2022 Mit einem Geländewagen durch Tunesien

Reisezeit: April - Juni 2022  |  von Michael Bünte

zu den Berbern

Viel Betrieb im Quellpool von Ksar Ghilane

Viel Betrieb im Quellpool von Ksar Ghilane

TAG 22 - von Ksar Ghilane nach Tataouine

Wir verabschieden uns von Ksar Ghilane, dem kristallklaren Quellpool, den uralten Tamarisken, den auf Kundschaft wartenden Quads und fahren, nicht ohne uns noch einmal beim Bäcker frisches Brot haben backen zu lassen und Ibrahim in seinem Shop besucht zu haben, auf einer Piste aus Sand und groben Steinen in Richtung Osten. Nach etwa zehn Kilometern in schleichender Fahrt über Sand und Fels erreichen wir schließlich die Asphaltstraße, so dass wir nun zügiger und fahrzeugschonender vorwärts kommen.

Links und rechts der Fahrbahn erheben sich zunehmend kahle, vom Zahn der Zeit abgetragene Sandsteinberge, in die längst nicht mehr existierende Flüsse über Jahrmillionen tiefe Täler gefressen haben. Der Verkehr auf dieser Straße ist übersichtlich. Hin und wieder kommt uns ein alter Peugeot 404 mit voll beladener Ladefläche entgegen, auf dem alles Denkbare oder auch Undenkbare von A nach B transportiert wird. Über die Fahrerkabine eines dieser Fahrzeuge ragen meterhoch aufgetürmte Säcke. Es kommen uns Berge von Strohballen entgegen. Ziegen meckern uns eingepfercht an. Aus noch einem anderen Pickup sehen wir zwei rückwärts festgebundenen Dromedaren hinterher, die, stoisch dreinblickend und immer mit dem Kopf in einer Höhe, die Bodenwellen ausgleichen. Die alten Peugeots sind nicht kaputt zu kriegen und fahren schon seit 40 Jahren auf diesen Straßen.

In den Dahar-Bergen

In den Dahar-Bergen

Wasseradern, 20 Meter unter der Erde

Wasseradern, 20 Meter unter der Erde

Grünes Bergland

Grünes Bergland

Peugeot 404 im Straßenverkehr

Peugeot 404 im Straßenverkehr

Wir fahren nach Tataouine, um uns die in diesem Gebiet noch existierenden Speicherburgen anzusehen. Eine Ansammlung von in Waben übereinander geschachtelten Lehmbauten um einen mit einem Eingangstor abgeschlossenen Platz nennt sich Ksar. Viele von ihnen sind verfallen, da der Zahn der Zeit eine permanente Restaurierung erfordert, das Geld dafür aber nicht vorhanden ist. Andere sind gut in Schuss und werden als Speicher, als Café, oder als Laden genutzt.
Die Glücklichen unter den Ksour (dem Plural des Wortes Ksar) sind zu einem Hotel oder einem Restaurant herausgeputzt worden. Um diese herum sind Pflanzungen angelegt, die regelmäßig gewässert werden, was den Anschein einer intakten Welt suggeriert und hübsch anzusehen ist.
Auffällig an den Lehmbauten sind die höhlenartigen Räume mit je einer Öffnung zum gemeinsamen Innenhof, über denen in zwei, drei oder vier Etagen weitere Gewölbe gebaut sind.

In Ksar Ouled Soltane, unserem ersten Ksar, finden wir das „Culturel Café“.
Einer der Räume der sehr aufwendig restaurierten Lehmbautenansammlung, ist gekachelt, die Decke ist weiß verputzt und hinter dem niedrigen Eingang - „Vorsicht! Kopf einziehen“ - steht ein Tresen auf dem wir einen frisch zubereiteten Türkischen Kaffee serviert bekommen. Wir erfahren von unserem Kaffeewirt, dass jeder dieser Räume einer Familie gehört. Von seinem Ururgroßvater habe er diesen Raum übernommen, und er hatte die Idee, Touristen die hierher kommen, mit seinem Café ein kleines Gefühl des Willkommenseins zu vermitteln.
Stolz zeigt er uns seine eigene Web-Seite auf seinem Smart-Phone.

