TimeOut in Südamerika

Reisezeit: April - August 2008  |  von Beatrice Feldbauer

Woche 12 28. Juni-4. Juli 2008: Sonneninsel

Hier hat also das Inkareich begonnen. Ich stehe auf der Isla del Sol, vor den drei Brunnen. Wenn man davon trinkt, bleibt man ewig jung. Mal sehen, was das bringt. Die drei Wasserstrahle stehen aber auch für die drei Todsünden: nicht lügen, nicht stehlen und nicht töten. Auf diese drei Sünden stand der Tod. So erzählt es mir jedenfalls mein heutiger Kapitän, Victor.

Jungbrunnen

Jungbrunnen

Er hat mir auch von der Sonneninsel erzählt, wo die Sonne, der wichtigste Gott der Inkas die ersten Menschen erschuf. Und von der nahen Mondinsel liess er den Mond an den Himmel aufsteigen. Auf der Mondinsel wohnten früher nur Frauen. "Oh die Armen" entfiel es mir, worauf mich Victor etwas unsicher ansah.

Victor mit seiner Orion

Victor mit seiner Orion

Ich war heute Mittag kaum dem Bus entstiegen, hatte per Taxi ein Hotel gefunden und war bereits am See. An diesem riesigen tiefblauen See.

Eigentlich hätte ich mich zuerst ein wenig im Ort umsehen wollen, durch die vielen Verkaufsstände schmökern, irgendwo etwas Kleines essen und den Leuten zusehen. Aber nichts von alledem. Noch bevor ich überhaupt richtig angekommen war, war ich schon in einer Verhandlung über eine Bootsfahrt auf die beiden Inseln mit einem der vielen Schiffsführer, die täglich auf Touristen warten.

Es ist aber auch ein fantastischer Tag um einen Ausflug zu machen. Die Sonne strahlt von einem wolkenlosen Himmel und der See glitzert und strahlt tintenblau.

einfache Fähren auf der Fahrt von La Paz nach Copacabana

einfache Fähren auf der Fahrt von La Paz nach Copacabana

Die Fahrt von La Paz hierher nach Copacabana war relativ kurz gewesen. Nur vier Stunden. Ich hatte mich am Morgen von Sonja, die nicht nur fürs Nachtessen, sondern auch fürs Frühstück zuständig ist, verabschiedet und um acht Uhr hatte der Bus La Paz verlassen.

Nachdem wir die Krete der Stadt auf 4000 m wieder erreicht hatten, gab es nur noch kleine Höhenunterschiede zwischen 3500 und 3800 Meter. Copacabana liegt auf einer grossen Insel im Titicacasee, die durch eine kurze Fähre erreicht wird. Es war interessant zu sehen, wie Busse, PWs und Lastwagen auf die einfachen Fährschiffe geladen wurden.

Für die Passagiere gab es Motorboote, aber ich zog die Fahrt auf der Fähre vor. 20 Rappen kostete die Überfahrt. Um vom Ufer weg zu kommen, stocherte der Schiffsführer mit langen Stangen. Erst als er richtig auf dem Wasser draussen war, liess er den Motor an. Auch das Anlegen auf der anderen Seite erfolgte ohne Motor nur mit den Stangen, mit denen er im niedrigen Wasser manövrierte.

Auch hier schon glitzerte der See und erstrahlte in tiefstem Blau. Es dauerte dann allerdings nochmals fast eine Stunde, bis wir am anderen Ende der Insel angekommen waren. Es ging dabei noch einmal ziemlich hoch in die Hügel, aber diese gaben immer wieder faszinierende Blicke auf den See frei.

Blick zurück aufs Festland

Blick zurück aufs Festland

Und jetzt stehe ich also oben an der grossen alten Treppe der Sonneninsel und schaue hinaus auf den See. Fast möchte ich sagen auf das Meer, so riesig ist dieser See. Ganz ruhig kann ich die Aussicht allerdings nicht geniessen, denn immer wieder werde ich von einer dieser farbig bekleideten Frauen angesprochen. Ich sollte Tischtücher und Sets kaufen oder wenigstens diesen kleinen Tischläufer. Sicher kann ich auch eines dieser wolligen Lamas brauchen, eine Mütze, Handschuhe oder einen Anhänger mit den Symbolen der Sonne und des Mondes. Ja, bei diesen Anhängern werde ich schwach. Sie sind zu schön und sie brauchen kaum Platz in meinem immer schwerer werdenden Gepäck.

