TimeOut in Südamerika

Reisezeit: April - August 2008  |  von Beatrice Feldbauer

Woche 13 5. - 11. Juli 2008: Reichtum

Schon gestern während dem Mittagessen hatte ich eine kurze Manifestation der Bauern gesehen. Beschützt von Polizisten marschierten sie vor der Pizzeria vorbei. Es war alles sehr friedlich und ruhig, der Verkehr wurde für einen Moment angehalten und danach fuhren die Autos wieder durch die Strassen.

Bauern-Demo vom Mittwoch

Bauern-Demo vom Mittwoch

Heute wurde ich schon am morgen früh von Böllerschüssen geweckt. Da aber mein Hotel sehr dicke Mauern hat, hörte ich sie nicht sehr gut. Ich drehte mich also beruhigt wieder auf die andere Seite und schlief weiter. Nach dem Frühstück lugte ich dann doch einmal hinaus. Der Platz vor dem Hotel war voller Leute, und als ich zur Plaza de Armas kam, versammelten sich die Protestierenden vor der grossen Kathedrale.

Aufmarsch vor der Kathedrale

Aufmarsch vor der Kathedrale

Von den Balkonen der Hotels und Hostals beobachteten die Touristen die Szene. Es wurden ein paar Banner und Fahnen geschwenkt und das Fernsehen war da, um alles aufzuzeichnen. Ich setzte mich auf eine Bank im Park und beobachtete das Treiben.

Es ist ein nationaler Streik heute, die Leute protestieren gegen die hohen Lebenskosten. Allein in den drei letzten Jahren haben sich die Kosten für Grundnahrungsmittel wie Milch, Brot und Kartoffeln fast verdoppelt. Die Bauern protestieren für bessere Preise und die Minenarbeiter und andere Angestellte für höhere Löhne. Die meisten Geschäfte und Restaurants sind heute geschlossen und es gibt überhaupt keine Autos in der Stadt. Eigentlich friedlich. So wie auch die Demonstration.

Frauen in ihren Trachten, manche tragen ein Kind auf dem Rücken. Männer schweigend und ernst. Doch protestieren gibt Hunger und so sind auch die Essensverkäufer nicht weit. Da gibt es verschieden farbige Desserts im Plastikbecher, warme Mahlzeiten aus einem Handwagen, der mit Tüchern bedeckt ist, um das Essen warm zu halten, Eiswägelchen, aus denen selbst gemachte Glacestängel verkauft werden und Popcorn soviel man will.

Glace gefällig?

Glace gefällig?

Auch ich bekomme langsam wieder Hunger. Die grosse Pizzeria mit den Musikanten, in der man draussen sitzen kann, ist voll und ich mag nicht anstehen. Aber das elegante Museumsrestaurant ist offen und hat drinnen genügend Platz. Heute gönne ich mir ein feines Mittagessen mit allem drum und dran.

Gefüllte Avocados, einen Fisch al limón und einen kleinen Bananensplit. Dazu wieder einmal einen Pisco sour, ein Glas Weisswein und einen Kaffee. Leider gibt es keinen Espresso. Wie in fast allen Restaurants, ausser den Pizzerien gibt es nur den einfachen Filterkaffee, oft ist das sogar nur Instantkaffee und man bekommt eine Tasse heisses Wasser und eine Portion Nescafé. Ich finde das immer wieder beschämend in einem Land, das Kaffee exportiert. Wenn die Einheimischen kaum vermögen, richtigen Kaffee zu trinken.

Alte Inkaumauern für die Häuser der Stadt

Alte Inkaumauern für die Häuser der Stadt

Später schlendere ich durch die ruhigen Strassen. Nur langsam kehrt der Verkehr zurück, Es ist richtig angenehm, zu bummeln. Auch die Strassenverkäufer scheinen heute frei zu haben, jedenfalls werde ich bedeutend weniger angehalten. Sogar bei der grossen Kirche, in der ich gestern den Inkateil besucht hatte, hat es keine Verkäufer mehr. Es hat auch kaum Touristen. Leider ist die Kirche geschlossen, sie wird erst gegen Abend geöffnet.

ruhige Gässchen

ruhige Gässchen

Beim weitergehen komme ich zu einer kleinen Galerie, die skurrile Kunstwerke von jungen Künstlern ausstellt. Vor allem die Figuren, die aus lauter Knochen gemacht sind, finde ich unglaublich kreativ. 8000 Knochen und Zähne von verschiedenen Tieren wurden in die Figur von Don Quijote eingearbeitet. Der Künstler sei in den Restaurants von Cusco gut bekannt, weil er jeweils die Knochen einsammelt. Kann ich mir vorstellen, muss ein sonderbarer Typ sein.

