2022 Mit einem Toyota HZJ78 durch Tunesien

Reisezeit: April - Juni 2022  |  von Michael Bünte

Wir starten in Hamburg und reisen insgesamt 10 Wochen lang in einem Geländewagen über Neapel nach Tunesien. Dieses ist der Bericht unserer Reise.

Die Hinfahrt

Prolog

Kräftig rauschen die Wellen des Mittelmeeres gegen den Strand. Der Sturm drückt gegen die Zeltwände, ich liege im warmen Schlafsack, lausche den Geräuschen und lasse die letzten 4 Tage durch meine Gedanken wandern. Neben mir schnorchelt es leise und sanft zu mir herüber. Meine Gabi schläft noch ganz friedlich nach einer sehr unruhigen Nacht.

Vor vier Tagen sind wir an einem 6. April um halb sieben bei Schmuddelwetter in Hamburg auf unsere Tour nach Tunesien gestartet. Unsere Fahrzeug ist ein 14 Jahre alter Toyota HZJ 78, dessen Inneneinrichtung wir in den letzten 3 Wochen auf unsere Reisebedürfnisse umgebaut haben. Sprich: Er war mit allem Schickimicki ausgerüstet und wir haben ihn etwas entluxufiziert; haben ihn mit Gardinen und Sitzpolstern wohnlicher gestaltet, und haben ein paar nette Kleinigkeiten eingebaut, damit man auch bei schlechtem Wetter und bei geschlossenem Zeltdach unauffällig als parkendes Auto eine Nacht dort drinnen verbringen kann.

Jetzt müssen wir unseren Toyota erst einmal richtig kennenlernen. 2,5 Tonnen Stahl mit einer Zuladung von 1 Tonne ist nicht gerade das was wir als ökologisch denkende Menschen mit gutem Gewissen vertreten können, um damit durch die Welt zu reisen. Doch unsere zukünftigen Ziele sind nicht auf europäischen Autobahnen zu erreichen. Da wo wir hin wollen braucht man ein absolut solides, kräftiges und zuverlässiges Gefährt ohne Elektronik, das überall in der Welt repariert werden kann. So ist unsere Wahl auf diesen Wagen gefallen.

Unser Reisefahrzeug ist ein Toyota HZJ 78, Baujahr 2007.

Unser Reisefahrzeug ist ein Toyota HZJ 78, Baujahr 2007.

TAG 1

Der Motor, ein 6 Zylinder Diesel mit 4 qm Hubraum, schnurrt wie ein kleiner Schiffsdiesel vor sich hin. Bei einer moderaten Geschwindigkeit von 90 bis 110 km/Stunde hoffen wir, einen Verbrauch von 13 l/100km nicht zu überschreiten. Den ersten Tag unserer Reise rauschen wir die A7 herunter, bis zum Autobahnkreuz Memmingen. Bei Hannover kam aus dem Grau des Himmels die Sonne hervor, die uns auch den ganzen weiteren Tag begleitete. Am Abend hatten wir, ohne noch einmal nachtanken zu müssen, einen kleinen Ort 50 km vor Lindau erreicht. Der Kraftstoff wird noch bis gut über die österreichisch Grenze reichen. Der Dieselpreis steht zur Zeit in Deutschland auf wahnsinnige 2,30 Euro pro Liter. In Österreich können wir immerhin für 1,84 Euro pro Liter tanken.
Das ist wirklich positiv an unseren 2 x 90 Liter Tanks. Man kann ohne Stop weite Strecken zurücklegen. Der Nachteil ist der Schock beim Begleichen der Rechnung, für 180 Liter Treibstoff einen Preis von über 200 Euro zu bezahlen.

Übernachtet haben wir in Aitrach auf dem Parkplatz einer Vogelbeobachtungsstation. Die App „Park4Night“ macht die Suche nach einem geeigneten Übernachtungsplatz sehr viel einfacher als früher, als wir lange suchend, möglichst noch bei Tageslicht, herumgeirrt sind, um einen Platz für die Nacht zu finden. Heute können wir bis spät in die Nacht fahren und landen GPS geleitet punktgenau bei unserem Ziel. Wie hat sich die Welt verändert.

