Wenn nicht jetzt wann dann

Reisezeit: April 2008 - September 2009  |  von Sabine Salcher

Australien: 50. Ten Days Noble Silence in Blackheath

08.06 - 21.06 Orange und Blackheath (Tag 382 / 288 ) - (Tag 395 / 301)


Montag, 08.06 Condobolin - Orange

Die zweieinhalbstündige Fahrt nach Orange denke ich nur an eine Sache "Das sind Deine letzten Stunden in Andre´s Falcon und die letzten Stunden, die Du auf Australiens Strassen fährst" Ich habe diesen Wagen, auch wenn er aufgrund des Unfalls total zerbeult ist und unsere Faulheit ihn auch nicht gerade sauberer und aufgeräumter macht, mittlerweile so ins Herz geschlossen und verbinde ihn mit so vielen schönen und einzigartigen Erinnerungen, das mir sogar dieser Abschied die Tränen in die Augen treibt. Meine erste Fahrt alleine in Ballarat, mit lauter Mucke, Sonnenschein und einfach nur dieser puren Zufriedenheit, die ich am Anfang meiner Reise so oft erlebt und gefühlt habe "Jaaaaaaaa ich mache das hier wirklich. Kneif mich mal Die Übernachtung im Kofferraum an Ostern weil wir einfach keine Unterkunft finden konnten. Unser Road Trip mit James und unsere anderen 1000de Kilometer die wir gemeinsam zurückgelegt haben. Soll das alles einfach vorbei sein? Hinzu kommt, dass ich die Strassen Australiens generell liebe. Wo hat man schon diese weite? Das Gefühl wirklich in einem Abenteuer zu sein? Einfach am Strassenrand halten zu können, einen schönen Picknickplatz zu finden oder dort zu übernachten.

Dazu kommt das noch ein anderer kleiner Kobold in mir herumhüpft: Bin ich wirklich in der Lage das Meditationsding durchzuziehen? 10 Tage in noble Silence. Und was passiert da genau, wirklich viele Informationen bekommt man nicht im Internet. Aber ich finde es schon etwas veraengstigend, dass man keine Moeglichkeit hat, das Meditationscenter zu verlassen. Einmal drin und einmal angefangen muss man es durchziehen. Was mach ich wenn ich crazygehe??? Und alles nachdem ich mich gerade erst von Andre verabschiedet habe. In unseren letzten zwei Tagen zusammen ueberlege ich mehr als einmal das ganze abzublasen und wieder mit ihm nach Condo zu fahren. Ich bin also entsprechend bereits bei der Fahrt sehr sentimental und Nah am Wasser gebaut, was auch bei unserer Ankunft in Orange und unserem einchecken in den Caravanpark, wo wir ein kleines Bungalow gemietet haben, nicht besser wird. "Unser letzter gemeinsamer Abend" HEUL!!!!!!!!!!!!!!!!!! Und es ist ja noch nicht mal unser letzter gemeinsamer Abend. Wir trennen uns ja nur für 3 Wochen. Aber trotzdem. Ich habe keine Lust auf gar nichts. Auf Ausgehen, essen gehen oder Kino erst Recht nicht. Das einzige was verlockend ist, ist in Andre´s Arm zu liegen und The Shack gemeinsam zu Ende zu lesen. So nach dem Motto "Was wir angefangen haben, bringen wir auch zu Ende"


Dienstag, 09.06 Orange

Heute ist einer dieser Tage die ich meinem größten Feind nicht wünsche und lieber aus meiner Erinnerung streichen würde. Ein absoluter Depri-Tag, mit soviel heulen, bis das ganze Gesicht hochrot ist, die Lippen angeschwollen sind und die Augen so verquollen das man sie nicht mehr aufbekommt. Mach ich ganz schoen hauefig in letzter Zeit denkt ihr Euch wahrscheinlich. Tja so ist das mit Herzensangelegenheiten. Das ist hier in OZ nicht anders. Als kleinen Bonus gibt es dann am Ende noch eine nette Migräne dabei. Ihr könnt Euch also vielleicht vorstellen wie es mir geht. Ich kann mich zu nichts aufraffen und versuche Andre mit allen Mitteln davon zu überzeugen, dass er doch auch morgen früh erst fahren kann. Die Vorstellung heute Nacht alleine hier zu sein versetzt mich in die schiere Panik. Das Wetter traegt sein uebriges dazu bei. Es regnet, stuermt und ist saumaessig kalt. Aber er bleibt hart. Nein er müsse heute Abend fahren, was denn so schlimm dran sein, es ginge doch nur um 12 Stunden. Ich kann es auch nicht richtig in Worte fassen, warum das jetzt alles so unglaublich schlimm für mich, aber ich fühle mich als ginge es ums nackte überleben. Heute Abend ohne ihn sein ist nicht vorstellbar. Dann fahr ich lieber wieder mit Condo. Damit der ganze Tag nicht völlig unproduktiv bleibt machen wir uns am Nachmittag auf und ziehen durch die OP-Shops. Ich brauche ja noch Wintersachen für NZ. Warme Hosen, Dicke Pullover, Skijacke, Handschuhe usw. Und da sich die Temperaturen auch hier bereits um die 5 grad befinden scheint es ratsam nicht erst in NZ nach den Sachen zu suchen. Auf gut Deutsch gesagt: "Ich friere mir in meinen dünnen Sommersachen echt den Arsch ab." Aber bis auf ein paar Fäustlinge vom Aldi finden wir leider nichts.

Zurück in unserem Bungalow versuche ich mein Glück ein weiteres Mal. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass Andre länger bleibt. Nach unzähligen Diskussionen wieso, weshalb, warum gibt er schließlich nach. Und bleibt! Meine Erleichterung koennt ihr Euch nicht im geringsten vorstellen. Mir fallen ganze Berge von der Seele und ich geniesse jede einzelne Sekunde als wir an diesem Abend The Shack auslesen und quatschen. Und ja am naechsten Morgen wird es mir wirklich um Welten besser gehen.


