TimeOut in Südamerika

Reisezeit: April - August 2008  |  von Beatrice Feldbauer

Woche 13 5. - 11. Juli 2008: Heiliges Tal

Das Chaos am Morgen ist total. Mindestens zweimal nehme ich in einem Bus Platz und jedesmal holt man mich wieder raus. War doch wieder der falsche Bus. Aber irgendwann findet man den richtigen für mich und die Fahrt kann losgehen. Die Fahrt ins Heilige Tal der Inkas.

Ich will Euch nicht mehr mit meinen Höhenflügen langweilen, darum nur kurz zusammengefasst. Unser höchster Punkt heute war mal wieder 3800 m und der tiefste 2600 m. Dazwischen ging es dauernd auf und ab.

Erster Halt ein kleines Dorf wo gerade ein spezieller Handarbeitsmarkt stattfindet. Wahrscheinlich findet dieser so spezielle Markt jeden Tag statt. Mitten auf dem Platz gibt es eine kleine Weide, in der man die Lamas und Alpakas wieder einmal bestaunen kann. Und wenn man will, darf man ihnen auch einen Büschel Gras hinstrecken. Gegen Bezahlung selbstverständlich. Leider werde ich auch auf dem Markt wieder fündig, obwohl ich mir doch so vorgenommen habe, NICHTS mehr zu kaufen.

Gestern habe ich allerdings kapituliert und eine neue Tasche gekauft, um mein immer umfangreicheres Gepäck besser zu verstauen. Ich gebe ja zu, es war nicht nur Schmuck, den ich gekauft habe, inzwischen hat auch das eine oder andere Lama in irgendeiner Form seinen Platz in meinem Koffer eingenommen.

Meine neueste Herde...

Meine neueste Herde...

Nächster Halt in Pisaq. Hier hatten die Inkas hoch oben am Berg ihre Terrassen gebaut und ganz zuoberst lag das Dorf. Der Bus fährt zwar ziemlich hoch hinauf, aber es bleibt doch noch ein ganz schönes Stück zu laufen. Zuerst führt eine Treppe steil hinunter und dann beginnt der Aufstieg. Wieder einmal mehr macht mir die dünne Luft zu schaffen.

Terrassen soweit das Auge reicht

Terrassen soweit das Auge reicht

Der alte Inka-Pfad

Der alte Inka-Pfad

Ein Teil der Siedlung. Der Hauptort liegt weiter oben

Ein Teil der Siedlung. Der Hauptort liegt weiter oben

Ich finde irgendwann, dass auch die Aussicht vom ersten Aussichtspunkt schon wunderbar ist, und kehre langsam um. Das gibt mir Zeit, die Terrassen zu bestaunen und der Blick hinunter ins Tal zu geniessen. Pisaq liegt am Eingang zum heiligen Tal und hier hat man eine perfekte Übersicht, was sich unten im Tal tut.

Natürlich fehlen auch hier Händlerinnen und Lamas nicht. Ich habe in weiser Aussicht aber kaum Geld eingesteckt, es reicht grad für einen frischen Orangensaft.

Orangen-Schälmaschine

Orangen-Schälmaschine

Nach einer Stunde kommt die Gruppe zurück. Einige sind überhaupt gleich beim Bus geblieben. Meine Sitznachbarin kommt völlig ausgelaugt zurück und kann vor Müdigkeit kaum mehr einsteigen. Danach braucht sie ziemlich lange, bis sie sich wieder erholt hat. Und dabei ist das junge Mädchen Peruanerin.

Das Wandern hat Hunger gegeben und darum sind wir alle froh, dass schon der Mittagshalt ansteht. Dazu fahren wir hinein ins Tal, das sehr grün und fruchtbar ist. Ueberall sieht man Terassenanbau. Man hat die alten Strukturen übernommen und benutzt sie weiter.

In einem grossen Hof gibt es Mittagessen. Buffet, das scheint sich für die Touristen am besten zu eignen. Und es ist auch praktisch, weil man auswählen kann, was man möchte. Eine knappe Stunde später sind wir wieder unterwegs.

