Reise durch Indien

Reisezeit: Juni 2022 - Januar 2023  |  von Beatrice Feldbauer

Lichterfest

Das Frühstück in meinem Hotel ist nicht umwerfend. Ein warmes Vegi-Toastsandwich mit einem süssen Chai.

Das Frühstück in meinem Hotel ist nicht umwerfend. Ein warmes Vegi-Toastsandwich mit einem süssen Chai.

Ich habe mir einen neuen Schreibplatz eingerichtet. Auf der Terrasse des Hotels, wenige Schritte vom Ganges entfernt sitze ich im Schatten und versuche, die letzten Tage von Chandigarh einzufangen. Es wird immer schwieriger, die intensiven aktuellen Erlebnisse mit den vergangenen Tagen auseinanderzuhalten. Darum mache ich wieder einen Tag Pause und bleibe im Hotel. Vor mir auf dem Spazierweg flanieren Menschen, sitzen auf der Bank zum plaudern, gehen weiter. Alles ganz normal.

Ungewöhnlicher sind andere Spaziergänger. Vor allem das Rind, das ebenfalls am Ufer entlang flaniert, irritiert mich jedesmal. Manchmal wir es von einem schwarzen Stier begleitet. Auch ein paar Affen, die in der Nähe in den Bäumen leben, kommen vorbei, ein paar Hunde und die beiden Streifenhörnchen, die wohl hier beim Hotel leben, lenken mich manchmal ab wenn sie hintereinander über die Terrasse oder auf den Baumstamm hinauf jagen. Ansonsten bin ich ungestört.

Als ich am nächsten Morgen einen Blick auf den Fluss werfe, haut es mich fast um. Wo ist nur das Wasser geblieben? Eine trockene Landschaft, Sandbänke, Steine, man muss ziemlich weit laufen, bis man zum Wasser kommt. Ich kann mir überhaupt nicht erklären, was mit dem Fluss passiert ist. Gestern war er doch noch da. Oder doch nicht? War ich überhaupt am Ufer, oder habe ich nur geschrieben? Wann ist der Wasserspiegel so stark gesungen? und vor allem warum.

Ich frage den jungen Mann an der Rezeption, doch der versteht überhaupt nicht, was ich meine. Normal, meint er, Normal.

Ich goggle nach Wasserstand des Ganges, finde Meldungen über Überschwemmungen von 2016 und üble Diagnosen vom sterbenden Fluss wegen des Klimawandels aus dem Jahr 2017, kann aber keine Erklärung für das aktuelle Phänomen finden. Das Wasser kommt hier in Rhishikesh ziemlich direkt aus dem Himalaya. Gab es in den letzten Tagen keine Niederschläge mehr in den Bergen? Wurde es schlagartig kalt, so dass die Gletscher kein Wasser mehr liefern? Meine Fantasie kann sich kein entsprechendes Szenario ausdenken, Google hat keine Erklärung.

Also höre ich auf mit Erklärungsversuchen, das Rätsel ist im Moment nicht zu lösen.

Bei diesen Stelzen hat an meinem ersten Morgen eine Frau ihr Bad genommen. Jetzt ist das Wasser mehrere Meter tiefer. Ich kann es kaum fassen.

Bei diesen Stelzen hat an meinem ersten Morgen eine Frau ihr Bad genommen. Jetzt ist das Wasser mehrere Meter tiefer. Ich kann es kaum fassen.

Ich spaziere der Flusslandschaft entlang Richtung Stadt. Ich will zum Triveni Ghat. Den Ort, den ich mir Vorgestern aufgespart hatte, weil ich dachte, dass ich hier mehr Zeit brauche und ich eigentlich auf der Suche nach einem Cappuccino war.

Ich komme zu einem kleinen Tempel, wo immer wieder Menschen herkommen, um ihre rituellen Handlungen vorzunehmen. Ich setze mich auf eine Bank, sehe eine Weile zu.