Mittwoch, 10.06 Orange - Blackheath

Heute sieht die Welt schon wieder ganz anders. Die Sonne scheint, es ist zwar weiterhin saumässig kalt, aber nicht nur das Wetter ist besser, sondern insbesondere meine Stimmung. Auch wenn ich weiß, dass wir uns heute verabschieden werden, ein weiteres rauszögern ist nicht möglich, außer ich blase alles ab und fahre mit zurück (was ich tatsächlich überlegt habe, aber eigentlich nur weil ich auf einmal die Hosen wegen dem Meditationszentrum voll hatte), aber trotzdem ist das heute bei weitem nicht so schlimm. Ich bin relativ relaxt und wir verbringen einen sehr schönen entspannten Vormittag. Nach einem langen Frühstück packen wir das Auto und gehen dann noch mal für Andre in Orange shoppen. Pullover, Hose usw. Es fühlt sich an wie ein normaler Tag. Am Ende ist es dann Andre, der Zeit schindet und sich nicht trennen kann. Lass uns doch noch einen Kaffee trinken, heißt es. Irgendwann ist es dann aber soweit, mein Ticket ist gekauft und da wir bereits den Abschied soweit nach hinten geschoben haben, nehme ich dann auch den letztmöglichen Bus, um noch pünktlich zur Anmeldung anzukommen. Das letzte Foto wird gemacht (Binchen in Wintermontur), die letzten Worte ausgetauscht und dann die letzte Umarmung. CU in New Zealand, Honey!

Binchen wieder on the way. Diesmal in etwas ungewohnter Montur. Bbbrrrrr Winter ich komme...

Binchen wieder on the way. Diesmal in etwas ungewohnter Montur. Bbbrrrrr Winter ich komme...

Nachdem wir uns dann also letztendlich verabschiedet habe warte ich auf meinen Bus und denke ein wenig nach. So schlecht geht es mir eigentlich gar nicht. Wie sehr doch die Situation immer davon abhaengt wie wirdarueber denken. Gestern noch ist eine Welt fuer mich zusammengebrochenund heute bin ich schon wieder neugierig und gespannt was in den naechsten 10 Tagen alles passieren wird. Kurz darauf sitze ich dann auch im Bus (ganz komisch wieder allein und als Backpacker unterwegs zu sein, nach wievielen Monaten???) Ganz entspannt, schaue aus dem Fenster, lausche meinem Ipod, geniesse meinen Lunch und bin gespannt welches Abenteuer nun vor mir liegt. Etwas völlig anderes und ich habe absolut keinen Plan was mich erwartet. Klar kenne ich den Stundenplan, aber was in mir abgehen wird, wie ich mit dem frühen Aufstehen, dem langen Sitzen und überhaupt dem meditieren klar komme. Woher soll ich das wissen!? 10 Tage noble silence! Ich weiß nur, dass bei der Anmeldung sehr klar und deutlich darauf hingewiesen wird, das man auf jeden Fall 10 Tage bleiben muss. Es scheint zwar nicht so zu sein, dass man eingeschlossen wird, aber man kann auch nicht so wirklich gehen. Nach 3 Tage sagen "Ach, das ist alles zu hart" gilt nicht. Klar wird das hart, was denkt ihr denn? Aber jedes Mal wegrennen wenn etwas zu hart wird, ist das ein Ziel was man haben sollte? Da durch gehen und gestaerkt hervorkommen ist die Devise. 10 Tage mit keinem reden, bis auf den Lehrer und die Female Managerin, 10 Tage kein Handy, Bücher, ipod oder sonst was. Man muss alles bei der Anmeldung abgeben. Aaaaaaah!! HILFE kann ich nur sagen. Gegen 15:30 Uhr fahre ich schließlich in Blackheath ein, schnalle mir mein Backpack auf den Rücken und mach mich auf den Weg zum Center. Angeblich ist das nicht soweit weg, so dass ich mir das Taxi sparen will und stattdessen ein wenig was für meine Fitness machen will. Und den Berg runter ist ja auch nicht so wild. Als erstes laufe ich dann in die falsche Richtung (rechts oder links vom Bahnsteig?), so dass ich bereits mit einem knapp 10minütigen Bonus zu kämpfen habe. Dazu kommt, dass es zwar schön Bergab geht, aber auch relativ schnell und oft wieder Bergauf! Und das mit meinem nicht gerade untergewichtigen "zu Hause" auf dem Rücken (plus 2 großer Pomegrants, für schlechte Zeiten). Nach ca. 30 Minuten (gefühlten 2 Stunden) mache ich eine Pause. Was ich jedoch schnell aufs Minimum beschränke, da ich zwar total verschwitzt bin, aber der Wind so kalt pfeifft, dass ich schon nach ein paar Minuten anfange zu frieren. Also geht es weiter, jedoch nur kurz, da plötzlich neben mir ein Bus hält, die Türe aufgestossen wird und eine Englische Stimme mit französischem Akzent fragt "Vipassana???" Ich hüpfe also zu meinem neuen Vipassana Bruder und lasse mich die letzten Meter dankbar mitnehmen.

Im Center angekommen bin ich echt positiv überrascht. Es ist superschön in den Wäldern der Blue Mountains gelegen, am Hang gebaut und somit mit einer fantastischen Sicht über das angrenzende Tal. Hier lässt es sich aushalten. Der Ofen bollert, überall stehen Teekannen mit frischem lecker duftendem Tee rum und dazwischen tummeln sich Menschen die wahrscheinlich genau so verschreckt aussehen wie ich. Ich fülle also meinen Anmeldebogen aus, warte noch ein wenig und "checke" dann bei der Female Managerin ein. Hier schläfst du, das sind deine Namenskarten, dies und das musst du noch abgeben und dann und dann fängt der Kurs an. Ich teile mir ein riesengroßes Dormzimmer mit zwei anderen jungen Mädels. Insgesamt stehen in dem Zimmer 12 Betten, auf jeder Seite 6, unterteilt immer mit einem Holzsichtschutz der auch gleichzeitig Regal für Klamotten ist. Einfach, aber ok. Wenn es nur nicht so kalt wäre. Trotz dickem Pulli, Jacke, Mütze und Schal frieren wir. Später erfahren wir, dass die Heizung in diesem Trakt erst heute Nachmittag angemacht wurde, bis morgen früh soll es also warm sein. MORGEN FRÜH??? Das sind noch mehr als 15Stunden. Zum Glück können wir uns mit mehreren dicken Wolldecken und Wärmflaschen eindecken, die wir auch jede Nacht dankbar einsetzen werden.

Nachdem wir alles ausgepackt und abgegeben haben gibt es Abendessen, dass wir insbesondere dazu nutzen die letzte Stunde mit soviel quatschen zu füllen wie es nur geht. Wie aufgeschreckte Hühner lernen wir uns in kürzester Zeit einigermaßen kennen und versuchen uns gegenseitig irgendwie Mut zu zusprechen. Es hilft schon ein wenig bei allen die gleichen Ängste zu sehen. Geteiltes Leid ist schließlich halbes Leid.