TAG 2

Die Sonne scheint vom azurblauen Himmel, doch es ist richtig frisch, als wir uns das erste Mal aus unseren Schlafsäcken im aufgeklappten Zeltdach schälen. Die Nacht war ruhig. Wir konnten gut schlafen auf den auseinander geschobenen Bodenplatten des Zeltdachs. Ein bisschen Räumerei bedeutet es schon, bis all die Polster, Decken und die beiden Schlafsäcke so verstaut sind, dass das Dach wieder heruntergeklappt werden kann.
Nach einem kurzen Frühstück mussten wir schnell noch einen Baumarkt finden. Wir hatten uns an einer Stelle der Decke unseres kleinen Wohnraumes so oft schon den Kopf gestoßen, dass wir schnellstens noch einen Meter Rohrisolierung besorgen wollten, mit der wir die kritische Stelle entschärfen könnten. Auch ein vergessenes Päckchen Ersatzsicherungen konnten wir dort erstehen. Dann ging es weiter, über die österreichische Grenze, durch Liechtenstein und die Schweiz nach Italien.
In Österreich hatte unser Toyota einen riesigen Durst, den wir ihm erst einmal stillen mussten. Ein kleines Zucken beim Einschieben der Girokarte. Doch da mussten wir jetzt durch und der Gedanke daran, bis nach Tunesien nicht wieder tanken zu müssen, half uns bei der Verarbeitung der Schrecksekunde.
Durch Österreich ist man schnell hindurch bis wir an einem freundlich nickendem Zollbeamten in die Schweiz hineinfuhren. Eine Autobahnvignette für das ganze Jahr haben wir uns gespart, da wir nur auf der Hinfahrt durch die Schweiz fahren würden. So kommen wir auf den gut ausgebauten Landstraßen zügig voran, schlängeln uns mit unserem kleinen “LKW“ durch enge Häuserschluchten Schweizer Bergdörfer, und erreichen nach der Bezwingung des Bernadinerpasses am späten Abend des zweiten Reisetages den Lago Maggiore. Wir sind in Italien. Es weht ein warmer Wind, die Seewellen schlagen an die Ufer, über uns die Sterne und im Hintergrund die Lichter der Dörfer in den gegenüberliegenden Bergen. Jetzt sind wir unterwegs.

Lichtermeer am Lago Maggiore

Lichtermeer am Lago Maggiore

TAG 3

Wieder begrüßt uns ein sonniger Tag. Der kleine Parkplatz an einer Recycling-Station etwas außerhalb der Ortschaft kurz vor Luina war ruhig. Neben dem Platz fließt ein muntere Bergbächlein vorbei, an dem man sich prima waschen kann. Das Wasser ist schweinekalt, klar. Die Polizei machte heute morgen ihre Runde über den Parkplatz. Doch es gab weder Fragen noch Vorwürfe über unsere Übernachtung hier. Alles ist friedlich. Wir packen unsere sieben Sachen zusammen und fahren, jetzt im Sonnenschein, den Lago Maggiore entlang.
Herrlich, die Ausblicke auf die Berge hinter dem grünblauen Seewasser. Alte Gebäude, die auf Felsspitzen sitzen, weiß blühende Bäume, die ersten Palmen an den Straßenrändern. Wir sind im Süden angekommen.
Hier in Italien können wir wieder mit Euros bezahlen. In einer kleinen Panificio holen wir uns ein italienischen Weißbrot und dazu fein geschnittenen Parmaschinken. Das soll unser Frühstück werden.
Die Thermoskanne voll mit kochendem Wasser, aus dem ein Kaffee aufgegossen werden kann, das frisch gekaufte Brot, Butter aus unseren Vorräten und der duftende Schinken. Bei meiner Copilotin auf dem Schoß entstanden kleine Häppchen, die ich auf der weiteren Fahrt hin und wieder in den Mund geschoben bekam. Dazu die frisch aufgebrühte Kaffee. So lässt es sich leben. Unter uns rollt die Straße hinweg. Immer weiter und weiter und weiter in Richtung Süden.
Bei der Stadt Varese erreichen wir die italienische Autobahn. Die Autobahngebühr wird von Zeit zu Zeit bei den Haltstationen errichtet. Unsere Girokarte wird nicht akzeptiert. Deshalb sammeln wir unser Kleingeld zusammen um den gierigen Automaten die Münzen möglichst passend in den aufgeklappten Rachen zu werfen. Ein schrilles “Arrividerci“ quakt uns entgegen, als der Schlagbaum sich öffnet.