Es sind ganz verschiedene Menschen die hierher kommen. Frauen in bunten Saris, alte Menschen, junge Menschen, Männer in traditionellen Kleidern und solche im eleganten Anzug. Sie schlüpfen aus den Schuhen, gehen hinunter ans Wasser, ins Wasser, waschen die Hände, benetzen Stirn und Gesicht. Manche haben einen Becher dabei, den sie zuerst sorgfältig waschen. Dann schöpfen sie Wasser aus dem Fluss, lassen es in einem langsamen Strahl zurück fliessen. Vielleicht haben sie ein paar Blüten dabei, die sie ins Wasser legen.

Dann gehen sie zurück, vielleicht noch ein kurzer Besuch im Tempel. Wenn sie heraus kommen, schlagen sie kurz die Glocke, die unter dem Tor hängt. Ein Zeichen, dass sie da waren, dann gehen sie zurück in den Alltag. Holen die Autoschlüssel aus der Tasche, steigen die Treppen hinauf und sind wieder ganz in ihrem normalen Tagesablauf. Einige Leute haben einen kleinen Kessel dabei. Damit holen sie Wasser aus dem Fluss, das sie dann mitnehmen.

Eine Gruppe Jugendlicher, ebenfalls Inder, posieren, fotografieren sich in betender Position, schöpfen Wasser, lachen, plaudern. Es ist alles ganz locker. Jeder kümmert sich um sich, keiner stört sich daran, wie andere sich an diesem Ort verhalten.

Darum fühle auch ich mich nicht fehl, mache ein paar Bilder und gehe dann ebenfalls weiter. Dem Ufer entlang.

Mein Wunsch, irgendwo ein nettes Lokal zu finden, erfüllt sich leider nicht. Das einzige Cafe, das zu einem Hotel gehört, ist geschlossen. Sonst gibt es am Fluss keine Restaurants. Eines ist weiter oben am Ufer, von der Hauptstrasse her zugänglich, aber ich kann auch dort niemanden an den Tischen sehen.

Von weitem sieht es aus wie der Strand von Rishikesh, aber beim näher kommen sehe ich, dass es eine weite Treppe ist, die hinunter zum Fluss führt. Ein grosser Platz, der voller Menschen ist. Es werden Blumengirlanden und Schalen verkauft, die mit einem kleinen Wachslicht bestückt, dem Fluss übergeben werden. Die meisten Schalen bestehen aus Blättern, dazu die Blumen und die Wachslichter. Es sollte also nicht zu viel Verschmutzung bringen, auch wenn all die verwelkten Überreste und Blüten, die zwischen den Steinen liegen, den Eindruck von verschmutztem Wasser machen. Trotzdem landen aber auch viele Plastikflaschen und -Säcke im Wasser. Doch das hält die Menschen nicht ab, sie stehen mit blossen Füssen im Wasser, andere gehen bis zu den Knien hinein. Das Wasser ist nicht tief, denn der Wasserstand ist sehr niedrig.

Auf dem Platz sitzen Männer in orangen Tüchern. Ich bin wie immer nicht sicher, ob sie Gurus sind, oder einfach Männer die sich dem einfachen Leben verschrieben haben. Betteln sie? Darf man sie fotografieren? Mit einem Lächeln, dem Zeigen der Kamera und der Frage "May I take your picture?" versuche ich die Lage zu erkunden und bekomme einige Kopfwackler. Die Leute sehen in die Kamera, ich brauche nichts dafür zu geben. Nur ein Lächeln, ein Thank you, ein Namaste. Und manchmal gebe ich dann doch ein paar Rupies und bekomme ein Lächeln zurück.

Bei den Treppenstufen hinter dem grossen Tor setze ich mich hin. So wie die drei Männer, die vor mir sitzen, oder die Frau links von mir, die immer wieder nervöse Zuckungen hat und irgendwie nicht ganz hier ist. Und trotzdem hierher gehört.