Um 19Uhr geht es dann aber los. Mit unseren Namenskärtchen ausgestattet gehen wir schweigsam zur Meditationshalle, ziehen unsere Schuhe aus, nehmen eine Wolldecke vom Stapel und suchen uns unseren Platz, wo wir die nächsten 10 Tage die meiste Zeit des Tages und der Nacht verbringen werden. 12 Stunden am Tag auf unserem Arsch auf einem Kissen im Schneidersitz sitzen und meditieren. Was immer das auch heißen mag. 10Tage in die noble Silence tauchen, keinen Kontakt jeglicher Art, sei es verbal, mit Augen oder Haenden. Nein, man ist ganz fuer sich allein. Mit sich, seinen Probleme, Gedanken und Aengsten. Alle in einem Boot. Ich habe die Hosen voll, sag ich Euch!

Von 19-21Uhr findet also unsere erste Sitzung statt. Einfach nur die Augen schließen und sich auf unseren Atem konzentrieren. "Einfach"! Ein und aus, ein und aus und so weiter und so fort. Es ist nicht das Ziel von Vipassana oder besser gesagt Anappana den Atem in irgendeiner Art zu kontrollieren sondern man soll seinen natürlichen Atem beobachten. Wenn er tief ist, dann ist er tief, wenn er flach ist, dann ist er flach, wenn er durchs rechte Nasenloch geht, dann geht er durchs rechte Nasenloch. Einfach nur beobachten. Und wenn man feststellt, dass die Gedanken abwandern, das regt man sich nicht auf, sondern ist sich dessen bewusst und kommt dann zur Atmung zurück. Einfacher gesagt als getan. Es ist "einfach" nur grauenvoll. Wer schon mal meditiert hat, weiß, dass man noch nicht mal 10 Sekunden ohne Gedanke auskommt. 10 Sekunden! Kein Witz. Was sind schon 10 Sekunden. Ganz schön lange sag ich Euch. 10 Sekunden keinen Gedanken im Kopf zu haben, nicht von einem Thema zum nächsten zu springen wie ein Affe auf Drogen, was gäb ich dafür. Die naechsten 2 Stunden kämpfe ich mit mir selbst. Atmung, "Hey lass mal ueberlegen was ich in NZ so alles machen will", Atmung, "Wie soll es mit Andre weitergehn", Atmung... Und so weiter und sofort. Ich denke ihr kennt das. Nach zwei Stunden ist dann dieser Tag auch schon vorbei und wir fallen alle ins Bett. Bevor ich noch groß über Morgen nachdenken kann, schlafe ich auch schon. Zum Glück, die Kraft kann ich gut gebrauchen.

Bevor ich jetzt aber weiter von "meinen" Vipassana-Erfahrungen weitererzähle hier erstmal, für die die es interessiert ein wenig weiterführende Info (Quelle: Vipassana Homepage Germany):

Was ist Vipassana?
Vipassana ist eine der ältesten Meditationstechniken Indiens und bedeutet soviel wie "die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind". Vipassana wurde in Indien vor über 2500 Jahren von Gotama, dem Buddha, wiederentdeckt und von ihm als ein universelles Heilmittel gegen universelle Krankheiten, als eine Kunst zu leben gelehrt. Diese jedem frei zugängliche Technik, die nichts mit Religion oder Weltanschauung zu tun hat, strebt die vollständige Beseitigung geistiger Unreinheiten und letztendlich vollkommene Befreiung an. Heilung, jedoch nicht nur Heilung von Krankheiten, sondern das umfassende Geheiltwerden von menschlichem Leiden ist ihr Ziel.

Vipassana ist ein Weg der Selbstveränderung durch Selbstbeobachtung. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der engen Wechselbeziehung zwischen Körper und Geist, die durch trainierte, auf die körperlichen Empfindungen gerichtete Achtsamkeit auf direktem Wege erfahren werden kann. Diese Empfindungen bestimmen das Leben des Körpers, beeinflussen einander im ständigen Wechselspiel und konditionieren den Geist. Die auf eigene Beobachtung gründende, selbsterforschende Reise zu dem gemeinsamen Ursprung von Geist und Körper löst die geistigen Unreinheiten auf und führt zu einem ausgeglichenen Geist voller Liebe und Mitgefühl. Die Naturgesetze, die unser Denken, unsere Gefühle, unsere Urteile und Empfindungen steuern, werden klar. Durch direkte Erfahrung versteht man, wie man Fortschritte macht und wann man wieder zurückfällt, wie man Leiden schafft oder sich davon befreit. Das eigene Leben wird bestimmt durch gesteigerte Achtsamkeit, das Durchschauen von Illusion und Täuschung, größere Selbstkontrolle und inneren Frieden.

Die Tradition
Seit der Zeit Buddhas wurde Vipassana bis zum heutigen Tage durch eine ununterbrochene Kette von Lehrern weitervermittelt. Herr S.N. Goenka ist gegenwärtiger Lehrer in dieser Kette. Er ist indischer Herkunft und wurde in Burma (Myanmar) geboren und aufgewachsen. Während seiner Zeit in Burma hatte er das Glück, von seinem Lehrer Sayagyi U Ba Khin, der damals ein hoher Regierungsbeamter war, in Vipassana unterrichtet zu werden. Nach vierzehnjähriger Meditationspraxis und Ausbildung unter seinem Lehrer siedelte S.N.Goenka 1969 nach Indien über und begann dort, Kurse in Vipassana abzuhalten. Seitdem hat er Zehntausende von Menschen unterschiedlichster Herkunft und aller Religionen, aus West und Ost in dieser Technik unterrichtet. Seit 1982 ernannte er in zunehmendem Maße Assistenzlehrer/innen, um der weltweit wachsenden Nachfrage nach Vipassana-Kursen gerecht zu werden.


