TimeOut in Südamerika

Reisezeit: April - August 2008  |  von Beatrice Feldbauer

Woche 13 5. - 11. Juli 2008: Wagenwäsche

Heute ist ein ruhiger Tag. Ich geniesse mein bequemes Hotelzimmer, den wunderbaren Blick aus dem Zimmer auf den See und die Boote. Auch im Speisesaal geniesse ich die Aussicht auf den tiefblauen See. Der Himmel ist wieder wunderbar blau und wolkenlos. Gegen Mittag gehe ich zur Kirche und staune wieder einmal. Da stehen die Autos Schlange. Gerade beobachte ich, dass ein junger Priester Weihwasser über ein Auto spritzt. Das scheint mir eine interessante Sache zu sein. Ich setze mich also auf eine Mauer vor der Kirche und beobachte wie ein weisses Auto den Platz einnimmt, den ein weggefahrenes Auto frei gegeben hat.

Das Schmücken kann beginnen

Das Schmücken kann beginnen

Das Auto ist noch ganz pur und der Besitzer fängt an, die Scheiben zu putzen. Vielleicht ist das das samstägliche Wagen waschen, was da zelebriert wird. Die Begleiter des Fahrers haben unterdessen Blumen gekauft und befestigen diese am Kühlergrill, unter der Windschutzscheibe, an den Dachträgern. Es gibt jede Menge Stände vor der Kirche, die Blumen und Dekorationsmaterial verkaufen.

Dekorationsmaterial

Dekorationsmaterial

Überhaupt ist viel los hier. In der ersten Reihe an der Kirchenmauer stehen die Stände die Devotionalien verkaufen. Also kleine Jungfrauen und Medaillons, Bilder zum aufhängen und aufstellen, Heiligenbilder in jeder Kitschform. In der zweiten Reihe kommt der farbige Kitsch. Frauen fädeln Blumen an Schnüre auf, binden Blumenarrangements, dekorieren Strohartikel mit frischen Blumen und bieten Rosetten und Bänder in allen Farben. Samtbandagen mit Goldfransen und eingedrucktem Namensdruck: Copacabana, Miniaturbinsenboote, für die der Titicacasee bekannt ist. Daneben gibt es Essensstände und Frauen, die Getränke anbieten. Und Berge von Popcorn. Kann mir gar nicht vorstellen, wer das alles essen soll.

Bergweise PopCorn

Bergweise PopCorn

Unterdessen ist das Auto also schon ziemlich dekoriert und es treffen immer mehr Familienmitglieder ein. Man geht in die Kirche, es gibt Fotografen, die geflissentlich alles fotografieren, was das passiert. Leute posieren auf der Kirchentreppe, damit der Fotograf auch ja alles mitbekommt. Andere Autos kommen, werden dekoriert und es wird geplaudert, Neuigkeiten ausgetauscht. Und immer plärrt aus einem Auto das Radio spanische Schlager über den Platz.

Hugo, der Maler aus Peru

Hugo, der Maler aus Peru

Mich hat unterdessen ein junger Mann gesehen, der mit seiner Mappe unter dem Arm auf mich zukommt. Er ist Maler aus Peru und verkauft hier seine Kunstwerke. Leider hat er nichts kleines, und ein grosses Bild will ich auf keinen Fall kaufen. "Ich habe zu Hause eine Wand, an die ich kleine Bilder aufhänge, die ich überall auf der Welt gekauft habe," erkläre ich ihm. Deine Bilder sind leider alle viel zu gross. Er will wissen, wie gross denn das Bild sein dürfte und welches Sujet mir gefallen würde. Er will unbedingt in meiner Sammlung vertreten sein. Und ich würde mich freuen über dieses Souvenir von diesem lebendigen kleinen Ort.

Er verspricht, in zwei Stunden wieder hier zu sein. Ob heute ein spezielles Fest sei, will ich von ihm noch wissen. "Nein, es ist ganz normal, das machen die Leute hier jedes Wochenende. Sie bringen ihre Autos, um sie segnen zu lassen." Also doch eine Art samstägliche Wagenwäsche.

In der Basilika von Copacabana

In der Basilika von Copacabana

Ich gehe in die Kirche. Copacabana ist nebst einem bekannten Touristenort auch ein sehr wichtiger Wallfahrtsort. Es gibt im Altar eine Marienstatue. Ich habe gelesen, dass sie gedreht werden kann, so dass sie hinaus auf den See sehen kann. Während Zeremonien und Messen schaut sie allerdings ins Kircheninnere. Das macht sie auch jetzt, auch wenn ich im Moment keine besondere Zeremonie beobachten kann.

Vor der Kirche gibt es einen grossen rechteckigen Kirchenplatz mit einer Kapelle an jeder Ecke. Und da gibt es eine grosse Kuppel unter der drei Kreuze stehen. Es ist eine sehr imposante Basilika im maurischen Stil mit vielen farbigen Kacheln bestückt.