Ich sehe einfach eine Weile zu. Die drei Männer rauchen. Das Feuerzeug macht immer wieder die Runde, die Zigaretten scheinen nicht die gleichen zu sein. Wobei einer aus der Hand raucht. Die Zigarette zwischen den Fingern, setzt er seine Faust vor den Mund, nimmt einen gierigen Zug. Ich nehme an, dass die Zigarette nicht nur Tabak enthält, kann das aber infolge fehlender Erfahrungen nicht genauer definieren.

Gesprochen wird nicht viel, vielleicht sogar gar nichts. Sie sitzen nur da, beobachten oder sind ganz bei sich.

Im Gegensatz zu mir. Ich sehe die zwei Frauen, die eine dritte stützen. Sie scheint kaum gehen zu können, aber sie wird zum Fluss gebracht. Vielleicht soll er ihr Linderung bringen. Begleitet werden die drei von einer ganzen Gruppe Frauen in bunten Saris.

Ich sehe den Mann mit den Krüken und dem roten Turban, den ich eben noch unten am Fluss fotografiert hatte. Er wollte die beiden Krüken ins Bild rücken, doch ich wollte gar nicht den hilflosen armen Mann, ich wollte sein Gesicht, seinen Blick.

Beim Fotostudio sehe ich das elegant gekleidete Paar, das gleich mit dem Fotografen hinunter zum Fluss gehen wird, um sich professionelle Fotos machen zu lassen.

Und in die beiden Umkleidehallen gehen immer wieder Leute, die ihre Kleider unter dem Arm tragen. Die Männer gehen in Unterhosen, die Frauen in leichten Saris. Sie werden wohl richtig ins Wasser steigen.

Ich sehe eine Frau in einem eleganten Sari kommen. Sie trägt eine grosse Tasche mit sich. Bei den Männern vor mir bleibt sie kurz stehen. Einem überreicht sie eine Anzugsjacke, beim anderen zögert sie kurz, dann zieht sie ein grosses Frottiertuch aus ihrer Tasche, reicht es ihm, geht weiter.

Die beiden Männer haben die Sachen ohne weitere Regung entgegen genommen, legen sie neben sich, ohne sie zu beachten. Erst zehn Minuten später probiert der eine seine Jacke. Sie steht ihm, er dreht sich einmal, dann zieht er sie aus, legt sie zu den Plastiksäcken, die vor mir liegen. Anscheinend sind das seine Sachen. Er hat mehr als ich, denke ich schmunzelnd, als ich seine ganze Auslegeordnung betrachte.

Der andere nimmt sein Tuch kurz in Augenschein, legt es auf die Treppenstufe, setzt sich darauf. Auch das ist damit in seinen Besitz übergegangen.

Ob sich die Frau durch ihre Tat ein gutes Karma eingeholt hat, bevor sie der Göttin Ganges huldigte? Ich weiss es nicht, ich sehe nur zu, mache mir meine Gedanken und finds einfach spannend, zuzusehen. Auch die Kuh macht bereits die zweite Runde über den Platz und nebenan die Verkäuferin, die eben ihren Stand mit Plastikspielzeug geöffnet hatte, als ich mich hinsetzte, scheint ganz gute Geschäfte zu machen. Denn hier wie überall auf der Welt, werden Kinder gern verwöhnt.

Ein reich besticktes Hochzeitskleid

Ein reich besticktes Hochzeitskleid

Dann stehe ich auf, mache noch einmal eine kurze Runde über den Platz und gehe dann durch den Markt zurück zur Hauptstrasse. Wobei ich mich manchmal fast nicht wegreissen kann. Zu viele wunderschöne Stoffe, zu viele Saris zu viele Farben. Ich versuche, möglichst viel in meine Kamera zu packen, dort ist noch Platz vorhanden im Gegensatz zu meinem Koffer. Man möge mir also verzeihen, wenn ich hier zu viele farbige Bilder zeige. Ich habe widerstanden, kein einziges Mal bin ich schwach geworden.

