TimeOut in Südamerika

Reisezeit: April - August 2008  |  von Beatrice Feldbauer

Woche 15 19. - 25. Juli 2008: Piranjas

"Ich habe drei Wecker hier," erkläre ich Oracio am Morgen. Der staunt mich an. Scheint ihm etwas übertrieben. "Eigentlich erwache ich ja von allein wenn der Dschungel langsam erwacht. Danach macht mich mein Natel darauf aufmerksam, dass ich gelegentlich aufstehen könnte. Kurz darauf wird in der Nähe meines Zimmers der Generator angelassen, der am Morgen für eine halbe Stunde Strom liefert. Und dann kommst du, um mir zu sagen, dass es in 10 Minuten Frühstück gibt".

Ja er hat es sich angewöhnt, mich jeweils früh genug zu holen. "Es ist Zeit, Frühstück in 10 Minuten", oder "wir treffen uns in 5 Minuten im Comodor". Er ist sehr bemüht, trotz meiner gestrigen Absage. Wir verstehen uns aber auch blendend, lachen und lernen viel voneinander. Heute wollen wir fischen gehen. Piranyas fischen.

Es sind sehr einfache Angelruten, die wir mitnehmen. Eigentlich sind es einfache Stecken mit einer Plastikschnur und einem Haken. Wir fahren mit dem Schiff hinaus auf den Fluss und biegen in einen kleinen Seitenarm ein. Hier liegen viele Fischerboote. Die Fischer legen Netze aus oder ziehen sie ein. Oder sie warten einfach, bis der nächste Arbeitsgang fällig ist. Wir brauchen einen Köder und fahren zu einem Fischerboot, wo gerade das Netz eingeholt wird.

Und wieder einmal staune ich. Es ist ein kleiner Fang, der hier im Boot liegt und es sind mindestens fünf Männer, die daran beteiligt sind. Trotzdem geben sie uns ohne weiteres sechs ihrer Fische ab. Diese zappeln noch auf unseren Planken. Am Ufer bindet der Schiffsführer unser Boot an einem Ast fest. Während Oracio aus einem Fisch kleine Häppchen schneidet und sie an die Angel hängt, benutzt der Schiffsjunge, die Zeit, den Motor auseinander zu nehmen. Anscheinend ist eine kleine Motorrevision fällig.

Ich lasse die Angel ins Wasser gleiten und sofort spüre ich, dass da unten etwas daran zupft. "Schnell rausziehen!" instruiert mich Oracio. Doch ich bin nicht schnell genug. Bei ihm hat unterdessen einer angebissen. Ein kleiner roter Piranja mit spitzen Zähnen schnappt nach Luft, als ihn Oracio von der Angel nimmt. "Was machen wir damit, soll ich ihn wieder frei lassen?" "Ja bitte, ich mag keine Piranjas essen, gibt es eben keinen Fisch zum Mittagessen".

Wir angeln noch ein wenig weiter, wobei es sich bei mir vor allem darum handelt, die Piranjas zu füttern, was ja auch sehr spannend ist. Sehen kann man die Biester allerdings nicht, denn das Wasser ist braun. Aber man kann sie sehr gut spüren, wie sie an der Angel zupfen. Unterdessen hat auch der Schiffsjunge einen gefangen, den er allerdings nach meiner gebührenden Bewunderung wieder zurück ins Wasser schickt. Auch die anderen Fische, die noch immer auf dem Boden liegen und nach Luft schnappen, lässt er wieder ins Wasser gleiten. Sie werden es überleben.

Unsere Köder. Fünf haben überlebt...

Unsere Köder. Fünf haben überlebt...

Wir aber fahren hinaus in die Mitte, beobachten ein paar Delpine und dann schwimmen drei Walfische im warmen Wasser. Das heisst, wir tauchen wieder einmal ein und geniessen die tolle Abkülung, denn auf dem Wasser ist es trotz Schattendach schon wieder recht heiss.

