Reise durch Indien

Reisezeit: Juni 2022 - Januar 2023  |  von Beatrice Feldbauer

Bummel durch Amritsar

Ich hab lange geschlafen am Morgen, Konnte kaum aufwachen, es blieb aber auch einfach dunkel im Zimmer, obwohl der Tag längst angefangen hatte. Ich muss mich darauf einstellen, merke aber, wie schwer mir das fällt, dass ich kein Tageslicht im Zimmer habe. Und ein Licht beim Bett fehlt ebenfalls, der Schalter ist bei der Türe.

Nur das Handy bringt etwas Licht.. Eigentlich bin ich gar nicht in einem Hotel, sondern in einem Homestay. Auch wenn das oft fast das gleiche ist. Ein Homestay kann eine Unterkunft bei einer Familie sein, oder in einem Haus mit vielen Zimmern die zum Teil als Hotelzimmer vermietet werden. Jedenfalls ist es etwas privater, als ein Hotel. Das merke ich am Morgen, als mir der Besitzer von seinem Frühstück schwärmt, und dass ich erst noch zwanzig Minuten warten müsse, bis es bereit sei, dann könne ich hinauf in den ersten Stock kommen.

Dort stellt er mir als erstes frisch geschnitten und geschälte Apfel- und Birnenstücke hin, die seien gesund, die müsse ich essen. Danach kommt ein Toastbrot, bereits mit Marmelade bestrichen, zwei gekochte Eier, geschält und aufgeschnitten. Und danach ein Brotfladen, schön fettig, ganz am Schluss eine heisse Tasse Tee. Alles nacheinander, so dass ich nie weiss, was da noch kommen wird. Ich weiss natürlich, er meint das alles nur gut, aber ich mag es nicht, wenn man mir alles vorgibt und kontrolliert, ob ich auch tatsächlich alles aufesse. Aber da muss ich jetzt durch.

Seine Frau kümmert sich indessen um den kleinen Hausaltar, in dem all die Hindugötter aufgestellt sind: Krishna, Brahma, Vishnu, Shiva und natürlich Ganesha mit dem Elefantenkopf. Eigentlich sei es immer nur Krishna, in verschiedenen Erscheinungsformen hat man mir einmal erklärt und ich habe es inzwischen aufgegeben, mich in dieser ganzen Aufstellung zurecht zu finden, erkenne eigentlich nur Ganesha.

Die Frau jedenfalls zündet Röucherstäbchen und ein Oellämpchen an, bespritzt alles mit heiligem Wasser, faltet die Hände, fächert den Rauch über die ganze Gesellschaft und ist tatsächlich sehr beschäftigt mit ihrer morgendlichen Zeremonie.

Interessant, ist allerdings die riesige Fototapete, die an der Wand über dem offenen Esszimmer im zweiten Stock angebracht ist. Sie zeigt einen riesigen Buddha. Ein Buddha im Hinduhaus - die Menschen sind einfach unglaublich tolerant.

Meine Unterkunft in Amritsar

Meine Unterkunft in Amritsar

Der grosse Vorteil meiner Unterkunft ist tatsächlich die Lage, darum hatte ich mich auch dafür entschieden. Es ist ein sehr ruhiger Platz in einer Sackgasse so dass es keinen Durchgangsverkehr gibt. Nur diese kleine schmale Gasse, durch die auch kein Tuctuc passt. Durch diese Gasse gehe ich nach dem Frühstück und bin schon bald wieder im Eingangsbereich des Tempelbezirks.