Bei der Hauptstrasse halte ich ein Tuctuc an, ich will zur Hängebrücke, respektive auf die andere Seite des Flusses. Doch der Tuctucfahrer will mich nur bis zur Brücke fahren und als wir dort sind, verstehe ich auch warum. Die Brücke ist nur für Fussgänger und für Motorräder. Also bleibe ich vorerst auf dieser Seite des Flusses, es ist auch hier wieder spannend und ich habe mir vorgenommen, heute mit ganz viel Zeit zuzusehen. Zu beobachten.

Auch hier sieht der Flussabschnitt wie ein Strand aus, aber es gibt auch hier Treppenstufen, nur reichen sie nicht ganz bis zum tiefen Wasserstand. Dort steigen viele Leute ins Wasser. Vor mir ist eine ganze Gruppe Frauen in ihren schönen Saris eingetroffen. Geschickt winden sie sich aus ihren Tüchern, jedenfalls teilweise, dann gehen sie iin leichteren Tüchern ins Wasser, kommen zurück und ziehen wieder den farbigen Sari an. Es ist nichts zu sehen, was nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist.

Die nassen Tücher werden zum Trocknen auf den Steinen ausgelegt.

Die Männer haben es da viel besser. Sie gehen in Unterhosen ins Wasser, kommen heraus, trocknen sich ab, wechseln unter dem Badetuch die Hosen und bekommen von ihren Frauen oder Müttern frische sauber gebügelte Kleider. Dann gehen sie zurück ans Ufer. Stolz voraus laufend, während ihre Frauen mit der grossen Tasche folgen. Das habe ich gleich einige Male so beobachtet, wobei es eher Mütter als Ehefrauen waren.

Zu der Frauengruppe gehören auch ein paar Männer, doch die scheinen sich selbständiger zu verhalten, jedenfalls sehe ich sie alle zusammen wie sie ein paar Gruppenfotos machen, bevor sie gemeinsam weggehen.

Die junge Frau im orangen Schleider verkauft kleine Blumenschalen. Weil sie so hartnäckig ist und ein nettes Lächeln hat, lasse ich mich erweichen. Sie entzündet das kleine Lichtlein und zusammen sehen wir ihm zu, wie es auf dem Wasser schaukelt und sich langsam entfernt. Mit allen guten Wünschen. Ob das Glück bringt? Und ob ich überhaupt noch mehr brauche? Kann man mehr Glück haben, als hier zu sitzen, zu wissen, dass man jederzeit weggehen kann, aber auch bleiben solange man will, dass man alle Möglichkeiten der Welt hat. Und bin ich deshalb glücklicher, als die Menschen hier. Ich bezweifle es, schaue meinem Blumenschifflein zu.

Links von mir, flussaufwärts landen ein paar Schlaufboote. Ja das wäre auch eine Attraktion, die man hier buchen könnte. River Rafting. Sogar jetzt, mit dem niedrigen Wasserstand sind sie unterwegs. Ich mag zwar Bootsfahrten, aber auf eine wilde Fahrt zwischen Felsbrocken, kann ich verzichten. Ausserdem mag ich diese engen Sicherheitsjackets nicht.

Ich schäkere lieber noch ein wenig mit den Kindern rechts neben mir, die mich schon eine ganze Weile neugierig betrachten. Tatsächlich sind nicht sehr viele ausländische Gäste zu sehen. Obwohl sie natürlich hier sind. Irgendwo in den Yogaschulen, den vielen Ashrams, die es in Rishikesh gibt.

Ich gehe zur Brücke und sehe einen Affen, der auf einer Bank hockt und aufmerksam eine Gruppe Menschen beobachtet.

Tatsächlich ist es ein Affe, der mich auf eines der eindrucklichsten Rituale aufmerksam macht. Zuerst glaube ich, dass die Leute einen kleinen Altar aufbauen. Sie streuen Blumen auf eine niedrige Bank über die Tücher gelegt sind.

Erst nachdem ich noch einmal hingesehen habe, verstehe ich, dass das keine Bank ist, das ist ein Toter, das ist eine Totenfeier. Unter den Tüchern liegt eine Leiche. Ohne Sarg, nur mit Tüchern bedeckt.