Eigentlich wollten wir am Nachmittag ins nahe Dorf gehen und dort den Schamanen besuchen. Oracio hat mir einen speziellen Ritus versprochen, bei dem alle meine Krankheiten und Gifte aus dem Körper genommen würden. Auch hat er von Visionen gesprochen, die bei der Behandlung durch den Schamanen entstehen können. Alles selbstverständlich unter Kontrolle. Mit gemischten Gefühlen habe ich zugesagt. Eigentlich hätte ich es spannend gefunden, einer solchen Zeremonie beizuwohnen, dass ich aber gleich der Mittelpunkt sein würde, lässt mich etwas unsicher werden. Vor allem weil ich nicht immer alles verstehe, was er mir erklärt.

Irgendwie war wohl dieser Ritus nicht für mich bestimmt, jedenfalls fängt es um drei Uhr an zu regnen. Es ist nicht nur so ein kleiner Schauer, wie er schon gestern kurz niederging, nein, es entwickelt sich ein richtiger starker Regen. "Ist das normal um diese Jahreszeit?" will ich wissen. Nein, eigentlich ist es nicht normal, denn jetzt ist Trockenzeit, Zeit, dass das Wasser des Amazonas abtrocknet und die Ufer frei werden. Frei für den Anbau von Reis. Doch wie überall, spielt auch hier das Wetter manchmal verrückt. Zuerst versuche ich, im Esszimmer ein wenig zu schreiben, doch es ist hier viel zu düster. Und ausserdem erzittert der ganze Boden, wenn jemand vorübergeht.

Also gehe ich ins Zimmer, hier ist es etwas heller, wenn man die Vorhänge zurückzieht. Was macht man nur, an einem verregneten Nachmittag im Busch? Leider habe ich kein Buch mitgenommen. Und der Computer ist auch weit weg. Ich lege mich hin, höre den Geräuschen des Regens zu. Versuche zu schlafen. Die Trägheit des Dschungels packt mich. Nichts tun, nur da liegen und die Geräusche in sich aufnehmen. Dösen. Später bin ich überrascht, wie schnell ich eingeschlafen bin. Viel später, es ist bereits dunkel, klopft Oracio an meine Türe. Wie immer: 10 Minuten bevor es Nachtessen gibt, damit ich diesen wichtigen Tagesprogrammpunkt nicht verpasse.

im romantischen Speisesaal

im romantischen Speisesaal

Und nach dem Nachtessen genehmigen wir uns noch ein Bier an der Bar. Dies ist der einzige Raum, in dem es am Morgen und am Abend während kurzer Zeit Strom gibt. Vor allem am Abend ist das wichtig. Da hängen dann all die technischen Geräte an einer Stromschiene. All die Natels, die hier nur als Wecker und Uhr zu gebrauchen sind, die Batterieladegeräte und die Videokameras hängen am Tropf.

Zu meiner grossen Überraschung ist das Bier sogar kalt. Das Eis wird täglich von Iquitos hergeführt und in den grossen Kühlboxen aufbewahrt. So kommt ein kleines bisschen Zivilisationsluxus in den Busch. Man kann auf vieles verzichten, solange das Bier kalt ist.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nicht Nichtstun steht im Mittelpunkt. Sondern etwas tun, wofür im normalen Alltag zu wenig Zeit bleibt. Meine beiden Leidenschaften Reisen und Schreiben möchte ich miteinander verbinden. Und wenn mich dabei jemand begleitet, umso schöner. Es sind vor allem Geschichten, die ich erzähle und erst in zweiter Linie Beschreibungen von Orten und Gebäuden. Ich möchte versuchen, Stimmungen herüberzubringen. Feelings, sentimientos. Wenn mir das manchmal gelingt, ist mein Ziel erreicht.
Details:
Aufbruch: 12.04.2008
Dauer: 4 Monate
Heimkehr: 03.08.2008
Reiseziele: Uruguay
Brasilien
Paraguay
Argentinien
Chile
Bolivien
Peru
Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
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