Jetzt können wir wieder gut Strecke machen. Wir lassen die Berge hinter uns. Die Po-Ebene breitet sich vor uns aus. Eine endlose flache Weite, durchsetzt mit den Alleebäumen einiger Bauernhöfe. Ansonsten Felder, Brachflächen und Ödland. Ein manchmal sehr breiter Fluss zeigt sich schimmernd im gleißenden Gegenlicht. Das Wasser schlängelt sich durch Geröllfelder, die von Schilfinseln durchsetzt sind. Lange Brücken über jetzt trockenes Land zeigen uns, dass hier manchmal viel Wasser seinen Weg zum Meer sucht.
Jetzt im Frühjahr hätten wir erwartet, dass die Flüsse voller wären.
Spät in der Nacht erreichen wir unseren Platz für diese Nacht. Die App zeigte uns in Montalto, etwas 120 km vor Rom, einen Wohnmobilplatz für 4,50 Euro pro Nacht an. Die Navigation führt uns in ein Wohngebiet mit neugebauten Ferienhäusern, deren Fensterverschläge jedoch alle geschlossen sind. Jetzt im April ist hier noch der Hund begraben. An der als Womo-Parkplatz beschilderte Wiese sind wir im Dunklen erst vorbeigefahren. “Haben ihr Ziel erreicht“ - wie, was, wo denn ? Erst zu Fuß erkennen wir die Halbmeter hohe Wildgrasfläche als das, was es eigentlichen sollte.
Mit dem Geländewagen haben wir keine Bedenken, ein Stück in die grüne Vielfalt zu fahren. Ein überbordender Mülleimer ist der einzige Hinweis darauf, dass hier zu dieser Zeit überhaupt mal jemand vorbei kommt. Wer packt auch hier noch seinen Müll in die Tonne. Die wir doch Monate lang nicht geleert, sind wir der Ansicht. Ungestört gönnen wir uns noch ein Glas Wein und krabbeln dann in unser Zeltdach.

TAG 4

Am Morgen des vierten Reisetages werden wir von der Brandung, kläffenden Kleinsthunden und dem Müllauto geweckt, das tatsächlich die Hinterlassenschaften der Zivilisation zusammensammelt und mitnimmt.
Zusammenpacken, und ab in das kleine Dorf Montalto di castro mit der riesigen Burg die die geduckten Häuserzeilen um ein Vielfaches überragt.
Das Leben hat hier schon angefangen. Wir suchen eine Bäckerei, um uns einen Kaffee und etwas zu beißen zu besorgen. Da es hier so etwas jedoch nicht gibt, entscheiden wir uns für eine Bar, in der das Leben tobt.
Wir bekommen unsere Kaffeegetränke und etwas Croissant-artiges, hocken uns in die Lederpolster und beobachten eine Zeit lang das morgendliche Treiben, hören die fremden Laute und freuen uns an der sprühenden guten Laune, die das Mädel hinter der Theke versprüht. Lautes, schrilles Stimmengewirr, lachende Menschen, besorgte Väter mit ihren Kindern, ältere Herrschaften, die ohne Zögern, kaum dass sie die Gebäckstange überreicht bekommen haben, noch an der Theke hineinbeißen, als hätten sie tagelang nichts mehr bekommen. Abstand zu halten, was wegen der Corona-Pandemie immer noch notwendig sein sollte, ist in dieser kleinen Bar nur sehr bedingt möglich.
Gestärkt, mit den ersten Eindrücken des Tages, wandern wir noch etwas die Straße entlang, finden eine Panificio, also eine Bäckerei, in der wir unsere Vorräte ergänzen und rollen von dannen in Richtung Autobahn um die letzten 300 Kilometer bis nach Neapel in Angriff zu nehmen.