Ich schlendere hinunter ins Dorf. Vorbei an Marktständen. Stark sind die Kontraste zwischen Sonne und Schatten. Die Sonne brennt heiss vom wolkenlosen Himmel. In einem kleinen Restaurant trinke ich ein Wasser und schaue den Leuten zu. Doch schon bald zieht es mich zurück zur Kirche. Ich will sehen, wie die Zeremonie weiter geht. Und wirklich, obwohl ich mehr als eine Stunde weg war, steht das weisse Auto noch immer da. Es ist jetzt zusätzlich noch mit Blütenblättern und losen Blüten überschüttet und immer wieder kommt jemand und wirft eine zusätzliche Handvoll darauf.

Und jetzt nähert sich auch ein Priester mit einem Kübel voller Weihwasser. Grosszügig spritzt er dieses über das Auto, aber auch der Innenraum, vor allem der Fahrersitz wird nicht ausgespart. Und dann bekommen auch die Familienmitglieder noch eine kleine Dusche, bevor der Priester zum nächsten Auto geht. Damit ist die Zeremonie aber noch lange nicht fertig. Jetzt wird eine Flasche Schaumwein geköpft, die man ebenfalls bei den Blumenständen kaufen kann.

Wagenwäsche einmal anders

Wagenwäsche einmal anders

Die Flasche wird etwas geschüttelt und der Inhalt wird auf das Auto gesprüht. Dann ist plötzlich eine Kiste Bier da und diese wird gemeinsam getrunken, wobei immer wieder jemand um das Auto geht, und auch diesem ein paar Schlucke spendiert. Man umarmt sich, macht noch einmal Familienfotos und irgendwann, mindestens vier Stunden nachdem das Auto sauber hergefahren ist, fährt es über und über mit Blüten geschmückt, wieder vom Platz und macht einem anderen Auto oder gar einem Bus Platz. Es sind noch immer viele Wagen, die auf ihren Zeitpunkt warten. Unterdessen ist auch Hugo, der Maler wieder eingetroffen. Er hat extra für mich ein kleines Bild gemacht und wir müssen uns nur noch über den Preis einig werden.

Ich habe ziemlich viel fotografiert heute Nachmittag. Immer wieder versuchte ich, eine dieser Frauen zu fotografieren, die ihren Bowlerhut gefährlich hoch auf dem Kopf tragen. Immer habe ich das Gefühl, der müsste herunterfallen, aber die Frauen tragen ihren Kopf so schön aufrecht, dass das wohl nicht der Fall sein wird.

Es ist unterdessen später Nachmittag, ich habe Hunger und gehe in eines der kleinen Lokale, die da am Strand aufgebaut sind. Doch vorher muss ich noch ein Ticket besorgen für meine morgige Weiterreise.

Danach sitze ich auf einer Mauer am Strand und beobachte das Treiben. Baden kann man nicht, dafür ist das Wasser zu kalt, aber sonst ist alles da, um einen entspannten Nachmittag am Wasser zu verbringen. Es gibt farbige Tretboote in Schwanenform. Leute paddeln vorbei, oder lassen sich in einem Ruderboot rudern.

Es gibt ein paar Töggelikästen, die rege benutzt werden. Frauen verkaufen Desserts oder Getränke. Da steht ein junges Lama. Wahrscheinlich muss man bezahlen, wenn man sich neben ihm fotografieren lässt.

Ich beobachte einen kleinen Jungen, der seine kleine Schwester wie eine Puppe herumträgt, sie auf einen Stein setzt, mit ihr spielt, und sie wieder aufnimmt, um sie in den Anhänger zu setzen. Die Mutter sitzt daneben, scheint nichts zu sehen, sondern verkauft ihre Getränke. Dann füttert der Kleine sein Schwesterchen und es scheint, als ob er die ganze Verantwortung übernommen hätte.

Hier am Strand finden sich übrigens auch viele von den geschmückten Autos wieder. Die Familien feiern hier wohl den grossen Tag ihres Wagens. Und auch hier wieder läuft immer in irgendeinem Auto das Radio, so dass jeder Strandabschnitt beschallt wird.

Den Sonnenuntergang geniesse ich aus meinem Zimmer, wohin ich mich zum Ausruhen zurück gezogen habe. Die Höhe macht mir insofern zu schaffen, dass ich die kleinste Anstrengung sofort merke. Ein Blick in den Spiegel zeigt mir, dass ich heute ziemlich viel Sonne getankt habe.

Blick aus dem Hotelzimmer

Blick aus dem Hotelzimmer

Du bist hier : Startseite Die Amerikas Bolivien Wagenwäsche
Die Reise
 
Worum geht's?:
Nicht Nichtstun steht im Mittelpunkt. Sondern etwas tun, wofür im normalen Alltag zu wenig Zeit bleibt. Meine beiden Leidenschaften Reisen und Schreiben möchte ich miteinander verbinden. Und wenn mich dabei jemand begleitet, umso schöner. Es sind vor allem Geschichten, die ich erzähle und erst in zweiter Linie Beschreibungen von Orten und Gebäuden. Ich möchte versuchen, Stimmungen herüberzubringen. Feelings, sentimientos. Wenn mir das manchmal gelingt, ist mein Ziel erreicht.
Details:
Aufbruch: 12.04.2008
Dauer: 4 Monate
Heimkehr: 03.08.2008
Reiseziele: Uruguay
Brasilien
Paraguay
Argentinien
Chile
Bolivien
Peru
Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
Bild des Autors