Heute will ich den Markt sehen, biege in die Strasse ein, wo all die vielen Verkaufsstände stehen. Man würde glauben, dass es hier keinen Verkehr gibt, doch weit gefehlt. Es ist nicht einmal eine Einbahn, die Tuctucs bahnen sich ihren Weg in beide Richtungen. Weichen Fahrrädern aus, drücken sich an Rikschas vorbei und kommen kaum ein paar Meter weiter. Teilen sich den Platz mit den Motorrädern, die mit 2-4 Personen durch die Menge drängen. Manchmal steckt alles und ich habe das Gefühl, es geht gar nichts mehr, doch das stimmt nicht, im Gegenteil, alles ist in Bewegung. Kaum jemand bleibt stehen - ausser ich - es geht immer um Zentimeter, die man vorrückt. Aneinander vorbei. Die Leute, die an den Verkaufsständen die Waren betrachten, stören dabei nicht, es wird niemand zur Seite geschickt, es gibt keine genervten Fahrer oder Fussgänger, einzig das Hupen ist Bestandteil der Geräuschkulisse.

Ich setze mich irgendwo einfach auf die Stufe vor einer Haustüre und sehe zu. Sehe die Männer in ihren imposanten Turbanen vorbei gehen. Es sind Sikh, die in der Stadt die Mehrheit bilden. Der goldene Tempel ist ihr grösstes und wichtigstes Heiligtum. Sikh ist eine Religion, die wohl an den Hinduismus angelehnt ist, aber eigene Regeln und Gebräuche kennt. Dazu gehört der Turban der Männer. Sie tragen ihn stolz in allen Farben. Zu traditionellen langen Gewändern wie zu Shirt oder klassischen Hemden.

Der Zuckerwatte-Verkäufer ist unterwegs

Der Zuckerwatte-Verkäufer ist unterwegs

Von meinem Platz zwischen all den Verkaufssständen sehe ich fasziniert den Frauen zu, wie sie sich zusammen mit Freundinnen durch das Gewühl den Weg behnen, sich Taschen und Accesoires ansehen, an Parfümen schnuppern, sich durch Berge von Stoffen und Schals wühlen und irgendwann packt es auch mich. Ich kann nicht weiter die Augen verschliessen, stehe irgendwann auch beim Wühltisch mit den günstigen Stoffen, die hier in allen Farben ausgelegt sind. Die meisten Kleider die an den Puppen hängen, sind noch gar nicht fertig genäht. Es sind nur Stoffbahnen, die drappiert sind und mit den entsprechenden Schals ausgestattet sind.

Viele Stoffe sind direkt mit den nötigen Bordüren für Saum und Ärmel und für die Frontpartie bedruckt und müssen nur noch genäht werden. Genau bei diesen Stoffen stehe ich jetzt und kann mich nicht entscheiden. Eher rot, eher grün, oder vielleicht doch lieber blau? Glänzend oder matt? Mit Gltzersteinen oder doch besser ohne? Werde ich solche Stoffe zu Hause überhaupt tragen können? Egal, die Schweiz ist weit weg, ich entscheide mich für einen grünen Stoff. Ob ich das Kleid gleich nähen lassen will? und ob es noch ein Stoff für eine Hose sein soll?

Wenn schon, denn schon... ich wähle auch noch einen Stoff für die Hose und zusammen mit dem Verkäufer gehen wir zur Schneiderin, die in einem winzigen Raum sitzt. vor sich eine Tretmaschine und hinter sich ganz viele Stoffe und Stoffresten.

Sie nimmt Mass, wir verhandeln um den Preis. Das Kleid muss gefüttert werden, der Stoff ist sonst zu tranparent. Das scheint überhaupt nichts ins Gewicht zu fallen, ist im Preis bereits eingerechnet. Nur noch ein paar Details zum Schnitt - bitte genügend Platz lassen, ich mag keine engen Kleider - und schon sind wir uns einig. Sie will mir das Kleid morgen in die Unterkunft liefern. Als ob sie nichts anderes zu tun hätte.

Es sind alles nur Stoffe, die Kleider müssen erst noch genäht werden

Es sind alles nur Stoffe, die Kleider müssen erst noch genäht werden

Die Qual der Wahl

Die Qual der Wahl

Nachdem ich meinen plötzlichen Kaufzwang wieder im Griff habe, bummle ich weiter. entdecke eine Bäckerei.