Unser Geländewagen schnurrt leise vor sich hin während er die Straße unter sich abspult. Wir rollen durch eine phantastische Berglandschaft, die sich uns südlich von Rom darbietet. Die helle, schattenwerfende Sonne, die schweren Wolkenfetzen, die sich durch die Kegelberge hindurch schieben, machen die Versuchung groß, häufig anhalten zu wollen, um die Eindrücke fotografisch festzuhalten. Doch wir wollen weiter und werden diese Eindrücke nur in unseren Köpfen mit uns nehmen.

Am späten Nachmittag, nachdem wir Neapel auf dem äußeren Autobahnring umrundet haben landen wir in der am Meer gelegenen Stadt Castelmare di Stabia auf einem kleinen städtischen bewachten Parkplatz, auf dem man für 1 Euro pro Stunde aber für maximal 5 Euro ungestört und relativ ruhig direkt am Meer stehen kann. Über die App und den Routenfinder finden wir diesen unscheinbaren Parkplatz dieses Mal problemlos.
Es herrscht ein starker Wind. Das Meer ist gar nicht ruhig, sondern tost gegen den Strand. Der Parkplatz liegt hinter einem Schlagbaum und wird durch 4 taghelle LED-Scheinwerfer beleuchtet. Eine kleine Treppe führt hinter der Mauer zu dem schwarzen Sandstrand herab. Ein Glück, dass wir in unserem Dachzelt die Isolierteile einkletten können. Diese Extrateile sind hilfreich bei großer Kälte aber auch bei zu hellem Licht, das von außen in das Zeltdach scheint.
Ein kleiner Snack mit Blick auf die Lichter der Stadt, die würzige Seeluft in den Lungen, kriechen wir wieder in unsere Schlafsäcke. Trotz des Sturmes, des Rauschens der Wellen und des Schaukelns des Autos schlafen wir bald tief und fest im Oberstübchen unseres Gefährts.

TAG 5

Heute wollen wir unseren Freund Gerhard treffen, der mit uns zusammen die Tour durch Tunesien machen wird. Da wir einen Tag kürzer, als veranschlagt, hierher gebraucht haben, können wir es uns leisten, an der Promenade entlang durch das kleine italienische Städtchen unterhalb der Berge zu schlendern. Die Straßenverkäufer bauen ihre Stände auf, viele Menschen sind schon unterwegs, eingemummelt in dicke Steppjacken, obwohl sich die Luft für uns nicht wirklich kalt anfühlt, zumal jetzt die Sonne kräftig die tiefhängenden Wolken vertreibt.
Gegen 12 Uhr kommt die Nachricht, dass wir in einer Stunde zu dritt sein werden. Unser Freund kommt mit seinem eigenen Geländewagen hierher. Mit seiner Navigation kann er ziemlich genau seine Ankunftszeit durchgeben. Uns bleibt noch Zeit für den Rückweg zum Parkplatz, Zeit, um etwas Gebäck zu besorgen und einen Kaffee für uns drei zu kochen.
Dann kommt ein zweiter Toyota HZJ durch den Schlagbaum gefahren. Jetzt sieht unser Fahrzeugensemble schon aus, wie eine kleine Expedition.
Die Suche nach einer jetzt um vier Uhr geöffneten Pizzeria ergibt sich als aussichtslos. Nein, Pizza gibt es erst ab halb acht. Da sind wir wohl in eine Falle der italienischen Essgewohnheiten getappt. Also gibt es für uns vorerst nur einen Snack bevor wir uns auf den Weg nach Salerno, dem Abfahrtsort unserer Fähre nach Tunis, machen.

