TimeOut in Südamerika

Reisezeit: April - August 2008  |  von Beatrice Feldbauer

Woche 11 21.-27. Juni 2008: Pelikane

Das war wieder einmal ein typischer Fall von Selbsttäuschung. Eigentlich dachte ich, dass auch heute nicht viel los sein würde. Ich hatte nichts geplant und erwartete eigentlich auch nicht viel von diesem Küstenort Arica.

Doch meistens kommt es eben doch anders als man denkt und so gab es heute einige Überraschungen. Jetzt sitze ich vor meinen Computer, höre eine CD mit Andenmusik, die ich vorhin von einem Strassenmusiker gekauft habe und weiss gar nicht, wo ich anfangen soll.

Vielleicht am besten beim Frühstück. Das geniesse ich heute speziell. Rührei mit Schinken, dazu Brot, Butter und Konfitüre. Ein Joghurt und ein Stück Apfelkuchen. Orangenjus und Kaffee. Das sei ein amerikanisches Frühstück. Ich lasse es mir schmecken und fühle mich nachher so richtig fit, ein paar Sachen zu erledigen. Zum Beispiel eine Wäscherei suchen, um all meine warmen Klamotten wieder einmal zu waschen. Die sind noch voller Wüstensand, denn am Mittwoch wurde ich durch den starken Wind im Tal des Todes fast sandgestrahlt.

Das mit der Wäscherei hat sich allerdings sehr rasch erledigt, die machen das für mich im Hotel. Also will ich eine zweite Aufgabe erledigen. Endlich die Münzen für die Tochter des Fischhändlers in Puerto Montt abschicken. Da ich mein Münz zuunterst im Koffer hatte, konnte ich das damals nicht so rasch erledigen, wie ich das eigentlich wollte. Aber jetzt bin ich am letzten Ort in Chile, letzte Gelegenheit den Brief aufzugeben.

Ich gehe in eine Papeterie und kaufe zwei Briefumschläge und ein Klebband, um die Münzen festzumachen, damit sie nicht im Couvert herumschlagen. Das Mädchen sammelt ausländische Münzen und darum habe ich auch noch je eine von Uruguay, Paraguay, Argentinien und Guatemala dazugelegt. Dann schreibe ich eine Karte dazu und mache den Brief postfertig. Fehlt nur noch die Briefmarke. Die Post habe ich schnell gefunden und nach kurzem Anstehen, kann ich den Brief aufgeben. Denkste. Die Frau merkt, dass der Brief etwas schwerer als normal ist und will wissen, was darin sei. Münzen. "Hier kann man nur Dokumente aufgeben, gehen sie an den Schalter im Parterre".

Jetzt fängt das schon wieder an. Im Parterre ist die Duana, die Zollbehörde. Aber ich bin doch noch in Chile und will einen Brief für Chile aufgeben. Der Zöllner will aber trotzdem genau wissen, was in dem Umschlag steckt. Ich reisse ihn auf und zeige ihm die Münzen. Ob das neue oder alte Exemplare seien, will er wissen. "Es sind aktuelle Münzen und sie haben keinen grossen Wert". Gut, dann kann ich das Couvert aufgeben. In weiser Voraussicht hatte ich zwei Couverts gekauft. Ich beschrifte also das zweite, denn ich will nicht, dass ein aufgerissenes Couvert ankommt. Der Zöllner verklebt es mit einem breiten Klebstreifen und haut einen Kontrollstempel darauf.

Ich muss dazu noch ein Formular ausfüllen mit Deklaration, was in dem Couvert ist und dann darf ich zum nächsten Schalter, um das Couvert nun wirklich aufzugeben. Das Porto kostet mehr als der Wert der Münzen ist. Interessant, jetzt habe ich also auch eine Erfahrung mit der chilenischen Post bekommen.

Das Paket mit meinem Hut und den Stilettos, das ich vor ein paar Wochen in Argentinien aufgegeben habe, ist übrigens vor kurzem in der Schweiz angekommen. Marliese, die es entgegennahm, hat recht gestaunt, wie kompliziert dieses eingepackt und beschriftet war!

