TimeOut in Südamerika

Reisezeit: April - August 2008  |  von Beatrice Feldbauer

Woche 14 12.-18. Juli 2008: Fliegen

Heute war der Tag der meine ganzen Pläne über den Haufen warf. Eigentlich wusste ich wie es weiter gehen sollte. Musste nur noch das Ticket besorgen. Für heute stand Lima auf dem Programm und morgen wollte ich nach Paraguay fliegen. Noch einmal für ein paar Tage auf die Granja zu Stella und Simon, Hias besuchen, mit Frika am Morgen ausreiten und bei Nora zum Essen einkehren. Ich hatte mich darauf gefreut und Simon schrieb mir, er würde mich auf Händen zur Ranch tragen, wenn mich Stella nicht mit dem Auto abholen käme. Und plötzlich kam alles ganz anders.

Doch alles der Reihe nach. Nach dem Frühstück schnappte ich mir bei der Rezeption einen Stadtplan von Lima, resp. vom Stadtteil Miraflores, wo mein Hotel lag und überlegte, ob ich gleich zum Flughafen fahren soll, um das mit dem Ticket in Ordnung zu bringen. Ich entschied mich dagegen, wollte erst mal das Meer sehen und hoffte, dass da vielleicht ein Reisebüro wäre, in dem ich buchen könnte.

Gleitschirm über dem Marriot-Hotel

Gleitschirm über dem Marriot-Hotel

Also spazierte ich hinunter zum Meer. Das heisst, ich blieb staunend oben an der Steilküste stehen. Tief unten rauschte das Meer. Breite Wellen schlugen an den Strand, der menschenleer dalag und über mir glitt ein Gleitschirm vorbei. So fliegen sollte man können, dachte ich und beobachtete, wie der Schirm über das moderne Marriot-Hotel glitt. Ich sah ihm noch ein wenig zu und überlegte, wo er wohl landen würde. Aber er schien nicht landen zu wollen kreiste weiter über die moderne Skyline von Lima unter einem wolkenlosen Himmel.

Ich spazierte weiter und kam zu einem Terrassenkomplex, der hier in die Steilküste hineingebaut war. Viele Restaurants und Geschäfte gab es und ich blieb erst mal oben bei der Treppe stehen und bewunderte die Vielfalt und die Idee dieser interessanten Konstruktion.

Lima, die Stadt die ins Meer verliebt ist, Diesen Werbespruch hatte ich in diesen Tagen gelesen. Das schien mir hier genau zu passen.

"Haben Sie Interesse, die Ruinen im Süden der Stadt zu besuchen?" sprach mich ein junger Mann an. Er sei Guia und würde mir gerne die Ausgrabungsstätte zeigen. Nein, eigentlich möchte ich heute die Stadt ansehen, bin erst angekommen und muss mich erst mal orientieren.

Alex, so hiess der Typ, konnte sich auch für eine Stadtführung empfehlen, was ich bereits interessanter fand. Aber ich musste doch erst noch das Ticket für Paraguay besorgen. Auch das schien kein Problem für Alex. Er arbeitet mit einer Reiseagentur zusammen, die können wir gleich aufsuchen und die würden das Ticket besorgen. Das schien mir vernünftig und so fuhren wir also zur Agentur, wo eine sehr tüchtige Angestellte bereits auf uns wartete. Alex hatte nicht nur bereits einen Parkplatz bestellt, sondern auch schon mitgeteilt, was ich brauche.

Das schien aber gar nicht so einfach zu sein. "Es gibt im Moment keine Sonderpreise für Asunción oder Buenos Aires. Und die Preise sind sehr hoch". Die Variante Bus liess ich weg, denn das wäre eine zu lange Fahrt geworden. Auch die Kombination mit Bus und Flug rechnete sie durch, aber ich musste ihr Recht geben, der Preis war zu hoch für die paar Tage. Ausserdem hätte ich mit meinem Gepäck ziemlich viel Übergewicht zahlen müssen, denn bei diesen Flügen ist nur ein Gepäckstück erlaubt. Meine Entäuschung war gross. Und was jetzt?

Zufällig fiel mein Blick auf ein Plakat an der Wand. Iquitos. Ich hatte sie eine Zeitlang im Auge gehabt, diese Stadt im Dschungel. Zu der keine Strasse hinführt. Nur Flüsse und das Flugzeug. Aber ich hatte den Gedanken wieder verworfen, schien mir zu kompliziert. Doch jetzt sitze ich da und brauche eine zündende Idee.