Die Kurse

Die Technik wird in 10-tägigen Kursen gelehrt, wobei die Teilnehmer den festen Entschluss fassen, während der gesamten Zeit das Kursgelände nicht zu verlassen und den in den Teilnahmebedingungen beschriebenen Regeln zu folgen. So können sie die Technik in ihren Grundzügen erlernen und ausreichend praktizieren, um deren positive Auswirkungen zu erfahren. Der Kurs erfordert hartes, ernsthaftes Arbeiten. Das Training setzt sich dabei aus drei Abschnitten zusammen: Die erste Stufe besteht darin, sich für die Zeitdauer des Kurses ehrlich zu bemühen, nicht zu töten, nicht zu stehlen, sich jeglicher sexueller Aktivitäten, sowie unlauterer Rede zu enthalten und auf die Einnahme von Drogen oder Alkohol zu verzichten. Das Einhalten dieser ethisch-moralischen Grundlage hilft, den Geist zu beruhigen, eine notwendige Voraussetzung für die Arbeit der Selbstbeobachtung. Der nächste Schritt besteht darin, bis zu einem gewissen Grad Herrschaft über den eigenen Geist zu entwickeln. Dabei lernt man, seine Achtsamkeit kontinuierlich auf das Hereinströmen und Herausfließen des Atems am Eingang der Nasenlöcher zu richten und sich so der natürlichen Realität des sich fortwährend verändernden Atemflusses bewusst zu werden. Mit dem Erreichen des vierten Tages ist der Geist ruhiger, konzentrierter geworden und ist nun in der Lage, mit der eigentlichen Praxis von Vipassana zu beginnen: der Beobachtung aller Empfindungen innerhalb des ganzen Körpers, dem Verstehen ihrer wahren Natur und der Entwicklung von Gleichmut, indem man lernt, nicht auf sie zu reagieren. Zum Abschluss des Kurses schließlich lernen die Teilnehmer/innen die Meditation der liebevollen Güte, des Wohlwollens gegenüber allen Wesen. Hierbei teilen sie die Reinheit, die sie sich während dieses Kurses erarbeitet haben, mit allen Wesen. Die gesamte Praxis von Vipassana ist in Wirklichkeit ein geistiges Training. So wie wir uns, um unsere physische Gesundheit zu verbessern, körperlichen Übungen unterziehen, dient Vipassana auf der geistigen Ebene der Entwicklung eines gesunden Geistes.

Weil es sich als sehr hilfreich erwiesen hat, wird großer Wert darauf gelegt, die Technik in ihrer ursprünglichen, authentischen Form zu bewahren. Vipassana wird nicht kommerziell gelehrt, sondern allen ernsthaft Interessierten frei angeboten. Keine Person, die mit der Vermittlung der Technik zu tun hat, erhält irgendeine Form von materieller Vergütung. Für die Kurse werden keinerlei Gebühren erhoben, auch nicht für Unterkunft und Verpflegung. Alle entstehenden Kosten werden durch Spenden von Teilnehmer/innen früherer Kurse beglichen, die selbst nach dem Besuch eines 10-Tage-Kurses die positiven Wirkungen von Vipassana erfahren haben und nun mit ihrer Spende anderen ebenfalls diese Erfahrung ermöglichen wollen. Natürlich kommen die Ergebnisse erst nach und nach durch regelmäßige Praxis. Es wäre unrealistisch, zu erwarten, dass sich bereits nach zehn Tagen alle Probleme lösen ließen. Man kann innerhalb dieser Zeitspanne jedoch die wesentlichen Grundlagen von Vipassana erlernen und ist so in der Lage, diese Technik auch im Alltag anzuwenden. Je mehr man sie praktiziert, umso größer wird die Freiheit vom Leiden und umso näher rückt man dem letztendlichen Ziel der vollkommenen Befreiung. Schon 10 Tage können lebhafte Ergebnisse zeitigen, die offensichtlich und erkennbar wertvoll, ein großer Gewinn für das tägliche Leben.

Eine Hass-Liebe: der berühmt berüchtigte Gong

Eine Hass-Liebe: der berühmt berüchtigte Gong

Tag 1 Donnerstag, 11.06 Blackheath

Am naechsten Morgen, beim 4Uhr Gong, denke ich mir "Bist du eigentlich bekloppt? Wer hatte diese verreuckte Idee? Ich willlllllllllllllllll schlafen!" Ich war eigentlich davon ausgegangen, dass ich mit dem fruehen aufstehen keine Probleme habe, da ich mich in den letzten 2 Jahren zum Fruehaufsteher entwickelt hab und eh immer frueh wach bin, aber 4Uhr geht dann sogar ueber meine Vorstellungen hinaus. Hundemuede und frierend schaele ich mich also aus meinem Bett, springe in meine Klamotten und trotte zum Meditation Cave, wo wir die naechsten 2 Stunden meditieren. Oder es versuchen.

Unser Tagsablauf sieht folgendermassen aus:

4Uhr aufstehen
4:30-6:30 Meditieren
6:30-8Uhr Fruehstueck
8-9Uhr Gruppenmeditation (man muss da sein)
9-11Uhr Meditation
11-13Uhr Lunch und moegliche Interviews mit dem Lehrer
13-14:30 Meditation
14:30-15:30 Gruppenmeditation (man muss da sein)
15:30-17Uhr Meditation
17-18Uhr Tea Break
18-19Uhr Gruppenmeditation (man muss da sein)
19-20:15Uhr Lehrgang
20:15-21Uhr Gruppenmeditation (man muss da sein)
21-21:30 Moeglichkeit fragen zu stellen
21:30 schlafen!!!

Der Unterschied zwischen Meditation und Gruppenmeditation ist, dass man die Meditation in seinem eigenen Raum oder in dem Meditationsraum machen kann, bei der Gruppenmeditation muss man im Gruppenraum anwesend sein und darf diesen auch nicht verlassen. Ach bevor ich's vergesse mit "verlassen".

An diesem ersten Tag ist es unsere "einzige" Aufgabe uns die ganze Zeit auf unsere Nasenatmung zu konzentrieren. Atmung rein, Atmung raus. Klingt nicht schwer ist es aber. Und wird auch nicht langweilig wie mich manche gefragt haben. Wird das nicht irgendwann langweilillllllllllllll? Nein man, du bist so damit beschaeftigt fuer so lange wie moeglich nicht zu denken und sich wirklich NUR auf die Atmung zu konzentrieren, das ist Challenge genug. Glaubts mir. Ich bin den ganzen Tag hundemuede, friere ueberall, sogar in der warmen Meditationshalle und nicke andauernd ein. Kopf nach vorne fallen und "huch, wachwerden Sabine. Aber ich bin nicht wie die anderen, die fuer laengere Zeit richtig schlafen und man dann das schnarchen im ganzen Raum hoert! Am Nachmittag fangen auch meine Rueckenschmerzen an. Den ganzen Tag gerade sitzen, ohne Rueckenlehne, da spuert man jeden Zentimeter. Der grosse Schock kommt dann aber um 17Uhr als wir alle hungrig zum Tea Break kommen und jeder ein leckeres Abendessen erwartet (bisher war das essen naemlich super) und was vorfindet??? Fuer jeden zwei Stueck Obst. Banane und Apfel oder Orange und Banane. oder was auch immer. Aber nicht mehr. Nicht mehr??????? Wisst ihr eigentlich was ich fuer einen Hunger habe? Getrunken werden darf soviel wie man will, aber das ist die Regel, mehr essen gibt es nicht. Und beim Abendlehrgang, wo man Hintergrundwissen zur Technik usw. vermittelt bekommt nimmt uns unser Guru dann auch sofort die Illusion, ab morgen beim Mittagessen einfach mehr zuzuschlagen. Dann ist der ganze Nachmittag dahin ,weil man mit vollem Magen nicht meditieren kann. Und jjjjjjaaaaaaaaaaaaa er hat recht. Hab das einen tag ausprobiert und das war kein erfolgreicher Tag.