Nachdem ich also dieses Versprechen eingelöst habe, schlendere ich durch die Fussgängerzone. Arica ist eine lebendige kleine Stadt mit vielen verschiedenen Geschäften. Ich komme zu einem Park und hier sehe ich zum ersten Mal seit vielen Wochen wieder Blumen. Der Hibiskus blüht und an einigen Sträuchern gibt es wunderschöne gelbe oder weisse Blüten. Irgendwo höre ich einen Vogel eine spezielle Melodie singen und ich versuche ihm zu folgen und da entdecke ich in einem hohen Baum einen grossen Vogel.

Und wie ich genauer hinsehe, sehe ich, dass der Baum voll ist von diesen grossen Vögeln. Ich versuche sie zu fotografieren und mit dem Zoom etwas herzuholen. Es sind zwei verschiedene Arten und ich würde gern wissen, wie sie heissen. Also frage ich den ersten Passanten, der vorbei kommt. Er hat keine Ahnung, ist von Bolivien. Wir kommen ins Gespräch und er gibt mir seine Karte, vielleicht treffen wir uns in La Paz. Er heisst Simon und arbeitet für einen Buchverlag. Da werde ich natürlich hellhörig und gebe ihm meine Probigua-Karte. Vielleicht hat er ja mal ein paar spanische Bücher, die er für Schulbibliotheken in Guatemala stiften könnte. Wir verabschieden uns, aber ich weiss noch immer nicht, wie die Vögel da oben heissen.

Das Männchen

Das Männchen

... und das Weibchen

... und das Weibchen

Es ist immer wieder interessant, Leute etwas zu fragen. Der zweite Passant, ein junger Bursche hat noch nie gesehen, dass da im Baum grosse Vögel sind. Dabei haben die sogar ihre Nester da oben. Er hat keine Ahnung von den Vögeln. Vielleicht Kormorane? Der dritte ist ein Gemeindearbeiter. Er tippt auf eine Art Enten. Mir passt diese Erklärung nicht so richtig und er meint, im Fischerhafen unten hätte es noch mehr von diesen Vögeln, ich soll doch da mal nachfragen. Hafen ist immer ein gutes Stichwort. Er zeigt mir den Weg und ich habe ein neues Ziel.

Zuerst komme ich zum Fischmarkt. Hier steht der heilige Petrus, der Schutzpatron der Fischer. Es werden ganz andere Fische angeboten, als in Puerto Montt, wo mir vor allem die grossen Makrelen (Sierra) aufgefallen waren. Hier gibt es einen noch viel grösseren Fisch, der stückweise verkauft wird. Mindestens 100 kg wiege der ganze Fisch, sagt mir ein Fischhändler, aber ich kann mir den Namen nicht merken. Also fotografiere ich das Schild mit den Namen der Fische. Doch auch das hilft mir nicht weiter, als ich abends im Dictionary nachsehe. Die meisten Namen sind lokale Bezeichnungen. Aber die rote grosse Dorada kenne ich. Die würde ich jetzt gleich kaufen und im Salzteig backen. Die Händler geben gerne Auskunft und es ergibt sich manches interessante oder witzige Gespräch.

Doch ich will zum Hafen und da sehe ich schon von weitem grosse Vögel herumstehen. Es sind grosse Pelikane. Vor kurzem habe ich gehört, dass Pelikane zu den ältesten Tieren der Welt gehören. Und wenn ich so in ihre wissenden Augen schaue, kann ich mir das gut vorstellen. Sie stehen da, warten auf Futter. Manchmal startet eine hinaus aufs Meer. Es braucht ziemlich viel Kraft, diese grossen Tiere in die Luft zu bringen, aber wenn sie fliegen sind sie sehr elegante Segler. Einige schwimmen auch und sehen dann den Schwänen ähnlich. Und wenn sie schlafen, kippen sie den Hals nach hinten und dann sieht es aus, als ob der Kopf aus dem Rücken wachsen würde. Jemand erklärt mir, dass die grossen, hellen Pelikane mit dem weichen flockigen Gefieder die Jungen seien.