Mittagessen bei Casagrande

Mittagessen bei Casagrande

Mir fällt auf, dass auf der Strasse immer wieder grosse Steine liegen. Kleine Steine, schön verteilt auf der ganzen Strasse oder riesige Brocken. Tonnenschwer. Manchmal sind es auch Baumstämme. Zuerst denke ich an Baustellensignalisationen, aber es sind zu viele und ausserdem kann ich nirgendwo eine Baustelle erkennen.

Felsabbrüche können es auch nicht sein, denn die Felsen liegen auch in der Ebene. Unser Bus muss immer mal wieder Slalom fahren. Dass er dabei immer den Vortritt beansprucht, versteht sich von selbst. Egal, ob ein PW entgegenkommt, Busse kommen zuerst. Ich frage Julio, was diese Steine zu bedeuten haben. "Oh, die sind noch von gestern, vom Streik. Damit niemand durchkommt". "Dann müsste das jetzt jemand aufräumen", wende ich ein. "Ja, müsste man wohl, aber das wird niemand tun", lächelt Julio.

Strassenblockaden

Strassenblockaden

Diesmal besuchen wir das letzte noch bewohnte Inkadorf. Die Häuser in Örtchen Olantaytambo stammen zum grossen Teil noch aus der Inkazeit. Und sind noch immer bewohnt. Auch die Wasserkanäle die durch das Dörfchen fliessen, sind noch Original erhalten.

Wie wir aussteigen, wird Julio, unser heutiger Guia, gleich von ein paar Kindern umringt. Er scheint hier sehr beliebt zu sein. Wir durchqueren der Markt und kommen zu den gigantischen Terrassen, die hier den ganzen Berg einnehmen.

Wieder heisst es aufsteigen. Diesmal geht es bedeutend besser, denn wir sind ja nur noch auf 2700 m. 200 Stufen sind es, bis wir zu einem Tempel kommen. Hier sind sie wieder, diese ungeheuren Mauern mit den gewaltigen Steinen, die perfekt ineinander passen. Und die Ausbuchtungen sind nicht zufällige Muster, sondern an deren Schatten konnte man das Datum ablesen.

Inkamauer mit Sonnen-Kalender

Inkamauer mit Sonnen-Kalender

Teil eines Tempels

Teil eines Tempels

Auf der Gegenseite des Tales sieht man die Vorratskammern. Sie sind hoch oben am Berg gebaut und werden von einem mächtigen Inka bewacht. Das Gesicht ist nicht etwa zufällig, sondern es wurde von Hand in den Fels geschlagen. Bis zu 12 Jahren konnten die Inkas ihre Lebensmittelvorräte aufbewahren.

Vexierbild 1

Vexierbild 1

Noch ein paar Stufen sind nötig, bis wir ganz zuoberst ankommen. Hier hatte man mit einem zweiten Tempel angefangen. Grosse Steinblöcke sind bereits hier. "Es ist roter Granit und der stammt nicht von diesem Berg", erklärt uns Julio. "Der Granit kommt vom Berg gegenüber. Es brauchte 200 - 300 Leute, um die grossen Brocken über Rampen und mithilfe von Steinrollen auf den Berg zu schaffen". Wie die gewaltigen Blöcke vom anderen Berg heruntergekommen sind, hat er nicht erklärt.

Wie ich heraufgekommen bin, weiss ich

Wie ich heraufgekommen bin, weiss ich

Der Tempel wäre der Sonne geweiht gewesen. Hier oben am höchsten Punkt des Berges. Und wenn wir auf die andere Talseite sehen, gibt es da ganz oben ein zweites Gesicht. Dieses begrüsst am 21. Juni als erstes die Sonne, bevor diese ihre Strahlen zum Sonnentempel herüberschickt.

Der Punkt hier ist ein wichtiger Kreuzungspunkt für die Strassen nach Cuscu, nach Machu Picchu, in den Urwald und zum letzten Refugium der Inkas.

