Reise durch Indien

Reisezeit: Juni 2022 - Januar 2023  |  von Beatrice Feldbauer

Geburtstag

Ein neuer Morgen, ein neuer Tag, ein neues Jahr.

Ja, heute ist mein Geburtag. Ein weiteres Jahr meines Lebens abgeschlossen. Und wieder war es ein wunderschönes Jahr, voller Begegnungen mit Freunden, mit Bekannten und Unbekannten.

Pläne habe ich für diesen Tag keine konkreten, ausser, dass ich mir für den Abend ein schönes Lokal wünsche. Hab mich auch schon ein wenig umgehört, aber von niemandem hier einen brauchbaren Tipp bekommen. Das hält mich aber nicht ab, denn heute ist mein Tag. Seit meinem 50. den ich mit vielen meiner Freundezum ersten Mal mit einem grossen Fest gefeiert habe, habe ich jedes Jahr ein Fest veranstaltet. Die Sommerfeste im Ennigen waren legendär und ehrlich, ein klein wenig vermisse ich sie. Doch wenn meine Freunde nicht zu mir kommen können, weil ich so weit weg bin, so werde ich sie eben virtuell einladen, doch davon später.

Nur noch der Grund, warum ich feiere, schliesslich ist ein Geburtstag auch ein Tag wie jeder andere und man sollte sich einfach nicht zu wichtig nehmen. Stimmt. ich nehme mich nicht ZU wichtig, aber ich nehme mich wichtig. Schliesslich bin ich allein zuständig, damit es mir gut geht. Darum.

Und morgen ist dann wieder ein ganz normaler Tag - auch wenn diese im Moment ziemlich exotisch sind.

Ich schreibe also am Vormittag noch das Kapitel vom Vortag und fahre am Mittag mit dem Tucktuck zum Tempel. Dort habe ich in einem der Stoffläden mein neues Kleid, resp. Bluse und Hosen beim Schneider bestellt. Der, der mit seinem Enkel unterwegs war, damit der Kleine etwas lernen kann, wenn sein Grossvater mit den Touristen englisch spricht.

Ich glaube, der Kleine hat sehr viel gelernt. Nämlich, wie man eine Touristin, die rein gar nichts, aber auch wirklich nichts kaufen will, überzeugen kann, dass sie unbedingt ein neues Outfit braucht. Man plaudert ein wenig, erzählt von seinem Angebot (1 Hose in einer Stunde) zeigt den Laden, wo man über die Mauer den Tempel fotografieren kann, lässt sich fotografieren, kommt ganz zufällig beim richtigen Stoffladen vorbei, plaudert ein wenig über Qualitäten und Farben und schaut genau hin, wenn die Touristin anfängt, die Stoffe zu berühren. Dann noch ein wenig schmeicheln, erzählen, hinhören, was ihr gefällt und was nicht und wenn sie nach dem Preis fragt, erst einmal anfangen auszumessen. Mit Inches - der Stoffverkäufer schreibt derweil die Massa auf, und dann kommt der Preis. Der wird noch ein wenig gefeilt, ein Schal dazu gelegt. Fertig.

Wenn der Kleine genau hingesehen hat, hat er viel für sein Leben gelernt. Auch wenn er nicht Schneider werden wil.

Heute also hole ich das Ensemble ab.

Auf dem Weg dorthin fotografiere ich ein wenig und weil mir die roten Kleider der jungen Damen beim Teestand so gefallen, kommen auch sie aufs Bild. Eine hat mich gesehen, versucht auf sich aufmerksam zu machen und so kommen wir kurz darauf ins Gespräch. Es sind drei Freundinnen, eine mit ihrer Mutter, die hier den Tempel besucht haben und sich freuen, jemanden aus dem Ausland zu treffen. Sie sprechen sehr gut englisch, sind aufgestellt und neugierig. Mächten gern wissen, was ich mache, woher ich komme, wie es mir hier gefällt und wie lange ich bleibe.

Sie offerieren mir einen Chai, einen heissen Tee mit Milch und ich nehme die Einladung an. Die Gruppe kommt aus Bangalore. Die jungen Damen arbeiten in der gleichen Firma als Softwareverkäuferinnen. Da haben wir doch etwas gemeinsam.