Aufstieg zur Sonneninsel

Aufstieg zur Sonneninsel

Aber bei dem kleinen Mädchen, das ich mit seinem Lama fotografieren sollte und das dafür Geld möchte, bleibe ich stark. Ich werde kein Geld geben für eine Foto und schon gar nicht an Kinder. Aber ich habe noch einen Kugelschreiber dabei, den kann ich ihm geben. Gabriela heisst sie und sie geht in die erste Klasse. Auch der kleine Junge, Oliver möchte Geld, aber dann ist er doch mit einem Kaugummi zufrieden. Er geht in die vierte Klasse, aber im Moment sind Ferien.

Gabriela mit ihrem Lama

Gabriela mit ihrem Lama

Oliver von der Sonneninsel

Oliver von der Sonneninsel

Ich fahre mit dem Schiff weiter auf die Isla de la Luna. Hier gibt es noch ein paar Inkaruinen. Auch diese muss man sich allerdings mit einem Aufstieg erst verdienen. Die Ruinen können mich allerdings nicht wirklich sehr begeistern, es ist auch nichts beschrieben, sie sind nur mit einem Drahtzaun umgeben und ein paar scheinen rekonstruiert zu sein. Was mich aber viel mehr begeistert, ist die Aussicht.

Einfache Touristenunterkünfte mit traumhafter Aussicht

Einfache Touristenunterkünfte mit traumhafter Aussicht

Die Isla de la Luna mit den schneebedeckten Kordillieren im Hintergrund

Die Isla de la Luna mit den schneebedeckten Kordillieren im Hintergrund

Wunderschön muss es sein, hier zu leben. Doch die Frau, die mir beim Abstieg eine Versteinerung verkaufen will, erklärt, dass hier niemand wohnt. Im Gegenteil, die paar kleinen Hütten mit der traumhaften Aussicht sind einfache Touristenunterkünfte. Sie selber lebt in dem kleinen Dorf auf der anderen Seite der Insel. Es wohnen ungefähr 100 Familien auf der Insel. Und es gibt auch hier eine Schule. Bolivien ist zwar ein sehr einfaches Land mit grossen Armut, aber die Schulpflicht scheint zu funktionieren.

Syphonie in Blau

Syphonie in Blau

Titicacasee

Titicacasee

Die Rückfahrt mit der Orion, dem kleinen Schiff von Victor dauert noch einmal eine gute Stunde. Wir fahren zwischen Inseln durch und hinterlassen eine silberne Spur im blauen Wasser. Es gibt hier viele Fische. Vor allem grosse Forellen, erzählt Victor. Der See ist 282 Meter tief. Diese Angabe erstaunt mich, denn in meinem Reiseführer steht, dass die Tiefe noch immer ein Geheimnis sei. Sie schwanke zwischen 250 und 400 Meter.

Vielleicht weiss Victor als ehemaliger Fischer mehr. Heute fährt er mit seinem Boot nur noch mit Touristen. Das Wasser ist um 12 bis 15 Grad. Und im Sommer? Ebenfalls, es wird nie wärmer. Aber es gibt trotzdem Leute, die darin im Sommer baden. Da war sogar einmal eine Brasilianerin, die schwamm von der Isla de la Luna zurück nach Copacabana. Sie war sieben Stunden im Wasser. Vielleicht hatte sie geglaubt an die Copacabana in Brasilien zu schwimmen?

Victor

Victor

Kurz vor Sonnenuntergang kommen wir wieder im Hafen von Copacabana an. Vom Hotel aus habe ich einen wunderbaren Blick über das Wasser und schiesse ein paar Bilder von der untergehenden Sonne.

Das Hotel hat ein schönes Restaurant und da geniesse ich später eine dieser frischen Forellen aus dem See. Dazu spielt ein Musiker mit seinen verschiedenen Flöten und Planflöten. Andenmusik. Und mit diesen Tönen im Ohr schlafe ich noch vor Mitternacht ein.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nicht Nichtstun steht im Mittelpunkt. Sondern etwas tun, wofür im normalen Alltag zu wenig Zeit bleibt. Meine beiden Leidenschaften Reisen und Schreiben möchte ich miteinander verbinden. Und wenn mich dabei jemand begleitet, umso schöner. Es sind vor allem Geschichten, die ich erzähle und erst in zweiter Linie Beschreibungen von Orten und Gebäuden. Ich möchte versuchen, Stimmungen herüberzubringen. Feelings, sentimientos. Wenn mir das manchmal gelingt, ist mein Ziel erreicht.
Details:
Aufbruch: 12.04.2008
Dauer: 4 Monate
Heimkehr: 03.08.2008
Reiseziele: Uruguay
Brasilien
Paraguay
Argentinien
Chile
Bolivien
Peru
Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
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