Wir suchen uns auf unsere Park4Night App einen Parkplatz neben einer Pizzeria in der Bergen, etwas oberhalb der Hafenstadt raus, damit wir wenigstens heute Abend zu unserer Pizza kommen. Die Straßen sind hier in den Bergen sind auf unserem Navi-Display kaum noch zu unterscheiden, da sie praktisch übereinander liegen. Brücke überspannen Täler, durch die sich wieder Straßen winden. Straßenkreuzungen mit 5 - 6 Abfahrten verzweigen wie das Netz einer Spinne. Es geht von der Küste hinauf in die Berge durch so enge Gassen, dass diese nur einspurig befahren werden können. Bunt gestrichene Häuserzeilen, an deren Fronten die Wäsche lustig in der Sonne flattert. Treppchen hier und da ragen in die Straße hinein. Autos die mal eben auf der Fahrbahn abgestellt sind. Menschen, die auf der Straße stehen und sich unterhalten. 1000 Eindrücke, und immer auf der Hut, dass nicht doch ein Motoroller plötzlich vor dem schweren Kühler auftaucht. Leben und leben lassen.
Die kleine Pizzaria in den Bergen ist übrigens ein Volltreffer. Sie öffnet zwar erst um halb 8 Uhr abends, wie alle anderen Pizzarien in der Stadt, doch diese Machart der italienischen Teigfladen, dieser Belag und der tiefrote Hauswein hatten schon etwas ganz besonders. Nach kurzer Nachfrage bekamen wir die Erlaubnis vom Chef, heute Nacht auf dem Restaurantparkplatz bleiben zu dürfen. Rotweinseelig rollen wir uns in unsere Schlafsäcke und schlafen sofort ein.

Treffen in Salerno.

Treffen in Salerno.

TAG 6

Heute werden wir ein erneutes Mal von dem schrillen Bellen italienischer Kleinsthunde und vorbeisausenden Autos geweckt, die in früher Stunde die Gunst des Alleinseins auf der Bergstraße nutzten um mit hohe Geschwindigkeit ins Tal zu rauschen. Das gute Essen gestern Abend hat uns gut getan und uns einen tiefen erholsamen Schlaf bereitet.
Heute gibts ein Stehfrühstück auf Gerhards heruntergeklapptem Sandblech, bevor wir durch die engen Bergstraßen wieder zum Wasser hinunter fahren.
Drei Stunden vor der Abfahrt des Schiffes sollen wir schon am Hafen sein.
Wir sind pünktlich und reihen uns in die Spur der Geländewagen ein, die vollbepackt heute auf die M/V Cruise Smeralda einschiffen wollen. Hier sind wir plötzlich in der Szene einer Offroad Community. Wir werden auf einen Parkplatz eingewiesen und erwarten dass, was da kommen möge.
Als erstes bekommen wir beim Einchecken die Auskunft dass wir für die Einreise nach Tunesien unsere Rückfahrtkarte und eine komplette Buchung unserer Hotelübernachtungen für unsere gesamte Reise vorweisen müssten.
Schließlich akzeptiert die Dame hinter dem Schalter die E-mail unseres reservierten Campingplatzes in Nabeul mit dem Hinweis: sie könne nicht garantieren, dass wir ohne die Hotelbuchungen in Tunesien nicht umgehend wieder zurückgeschickt werden. Viele der Reisenden haben hier überhaupt gar keine Hotelbuchungen vorzuweisen. Man hilft sich mit dem Trick, über booking.com ein Hotel für die gesamte Reisezeit zu buchen, die Buchungsbestätigung per Screenshot zu speichern, und dann umgehend die Buchung kostenlos zu stornieren. Den gespeicherten ScreenShot kann man dann später immer wieder vorzeigen.
Wir begnügen uns mit unserer E-mail, mit der uns die ersten 3 Tage in Nabeul bestätigt werden. Wir werden sehen, was da kommt.
Die ersten Gespräche mit den anderen Fahrern beginnen. Wir treffen viele Tunesier, die auf Heimaturlaub sind und die uns einige Tipps für unsere Reise geben können.
Die Abfahrtszeit 13:15 Uhr verstreicht, ohne das sich etwas bewegt. Jetzt, nach der Hetzjagd auf den Autobahnen haben wir Zeit. Irgendwann wird es losgehen. Die Sonne fängt langsam an zu brennen und gibt einen Vorgeschmack davon, was uns in gennächsten Wochen erwarten wird. Durch die vielen Gespräche vergeht die Zeit wie im Fluge.
Und dann tatsächlich: um 14:30 sind auch wir an der Reihe, dass wir die Heckrampe des Schiffes erklimmen dürfen. Die Einweisung verlaufen geordnet und friedlich. Wir sind drauf. Soweit sind wir gekommen.
Um 15:15 Uhr legt das Schiff dann tatsächlich ab nachdem noch Reparaturen durchgeführt werden mussten. Wir sehen uns in Bewegung. Die Konturen der Berge und die Ortschaften an der Amalfiküste ziehen an uns vorbei. Die Insel Ischia löst sich aus den Konturen heraus und ist schließlich als eigenständiges Eiland zu erkennen. Der spitze Kegel des Vesuvs sticht in den hellblauen Mittagshimmel. Eine bizarre Küstenformation breitet sich vor uns aus, die immer mehr im Dunst ihre Details verliert.