Am Schluss tauschen wir Nummern, machen ein Selfie und verbinden uns per Facebook. Eine richtig schöne, ganz natürliche Begegnung auf Augenhöhe.

Ich schlendere weiter, suche den Stoffladen und umrunde einmal den ganzen Tempelkomplex. Dabei werde ich immer wieder von fliegenden Händlern angegangen. Einer verkauft Pfauenfedern und sogar einen wunderschönen Fächer aus Pfauenfedern. Da kann ich fast nicht widerstehen. Aber es bleibt dann doch nur beim fotografieren, was ihm natürlich nicht viel nutzt.

Aus einem Laden ruft mich ein Verkäufer. Was machst du hier schon zum dritten Mal? Ich habe dich gestern gesehen, und vorgestern und heute bist du schon wieder hier. Lebst du hier? Ja, ich werde genau beobachtet, auch die Frau mit dem Verkaufsstand mit den Goldketten beschwert sich: Schon zweiml hab ich dich gefragt, jedesmal hast du nein gesagt. Und heute? Leider bleibt es auch heute beim Nein, tut mir leid.

Ich gehe schon davon aus, dass es in der Stadt noch andere Ausländer hat, aber es müssen sehr wenige sein, mir ist jedenfalls niemand begegnet. Die Touristen, von denen es viele hat, sind alles Inder. Pilger zu den heiligen Hindutempeln, die sehr bekannt sind. Die Frauen tragen fast alle einen wunderschönen Sari in den strahlendsten Farben, oder lange Röcke mit Hosen, so wie ich sie jetzt abhole.

Im Stoffladen händigt man mir meine Kleider aus. Bezahlt habe ich gestern. Ohne Quittung und Administration. Das klappt hervorragend. Ich bin auch überzeugt, dass mir die Kleider passen werden, anprobieren ist eh nicht möglich, der Laden ist offen und es gibt keine Kabine. Ausserdem ist der Scheider grad beim Mittagessen.

Ich setze mich auf ein niedriges Mäuerchen vor dem Tempeleingang, beobachte die Menschen, als mich eine Frau anspricht. Sie sitzt ein paar Meter von mir entfernt, rückt dann aber näher.
Shyamala ist Yogalehrerin. Sie hat grad ihre Mittagspause für einen Besuch im Tempel genutzt. Wir kommen ganz schnell ins Gespräch, denn Shyamala gesteht, dass sie es kaum aushält, allein zu sein. Hier allein zu sitzen, niemanden zum reden zu haben, oder gar ganz allein auf Reisen zu sein - undenkbar.

Sie erzählt ein wenig aus ihrem Leben. Ihr Mann ist Ingenieur, sie hat eine Tochter, die in Bangalore lebt und einen Sohn in der Nähe. Mitleidig schaut sie mich an: Keine Kinder? Kein Mann?
Ich habe wunderbare Brüder und Schwestern, erkläre ich ihr, doch das ist nicht genau das, was sie sich vom Leben vorstellt, Auch wenn die erweiterte Familie auch für sie wichtig ist. Und ihre Ehe nicht ganz so ist, wie sie seine könnte. Ihren Mann, der etwas älter ist, haben ihre Eltern ausgewählt. Das ist so, und das ist auch richtig so, meint sie. Ausserdem: "Ich bin glücklich, ich bin zufrieden mit meinem Leben." Und dann kommen wir ins philosophieren über Glück und Zufriedenheit. Über das Glücklichsein. Darüber, dass wir selber dafür verantwortlich sein. "Schau auf all die positiven Aspekte, dann geht es ihr gut," meint sie und wundert sich grad, dass hier zwei Frauen aus verschiedenen Kulturen zusammen sitzen und über Glück die gleiche Ansicht haben.

Die Ehe ihrer Tochter hat sie übrigens in Absprache mit ihr auch arrangiert. "Meine Tochter war es leid, allein zu sein. Da habe ich ihr im Internet einen Mann gesucht. Ja, sie ist glücklich und jetzt erwarten wir Enkelkinder. Meine Tochter ist mein ganzes Leben, mein Glück." Sie strahlt.