Auch der Maler mit weißem Kapuzenpulli und dunkler Sonnenbrille, der in seinem eigenen Raum ein Atelier eingerichtet hat und die Ansichten des Ksar als Aquarell auf starkem Papier oder auf glatten Steinen zum Kauf anbietet, gesellt sich zu uns. Er kann gutes Englisch, so dass wir von ihm etwas vom schwierigen Leben im Ksar erfahren.

Eingang zum Ksar

Eingang zum Ksar

Der Inhaber des "Cultural Cafés"

Der Inhaber des "Cultural Cafés"

Zubereitung eines Türkischen Kaffees

Zubereitung eines Türkischen Kaffees

Der Maler im Ksar von Ouled Soltane

Der Maler im Ksar von Ouled Soltane

Die Frage nach einer Übernachtungsmöglichkeit für uns in Ksar Ouled Soltane fand unser Kaffeewirt gar nicht so abwegig.
„Stellt Euch neben der Schule auf den Parkplatz. Dort habe ich auch mein Haus. Es ist hier sicher. Ihr braucht keine Bedenken zu haben.“

Wir fahren auf den angegebenen Parkplatz, beschließen aber wegen des übertrieben starken Windes, der aus den Bergen auf diese Anhöhe herunterdrischt, doch ins nächste Tal zu fahren. Dort finden wir hinter einem dichten Hain aus uralten Olivenbäumen einen windgeschützten, von der Landstraße nicht einsehbaren Platz für unsere nächste Nacht.

Uralte Olivenbäume

Uralte Olivenbäume

Übernachtungsplatz bei Ouled Soltane

Übernachtungsplatz bei Ouled Soltane

TAG 23 - In der Welt der Lehmbauten

Es hat geregnet heute Nacht. Seit zwei Jahren warten die Einheimischen darauf, dass es endlich mal wieder regnen möge. Und heute Nacht pladderte es gegen unser Zeltdach. Unser dunkler Geländewagen ist vom sandhaltigen Regen vollständig gesprenkelt. Ein neues Dekor für unser Auto. Könnte man sich überlegen, ob man das Fahrzeug nicht gleich mit diesem Muster lackieren lassen sollte.

In dem kleinen Ort Ksar Ezzahra halten wir an. Von der Straße aus gibt es hier nicht viel zu sehen. Ein paar Häuser mit den üblichen Moniereisen zum Aufstocken der Gebäude auf den Dächern, zwei, drei Geschäfte und das offizielle Gebäude mit der roten tunesischen Flagge auf dem Dach. Und dann ist da noch ein großer Komplex aus unverputzten, groben und fensterlosen Mauern mit tonnenförmigen Dächern, der viel zu groß für diesen kleinen Ort, wie eine Festung vergangener Zeiten wirkt.
Wir gehen in den Innenhof der Lehmburg, und jetzt bleibt uns die Spucke weg. Diese Speicher sind fast vollständig restauriert. Die Wände sind verputzt und alle Öffnungen sind mit einem weiß getünchten Rand versehen, so dass dieses Ensemble etwas Lebendiges hat. Die Öffnungen sind nicht mehr tot. Alles um uns herum versprüht Lebendigkeit.
Die grünen Palmen in der Mitte des Innenhofes machen das Gesamtbild des gut erhaltenen Ksar zu einer kleinen Gefühlsoase. Es ist sehr angenehm hier zu verweilen, die irrwitzigen Treppenverläufe von den sich übereinander windenden Stufen, die an den Wänden emporzuklettern scheinen, zu verfolgen. Auch scheint man beim Bau dieser Treppen weder Lineal noch Wasserwaage verwendet zu haben.
Trapezförmige Stufen reihen sich mit schrägen Trittflächen in jeweils unterschiedlicher Höhe aneinander, überbrücken ohne jede Art von Geländer oder sonstigem Halt die jeweilige Etage und schrauben sich, über und untereinander verwunden, mit anderen Treppengebilden bis in die höchsten Ebenen hinauf.
Und das alles hat nur Bestand wegen der hier vorherrschenden trockenen Wüstenluft. Denn durch Regenfluten werden schnell Rinnen in den Lehm gegraben, die Mauern, Dächer und Treppen zusammenbrechen lassen.
Das ist das traurige Bild, das sich uns in den meisten anderen Lehmburgen bietet.