Tag 2, 12.06.09
Heute konzentrieren wir uns auf die Beruehrung der Atmung mit der Haut in dem Dreieck "Nase und ober der Oberlippe". Egal, ob in der Nase oder ober der Oberlippe. Aber wirklich nur in diesem Dreieck. Ja und das machen wir wieder fuer den ganzen Tag, 12 Stunden um genau zu sein. Ich friere weiterhin und werde mit jedem tag mueder. Morgens aus dem Bett zu kommen ist bereits haerter als gestern. Und die Rueckenschmerzen sag ich euch. Aber Mittags sehe ich, dass andere Maedels sich Rueckenlehnen bringen lassen und nachdem ich mir noch weitere zwei Stunden einrede, dass ich ohne auskomme, gebe ich danach auf und frage auch nach einer. Das ist eine sehr grosse Erleichterung sag ich Euch und der einzige Luxus den ich mir in den 10 Tagen goennen werde.

Tag 3, 13.06.09
Unsere heutige Aufgabe ist es sich auf die Empfindungen in diesem Dreieck Nase/Oberlippe zu konzentrieren und ich kann euch sagen, ich fuehle nix. Rein gar nix. Kein kribbeln, kein jucken, keinen Schmerz. Bis auf den Atem den ich jedes Mal ueber meine Haus streichen fuehle ist da rein gar nix. Aber unser Teacher sagt, dass dies fuer den Anfang auch ausreicht. Der Rest kommt spaeter. Allerdings habe ich eine andere Veraenderung wahrgenommen. Ich friere zwar nach wie vor wenn ich mich ausserhalb des Meditationsraumes befinde, vor allem in unserem Zimmer ist es weiterhin kalt, aber sobald ich mit der Meditation anfange waerme ich auf. Desto laenger ich also meditiere und desto spaeter der Tag, desto
mehr entschaele ich mich.

Ich bin ziemlich nervoes, neugierig und skeptisch was morgen, am beruehmten sog. Vipassana Tag passieren wird. Die ganze Zeit wird davon gesprochen das eine tiefgehende Operation im Kopf/Gedaechtnis oder was auch immer vorgenommen wird und das alles sehr intensiv sein wird. Lebensveraendernd. Mein Gott, denke ich mir, was koennt ihr hier schon gross ausrichten. Was kann so gross sein, dass es mein Leben veraendern sollte? Ich halte zu diesem Zeitpunkt alles fuer mehr Wind machen als alles andere. Aber gut, ich gebe dem ganzen eine Chance und versuche so offen wie moeglich zu sein.

Tag 4, 14.06.09
Heute ist also DER grosse Tag. Am Vormittag verfolgen wir weiter den normalen Tagesablauf. Wir konzentrieren uns weiter auf die Empfindungen in dem Nasendreieck und alles laeuft so vor sich hin. Ich bin mittlerweile sogar in der Lage mich fuer ein paar Minuten nur auf meine Atmung zu konzentrieren und alle Gedanken auszublenden.

Am Nachmittag ist es dann soweit, wir erlernen die Vipassana Meditation, was bedeutet dass wir uns jetzt nicht mehr nur auf die Empfindungen in dem Nasendreieck konzentrieren, sondern von einem Part im Koerper zum naechsten wandern, immer wieder darauf konzentriert was man gerade in dem Moment dort fuehlt. Auf dem Kopf beginnend wandert man also ueber die Stirn, zu den Augen, etc, Nacken, schultern, Oberarm, Ellenbogen, Unterarm, Hand, Finger, Fingerspitzen und so weiter und so fort. Immer fuer ca. 2 Minuten und wenn man nichts fuehlt dann einfach weitergehen, akzeptieren und nicht enttaeuscht sein. Grundsaetzlich geht es in der Vipassana Meditation darum zu erkennen und zu lernen, dass alles vergeht, gutes wie schlechtes und man eine gewisse Gleichgueltigkeit erlernt. Das klingt erstmal komisch, ich hab es am besten ueber folgendes Beispiel oder Geschichte verstanden:

Es war einmal ein reicher Vater mit zwei Soehnen. Vor seinem Tod hat er beiden bereits alles vermacht und alle waren gluecklich mit dieser Entscheidung. Keinen Streit und nichts. Nach seinem Tod, Jahre spaeter finden die beiden zwei Ringe in einem Versteck, einen mit Diamanten besetzt und einen sehr schlichten und einfachen. Der Aeltere sagt, da er das Vorrecht des aelteren besitzt, moechte er den Diamantenbesetzen Ring haben. Der juengere ist gluecklich mit dieser Entscheidung und freut sich ueber den schlichten Ring. Jahre gehen ins Haus und der aeltere strebt immer nach mehr. Er nimmt Aufputschmittel, Drogen immer unzufrieden mit was er hat und auf der Suche nach mehr. Im Winter ist er depressiv, weil er den Sommer vermisst und den Sommer kann er nicht richtig geniessen, da er bereits das naechste plant und mehr moechte. Eines Tages denkt sich der Juengere "Warum hat mein Vater diesen schlichten Ring versteckt, irgendetwas besonderes muss er haben" Er schaut sich also seinen Ring von allen seiten an und entdeckt schlisslich eine Inschrift, die besagt: "Alles wird irgendwann einmal vergehen". Im Gegensatz zu seinem Bruder lebt er ein sehr erfuelltes, gleuckliches und zufriedenes Leben. Den Sommer geniesst er jede Sekundeund lebt im Moment, da er weiss der Sommer geht irgendwann vorbei. Auch

den Winter geniesst und akzeptiert er, da er ebenfalls weiss das dieser einmal vorbeigehen wird. So macht er es mit allen Dingen im Leben. Probleme akzeptiert er und die schoenen Momente geniesst er.