Blick auf die Amalfiküste.

Blick auf die Amalfiküste.

TAG 7

Die Nacht verläuft ruhig. Da ist nicht zu viel Seegang, der unsere Sinne durcheinander bringt. Die Klimaanlage ist nicht zu niedrig eingestellt.
Nur der Zwischenstopp in Palermo reißt uns aus dem Schlaf, weil laute Be- und Entladungsgeräusche durch die Kabinenwände dringen.
Glücklicherweise hat die Kabine jetzt doch eine separate Duschkabine (entgegen der Angabe im Internet). Der Raum ist relativ sauber, wenn man von den klebrigen Resten der Reinigungsmittel auf den glatten Oberflächen absieht.
Aber es ist viel kaputt. Der Schalter des einen Nachtlichts ist nur noch ein Loch, in dem die Elektrik zu erkennen ist. Der Duschkopf spritzt aus vielen Löchern in alle Richtungen. Die Handtuchhaken sind nicht mehr vollständig und die Lautsprecheranlage ist nur noch ein Schein ihrer selbst und nicht mehr funktionsfähig. Also wir können nicht erwarten dass uns in dieser Kabine ein Notruf der Schiffsbesatzung erreichen würde.

Um 9 Uhr haben wir uns mit Gerhard zum Frühstück verabredet. Mittlerweile hat sich ein starker Wind entwickelt, der uns nicht mehr gerade auf den Beinen hält. Schwankend wandeln wir im Seemannsgang durch die Korridore. Also nicht zu sehr den Magen vollschlagen. Wer weiß, was uns noch blüht.
Wir treffen uns mit Gerhard auf dem Oberdeck an einer Sitzecke vor dem Fenster, damit Gabi, die relativ schnell Gleichgewichtsprobleme bekommt, den Horizont im Blick haben kann. Außerdem helfen ihr ihre beiden Akkupressurarmbänder an den Handgelenken für ihr Wohlergehen.
Unser vorgebuchtes Frühstück besteht aus einer winzigen Espressopfütze, die wir mit einem Becher heißen Wassers zu einem Kaffee upgraden. Dazu gibt es ein wirklich leckeres, frisch aufgebackenes Croissant. Und das war’s. Ach ja, eine kleine Flasche stilles Wasser gibt es auch für jeden dazu.

Wir sitzen zu dritt in Kunstlederersesseln, sehen die schaumbekrönten Wogen draußen vorbeigleiten, schmausen und machen Pläne für die kommenden Tage.

Dann kommen die ersten kleineren Inseln in Sicht, die das sich nähernde Festland ankündigen. Der Wind draußen ist so stark, dass die Wellen auf dem 7. Deck von Zeit zu Zeit voll gegen die Fensterscheibe schlagen. Das ist wirklich krass, denn wir befinden uns etwa 25 m über dem Meer.
In der Bucht, in der Tunis liegt, lassen Wind und Wellen etwas nach. Nach Räumung der Kabine stehen wir mit unseren Sachen an der Reling auf Deck 8 und sehen das weiße Häusermeer von Tunis an uns vorbei streifen.
Die Luft ist dunstig und feucht, das Wasser ist von einem unnatürlich hellen Türkies, bespickt mit schneeweißen Schaumkronen, einige fremdartige Fischerboote dümpeln auf den Wogen, und das Licht, dieses hellgleißende Licht der afrikanischen Nordküste, das die Farben blaß werden lässt, brennt uns in den Augen.

