Reise durch Indien

Reisezeit: Juni 2022 - Januar 2023  |  von Beatrice Feldbauer

Sonne

Der frühe Morgen ist bekanntlich nicht meine Zeit. Trotzdem stehe ich jetzt in der Dunkelheit auf der Strasse und warte auf Arjun. Ein paar wenige Tuctuc fahren vorbei, ich wehre ab, kein Bedarf, ich warte. Nach einiger Zeit merke ich, dass ich nicht allein auf der Strasse bin, zwei Kühe liegen ganz in der Nähe unter einem Baum und auf der anderen Strassenseite schaufen gar drei im staubigen Sandbett. Eine grosse Sau geht über die Strasse, erleichtert sich irgendwo und kehrt zurück, ein Auto kommt, bremst, hupt und fährt vorbei, der Sau scheint das nichts auszumachen, sie verschwindet zwischen den Häusern. Und ich überlege, ob ich das überhaupt richtig gesehen habe, Schweine habe ich in Indien noch kaum gesehen.

Good Morning schreibe ich Arjun und kurz darauf kommt die Antwort: I am on the way.

Er hat wohl tatsächlich verschlafen, aber er ist flexibel, es dauert noch 10 Minuten bis er eintrifft, dann können wir losfahren. Viel sagt er nicht, vielleicht ist er auch ein Morgenmuffel.

Unser Ziel ist ein Tempel, hoch oben über Rishikesh, wo man den Sonnenaufgang besonders schän sehen soll.

Werden wir noch zur Zeit ankommen? wage ich nach einiger Zeit zu fragen, er hat bisher noch kaum ein Wort gesprochen. Doch, meint er, wir haben noch genügend Zeit.

Langsam steigt die Strasse an, wir haben bald die ersten paar 100 Höhenmeter hinter uns, unten liegt Rishikesh mit seinen vielen Lichern. Die Stadt scheint nicht zu schlafen.

Auf der Strasse kommen uns Leute entgegen. Sie laufen zu Fuss, um unten iin der Stadt nach dem Sonnenaufgang mit ihrer Arbeit anzufangen.

Die Strasse macht viele Kurven aber sie ist gut ausgebaut. So seien sie alle, hier im Vorgebirge des Himalayas erklärt mir Arjan und lädt mich auch gleich ein, nächstes Mal mit ihm eine Tour in den Himachal Pradesh zu machen. Mit dem Auto über die Pässe, übernachten im Zelt, Kochen am Feuer und die eine oder andere Wanderung. Zwei Wochen Abenteuer.

Ja, nächstes Mal, dafür muss es Sommer sein. Ob ich auf so ein Abenteuer eingehen würde, kann ich nicht versprechen, aber das ist auch gar nicht nötig. Jedenfalls seien die Strassen da oben sehr gut ausgebaut. Arjan hat mir schon gestern ein paar Fotos gezeigt von seiner Tour mit ein paar Motorbikes vom letzten Sommer.

Wir steigen immer höher, fahren durch den Bergwald, kommen in ein kleines Dorf und schwenken von der Hauptstrasse ab.

Hinauf, immer höher, die Kurven werden enger, die Abgründe am Strassenrand tiefer. Aber die Strasse ist nicht sehr eng und hat genügend Ausweichstellen und ausserdem kommt uns zu dieser Zeit kein Auto entgegen.

Und dann sind wir da, ein kleiner Parkplatz, jetzt heisst es warten, warten auf die Sonne, sie wird erst in einer Stunde aufgehen. Einen Moment dösen, die Sitze zurückklappen. Nebst unserem stehen noch ein paar andere Autos hier Ob die Passagiere da auch noch schlafen?.

Wollen wir einen kurzen Spaziergang machen? Der Vorschlag kommt vom Nebensitz. Warum nicht, lass uns gehen, solange es nicht weiter bergauf geht, soll mir das recht sein.

Langsam, sagt er, als wir nach ein paar Schritten zu einer Treppe kommen, die ich vorher nicht gesehen habe und die in unendliche Höhe zu steigen scheint.

Von wegen kurzer Spaziergang, da müssen wir jetzt hinauf. 300 Stufen sind es, erklärt Arjun, aber wir haben genügend Zeit. Und so steigen wir also hinauf.

Die Opfergaben

Die Opfergaben

170 - 171 - 172. Wir erreichen eine kleine Plattform. Hier gibt es einen Kiosk. Chai? Ja gern, das kann jetzt nicht schaden. Der Besitzer des Maggi-Point-Restaurants, so heisst der Kiosk, kocht Wasser auf und erzählt, dass schon ein paar Leute oben sind. Aber es ist ruhig heute. Am Sonntag kommen jeweils bis zu 1000 Leute zum Sonnenaufgang.

Nach einer kurzen Pause, die gut tut, empfielt mir Arjun, noch eine kleine Opfergabe für den Tempel zu kaufen. Diese sind bereits zusammengestellt und kosten ein Trinkgeld.

Dann steigen wir die restlichen Stufen hinauf. Schön langsam, so dass ich keinen Moment ausser Atem komme. Und dann sind wir ganz oben, auf 1640 Metern.