"Iquitos ist kein Problem", meint Yohana, die Angestellte. "Da gibt es zum Beispiel eine 5-Tages-Tour mit Flussfahrten, Dschungelspaziergängen, Unterkünften in Lodges und alles in einer kleinen Gruppe". Sie hat die Reise kürzlich gemacht und ist völlig begeistert. Und selbstverständlich braucht es nicht viel und auch ich bin begeistert. Vor allem auch, weil der Preis sehr interessant ist.

Ja, und so kommt es, dass ich heute meine gesamten Pläne für die Weiterreise über den Kopf warf. Morgen früh fliege ich in den Dschungel. Alex wird mich um drei Uhr abholen. Die Koffer lasse ich in Lima. Ich reise nur mit kleinstem Gepäck. Auch der Computer bleibt hier, denn ich nehme an, dass es in den Lodges kein Internet gibt. Das Notizbuch kommt mit und auch der Fotoapparat. So kann man also erwarten, dass es nach der Rückkehr einiges zu berichten gibt. Jetzt muss ich nur noch Mückenmittel und Sonnencreme besorgen. Und einen Hustensirup, denn der Husten will mich noch ein wenig begleiten.

Nachdem alles geklärt ist, verlassen wir die Agentur, Yohana wird die Tickets besorgen und ich werde am Abend alles abholen kommen. Alex fährt mich in die City. Er zeigt mir die Plaza de Armas mit der Kathedrale und dem Regierungsgebäude. Es ist ein wunderschön gestalteter Platz. In der Mitte ein typischer runder Brunnen mit einem Wasserspiel in dem die Sonnenstrahlen tanzen. Rundum stehen gewaltige Gebäude, die obwohl sehr unterschiedlich ein harmonisches Ganzes bilden.

Brunnen auf der Plaza de Armas

Brunnen auf der Plaza de Armas

die Kathedrale

die Kathedrale

Wir schlendern zur Franziskanerkirche. Sie steht mit ihren zwei gewaltigen Türmen ganz in der Nähe. Hier kann man das Kloster mit den Katakomben besichtigen. Reich ist die Ausstattung der Kirche.

Auch hier gibt es wie in Cusco einen wunderbaren holzgeschnitzten Chor. Und eine eindrückliche Gemäldesammlung von Bildern aus dem Leben des hl. Franziskus, sowie Portraits berühmter Franziskaner.

Es ist ein sehr eigener Stil, in dem die Kirche gebaut ist. Die Führerin erklärt, man würde den arabischen Einfluss erkennen und zeigt zur Decke, die mit rot-weissen Ornamenten bedeckt ist.

Die Franziskanerkirche

Die Franziskanerkirche

in der Franziskanerkirche

in der Franziskanerkirche

Mir scheint der arabische Einfluss allerdings eher bei den gekachelten Wänden in den Gängen zu stecken. "Bitte Köpfe einziehen", empfiehlt die Guia. "Wir kommen jetzt ins Labyrinth der Katakomben. Bitte als Gruppe beisammen bleiben, damit wir niemanden verlieren. Vergessen sie nicht, die Toten erwarten uns." Es wird wirklich etwas gruselig.

Hier unten gibt es Knochensammlungen. Ich kenne mich da ja nicht so aus, aber mir scheint, dass da nur Bein- und Armknochen in den Gräben liegen. Wo sind die Köpfe, wo die Hände, Füsse, Schultern oder Wirbelsäulen, um nur ein prägnante Teile zu nennen. Vielleicht liegen die in den Kisten unten und die Beine wurden darauf gelegt. Immer mehr dieser Kisten gibt es und manchmal erhasche ich einen Blick in eine Seitenzelle, in der sich ebenfalls Gebeine stapeln. Manchmal liegt da sogar ein einzelner Schädel in einem Gewirr von Knochen. Und dann kommt die Stelle mit einer runden Mauer. Wie ein Turm unter der Erde sieht es aus und hat zwei Fenster durch die man in den Turm hinein sehen kann. Und da unten liegen sie, die Schädel. Rundum aufgereiht und grinsen zu uns herauf.