Meine ersten Vipassanameditation-gehversuche sind nicht ganz so erfolgreich. Ich finde es sehr schwierig mich auf die einzelnen Koerperteile zu konzentrieren und irgendetwas zu fuehlen. Wenn ich gerade bei den Armen bin, klar dann juckt mein Hintern oder ich fuehle Schmerzen im Ruecken, aber sich wirklich auf den Part zu konzentrieren wo man gerade dran ist und dann z.B. was in den Augen zu fuehlen, finde ich fast unmoeglich. Nach dem Abendlehrgang findet dann aber noch etwas anderes statt. Ich kann meine Augen nicht mehr geradeaus, in der Mitte zentriert halten. Sie rollen die ganze Zeit nach oben. Ich denke mir aber nichts dabei, sage mir, du bist einfach nur muede und musst ins Bett und freue mich auf das Ende des Tages und eine erholsame Nacht.

Von erholsamer Nacht bin ich allerdings weit entfernt als ich kurze Zeit spaeter im Bett liege. Mit nach oben rollenden Augen kann man naemlich leider nicht schlafen. Ich drehe fast durch. Egal was ich mache, wie ich liege, was ich mir selbst auch gut zurede, meine Augen scheinen ihre natuerliche Balance verloren zu haben. Ich weiss nicht ob er das je hattet, fuer mich war es das erste mal und je laenger es andauert umso groesser werden meine Sorgen. Nach 2 Stunden bin ich kurz davor die female Managerin zu sehen und sie zu fragen ob sie mich ins Krankenhaus fahren kann. Ich mach mir mittlerweile echt Sorgen, dass irgendwas mit meinen Augen nicht stimmt und bin in einem ziemlich verzweifelten und vor allem mueden Zustand. An diesem Punkt fange ich an zu beten und sage zu Gott:" Ok, du hast genau zwei Moeglichkeit. Entweder du stoppst das in den naechsten 10Minuten und gibst mir die Moeglichkeit endlich zur Ruhe zu kommen. Oder, wenn wirklich etwas mit meinen Augen nicht stimmt, dann lass es und ich gehe in 10Minuten und suche nach Hilfe!" Tja was glaubt ihr? Ca. 3 Minuten spaeter schlafe ich. Nach zwei Stunden verzweifelten versuchen!

Diese Nacht und dieses Erlebnis veraendert alles. Ich habe die ganze Zeit immer gedacht, dass ich einen beweis brauche, dass er da ist. Ich wollte immer an ihn glauben, aber nach wie vor war dieser Zweifel da und ich wollte etwas grosses. Oeffne den Himmel und zeig mir das grosse Licht, oder was auch immer. Mein grosses Licht habe ich in dieser Nacht bekommen und von diesem Tag an habe ich nie wieder mit meiner Meditation angefangen ohne ihn vorher um Hilfe und Unterstuetzung zu bitten.

Tag 5, 15.06.09
So kommt es dann an meinem fuenften Tag in noble Silence, dass ich zum ersten mal in meinem leben wirklich meditiere und diesen Flow durch meinen gesamten Koerper fuehle. Das Pochen ist teilweise so stark und neu, dass ich mir unsicher bin ob ich damit umgehen kann und manchmal sogar aufhoere zu meditieren, da die Gefuehle einfach zu intensiv sind. Es fuehlt sich an, als koennte man meinen Herzschlag von aussen durch das pochen meiner Haut am gesamten Koerper sehen. Mein fuenfter tag ist der absolute Wahnsinn und mittlerweile ist mir so warm, dass ich sobald ich die Meditationshalle betrete, alles ablege und nur noch im T-Shirt meditiere. Es sei hier angemerkt, dass sich die Aussentemperaturen in keinster weise veranedert haben. Es ist nach wie vor mit um die Nullgrade saumaessig kalt. Aber beim meditieren scheint die ganze Hitze aus meinem Koerper zu strahlen.
Da es aber nach wie vor teilweise sehr anstrengend mit meinen Augen ist und ich sie manchmal regelrecht stabil halten muss, gehe ich am Vormittag zur Female Managerin und erzähle ihr von meinen Erlebnissen. Sie erklärt mir darauf hin, dass solche Reaktionen normal sind, jeder andere Erfahrungen macht und man da durch muss. Trotzdem solle ich aber noch mal mit der Meditationslehrerin sprechen, wo ich dann auch in der Mittagspause sitze. Auch sie beruhigt mich, sagt dass intensive körperliche Erfahrungen ganz normal seien und ich mir keine Sorgen machen brauche. Also konzentriere ich mich an diesem Tag mehr auf meine ersten Flows und versuche mein Augenproblem hinzunehmen und zu ignorieren.

Tag 6, 16.06.09
Mein sechster Tag ist sogar noch besser als Tag 5. Ich mache weiter Fortschritte, meinen Augen geht es wieder gut, ich habe mich an die intensiven Gefühle während des Meditierens gewöhnt und ich geniesse die angenehme Wärme in der Meditationshalle. (wenn es auch so scheint, dass ich es nur als warm empfinde) Ich schlafe wieder gut, zelebriere noch mehr mein Abendessen mit den zwei Obststücken und werde mir immer mehr der schönen Lage dieses Ortes bewusst. Sozusagen ein rundum perfekter Tag.

Tag 7, 17.06.09
So gut wie mein sechster Tag, so unglaublich katastrophal ist mein heutiger Tag. Wie die Krebse halt sind. Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Und das alles nur aus einem Grund: Der Flow ist weg. Sobald ich mich in den letzten beiden Tagen hingesetzt habe, ich konnte das pochen bereits vor der Meditation fühlen. Jetzt ist alles weg, Mein Körper ist leer. Wie Tod. Und desto stärker ist versuche das Gefühl zurück zu bekommen, umso mehr verkrampfe ich und umso weniger fühle ich. Ich bin total deprimiert und frage mich was ich denn auf einmal falsch mache. Da ich mich beim letzten mal so gut mit der Meditationslehrerin verstanden habe und sie mich beruhigen konnte renne ich also um 12Uhr zu ihr hin, erzähle ihr alles und erhoffe mir Hilfe. Die bekomme ich dann auch, allerdings in für mich unerwarteter Form. Sie lacht mich ein wenig aus und sagt mir, dass ja genau das der Sinn und Zweck von Vipassana ist. Gleichgültigkeit lernen und nicht sofort anfangen zu knatschen, wenn etwas mal nicht so läuft wie wir es wollen. Tja und genau diesen Fehler habe ich gemacht. Den Flow ganz toll gefunden und jetzt wo er weg ist rumheulen. Den Rest des Tages versuche ich also gleichgültig zu sein, die Gefühle während der Meditation so hinzunehmen wie sie sind und nicht nach dem Flow zu schreien.