Roti wird hier gebacken, hier in Amritsar wird es Kulcha genannt. Ich sehe dem Bäcker zu, wie er es mit langen Stangen aus dem heissen Lehmofen holt. Im hinteren Teil steht der Bäcker, der den Teig zubereitet. Er legt ihn aus, bestreicht ihn mit Gewürzen und Butter, dann klappt er ihn zusammen, bearbeitet ihn mit den Händen, dreht ihn wieder, streicht ihn aus, bestreicht ihn noch einmal mit seiner feuchten Gewürzmischung und so geht das eine ganze Weile, bis er endlich kleine Küchlein daraus macht und der Mann am Ofen sie endgültig zu Fladen formt, mit Wasser bestreicht und an den Rand des Ofens über der glühenden Kohle klebt. Irgendwann holt er ihn heraus, bestreicht auch die Rückseite mit Wasser und klebt sie noch einmal an die Ofenwand.

Wenn er die fertig gebackenen Roti herausholt, kratzt der dritte Mann, der für den Verkauf zuständig ist, die schwarzen Stellen ab, bestreicht sie von Hand beidseitig mit flüssiger Butter, schlägt je nach Bestellung fünf oder mehr in ein Zeitungspapier, schöpft noch etwas Dahl in einen dünnen Plastiksack, kassiert und entlässt den wartenden Kunden. Es wird alles laufend verkauft, ein paar wenige Leute sitzen in der hinteren Ecke, essen ein Roti und trinken einen Chai , den sie von irgendwo mitgebracht haben und gehen dann weiter. Tatsächlich sind alle drei Arbeiter voll beschäftigt und die Brote gehen laufend weg, es gibt keinen Vorrat.

Nein, ich habe keines probiert, obwohl es sehr fein aussieht. Es ist mir etwas zuviel Handarbeit und obwohl es knusprig aussieht, muss es sehr fettig sein, denn in jeder Phase wird es mit Wasser oder Butter wieder und wieder bestrichen.

Und ja, ich bin beim Essen etwas heikel - noch immer.

Es ist jetzt für mich Zeit, zum Tempel zu gehen. Will ihn heute bei Tageslicht erleben nachdem ich gestern Abend so verzaubert war von der ganzen Atmosphäre. Diesmal muss man mich nicht mehr zurückschicken, ich weiss, wo ich die Schuhe abgeben muss und wo ich eine Kopfbedeckung finde. Ich wähle eine orange die Farbe der Sikh, die man hier überall sieht.

Beim Umbinden des Tuches muss ich wohl von ein paar Frauen, die hinter dem Tor am Boden sitzen, beobachtet worden sein, jedenfalls klatschen sie, als ich den Knoten in meinem Nacken geschafft habe. Jetzt wollen sie unbedingt mit mir fotografiert werden. Ich werde also wieder in einigen Handys verewigt und mache auch selber ein paar mit den fröhlichen Frauen.

Der goldene Tempel ist auch heute sehr imposant, scheint aber irgendwie kleiner zu sein, als in der Nacht, als er im Schein der vielen Lichter ein magischer Mittelpunkt war. Heute kommt mehr das riesige Wasserbecken zur Geltung. An einigen Stellen steigen Leute ins Wasser, tauchen unter. Einer hält dabei seine Kleider in der einen Hand in die Höhe, während er mit dem ganzen Körper untertaucht. Andere lassen die Kleider am Rande liegen. Haben vielleicht etwas mehr Vertrauen in ihre Mitgläubigen, oder das mit den Kleidern in der Hand ist einfach ein Brauch.

Ich bin grad am überlegen, ob ich mich an den Rand setzen könnte die Füsse im Wasser, als ich sehe, dass einer der blau gewandeten Männer die wohl Wächter sind, Leute anweisen die Beine nicht über den Rand hängen zu lassen. Und tatsächlich. Um das ganze Becken sitzen die Menschen am Boden, aber der Rand ist überall frei.