Wir reden noch ein wenig über Fleisch und darüber, Vegetarier zu sein. Natürlich ist sie als Yogalehrerin auch Vegetarierin und schaut sehr skeptisch, als ich sage, dass ich gern Fleisch mag. Wir behandlen Tiere anders als ihr, versuche ich zu erklären, worauf sie mit einem schiefen lächeln meint: "Ja, ihr esst sie!" "Und ihr lasst Eure Kühe auf den Strassen verhungern!, wende ich ein, worauf sie nachdenklich nickt. Es ist vieles nicht so wie es sein sollte, oder wie es gedacht ist. "Auch wir behandeln Tiere zum Teil sehr schlecht", erkläre ich ihr und erzähle mit schlechtem Gewissen von Tierhaltungen und -Transporten, die sehr qualvoll sind.

Was würde sie sich wünschen, wenn sie genügend Geld hätte. Wohin möchte sie gern reisen, will ich von ihr noch wissen. "NIrgendswohin, ich möchte am liebsten einfach immer in der Nähe meiner Tochter sein". So verschieden können Lebensträume sein. Shyamala ist glücklich mit ihrem Leben. Sie hat ihre Familie, ihr Yoga - und ihren Yogi.

Shyamala

Shyamala

Auf dem Rückweg überlege ich mir kurz, ob ich mich von einer Fahrradrischka zurückfahren lassen soll. Doch der Fahrer ist so sehr in die Zeitung vertieft, dass ich es bleiben lasse und zu Fuss zurück kehre.

Auf dem Weg kaufe ich noch ein paar Bananen und sehe einem Handwerker zu, wie er einen Schlüssel macht. Eine sehr aufwändige Sache, wie der da mit seiner Feile das Eisen bearbeitet. Er ist sichtlich stolz, dass ich ihm soviel Aufmerksamkeit schenke.

Der Schlüsselmacher...

Der Schlüsselmacher...

... und die Kunden, die auf den fertigen Schlüssel warten

... und die Kunden, die auf den fertigen Schlüssel warten

Ich bin zurück in meinem Zimmer, stehe unter die Dusche, freue mich über die ersten Gratulationen, die im Laufe des Tages eingetroffen sind und mich langsam in eine festliche Stimmung bringen. Dann probiere ich mein neues Outfit und bin überhaupt nicht überrascht, dass es einfach grad passt. Jetzt noch die Haare in Ordnung bringen, etwas Lippenstift, ich bin bereit für meinem Abend mit mir in einem der besten Restaurants der Stadt.

Ein Tucktuck fährt mich zum Marriott-Hotel. Dort erkläre ich der Empfangsdame, dass ich heute Geburtstag habe und deshalb hierher gekommen sei. Noch ist das Restaurant leer, das Buffet noch unbenutzt.

Happy Birthday, was möchten sie bestellen, fragt mich der Kellner.

Obwohl es eine a la carte-Karte gibt, entscheide ich mich für das reichhaltige Buffet. Dazu bestelle ich ein Glas Rotwein. Langsam trudeln jetzt auch andere Leute ein. Gruppen, Grüppchen, Paare, Freunde. Ich sitze hier allein an einem kleinen Tisch, aber mich stört das überhaupt nicht.

Ich geniesse einen wunderbaren Abend mit mir, stosse virtuell mit vielen Freunden an, die sich nach und nach dazu gesellen und bin die ganze Zeit mit jemandem am Chatten oder Gratulationen empfangen. Man hat mir gesagt, ich solle mich feiern lassen, genau das mache ich jetzt.

Zum Dessert gibt es das obligate Happy Birthday mit einem Stück Torte und Beatrice geht beglückt und zufrieden zurück ins Hotel. Im Tucktuck. So geht das mit dem Feiern und Glücklichsein.

Happy Birthday to me

Happy Birthday to me

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Es geht wieder los. Vier Monate ist es her, seit ich von meiner Südamerikareise zurück gekommen bin. Sieben Monate war ich unterwegs. Und jetzt stehe ich vor einem neuen Start. Mein Traum ist das Taj Mahal. Mein Ziel heisst Indien.
Details:
Aufbruch: 01.06.2022
Dauer: 8 Monate
Heimkehr: 30.01.2023
Reiseziele: Vereinigte Arabische Emirate
Indien
Indonesien
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 20 Jahren auf umdiewelt.
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