Tag 8, 18.06.09
Tag 8 ist wieder ein kleiner Meilenstein sowohl im Rahmen des gesamten Vipassanakurses als auch für mich. Unsere Aufgabe ist es in den letzten beiden Tagen sozusagen "24 Stunden" zu meditieren. Als ich das gestern Abend erfahre ist mein erster Gedanke Die sind doch wohl bekloppt." Ich bin ja jetzt schon müde, soll ich jetzt gar nicht mehr schlafen, oder was? Nein so ist es nicht direkt gemeint. Aber wir sollen uns in der gesamten Zeit wo wir wach sind, immer dessen bewusst sein, was wir machen und uns z.B. beim laufen aufs laufen und bim essen aufs essen konzentrieren. Darüber hinaus sollen wir die Empfindungen die wir hierbei spüren beobachten und uns dieser bewusst sei. Für mich hat das zur Folge, dass ich an diesem Tag endlich entscheide das ganze planen sein zu lassen. Besonders in meiner Mittagspause und bei meinen Spaziergängen bin ich immer wieder aus der Meditationswelt geflohen und habe mir über die Zukunft Gedanken gemacht. Wie wir NZ, was willst du alles machen, wie soll die Wohnung mal aussehen, welche Farben nehmen ich etc...Ist ja auch einfacher als sich mit dem hier und jetzt auseinander zu setzen. Von heute an ist damit aber Schluss. Wenigstens für die nächsten 48 Std. Und so kommt es, dass ich zum ersten mal wirklich IN Blackheath bin, bei meinen Spaziergängen wirklich AUF dem Waldweg bin, die Bäume und die Aussicht geniesse, dem Vogelzwitschern lausche und mich nicht die ganze Zeit in fiktive zukünftige Welten stehle. Und ich geniesse es. Wirklich bei allen (oder fast) allen Aktivitäten mit seinen Gedanken dabei zu sein. Ein besonderes Erlebnis findet dann noch am Ende der Mittagspause statt. Als ich langsam zur Meditationshalle gehe sitzt eines der Mädels an einem Blumenbeet und legt mit kleinen Steinen in ihrer Sprache "Danke". Eine andere hatte anscheinend vorher bereits "Grazie Dhamma" geschrieben, so dass nun bereits Thank you gefolgt ist und eine weitere Sprache gerade gelegt wird. Da ich noch etwas Zeit habe entschliesse ich mich "Danke" zu legen.

Tag 9, 19.06.09
An meinem neunten und damit letzten Tag in Stille tauche ich immer tiefer in meine eigene Welt. Versuche mich noch mehr aufs essen zu konzentrieren, wie fühlt es sich wirklich an, was esse ich da eigentlich, was passiert in meinem Körper wenn ich schlucke, trinke, laufe, Treppen steige oder was auch immer mache. Gleichzeitig wird mir bewusst, dass ab morgen froh die noble silence endet. Wir bleiben zwar alle noch den ganzen Tag und auch die Nacht im Center, aber dieser Tag ist als Austausch- und Puffertag gedacht. So hat man die Möglichkeit seine Erfahrungen mit den anderen Teilnehmern zu teilen und sich langsam wieder an die normale Welt vorzubereiten, die ab Sonntag auf uns alle wartet. Ich habe ein wenig Angst davor in diese laute Welt zurückzukehren, da ich jede Sekunde dieser Stille und Zurückgenommenheit geliebt habe. Wenn es nach mir ginge könnte das ganze noch ein paar Tage weitergehen, wenn es auch sehr anstrengend und kräftezehrend ist.

Tag 10, 20.06.09
Nach dem Frühstück meditieren wir ein letztes in noble silence, werden mit den heutigen Spielregeln ausgestattet und dürfen dann um kurz nach neun zurück in die schnatternde Welt. Und so kommt sie mir wirklich vor. Zunächst gehe ich überhaupt sehr langsam zu den Gemeinschaftsräumen zurück, so dass, als ich dort ankomme schon heitere Cocktailpartystimmung herrscht. Eine Gruppe von ca. sechs Mädels schnattert freudig erregt vor sich hin und ich denke nur "WEG hier"!!! Ich kann damit überhaupt gar nicht umgehen und flüchte mich in unseren Essensraum, wo ich mir erstmal einen Tee nehme und aufs Tal blicke. Kurze Zeit später kommt meine "Meditationsnachbarin", nimmt sich auch einen Tee und setzt sich schweigend neben mich. Kurz darauf fragt sie "Bist du bereit zum reden", wir grinsen uns an und sagen beide "Komisch, ich glaub nicht, aber wir können ja mal langsam starten". Über diesen langsamen Einstieg bin ich sehr dankbar und je länger wir quatschen umso besser klappt es dann auch und umso wohler fühle ich mich. Im Laufe des Tages quatsche ich mich also mit allen möglichen Leuten durch die Erfahrungen der letzten neun Tage und es ist sehr interessant zu hören wie ihre Erfahrungen waren und wie sie einen wahrgenommen haben. So höre ich zum Beispiel von meiner linken Nachbarin, dass sie sich immer gedacht hat "Wahnsinn, wie diszipliniert die immer hier sitzt, mit geradem Rücken und ohne bewegen". Meine eigene Einschätzung wäre da etwas anders gewesen aber so sieht man mal wie man auf andere wirkt. Auch ist es lustig was sich andere für Geschichten in dieser Zeit zusammenreimen. So hat eine anstatt "Grazie Dhamma" "Crazy Donkey" (was soviel wie verrückter Esel heisst) gelesen und da ich diejenige war, die sie Steine hat legen sehen war sie davon ausgegangen, dass ich das gelegt habe. Seit dieser Aktion ist also, jedes Mal als sie mich gesehen hat, in ihrem Kopf rumgerauscht "Warum schreibt meine Zimmermitbewohnerin "Crazy Donkey" vor die Meditationshalle. Und da man die ganze Zeit nicht miteinander reden konnte, hat es etwas gedauert bis sie heute endlich auf mich losgestürmt ist und gefragt hat "Warum schreibst du so was???" Wir verbringen also einen etwas abgedrehten Tag miteinander, mit viel Lachen und am Ende auch erleichtert sein.