Ich bin etwas betroffen, entferne mich von den Leuten, will sie nicht so direkt beobachten. Immerhin liegt hier ein lieber Mensch. Eine Mutter, ein Vater vielleicht. ich gehe zur Brücke, überlege, ob ich hinüber laufen soll.

Doch dann beschäftigt mich der Tote doch wieder, ausserdem ist es schon später Nachmittag, bald wird die Sonne untergehen und dann will ich zurück sein. Also verschiebe ich das andere Ufer auf morgen, komme zurück und sehe, wo die Trauergesellschaft inzwischen ist.

Von weitem sehe ich, dass sie den Leichnam hinunter zum Fluss tragen. Auf der Treppe liegen noch die Blumen, die sie gestreut haben, oder die von den Tüchern gefallen sind. Ein paar der Männer sammeln jetzt Treibholz, ein paar haben Bretter dabei.

Ich setze mich oben auf eine Bank, beobachte von weitem.

Ein Podest aus Holz wird gebaut, der Tote darauf gebettet. Dann laufen die Leute noch ein paarmal rund um den Leichnam und schichten mehr Holz auf, bis ein richtiger Holzstoss entsteht. Bald lodern darunter ein paar kleine Flammen und kurz darauf steht der ganze Stapel in Brand. Noch einen Moment bleiben die Leute da, dann kommen sie zurück, steigen die Treppe hinauf, überlassen ihren Toten dem Feuer, dem Fluss, der Natur.

Hinter mir ist inzwisschen die Sonne untergegangen.

Es wird jetzt ganz schnell dunkel. Ich bin noch immer etwas mitgenommen von der Kremation, will jetzt nur noch zurück ins Hotel und suche ein Tuctuc. Es ist plötzlich ziemlich hektisch, alle suchen ein Tuctud.

Ceremonie, ceremonie, no wait, ruft mir ein Tuctucfahrer ins Ohr. Ceremonie? ich bin verwirrt, aber natürlich sofort wieder dabei. Von wegen keine neuen Eindrücke mehr.

Wieviel will ich wissen. Dreihundert, er streckt 3 Finger in die Luft. Ok Dreihunder. Zur Bestätitugung, strecke auch ich ihm drei Finger entgegen. Dreihundert, er insistiert, kommt noch einmal mit seinen Fingern. Auch ich will ihm zeigen, dass ich verstanden habe, zeige die drei Finger zurück, doch ich merke, irgendwie reden wir nicht vom gleichen. Bis ich genauer hinsehe. Seine Finger sind der Zeigfinger, Mittelfinger und der Ringfinger. Meine Finger der Daumen, Zeigfinger und Mittelfinger. So zeigen wir drei. Doch hier scheint genauso wie in Lateinamerika der Daumen erst bei fünf zum Einsatz zu kommen.
eins Zeigefinger
zwei Zeigefinger und Mittelfinger
drei Zeigefinger, Mittelfinger und Ringfinger
vier Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger und kleiner Finger
fünf die ganze Hand.

Er hat also meinen ausgestreckten Daumen schlicht ignoriert und nur zwei Finger gesehen. Zu diesem Preis wollte er auf gar keinen Fall fahren und glaubte, ich würde mit ihm handeln. Dabei waren wir schon längst einig. Ich muss lachen, eine kleine Geste kann so viel ausmachen.

Jetzt geht es schnell, zwischen dem ganzen Gewimmel von Menschen fahren wir durch den Markt, auf die Hauptstrasse, zurück zum Tivali Ghat, wo ich am Mittag lange gesessen bin. Jetzt ist hier alles überstellt von Menschen.

Mein Tuctucfahrer will noch kein Geld, will auf mich warten und mich nach der Zeremonie zurück ins Hotel bringen.

Er will auf mich warten. Ich fotografiere ihn vorsichtshalber, damit ich ihn später wieder finde.

Er will auf mich warten. Ich fotografiere ihn vorsichtshalber, damit ich ihn später wieder finde.

