TimeOut in Südamerika

Reisezeit: April - August 2008  |  von Beatrice Feldbauer

Woche 12 28. Juni-4. Juli 2008: Fischer

Eigentlich wollte ich weiter reisen. Aber Carlos hatte mir vorgestern erzählt, dass heute das wichtigste Fest für die Fischer stattfinden würde. St. Peter und Paul. San Pedro ist der Patron der Fischer. Also wollte ich mir dieses Fest nicht entgehen lassen, und bleibe einen Tag länger in Arica.

Nach dem Frühstück gehe ich also Richtung Meer und werde schon bald von einer Menschenmenge aufgehalten. Ob die wohl auf die San Pedro-Prozession warten? Bei der Tribüne ergattere ich mir einen perfekten Platz mit Aussicht auf den Platz. Doch da stehen ganze Bataillone von Uniformierten. Und je länger ich mir die Sache ansehe und ausserdem noch all die vielen Feuerwehrautos entdecke, desto mehr kommt mir der Verdacht, dass das vielleicht doch nichts mit San Pedro zu tun hat.

Fahnengruss

Fahnengruss

Eher mit Sankt Florian, dem Patron der Feuerwehren. Ich bleibe trotzdem noch ein wenig, vielleicht ist diese Feier ja auch interessant. In seiner Ansprache würdigt der Redner die Arbeit der Feuerwehr, in der als einziger Institution die Männer ohne Bezahlung wichtige Aufgaben für die Gemeinde erledigen. Nach Fahnenaufzug und Nationalhymne werden Ehrungen vorgenommen. 24 Jahre, 25 Jahre bei der freiwilligen Feuerwehr. Als sie den Jubiliar mit 35 Jahren Feuerwehr stützen müssen, finde ich, dass ich hier nichts mehr verloren habe, den nächsten bringen sie vielleicht auf der Bahre und das muss ich nicht mehr sehen.

Sie warten dass der Feuerwehr-Umzug endlich los geht.

Sie warten dass der Feuerwehr-Umzug endlich los geht.

Ich gehe jetzt doch zum Fischerhafen. Hier sind zwar viele Menschen, aber von einer Fiesta ist nichts zu sehen. Dafür kann ich noch einmal die Pelikane bewundern und den neugierigen Seelöwen zusehen.

Carlos ist auch da und freut sich, mich wieder zu sehen. Ich sei genau im richtigen Moment gekommen. "San Pedro ist heute Morgen aufs Meer gefahren und wird in den nächsten Minuten zurück erwartet."

Und wirklich, in die Hafeneinfahrt fährt jetzt eine ganze Armada von Schiffen. Kleine und grosse Fischerboote, mindestens dreissig sind es, die reich geschmückt und mit Musik daher fahren. Im vordersten ist San Pedro und die Musikkapelle. Alle wollen ganz nah sein, wenn der Heilige ausgeladen wird, aber dank Carlos stehe ich bereits am richtigen Ort und habe die beste Aussicht auf das Geschehen.

Der Heilige wird unter das grosse Dach gestellt und vor ihm stellt sich eine Gruppe Jugendlicher in dunkelroten Kleidern auf. Auch die Musikkapelle ist da. Und dann fängt der Tanz an. Die Kapelle spielt immer wieder die gleiche Melodie mit viel Rhythmus von der grossen Pauke und Trommeln. Die Melodie bestimmen die Trompeten und Blasinstrumente. Die Tänzer bewegen sich erst langsam und rhythmisch im immer gleichen Schritt. Doch zwischendurch gibt es schnelle Einlagen, da wird gehüpft, sich gedreht und der Anführer im gelben Gewand motiviert und leitet an, indem er die Tänzer mit seiner Pfeiffe antreibt.

Mit der Zeit kommt er mir vor wie ein Tambourmayor bei der Guggenmusik. Das Stück hört überhaupt nie mehr auf. Der Trompeter, der sich am Anfang noch krampfhaft die Noten vors Gesicht gehalten hat, kann das Stück unterdessen auch auswendig. Ich sehe auf die Uhr. Die tanzen schon mindestens 30 Minuten und es scheint kein Ende zu geben.

Selbstverständlich hat mir Carlos einen Stuhl besorgt und so kann ich dem Geschehen gelassen zusehen. Unterdessen geht auch mir der Rhythmus in die Beine und meine Füsse wippen mit. Irgendwann erscheint eine zweite Prozession mit einem anderen Heiligen und neuen Tänzern. Sie stellen die Figur, es ist San Pablo neben Pedro und bringen ihm ebenfalls einen Tanz dar. In dieser Zeit stärken sich die ersten Tänzer mit Orangen, aber schon bald sind sie wieder an der Reihe.

mit San Pedro und Carlos...

mit San Pedro und Carlos...