Meine wichtigsten Vipassana Schwestern (ein kunterbunter Mix aus Tschechien, Australien-Indien, Kanada und Kölle)

Meine wichtigsten Vipassana Schwestern (ein kunterbunter Mix aus Tschechien, Australien-Indien, Kanada und Kölle)

Tag 11, 21.06.09

Ein letztes mal um 4Uhr aufstehen. Heute geht es so leicht wie nie aus den Federn und ich bin schon fast ein wenig traurig ab morgen wieder länger schlafen zu können. Nach unserer letzten zweistündigen Meditation und unserem Frühstück geht es dann so langsam ans packen und aufräumen. Gemeinsam putzen wir noch das Center, schauen uns einen Film über Vipassana in Gefängnissen an, tauschen email-adressen aus und dann werde ich von einer Dhamma-Schwester zum Bahnhof gefahren. Zurück im wahren Leben kann ich nur sagen. Ich komme darauf gar nicht klar. Zu viele laute, chaotische und unhöfliche Menschen um mich rum. Die Situation, wo ich dann wirklich am liebsten schreiend weglaufen möchte, passiert kurz vor Sydney. Unsere Bahn hält plötzlich und nach kurzem warten kommt die Durchsage, dass sich jemand das Leben genommen hat und ein Stück weiter vor eine andere Bahn geworfen hat. Eine australische Familie neben mir hat nichts besseres zu tun als sich darüber lustig zu machen und Witze zu reissen. In was für einer Welt leben wir?

Den restlichen Tag verbringe ich damit wieder mit der normalen Welt klar zu kommen, was nach diesem Ortswechsel von einem Meditationscentrum in den Bergen nach Sydney nicht gerade leicht fällt. So kommt es dann auch dass ich nur noch das Notwendige erledige, worunter Einkaufen, Flüge buchen, Wäsche waschen, Emails schreiben und mit Andre telefonieren fällt. Meine letzten 12 Stunden in Australien laufen. Ich komme zwar in ein paar Wochen noch mal hierhin zurück aber so langsam schließt sich dieses Kapitel und wie ihr hier unten lest öffnet sich ein neues:

An alle die auf mich warten,

und sich schon seit Monaten wundern ob ich wohl jemals zurueck nach Hause kommen werde. Es ist zwar noch nicht ganz so weit, aber ich bin schon einen grossen Schritt weiter. Ich habe gerade meinen Flug von Kuala Lumpur nach London gebucht, mein Flug London - Koeln folgt gleich (aber notfalls schnappt ihr mich halt dort Binchen comes back home wird der 26. September 2009 sein. Kein verschieben mehr, kein herumdruecken, kein davonlaufen. In den letzten Wochen bin ich an den Punkt gekommen, wovon ich schon aengstlich gedacht habe er kommt nicht mehr, dass ich WIRKLICH nach Hause moechte. Nicht nach Hause kommen weil das erwartet wird, weil man irgendwann muss, sondern weil man will. Von ganzen Herzen und mit jeder Faser. Alle Backpacker die ich auf meinem Weg getroffen habe und die am Ende ihrer Reise waren sagten "Ja ich bin soweit" und ich dacht immer "ich bin noch lange nicht soweit" Hilfe, werde ich jemals soweit sein? Und was wenn nicht? Nach Hause kommen war ein grosses boeses schreiendes Monster "Das schoene Leben ist vorbei, jetzt geht es zurueck in die Fesseln" Ich weiss nicht ob ihr das verstehen koennt und ich hoffe ihr seit mir nicht boese. Wie ich gerade meinen Eltern geschrieben habe "Es ist nicht so, dass ich Euch nicht alle vermisse, aber die Sehnsucht zu travelln war immer groesser als der Antrieb nach Hause kommen zu wollen."

Ich kann gar nicht in Worte fassen wie sehr ich mich freue und manchmal wuenschte ich es waere schon morgen. Der Moment wenn ich Euch alle wieder sehe schwebt jeden Tag in meinen Gedanken. Aber ich habe noch ein Stueck zu gehen. Noch ein Stueck verrueckt sein, noch ein Stueck die Welt in mich aufsaugen und noch ein Stueck erwachsen werden.

Zum Schluss noch ein kleiner Rueckblick und ein kurzer Ausblick. Am 8.6 habe ich schweren Herzens Condobolin verlassen. Mit Andre, allerdings nur fuer zwei Tage. Wir haben uns Mitte Mai getrennt, da wir festgestellt habe, das wir uns zwar lieben, aber nur als Freunde. Ichhabe noch nie eine so liebevolle, ruecksichtsvolle und erwachsene Trennung erlebt und wir haben es geschafft Freunde zu sein. Vom 10.6 bis heute, dem 21.6 habe ich in einem Vipassana Meditationcentrum gelebt. 10 Tage in "Noble silence" Was das genau bedeutet werdet ihr in den naechsten Tagen sehen. Ich plane meinen letzten 2 Monate in Condo und meine Zeit in Blackheath in der naechsten Woche zu schreiben.

Heute Mittag bin ich in Sydney angekommen, versuche wieder zurueck in die normale Welt zu finden und gehe gerade im Chaos unter. Fluege buchen, organisieren, waschen und Abschied nehmen. Abschied von meinem geliebten Ozzy. Morgen frueh fliege ich nach NZ (Ja, doch noch), dick eingepackt, die Faeustlinge sind schon gekauft. Ready for travelling. Die Abenteuerlust ist wieder da. Ab in den tiefen Winter. Eine Woche werde ich mich alleine mit einem kleinen Auto durch die Gegen treiben, bis Andre naechsten Sonntag in Queenstown einfliegen wird. Ja! Ihr lest richtig. Wir machen drei Wochen zusammen Urlaub. Geburtstag also in NZ

Am 30 Juli geht es dann zurueck nach OZ, mein Leben hier abschliessen und dann zurueck nach Asien. Der hundertprozentige Ablauf da steht noch nicht fest, ich habe mich allerdings gerade fuer ein weiteres 10-taegiges Vipassana Seminar in Malaysia beworben und die Gili Islands in Indonesien rufen bereits seit fast einem Jahr nach mir.

Und dann werden die Stunden gezaehlt, die letzten Sonnenstrahlen eingefangen und die letzten Hardcore Shoppings durchgefuehrt, ein 13 Stunden Flug nach London hinter mich gebracht und weitere qualvolle 9 Stunden am Flughafen in Stansted. Tja und dann ist es soweit, 10:25Uhr, 26 September Cologne Bonn, 517 Tage spaeter und doch nur wie ein Augenaufschlag.

Ich freu mich auf Euch

Eure Sabine

© Sabine Salcher, 2008
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Wieviele Chancen braucht der Mensch um sich seinen Traum zu erfüllen? Bei mir sind aller guten Dinge drei. Ende April geht es los. In 9 Monaten allein um die Welt. Im Gepäck die eigene Courage und die ungestillte Lust mittendrin statt nur dabei zu sein
Details:
Aufbruch: 28.04.2008
Dauer: 17 Monate
Heimkehr: 18.09.2009
Reiseziele: Vietnam
Thailand
Laos
Kambodscha
Malaysia
Indonesien
Australien
Der Autor
 
Sabine Salcher berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.