Die Alten sind grau und etwas kleiner. Wenn Pelikane erwachsen werden, schrumpfen sie also. Ich kann mich wieder einmal fast nicht satt sehen an den Pelikanen, als unerwartet ein schwarzes Gesicht aus dem Wasser auftaucht. Ein Lobo del Mar, ein Seelöwe. Riesig. Er scheint auf Futter zu warten. Und er ist nicht allein, plötzlich sind fünf da. Ich bin immer wieder fasziniert von diesen gewaltigen Tieren und wenn eines so unerwartet auftaucht, ist das auch jetzt noch jedesmal eine Überraschung.

Ich sehe, dass ein paar Leute auf ein Schiff gehen und erkundige mich, wohin die Fahrt gehe. Ich kann mitfahren, es gibt eine kurze Rundfahrt auf dem Meer, zu den Bojen, die da draussen liegen. Ja und auf den Bojen liegen Seelöwen an der Sonne. Wie die da nur hinaufgekommen sind. Und es gibt unzählige Vögel zu sehen. Der Kapitän erklärt sie, aber wiederum ist es schwierig, mir all die Namen zu merken. "Hotel Pluma" nennt er ein altes Schiff, das voller Vögel ist. Hotel Feder.

Ein spätes Mittagessen gibt es im Restaurant mit Blick aufs Wasser. Fischsuppe und frittierte Fische und dazu ein Glas Weisswein auf Kosten des Hauses.

Das Fischrestaurant vom Wasser her

Das Fischrestaurant vom Wasser her

Und wieder auf der Mole komme ich mit einem Fischer ins Gespräch. Sein Schiff ist gerade an Land zum Überholen. Darum arbeitet er im Moment für die bolivianische Petrolfirma, die hier ihr Petroleum aus der Pipeline in Schiffe pumpt. Es gibt immer wieder Probleme damit, darum muss Carlos öfters mal tauchen, um technische Probleme unter Wasser zu lösen. Im Moment hat er Zeit und er zeigt mir, wo noch viel mehr Seelöwen lagern.

Es sind nur Männchen, die hier an der Mole liegen. Früher war da ein Restaurant, aber die Robben verbreiten einen solchen Gestank, dass das Restaurant aufgegeben werden musste. Carlos macht mich auf einen grauen grossen Vogel aufmerksam. Ja, genau von dem hätte ich gerne den Namen. Deswegen bin ich eigentlich zum Hafen gekommen. Huajrao heisst er und die Männchen sind grau, während die Weibchen farbig braun gemustert sind. Man muss einfach die richtigen Leute fragen, Carlos scheint alle Vögel zu kennen. Allerdings hilft mir auch dieser Name nicht weiter, als ich später im Dictionary nachsehe. Ist wohl wieder ein lokaler Ausdruck.

Ich bleibe noch bis zum Sonnenuntergang, der leider wieder einmal hinter Wolken stattfindet. Aber die Stimmung hinterher ist trotzdem wunderschön. Auf dem Heimweg schlendere ich durch die Fussgängerzone wo allerhand los ist. Unter anderem treffe ich hier den jungen Musiker Thayari und kaufe ihm die CD ab, die ich im Moment höre.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nicht Nichtstun steht im Mittelpunkt. Sondern etwas tun, wofür im normalen Alltag zu wenig Zeit bleibt. Meine beiden Leidenschaften Reisen und Schreiben möchte ich miteinander verbinden. Und wenn mich dabei jemand begleitet, umso schöner. Es sind vor allem Geschichten, die ich erzähle und erst in zweiter Linie Beschreibungen von Orten und Gebäuden. Ich möchte versuchen, Stimmungen herüberzubringen. Feelings, sentimientos. Wenn mir das manchmal gelingt, ist mein Ziel erreicht.
Details:
Aufbruch: 12.04.2008
Dauer: 4 Monate
Heimkehr: 03.08.2008
Reiseziele: Uruguay
Brasilien
Paraguay
Argentinien
Chile
Bolivien
Peru
Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
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