Carlos besorgt mir ein kleines Glas Wein und dann stellt er mich seinen Kollegen vor. Ein paar erinnern sich an mich, wie ich am Freitag in der Fischerhalle fotografiert habe. Jemand offeriert mir eine Portion Ceviche mit Kartoffeln. Das ist roher Fisch mit vielen Kräutern, Zwiebeln, viel Zitronensaft und Oel. Schmeckt sehr gut. Dazu wieder ein kleines Glas Wein. Doch Carlos hat noch mehr Freunde.

... und mit seinen Freunden, den Fischern von Arica

... und mit seinen Freunden, den Fischern von Arica

Es wird Spass gemacht und sie wollen unbedingt alle auf eine Foto mit mir. Als aber zwei miteinander eine laute Diskussion beginnen, zieht mich Carlos weg. Scheint doch etwas viel Wein gewesen zu sein. Für mich ist es jetzt Zeit noch etwas mehr von der Stadt anzusehen. Ich verabschiede mich von den Fischern, wir machen noch eine Foto bei San Pedro und dann fahre ich mit dem Taxi hinauf zum Morro, dem grossen Felsen, der über der Stadt thront.

Von hier hat man eine sagenhafte Aussicht über die ganze Stadt und hinaus ins Azapa-Tal, wo ich gestern war. Hier oben wohnen die schwarzen Geier, die hoch oben über dem Hafen fliegen. Ich schaue ihnen eine Weile zu und höre die Musik vom Hafen. Sie scheinen immer noch zu tanzen.

Und hier oben gibt es ein Militärmuseum, das an den Krieg gegen Peru und Bolivien erinnern soll. Ausserdem soll es ein Zeichen sein für friedliches Miteinanderleben der Länder. Auch wenn ich nicht alles verstehe, was da im vorletzten Jahrhundert passiert ist, aber ich finde solche Symbole schon etwas Eigenartiges. Chile hat damals im Pazifikkrieg die Stadt den Bolivianern abgerungen und nun soll genau dieser Ort ein Symbol für den Frieden sein.

Zurück gehe ich zu Fuss, hinunter zur San Marco Kathedrale. Gross ist sie nicht, aber sie ist in einem sehr eigenen Stil gebaut. Und vor allem aus einem einzigartigen Material: Sie besteht sozusagen komplett aus Eisen. Und sie wurde nach Plänen von Gustavo Eiffel, dem Erbauer des Eiffelturms erstellt. Sie ist schon von aussen sehr speziell mit ihrer Bemalung und innen kann man die Eisenkonstruktion an den Pfeilern gut erkennen.

Zurück komme ich durch die Fussgängerpassage, wo heute kaum etwas los ist. Fast alle Restaurants sind geschlossen, und die meisten Geschäfte ebenfalls. Aber eigenartigerweise hat das grosse Warenhaus offen und ein paar Modegeschäfte. Ich gehe ins Hotel und bekomme im Fernsehen gerade noch die letzten 10 Minuten des Euro08-Finals mit. In Luzern ist heute auch das Jodlerfest zu Ende gegangen. Carlos hatte mich heute Mittag gefragt, ob wir auch solch traditionelle Feste hätten, wie das Fest des San Pedros. Da konnte ich voller Stolz sagen, dass eben heute das wichtigste Folklore-Fest der Schweiz in Luzern stattfände. Gejodelt habe ich aber nicht, um ihm genauer zu demonstrieren, worum es sich bei diesem Fest handelte.

Um sechs Uhr gehe ich ein letztes Mal in den Hafen. Will noch einmal den Sonnenuntergang sehen, auch wenn die Sonne wieder hinter den Wolken verschwindet. Etwas wehmütig verabschiede ich mich von den Pinguinen und den Seelöwen. Und auch vom Meer, denn ich werde es eine Zeitlang nicht mehr sehen. Zu einem kleinen Nachtessen gehe ich in eines der beiden Restaurants die in der 21. noch offen haben.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nicht Nichtstun steht im Mittelpunkt. Sondern etwas tun, wofür im normalen Alltag zu wenig Zeit bleibt. Meine beiden Leidenschaften Reisen und Schreiben möchte ich miteinander verbinden. Und wenn mich dabei jemand begleitet, umso schöner. Es sind vor allem Geschichten, die ich erzähle und erst in zweiter Linie Beschreibungen von Orten und Gebäuden. Ich möchte versuchen, Stimmungen herüberzubringen. Feelings, sentimientos. Wenn mir das manchmal gelingt, ist mein Ziel erreicht.
Details:
Aufbruch: 12.04.2008
Dauer: 4 Monate
Heimkehr: 03.08.2008
Reiseziele: Uruguay
Brasilien
Paraguay
Argentinien
Chile
Bolivien
Peru
Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
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