Ob ich fotografieren darf? "Nein", bedauert der junge Mann, "sie können Fotos beim Eingang kaufen". "Schade, ich wollte sie per Internet versenden, und das geht mit einer Foto nicht". Er zögert, verweist auf die strengen Vorschriften. "Meine Schwester hat eine Galerie, ihr möchte ich die Foto zeigen." (Sorry Elsbeth, nehme dich sonst nicht als Vorwand.) Hoppla, jetzt klappt es, selbstverständlich darf ich fotografieren. Er gibt mir sogar noch Tipps, von welcher Seite ich abdrücken soll. Ich kaufe dann noch eine Foto, damit auch noch etwas Geld in die Kasse kommt.

Don Quijote - ganz aus Knochen

Don Quijote - ganz aus Knochen

Auf der Plaza de Armas haben sich die Menschenmengen unterdessen wieder verzogen. Es ist ruhig. Auch die Geschäfte machen langsam noch einmal auf. Vielleicht läuft ja doch noch etwas gegen Abend. Die Kathedrale ist offen. Sie kostet Eintritt, aber fotografieren darf man nicht. Ist eben Eigentum der heiligen katholischen Kirche. Ich glaube, die haben Angst, es könnte ihnen wie den Inkas gehen, dass ihnen das ganze Gold geraubt werden könnte.

Die Kathedrale hat ein grosses Hauptschiff mit breiten Seitentrakten und zusätzlich auf beiden Seiten noch einmal zwei Kirchen. Der Hauptaltar ist riesig und vollständig aus Silber. Aber die Altare in den beiden Nebenkirchen sowie fast alle Nebenaltare, die in die Seiten eingebaut sind und den verschiedensten Heiligen gewidmet sind, sind aus Gold.

Während die San Francisco-Kirche in La Paz zwar auch goldig war, aber das nur eine Goldfarbe war, glaube ich, dass hier auch wirklich Gold ist, was da glänzt. Vor allem nachdem ich vorgestern die Landkirche gesehen habe. Da war das Zedernholz mit 24 Karat Gold bedeckt. Die Kathedrale ist riesig gross mit dicken Steinsäulen, die die Seitentrakte vom Hauptschiff abtrennen. Wahrscheinlich wurden dafür Steine von den Inkastätten benutzt.

Da gibt es ausserdem noch einen separaten Chor. Das heisst, einen Raum mit gegen 50 geschnitzten Sitzen. Das ganze scheint in einem Guss zu sein aus einem dunklen Holz. Hier sassen wohl die besseren Leute oder die Klosterbrüder. Der Glanz der Kirche steht in einem so grossen Gegensatz zu der Situation der Leute in diesem Land, dass es mir ziemlich zu denken gibt.

Ich hatte den Kellner am Mittag im Restaurant gefragt, ob er sich leisten könne, mit seiner Frau zu einer speziellen Gelegenheit in einem Restaurant essen zu gehen. "Nein, niemals", war seine Antwort. Ich frage mich immer wieder, was die Leute von uns eigentlich denken, wenn wir bedenkenlos einen halben Wochenlohn in ein Mittagessen investieren.

Das Ayuntamiento

Das Ayuntamiento

Die Regenbogenfahne ist übrigens das Banner von Cusco. Sie weht vom Ayuntamiento, wo die Bürgermeisterin regiert. Man scheint nicht sehr zufrieden zu sein mit ihr, von verschiedenen Leuten habe ich gehört, dass sie sehr korrupt sei und dass man dabei sei, sie abzuwählen.

Und wenn ich schon bei den Fahnen bin, die Fahne mit den vielen farbigen Quadraten ist eine neue Kreation, die für die Solidarität unter den verschiedenen Volksgruppen von ganz Südamerika steht. Ich habe sie schon in anderen Ländern auf meiner Reise gesehen und es gibt auch Schmuck, der dieses Design aufnimmt.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nicht Nichtstun steht im Mittelpunkt. Sondern etwas tun, wofür im normalen Alltag zu wenig Zeit bleibt. Meine beiden Leidenschaften Reisen und Schreiben möchte ich miteinander verbinden. Und wenn mich dabei jemand begleitet, umso schöner. Es sind vor allem Geschichten, die ich erzähle und erst in zweiter Linie Beschreibungen von Orten und Gebäuden. Ich möchte versuchen, Stimmungen herüberzubringen. Feelings, sentimientos. Wenn mir das manchmal gelingt, ist mein Ziel erreicht.
Details:
Aufbruch: 12.04.2008
Dauer: 4 Monate
Heimkehr: 03.08.2008
Reiseziele: Uruguay
Brasilien
Paraguay
Argentinien
Chile
Bolivien
Peru
Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
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