Und dann kommt mit voller Fahrt, der Bug taucht mehrfach tief in die Wellen, das Lotsenschiff angerauscht. Vor der Hafeneinfahrt lauern schon zwei Schlepper wie Haie auf den richtigen Augenblick, zupacken zu können.
Bisher sieht alles, so aus wie im Hamburger Hafen, wenn ein Schiff “auf den Haken genommen wird“. Das Anlegemanöver der dann folgenden Stunde war dann mehr Handarbeit vieler Versuche, die große Grimaldifähre an die Kante zu bekommen. Erst nach mehreren Versuchen gelang es dann schließlich doch.Hier oben gibt es nichts mehr zu sehen. So bewegen wir uns auf das Deck 4 zu unseren Fahrzeugen herunter.

Im Hafen von Tunis.

Im Hafen von Tunis.

Der Lotse kommt an Bord.

Der Lotse kommt an Bord.

Das Ausparken ist dann filmreif. Die ersten Fahrzeuge müssen rückwärts aus dem Laderaum der Cruise Smeralda wieder herausfahren, da das Schiff nur am Heck seine Ladeklappen hat. Dann fangen einige Fahrer an, im Laderaum zu umdrehen, um sich die Rückwärtsfahren zu ersparen. Doch jetzt ist nichts mehr geordnet. Viele Leute geben viele Anweisungen, die von vielen Fahrern überhaupt nicht beachtet werden. Jeder ist hier auf sich gestellt. Nur raus !

Auch wir sind jetzt an Land und fahren, wir hatten auf Gerhard gewartet bis auch er das Chaos verlassen konnte, gemeinsam zum Einreiseterminal.
Hier gibt es mehrere Stationen zu durchlaufen.
Zunächst wird von je einer Person aus jedem Fahrzeug ein Corona-Schnelltest gemacht. Ein junges, freundliche Mädel in Schwesternkleidung steckt Gabi behutsam das Wattestäbchen in die Nase und sagt auf deutsch „Willkommen in Tunesien“. Die nächste Station ist die Einreisebehörde. Hier wäre fast alles zügig gegangen, doch ein hinzugeeilter Chef will von uns die Dokumente unserer im voraus gebuchten Hotelreservierungen sehen.
Na, hoffentlich reicht der Zweizeiler unseres Campingplatzes in Nabeul aus.
Es geht mehrfach hin und her. Ich erkläre, dass Gerhard und wir eine Gruppe bilden. Wir nennen mehrfach das Datum unserer Wiederausreise aus Tunesien bis die Beamten schließlich, Gabi bekam von einem Beamten ein Augenzwinkern zugeworfen, einen langen Sermon in arabischen Schriftzeichen auf die von uns vorausgefüllten Zettel schreiben und uns ziehen lassen.
Wir sind durch . . . denken wir. Nein, hinter der nächsten Kurve stehen wieder zwei Beamte, die meinen Pass und die Fahrzeugpapiere sehen wollen.

Wir reden mit ihnen auf französisch und einer der Beamten füllte ein Formular aus. Alles macht den Eindruck, dass es voran geht, bis Gerhard mich heran winkt: „Die wollen Geld haben. Hast Du einen 10 Euro Schein? Das würde die Sache hier beschleunigen.“ Er hat die Ansage bekommen: „ Entweder Geld oder wir durchsuchen Dein Auto von oben bis unten.“
Wir geben ihm den 10 Euro Schein und meinen, den Wünschen gerecht geworden zu sein. Jetzt möchte der andere Beamte aber auch 10 Euro bekommen . . . hahaha. Ein wichtiger Vorgesetzter kommt heran. Er wirft einen kurzen Blick hinten in unsere Geländewagen und ist zufrieden. Der zweite Beamte geht leer aus.
Später erfahren wir, dass die beiden gar keine Beamte waren, dass sie jedoch das Formular für die Fahrzeuge eigenmächtig ausgefüllt hatten und deswegen einen Obulus von uns bekommen wollten, von den Zollbeamten geduldet, aber nicht rechtens. Man sollte sich das Formular eigentlich selbst ausfüllen. Und . . . das Fahrzeug durchsuchen dürften die beiden, die gar keine Uniform trugen, schon gar nicht.

Mit dem auf arabisch ausgefüllten Zettel, den ich auch noch unterschreiben muss, werden wir an ein Schalterhäuschen geschickt. Dort bekommen wir wieder Formulare, die in einem weiteren Schalterhäuschen ausgefüllt werden. Der Beamte, der mich bedient wünscht mir ein “Herzliches Willkommen in Tunesien“ und schickt mich wieder zum ersten Häuschen, in dem ich einen wuchtigen Stempel in meinen Pass bekomme. Jetzt sind wir durch . . . denken wir.