Viel haben sie nicht zu tun, die blauen Männer, es sind nur wenige Menschen, die nicht genau wissen, wie man sich benimmt. Es ist alles sehr gesittet. Niemand rennt, niemand redet zu laut, benimmt sich auffällig. Die Männer eignen sich als perfektes Fotosujet, allerdings scheint auch das nicht angebracht zu sein. Jedenfalls schüttelt einer entschieden den Kopf, als ich die Kamera auf sie richte. Habs dann allerdings noch wieder gemacht, aber lieber hätte ich gehabt, wenn sie sich für mich hingestellt hätten.

ins Gebet versunken

ins Gebet versunken

Unter den Arkaden am Rand des grossen Platzes liegen auch heute viele Menschen am Boden und auch vor der grossen Halle, aus der die Musik ertönt die über den Platz schallt, schlafen Menschen. Ich gehe hinein Ganz vorne steht eine Band und spielt diese eigenartige Musik, die aus einem Gesang begleitet durch Saiteninstrumenten und Trommeln besteht. Daneben sitzt ein bärtiger Mann und schwenkt einen Federbusch. Ob das ein Guru ist, der die Gläubigen segnet?

Diese lagern in der grossen Halle, getrennt nach Männern und Frauen, wobei die Männerseite besser besetzt ist. Ich setze mich eine Weile dazu, lasse mich von der Musik und der Stimmung wegtragen.

Auf dem Rückweg zum Hotel bummle ich entlang den Verkaufsständen, wo auffällig viele orangen Tücher verkauft werden, in einer Gasse entdecke ich bereit gestellte orange Tagetes, es scheint, dass sich die Stadt auf ein Fest vorbereitet. überall hängen jetzt Lichterketten in allen Farben.

Da werden Vorbereitungen für ein Fest getroffen

Da werden Vorbereitungen für ein Fest getroffen

Zum Nachtessen hätte ich Lust auf ein Stück Fleisch. Wo man das hier wohl bekommt? Ich suche nach guten Restaurants und stosse auf das Fairfield Marriott. Das muss doch internationale Küche anbieten. Also fahre ich mit dem Tuctuc dahin. Dabei verlassen wir die Altstadt, aber ich sehe beim Vorbeifahren, dass eigentlich die ganze Stadt ein riesiger Markt ist. Überall gibt es Essensstände, Kleider, Haushaltartikel, mechanische Werkstätten, Spielzeug, Elektrogeräte zu kaufen. Alles ist beleuchtet und voller Leben.

Einfahrt zum Marriott

Einfahrt zum Marriott

Das Essen ist dann eher eine Enttäuschung. Das Poulet-Schnitzel ist zwar in Ordnung und zusammen mit den harten Pommes ist die Portion sehr gross. Am Schluss habe ich zwar mehr als genug gegessen, aber der Genuss ist ausgeblieben.

Ich fahre ziemlich ernüchtert zurück und lasse mich nur in die Nähe des Tempels fahren. Den Rest lege ich zu Fuss zurück. An festlich beleuchteten Gebäuden vorbei und durch schmale Gässchen. Fühle mich völlig frei und sicher. Kaum jemand, der mich beachtet, es sei denn, es versucht mir jemand etwas zu verkaufen. .

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Es geht wieder los. Vier Monate ist es her, seit ich von meiner Südamerikareise zurück gekommen bin. Sieben Monate war ich unterwegs. Und jetzt stehe ich vor einem neuen Start. Mein Traum ist das Taj Mahal. Mein Ziel heisst Indien.
Details:
Aufbruch: 01.06.2022
Dauer: 8 Monate
Heimkehr: 30.01.2023
Reiseziele: Vereinigte Arabische Emirate
Indien
Indonesien
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 20 Jahren auf umdiewelt.
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