TimeOut in Südamerika

Reisezeit: April - August 2008  |  von Beatrice Feldbauer

Woche 9 7.-13. Juni 2008: Seemänner

Wunderbar habe ich geschlafen. In meiner kombinierten Wiege-Schaukel-Koje. Hin und Her und auf und ab. Irgendwann wurde es ruhiger, am Morgen ist jedenfalls nichts mehr zu spüren von den Wellen. Ich schaue aus meinem Fenster. Wir sind zurück zwischen Festland und Inseln. Nicht mehr draussen im Golf. Beim Frühstück sitzen wir erstmals alle am selben Tisch. Philippe, der Franzose, Carlos der Brasilianer und ich. Peter erscheint nicht. Später holt ihm Carlos sein Frühstück in die Kabine. Scheint eine richtige Freundschaft zu entstehen zwischen den beiden. Alle sind wir irgendwie froh, den Seegang überstanden zu haben. Und alle drei verschwinden wir wieder in unsere Kabinen nach dem Essen. Was soll man auch machen um diese Zeit, die Sonne ist noch hinter dem Horizont.

Ich lese weiter in meinem deutschen Buch. Gehe in den Aufenthaltsraum und warte bis die Sonne aufgeht. Sie steigt irgendwann unspektakulär hinter den Wolken auf, aber trotzdem scheint es, dass der heutige Tag nicht ganz so grau in grau werden wird. Nach einem kurzen Rundgang draussen gehe ich ins Steuerhaus.

Heute ist der Kapitän richtig gut gelaunt. Er freut sich, mich zu sehen und will sogar unbedingt ein Foto mit mir machen. Zuerst muss er aber noch die Abzeichen auf die Schultern machen. Immerhin sollte man ja sehen, dass er der Kapitän ist. Er zeigt mir auf dem Radar, dass ein anderes Schiff in die gleiche Richtung unterwegs ist, auf das wir in ca. einer Stunde treffen werden. "Es ist zwar grösser als unser Schiff, aber unser Schiff hat die stärkeren Motoren".

Motoren, das ist das richtige Stichwort. Ich würde gern mal den Motorraum sehen. Kein Problem, Juan Raul, der erste Maschinist ist soeben auf der Brücke eingetroffen. "Und er ist noch ledig", spasst der Kapitän. Ja, er ist nicht der einzige. Auch Enzo, der erste Offizier, und Juan, der Supervisor sind noch ledig. "Nur ich bin verheiratet, da kann man nichts machen", zwinkert der Kapitän. Ich habe fast das Gefühl, es hat sich unterdessen herumgesprochen, dass da eine Passagierin allein unterwegs ist. Mir soll's recht sein, solange ich zuvorkommend bedient werde.

Der tiefe Abstieg in den Bauch des Schiffes

Der tiefe Abstieg in den Bauch des Schiffes

Jetzt aber werde ich erst mal den Maschinenraum besuchen. Helm auf, und abtauchen. Es geht tief hinunter bis ganz unten im Schiff. Der Lärm ist gewaltig, darum bekomme ich auch noch einen Gehörschutz. Und dann gehen wir zuerst ins Büro des Maschinenraumes. Hier erklärt mir der erste Ingenieur das Kontrollpult.

Ach ja, der ist geschieden, sowas muss immer gleich geklärt werden. Dann zeichnet mir Juan Raul, den ganzen Motor auf. Schade, dass ich so wenig von Technik verstehe. Ich hätte schon in Deutsch Mühe, ihm zu folgen, aber mit all den spanischen Ausdrücken, bin ich mit meinem Technikverständnis endgültig aufgeschmissen.

der ganze Motor...

der ganze Motor...

Gespräch mit dem Kapitän...

Gespräch mit dem Kapitän...

Trotzdem nicke ich tapfer, wenn er mich fragt, ob ich alles verstehe. Hoffentlich gibt es nachher keine Testfragen. Soweit ich das verstanden habe sind es zwei Motoren mit je 3000 PS, die das Schiff antreiben. Danach sehen wir uns das ganze aus der Nähe an. Auch ohne viel zu verstehen, ist es eindrücklich, die ganze riesige Anlage zu sehen. Er zeigt mir auch die Warmwasseraufbereitung und rechnet mir die Betriebskosten für den Diesel eines ganzen Jahren aus: 3,5 Millionen US-Dollar.

Beim Aufstieg über die steile Treppe schlage ich mir doch tatsächlich den Kopf an. Und zwar zünftig. Zum Glück trage ich den Helm.

Ich passe mit meiner orangen Jacke ganz gut dazu...

Ich passe mit meiner orangen Jacke ganz gut dazu...

Auf dem Autodeck scheint es irgendein technisches Problem zu geben. Enzo ist da, er ist zuständig für alle Reparaturen, die gemacht werden müssen. Er scheint sich zu freuen, mich zu treffen, und weil gleich Mittagszeit ist, lädt er mich ein, mit den Offizieren zu essen. "Geht das denn?" "Selbstverständlich, komm mit".