Die nächste Station sind Beamte mit Kalaschnikow und Hunden, die offensichtlich die Drogenbeauftragten sind. Hier kramen wir die schon zu dritten Mal wieder verstauten Pässe heraus, werden aber nicht noch einmal gebeten, unser “Geschenk“ abzugeben. Danach sollen wir noch einmal bei einer einzelnen Person anhalten, die „bitte einmal die Pässe“ sehen möchte. Wir sagen zu ihm etwas auf französisch, was die Sache sehr viel einfacher macht. Er erklärt uns, dass es seine Aufgabe sei, zu kontrollieren, ob sich der Einreisestempel tatsächlich in unseren Pässe befindet.

Jetzt sind wir durch . . . ja tatsächlich, jetzt sind wir wirklich endgültig durch und rollen über die Grenze nach Tunesien, vorbei an vielen Händlern, die mit SIM-Karten, Broten und anderen Waren winken. Wir haben die Schnauze gestrichen voll und müssen schnellstens weg hier und uns erst einmal schütteln.

Wir sind auf dem Weg nach Nabeul zu dem Campingplatz, den wir für heute wegen der tunesischen Bestimmungen reserviert hatten. Für uns ist es einfach den Weg zu finden, da wir nur unserem Freund Gerhard folgen müssen, der sein Navi bereits auf unseren Zielort programmiert hat. Nicht ganz so einfach ist es, den aus Seitenstraßen hervorpreschenden Autos, den Motorrollern, den auf der Straße wandernden Händlern, Kindern und Ziegenherden auszuweichen; von den Löchern und den Schikanen auf den Straßen mal ganz abgesehen. Wir fahren auf einem freien Stück Landstraße zügig hinter Gerhard her, ich sehe eine kleine Gruppe von Kindern am Straßenrand, und dann sehe ich vor unserer Windschutzscheiben einen schwarzen Gegenstand fliegen. Einen Sekundenbruchteil denke ich „so muss ein Meteorit aussehen“ da knallt es schon mit lautem Schlag gegen unsere Fahrerkabine. Verdammt, die Kinder haben einen Stein nach uns geworfen. Die Scheibe ist heil. Das kann doch gar nicht sein, bei dem Schlag. Kein Sprung, kein kleinstes Löchlein - unmöglich. Wir sind sauer auf alle Kinder, die so ohne zu wissen, was sie anrichten, so etwas machen.

Später auf dem Campingplatz, den wir dann ohne weitere Vorkommnisse erreicht haben, erklärt uns Gerhard, dass wir gar nicht gemeint waren. Zwei Kindergruppen hätten sich gegenseitig über die Straße hinweg mit Steinen beworfen. Wir seien nur dazwischen geraten. Na, das ist ja tröstlich und betrachte die neue Delle einen Zentimeter unter der Dichtung unserer Frontscheibe. Da hatten wir aber einen schnellen Schutzengel. Zwei Zentimeter höher, eine etwas höhere Geschwindigkeit, eine hundertste Sekunde später, und wir hätten jetzt keine Frontscheibe mehr.
„Danke Schutzengel !“

Unsere neue Delle direkt unter der Frontscheibe.

Unsere neue Delle direkt unter der Frontscheibe.

© Michael Bünte, 2022
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Die Reise
 
Details:
Aufbruch: 06.04.2022
Dauer: 10 Wochen
Heimkehr: 15.06.2022
Reiseziele: Tunesien
Live-Reisebericht:
Michael schreibt diesen Reisebericht live von unterwegs - reise mit!
Der Autor
 
Michael Bünte berichtet seit 4 Monaten auf umdiewelt.
Bild des Autors
Aus dem Gästebuch (1/1):
Helga König 1652163871000
Gro­ßar­tig! Ich habe mich eine Stunde lang " fest ge­lesen" und genieße eure Reise mit euch! Weiter so! Viel Spaß und gutes Ge­lin­gen! Herz­liche Grüße, Helga