Fussgängerzone

Fussgängerzone

Ich bin froh, bald darauf wieder an der frischen Luft zu sein, denn da unten ist es ziemlich muffig. Ausserdem habe ich Hunger und so setzen wir uns in eines der hübschen Restaurants in der Fussgängerzone. Danach schlendern wir noch ein wenig weiter. Alex erklärt mir die verschiedenen Stilrichtungen der Gebäude. Viele sind frisch renoviert und erstrahlen in hellen lichten Farben.

Yohana ruft an, es muss noch etwas abgeklärt werden und so fahren wir gegen fünf Uhr zurück zur Agentur. Ich erzähle Alex, dass ich heute morgen den Gleitschirm bewundert hatte. "Möchtest du auch mal fliegen?" will er wissen. Ich weiss nicht so recht, würde mich schon interessieren, aber ich müsste das zuerst einmal ansehen. "Kein Problem, wir fahren gleich hin. Ich habe einen Freund, der an der Küste fliegt". Und schon hat er ihn angerufen.

Start- und Landeplatz

Start- und Landeplatz

Wie wir an der Küste ankommen, werden wir erwartet. "Ich möchte mir die Sache ansehen", wende ich noch ein, während mir der Typ bereits in ein Gestell hilft. "Von wo startet ihr denn?" Irgendjemand ist hier etwas schwer von Begriff und während mir bereits die Lycrabänder um die Oberschenkel geschlungen und der Helm aufgesetzt wird, habe ich immer mehr das Gefühl, dass ich das bin, die hier nicht mehr checkt, worum es eigentlich geht.

"Und jetzt machen wir ein paar Schritte der Küste entgegen." Ich kann nur noch meine Kamera packen, die Handtasche auf den Boden stellen, damit Alex sie hält und nach diesen paar Schritten dem Abhang entgegen, bin ich in der Luft. Hoch über der Küste.

Fliegen...

Fliegen...

...hoch über der Küste

...hoch über der Küste

Steige hinauf über die Hochhäuser der Stadt und glaube zu träumen. "Wie heisst du eigentlich", frage ich den Typen, der hinter mir ist. Ich gehe schliesslich nicht mit fremden Männern in die Luft.

Offensichtlich aber schon, denn ich habe den Typen vorhin kaum gesehen, das ging so unglaublich schnell. Gato heisst er, Kater. Vogel hätte besser gepasst. Doch für solche Überlegungen ist es jetzt viel zu spät.

Es ist unbeschreiblich, dieses Fliegen mit dem Wind. Wir kurven über dem Marriott-Hotel. Genau da, wo ich heute Morgen den Gleitschirm beobachtet habe. Dann einen Schwenker hinaus aufs Meer.

Tief unten sehe ich eine ganze Gruppe Surfer, die den Wellen entgegen schwimmen. Und wieder zurück zur Küste. Ich fange an zu fotografieren. Versuche, eine Foto von mir zu machen. Das glaubt mir sonst kein Mensch. Ich fliege!

ICH FLIEGE!

ICH FLIEGE!

Irgendwann hat uns die Erde wieder. Wir landen am gleichen Ort, wo wir gestartet sind. Und jetzt kann ich Gato richtig umarmen. Das war ein gewaltiges Erlebnis. Ich würde es am liebsten jedem Passant ins Gesicht schreien: ich bin geflogen. Möchte die ganze Welt umarmen. Ich bin geflogen.

Ja, und irgendwie fliege ich wohl jetzt noch. Obwohl es bereits schon wieder spät ist. Habe den Wecker gestellt, den Rucksack gepackt und werde jetzt versuchen, noch ein Auge voll Schlaf zu bekommen.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nicht Nichtstun steht im Mittelpunkt. Sondern etwas tun, wofür im normalen Alltag zu wenig Zeit bleibt. Meine beiden Leidenschaften Reisen und Schreiben möchte ich miteinander verbinden. Und wenn mich dabei jemand begleitet, umso schöner. Es sind vor allem Geschichten, die ich erzähle und erst in zweiter Linie Beschreibungen von Orten und Gebäuden. Ich möchte versuchen, Stimmungen herüberzubringen. Feelings, sentimientos. Wenn mir das manchmal gelingt, ist mein Ziel erreicht.
Details:
Aufbruch: 12.04.2008
Dauer: 4 Monate
Heimkehr: 03.08.2008
Reiseziele: Uruguay
Brasilien
Paraguay
Argentinien
Chile
Bolivien
Peru
Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
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