir zum See. Und da schwimmen Eisblöcke im Wasser. Ich hatte schon gedacht, dieses Bild nie wieder zu sehen, und da liegen sie ganz nah am Strand und strahlen in tiefstem Blau. Wunderbar. Wir spazieren entlang dem Strand und ich kann mich kaum satt sehen. Auch wenn hier der Wind vom Gletscher sehr kalt über den See weht.

hinten sieht man den Glaciar Grey

hinten sieht man den Glaciar Grey

Es wird früh dunkel und wir sind schon bald auf dem Rückweg. Gut zwei Stunden dauert die Fahrt von dem Eingang des Nationalparks bis nach Puerto Natales.

Das Schiff ist da, sieht Umberto schon von weitem. Schau nur die hellen Lichter im Hafen. Und wirklich, Alejandro hat angerufen und das Schiff wird morgen früh ablegen. Ich werde also heute noch meine Kabine beziehen. Das heisst, es gibt keine Berichte mehr in den nächsten Tagen, denn ich gehe davon aus, dass es kein Internet gibt auf dem Schiff, aber ich hoffe, dass es Strom hat für meinen Laptop. So werde ich also weiter meine täglichen Berichte schreiben, und wenn es eine Möglichkeit für einen Landgang gibt (wie das nur schon tönt!), werde ich ein Internet-Café suchen. Sonst aber werdet ihr eben nach der Ankunft in Puerto Montt etwas überschüttet. Und jetzt wieder einmal der Hinweis, ihr könnt die Berichte auch abonnieren und bekommt dann vom Webmaster von www.umdiewelt.de ein Mail, sobald es etwas Neues gibt.

So, und jetzt sende ich noch meinen Bericht ab (den ich übrigens in Rekordzeit geschrieben habe und ich bin überzeugt, das merkt man auch, denn ich habe keine Zeit mehr für Korrekturen) und dann verabschiede ich mich für die nächsten Tage. Bin sehr gespannt, auf diese Fahrt durch die chilenischen Fjorde.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nicht Nichtstun steht im Mittelpunkt. Sondern etwas tun, wofür im normalen Alltag zu wenig Zeit bleibt. Meine beiden Leidenschaften Reisen und Schreiben möchte ich miteinander verbinden. Und wenn mich dabei jemand begleitet, umso schöner. Es sind vor allem Geschichten, die ich erzähle und erst in zweiter Linie Beschreibungen von Orten und Gebäuden. Ich möchte versuchen, Stimmungen herüberzubringen. Feelings, sentimientos. Wenn mir das manchmal gelingt, ist mein Ziel erreicht.
Details:
Aufbruch: 12.04.2008
Dauer: 4 Monate
Heimkehr: 03.08.2008
Reiseziele: Uruguay
Brasilien
Paraguay
Argentinien
Chile
Bolivien
Peru
Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
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