Vexierbild 2

Vexierbild 2

"Aber das wäre wieder eine andere Geschichte", meint Julio. Der Ort des letzten Refugiums wurde erst vor ein paar Jahren entdeckt und die Reise dahin dauert 4-5 Tage. Zu Fuss. Wir geniessen erstmal noch die Aussicht und machen uns dann auf einer anderen Route an den Abstieg. "Langsam gehen" steht auf dem Schild. Das ist auch angebraucht, denn es geht hier senkrecht hinunter und selbstverständlich gibt es kein Geländer.

Hier gehts steil hinunter

Hier gehts steil hinunter

Beim Parkplatz steigen drei kleine Jungen in den Bus. Sie wollen uns ein Abschieds-Lied singen in ihrer Sprache. Und sie scheinen sich riesig darüber zu freuen, dass sie mit Julio die kurze Strecke bis zum Hauptplatz des Ortes fahren dürfen. Selbstverständlich bekommen sie für ihre Vorführung ein kleines Trinkgeld.

zuerst wird gesungen...

zuerst wird gesungen...

... und dann abgerechnet

... und dann abgerechnet

Noch ein weiterer Halt steht auf dem Programm. Chinchero. Diesmal ist es eine koloniale Kirche die wir besuchen. Selbstverständlich steht auch die wieder gamz oben im Dorf. Um dorthin zu gelangen, müssen wir wieder einmal ein Spiessrutenlaufen zwischen den Handarbeits-Verkaufsständen machen.

Um auf dem Plateau ganz oben direkt in einen weiteren Markt zu kommen. Das sei ein typischer farbiger peruanischer Markt erklärt uns Julio. Als ob man uns das extra erklären müsste. Das einzig spezielle daran ist vielleicht noch, dass alles auf dem Boden stattfindet. Es gibt keine Marktstände, die ganzen Handarbeiten sind auf dem Boden ausgebreitet und auch die Frauen sitzen auf der ebenen Erde.

Was aber speziell an diesem Ort ist die Kirche. Sie wurde auf den Grundmauern eines alten Tempels gebaut und die unterste Struktur wurde auch noch so belassen. Unterdessen erkenne auch ich diese typischen Inkastrukturen mit den trapezförmigen Türen und Fenstern. Auch diese Kirche ist schon aussen reich geschmückt und weist auch innen viele Wandmalereien dar. Das Gold des Altars ist schon ziemlich dunkel. Selbstverständlich steht auch schon hier vor dem Tor der Hinweis vor Fotoverbot.

Die koloniale Kirche auf den Grundmauern der Inkas

Die koloniale Kirche auf den Grundmauern der Inkas

Vor der Kirche aber verkaufen kleine Jungs Postkarten mit den Fotos vom Kircheninnern, vor allem vom Altar. Ich lasse es aber jetzt, manchmal geht mir das ganze Geschäftemachen auf den Geist.

Ausserdem wartet der Bus schon wieder auf uns. Und die Sonne hat auch soeben die letzten Strahlen über die Berge geschickt und sich hinter dem Bergen zur Ruhe gelegt. Die Aussicht war heute wieder phänomenal. Dauernd wechselnde Panoramen mit hohen Schneebergen im Hintergrund.

Heute sollte ich bald schlafen, denn am Morgen um halb sechs holt mich Ever ab. Es geht mit dem Zug nach Aguas Calientes, das ist die letzte Station vor Machu Picchu, bestimmt einem der Höhepunkte meiner Reise. Und ausserdem ist morgen sowieso ein spezieller Tag für mich.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nicht Nichtstun steht im Mittelpunkt. Sondern etwas tun, wofür im normalen Alltag zu wenig Zeit bleibt. Meine beiden Leidenschaften Reisen und Schreiben möchte ich miteinander verbinden. Und wenn mich dabei jemand begleitet, umso schöner. Es sind vor allem Geschichten, die ich erzähle und erst in zweiter Linie Beschreibungen von Orten und Gebäuden. Ich möchte versuchen, Stimmungen herüberzubringen. Feelings, sentimientos. Wenn mir das manchmal gelingt, ist mein Ziel erreicht.
Details:
Aufbruch: 12.04.2008
Dauer: 4 Monate
Heimkehr: 03.08.2008
Reiseziele: Uruguay
Brasilien
Paraguay
Argentinien
Chile
Bolivien
Peru
Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
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