All die Leute streben ans Ufer unter das grosse Dach, wo man sich auf die Treppenstufen setzt. Lieder werden gesungen, die Leute klatschen. Wenn sie die Hände nicht voll haben mit Blumenschalen. Es herrscht eine erwartungsvolle Spannung, eine Freude, eine gelöste Stimmung. Ich sitze irgendwo zwischendrin, gespannt, was jetzt kommt.

Eine Stimme im Mikrofon heizt die Menschen auf, gibt Anweisungen, betet, natürlich verstehe ich kein Wort, versuche zu interpretieren. Aufpasser weisen die Leute an, sitzen zu bleiben, so dass alle auf der Tribüne bis ans Ufer des Ganges sehen können.

Dort stehen inzwischen ein paar Priester in einer Reihe. Sie schwenken rauchende Kelche zur Musik. Die Leute singen mit. Jetzt werden Feuer entzündet. Fackeln statt der Kelche weren geschwenkt und dann kann ich nichts mehr sehen. Alle sind aufgestanden. Singen, schwenken Schalen mit kleinen Feuern. Alle feiern, beten, singen.

Ich dränge mich durch die Leute, verlasse den abgesperrten Bereich, gehe neben der Masse hinunter zum Fluss. Hier, an der Seite der Priester sind zwar bereits einige Fotografen auf den besten Plätzen, aber hier kann ich die Priester besser sehen, sie beten, sie zelebrieren das Feuer, geben es weiter. Feuerschalen werden zu den Menschen weitergereicht. Werden geschwenkt und weiter gegeben. Und immer mehr kleine Blumenschalen werden jetzt ins Wasser gelegt. Da schwimmen sie dann, in dem bisschen Wasser, das dem Fluss geblieben ist, flussabwärts. Schwankende kleine Lichter. Blumenschalen, zusammen mit immer mehr Blütenblättern. Alles treibt den Fluss hinunter, die Stimmung ist gelöst, heiter und doch andächtig. Die Schalen werden mit Gebeten auf den Weg geschickt.

Verehrt wird die Göttin Ganges, die das lebenswichtige Wasser schenkt. Jeden Tag. Jeden Abend um sechs Uhr wird diese Zeremonie durchgeführt, lese ich später.

Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis sich alle Leute wieder verzogen haben, ich gehe zurück zum Schuhdepot, lasse mir meine Schuhe zurück geben und entdecke beim Vorbeigehen diesen alten Mann unter einem Baum sitzen. Es ist eine spontane Bewegung, dass ich das Handy zücke. Zwischen all den Menschen, die zwischen uns vorbei gehen, erwische ich diesen einen Moment, in dem niemand zwischen uns steht. Später überrascht mich dieses Bild selber. Wie gemalt und mit einem stechenden eindringlichen Blick schaut er mich an.

Ich finde meinen Tuctucdriver und lasse mich zurück fahren, Bei einem Früchtestand kaufe ich noch ein paar Früchte ein. Bananen, Orangen und ein paar Walnüsse. Mein Nachtessen, ich mag heute nirgends mehr hingehen.

Beim kleinen Pavillion vor dem Hotel sitzen zwei junge Männer. Einer hält eine Gitarre in der Hand, klimmpert ein paar Töne. Nichts komplettes, nur ein paar Töne, die durch den Abend klingen und mich in die Nacht begleiten. Es ist nicht die Melodie, es ist die Stimmung, die mich berührt.

Du bist hier : Startseite Asien Indien Lichterfest
Die Reise
 
Worum geht's?:
Es geht wieder los. Vier Monate ist es her, seit ich von meiner Südamerikareise zurück gekommen bin. Sieben Monate war ich unterwegs. Und jetzt stehe ich vor einem neuen Start. Mein Traum ist das Taj Mahal. Mein Ziel heisst Indien.
Details:
Aufbruch: 01.06.2022
Dauer: 8 Monate
Heimkehr: 30.01.2023
Reiseziele: Vereinigte Arabische Emirate
Indien
Indonesien
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 20 Jahren auf umdiewelt.
Bild des Autors