Der Kapitän ist schon mit Juan am Essen und meint: "Adelante, nur herein, es hat noch Platz". Und jetzt ist es wieder einmal an mir, zu staunen. Das Essen ist ausgezeichnet. Und während die Passagiere Selbstbedienung haben, wird hier von einem Kellner serviert. Es gibt Empanades mit Käsefüllung zur Vorspeise, eine fantastische Fischsuppe und zum Hauptgang, den ich allerdings auslasse, Schnitzel mit Salat oder einer Beilage nach Wahl. Und als Dessert fein zugeschnittene Kiwis und Äpfel oder Pepino-Kompott. Eine süsse Frucht, die in Chile wächst.

Ob das Essen nur für die Offiziere so aufwändig ist, will ich wissen. Nein, die ganze Mannschaft isst so. Für die Passagiere wird separat gekocht, die bekommen etwas anderes. Und das ist definitiv zweite Qualität denke ich im Stillen. Ob es im Sommer anders ist, will ich von Juan wissen. Er windet sich ein wenig, und meint dann: "Nein, eigentlich ist das Essen genau gleich wie im Winter." Ganz überzeugt bin ich von dieser Antwort nicht, aber eigentlich ist das im Moment auch gar nicht so wichtig. Das Schiff hat übrigens Platz für 150 Passagiere und der Aufenthaltsraum bietet Platz für gut 50 Personen. Im Sommer wird also in drei Schichten gegessen. Da ist doch meine jetzige Situation echt luxuriös.

Ich steige noch einmal ganz hinauf zur obersten Brücke. Manchmal sieht man auf einer Insel einen kleinen Leuchtturm. Manchmal quert ein kleines Schiff unsere Bahn. Sonst ist alles ruhig. Mir scheint, wir sind unendlich weit weg von jeder Zivilisation. So muss es den ersten Entdecker gegangen sein. Ausser natürlich, dass die keine Seekarten zur Verfügung hatten, auf denen jede Meerestiefe genau angegeben war.

Mittagsschläfchen ist angesagt, ich ziehe mich in meine Kabine zurück. Will auch noch ein wenig in meinem Buch lesen. Enzo hat mich gebeten, später am Nachmittag, wenn er wieder Dienst hat, zu einem Schwatz auf der Kommandobrücke hereinzuschauen.

Als ich das nächste Mal auf die Brücke gehe, nehme ich meinen Laptop mit. Will ein paar Fotos von der Reise zeigen. Wie ich die Fotos zeige, die ich auf dem Schiff geschossen habe, kommt der Kapitän dazu. Sie scheinen ihm zu gefallen und er hat sofort einen Stick zur Hand, auf dem ich alle Fotos speichern soll. Vielleicht will er einfach wissen, was so alles auf seinem Schiff läuft. Bevor ich gehe lädt mich Enzo zum Nachtessen ein. Ich habe also heute ein Rendez-vous um Acht. Mit einem Seemann, das ist was ganz neues. Freue mich vor allem auf das Essen, denn das ist bedeutend besser, als was da den Passagieren vorgesetzt wird. Mit Enzo werde ich bestimmt irgendwie fertig werden. Mein Typ ist er nämlich nicht, auch wenn er ganz nett ist.

Vorher aber bewundere ich noch den tollen Sonnenuntergang. Was die Sonne am Morgen beim Aufgehen verpasst hat, holt sie jetzt beim Untergang nach. Wir sind in der Nähe von Chaiten. Hier, wo vor gut einem Monat ein Vulkan ausbrach und in allen Medien war. Die Medien haben längst andere Nachrichten, aber der Vulkan speit noch immer Asche in den Himmel. Nur ein kleiner Rauchschweif ist am Horizont zu erkennen.

Es wird die letzte Nacht auf dem Schiff sein. Morgen Vormittag legen wir in Puerto Montt an. Nach dem Frühstück wird ausgecheckt.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nicht Nichtstun steht im Mittelpunkt. Sondern etwas tun, wofür im normalen Alltag zu wenig Zeit bleibt. Meine beiden Leidenschaften Reisen und Schreiben möchte ich miteinander verbinden. Und wenn mich dabei jemand begleitet, umso schöner. Es sind vor allem Geschichten, die ich erzähle und erst in zweiter Linie Beschreibungen von Orten und Gebäuden. Ich möchte versuchen, Stimmungen herüberzubringen. Feelings, sentimientos. Wenn mir das manchmal gelingt, ist mein Ziel erreicht.
Details:
Aufbruch: 12.04.2008
Dauer: 4 Monate
Heimkehr: 03.08.2008
Reiseziele: Uruguay
Brasilien
Paraguay
Argentinien
Chile
Bolivien
Peru
Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
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