Es dauert noch immer eine halbe Stunde, bis die Sonne kommt. Eine ganze Gruppe junger Leute ist bereits hier und wartet ebenfalls. Es ist eine Yogagruppe mit internationalen Mitgliedern. Ich höre Spanisch. Aus Spanien, Chile, Argentinien und Mexiko. Auch ein Italiener ist dabei und jemand spricht mich tatsächlich Schweizerdeutsch an, als man erfährt, dass ich aus der Schweiz komme. Mariann kommt zwar aus Ungarn lebt aber schon seit fünf Jahren in der Schweiz.

Es ergeben sich ein paar lockere Gespräche während sich der Himmel immer mehr rosa färbt. Und dann bricht die Sonne durch. Durchbricht diesen leichten Dunst, der über den Bergen liegt und legt alles in ein goldenes Licht. Links kann man jetzt hinter den blauen Bergen auch das gewaltige Massiv des Himalayas erkennen.

Jetzt werden Fotos gemacht, gepost, gesungen und getanzt. Was für eine Freude, dass sie jeden Morgen kommt, dass sie uns jeden Tag mit ihrem Licht und ihrer Wärme erfreut. Der rote Feuerball erhebt sich über dem Horizont und steigt schnell höher.

Nach einer Weile verabschiede ich mich von der fröhlichen Gruppe, wir gehen in den kleinen Tempel. Ich gebe meine Gaben ab, Arjun legt etwas Geld in die Opferschale. Dafür bekommen wir den Segen und einen roten Punkt auf die Stirn, in den ein paar weisse Reiskörner gedrückt werden. Jetzt noch ein paar Fotos, dann machen wir uns auf den Rückweg.

Wir fahren zurück in die Stadt und vier Stunden nachdem wir losgefahren sind, kommen wir wieder im Hotel an, wo ich mein kleines Frühstück bekomme: Sandwich und Chai. Dann verziehe ich mich ins Zimmer, hole etwas Schlaf nach und versuche, das Flugticket für morgen zu buchen.

Doch es ist wie verhext, meine beiden Kreditkarten werden abgelehnt, ich kann buchen bis zur Zahlung, und dann geht nichts mehr. Schon gestern hatte ich geübt, und nichts erreicht.

Und jetzt reicht es, es ist mir nicht klar, warum das nicht klappt, aber ich muss eine andere Lösung suchen. Also fotografiere ich meinen Flug, packe zusammen und gehe zum nächsten Geldautomaten. Immerhin, da funktioniert meine Karte. Ich werde also versuchen, das Ticket bar zu zahlen.

Ich halte ein Tuctuc an. Wohin?

Ich brauche eine Agentur, ich will ein Airline-Ticket kaufen. Er nickt, aber ich merke, so ganz hat er mich nicht verstanden. Aber das wichtigste scheint angekommen zu sein, er telefoniert jedenfalls und ich höre das Wort Airline-Ticket.

Tatsächlich, kurz darauf hält er an, ein anderer Tuctucfahrer, der relativ gut englisch spricht, kommt dazu, will genauer wissen, was ich brauche und ruft seinerseits jemanden an. Gibt mir den Hörer weiter und ich verhandle mit einem Mann, von dem ich nicht weiss, ob er hier irgendwo in einem Büro sitzt, oder in Delhi oder auf dem Flugplatz von Rishikesh. Aber immerhin verspricht er, mir das Ticket zu besorgen, ich soll vorbei kommen. Ich gebe das Telefon dem Fahrer weiter und anscheinend verstehen sich die beiden, jedenfalls sind wir kurz darauf wieder unterwegs.

Der Zugang zu meinem Hotel macht einen ziemlich wackeligen Eindruck. Darum wurde der Steg wohl mit einem Kunstrasenteppich zugedeckt...

Der Zugang zu meinem Hotel macht einen ziemlich wackeligen Eindruck. Darum wurde der Steg wohl mit einem Kunstrasenteppich zugedeckt...

Wir fahren durch die ganze Stadt entlang der Hauptstrasse. Am Ende der Stadt steigt die Strasse an und wir kommen in einen anderen Stadtteil, in dem ich noch nie war. Hier halten wir bei einem Travel-Office an, wo ich erwartet werde. Tatsächlich, eine Viertelstunde später habe ich mein Ticket. Mit einem ganz kleinen Aufpreis für die Arbeit und Buchung. Wusste ich es doch, Tuctuc-Fahrer sind immer eine gute Option. Auch wenn sie hier sehr oft wenig oder gar nicht Englisch verstehen, sie versuchen immer, dem Gast zu helfen.

Der Mann will wissen, ob ich hier in der Nàhe untergebracht sei und staunt, dass mein Hotel am anderen Ende der Stadt ist. Mir ist schon bewusst, dass wir an etlichen anderen Reisebüros vorbei gefahren sind, aber ich wollte eben zum besten kommen, erkläre ich grossartig. Er versteht, lächelt und übergibt mir mein Ticket.

Zurück gehe ich erst einmal zu Fuss und irgendwo entdecke ich an der Stasse ein Hotel mit einem Restaurant, das einen wunderbaren Ausblick über den Ganges bietet. Hier kehre ich ein, hole mein Notizbuch aus der Tasche, bestelle einen Fruchtsaft und bekomme eine erfrischende Limonade mit viel Pfefferminze und geniesse den Moment. Die Aussicht, die Ruhe, das Gefühl, für einen Moment alles im Griff zu haben. Es dauert noch etwas länger als eine Stunde bis die Sonne untergeht, aber ich bin am Schreiben, da spielt das gar keine Rolle und später bestelle ich ein kleines Nachtessen. Gebratenes Paneer mit Peperoni, Tomaten und Zwiebeln. Ziemlich scharf und sehr fein.

Um halb sechs Uhr verabschiedet sich die Sonne genauso wie sie am Morgen aufgestiegen ist, als grosser roter Feuerball und nachdem der Himmel wieder grau ist, zahle ich und halte auf der Strasse ein Tuctuc an.

Es ist genau der richtige Zeitpunkt. In einer halben Stunde fängt die grosse Zeremonie wieder an.

Auf dem Weg zum Fluss komme ich an den Kleiderständen vorbei und wieder einmal fallen mir die Hochzeitskleider auf. Was die wohl kosten? Sie sind aufwändig bestickte individuelle Samtstoffe mit Gold und Silberfäden und vielen Strass-Steinen. Ganz überrascht nehme ich zur Kenntnis, dass es bereits für 8000 Rupies ein Kleid gibt. Die Priese sind allerdings so verschieden wie die Qualitäten. Das aufwändige schwarze Kleid kostet zum Beispiel 16'000 Rupies.

Auch für die Männer gibt es sehr schöne und fantasievolle Kleider, die man auf das Brautkleid abstimmen kann.

Das schwarze Kleid mit den Silberfäden und vielen glitzernden Steinen kostet 16'000 Rupies

Das schwarze Kleid mit den Silberfäden und vielen glitzernden Steinen kostet 16'000 Rupies

Dieses rote Kleid mit den Goldfäden bestickt kostet 8'000 Rupies

Dieses rote Kleid mit den Goldfäden bestickt kostet 8'000 Rupies

Am Ghat sind die Leute bereits in bester Stimmung, religiöse Lieder werden gesungen, in die Hände geklatscht und die Priester haben die Lampen entzündet. Ich sitze diesmal nicht in der Masse, sondern bin von Anfang an vorne an der Seite, wo ich eine perfekte Übersicht habe auf die Priester, die ihre rauchenden Kelche in alle Himmelsirchtungen schwingen und mit den Feuerfackeln der Göttin Ganges huldigen.

Es gibt ein paar tolle Bilder, dann sehe ich noch ein den Blumenschifflein mit ihren Lichtern zu wie sie den Fluss hinunter schwimmen. Ich suche mir ein Tuctuc und fahre zurück ins Hotel. Schreibe eine Message für Arjun, damit er mich am Morgen zum Flugplatz fährt. Ich muss meinen Koffer packen.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Es geht wieder los. Vier Monate ist es her, seit ich von meiner Südamerikareise zurück gekommen bin. Sieben Monate war ich unterwegs. Und jetzt stehe ich vor einem neuen Start. Mein Traum ist das Taj Mahal. Mein Ziel heisst Indien.
Details:
Aufbruch: 01.06.2022
Dauer: 8 Monate
Heimkehr: 30.01.2023
Reiseziele: Vereinigte Arabische Emirate
Indien
Indonesien
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
Bild des Autors
Aus dem Gästebuch (3/29):
Sylvia Michel 1674769136000
Oh, es geht noch wei­ter!!! Freude pur! Ich dachte schon, mit dem Weih­nach­tsbe­richt und dem Vo­raus­blick auf zu Hause ist Deine Rei­se­besch­rei­bung zu Ende. Aber es gibt noch eine For­tset­zung. Ganz grpße Klasse und noch­mals ein großes "DANKE" fürs Mit­neh­men nach Indien. Und nun bin ich schon auf Dein nächstes Rei­se­ziel ges­pannt, Alles Liebe und Gute Dir, liebe Beat­ri­ce!
Esther 1674733275000
Hallo Beat­ri­ce, das war wir­klich eine sehr inte­res­sante Reise, habe bis auf wenige Aus­nah­men (Zeit­man­gel, da selber on tour) alle Kapitel gelesen und die schönen Fotos be­wun­dert. Wünsche Dir auch alles gute für das Jahr 2023, vor allen Dingen Frie­den, Gesun­dheit und noch viele er­leb­nis­reiche Rei­sen.­
Lie­be Grüsse Esther
anonym 1673269765000
Liebe Beat­ri­ce.­
Scha­de, dass die Reise nun zu Ende geht. Ich habe sie sehr gern ver­folgt umd werde bei der nächsten Reise wieder gern dabei sein­
Lie­be Grüsse aus Thürin­gen von Chris­ti­ne