Im Ksar Ezzahra

Im Ksar Ezzahra

TreppenstufenBrücken  winden sich, über und untereinander

TreppenstufenBrücken winden sich, über und untereinander

Zugänge zu den Speichern

Zugänge zu den Speichern

TAG 24 - In den Dahar-Bergen

Der kalte Sturm draußen peitscht noch stärker, als an den vorherigen Tagen. Schwere dunkle Wolken schieben sich durch die kargen Sandsteinberge hindurch, als ich um 6 Uhr aus dem Wagen steige. „Na, gute Nacht, wenn sich dieser Himmel hier entladen sollten.“
Wir stehen direkt vor einem Lehmdamm, der die Fluten, wenn sie denn mal aus den Bergen kommen, aufhalten soll. Dann ist hier “Land unter“.
Doch wir bleiben verschont. Langsam arbeitet sich die Sonne wieder durch die schwarzen Wolkenberge hindurch. Sie saugt praktisch die schwarze Masse auf, so dass wir unser Frühstück im eisigen, sandbeladenen Wind, aber immerhin im Trockenen einnehmen können.

Jetzt sind wir in den Dahar-Bergen, in die sich das Volk der Berber vor etwa 900 Jahren zurückgezogen hat, als die Araber die von ihnen bewohnten Lebensgebiete nach und nach eroberten. Chenenni heißt die Berberstadt in die wir als erstes gelangen. Die ganze Stadt ist in einen der lehmigen Berge hineingebaut und besteht zum größten Teil aus Höhlenwohnungen, die teils auch heute noch genutzt werden. Der Autoverkehr bleibt unten. Hier steigt man zu Fuß oder mit seinem bepackten Esel die steilen Treppenwege hinauf.

Wir sitzen hoch oben über dem Tal im Schatten einer erbarmungslosen Sonne, schlürfen unseren tiefschwarzen Kaffee und planen die nächsten Tage.
Von hier aus, im Windschatten des Cafés, beobachten wir aus der Adlerperspektive das Treiben unten im Ort, sehen die Reisebusse mit den Tagestouristen aus Djerba ankommen, die sich wie kleine Ameisengruppen auf die dort in farbenfrohen Kleidern lauernden Führer verteilen, sehen die Esel, mit schweren Rollkoffern bepackt, zu dem einzigen zur Zeit geöffneten Hotel die Treppenwege emporsteigen, haben einen Blick auf hunderte Höhlenöffnungen, die uns wie tote Augen, andere wie Nasenlöcher oder zahnlose, aufgerissene Mäuler erscheinen und können von oben in die vielen zusammengebrochenen Gebäude hineinsehen, die den Zahn der Zeit nicht überstanden haben. Mobiliar, elektrische Verdrahtungen und Vorratsbehälter sind in einigen der Mauerresten noch zu erkennen.

Die Suche nach den Gräbern der fünf schlafenden Riesen, die nach einer Sage der Berber auf der anderen Seite des Bergsattels in fünf übergroßen Gräben bestattet sein sollen, hatten wir in dem Augenblick fallen gelassen, in dem der vom Tal emporschießende, eiskalte Wind uns buchstäblich den Atem nahm und wir von den Böen fast gegen die nächste Mauer geworfen worden wären. Wir steigen die Treppenwege wieder herab und machen wir uns auf den Weg weiter in die Dahar-Berge hinein.

In den Dahar-Bergen

In den Dahar-Bergen

Chenenni mit der weißen Moschee

Chenenni mit der weißen Moschee

Wir sehen von oben in die Häuser hinein

Wir sehen von oben in die Häuser hinein

Die Autos bleiben unten stehen

Die Autos bleiben unten stehen

Ein "Guide" in den Farben der Tuareg wartet auf Kunden

Ein "Guide" in den Farben der Tuareg wartet auf Kunden

Wir sitzen hoch oben über dem Tal bei tiefschwarzem Kaffee

Wir sitzen hoch oben über dem Tal bei tiefschwarzem Kaffee

Matmata und "Der Krieg der Sterne"

Jetzt stehen wir in Matmata auf dem Sandplatz, den Abdoul seit 1979 für alle Durchreisenden als Übernachtungsplatz anbietet. Stundenlang sind wir hierher auf gut asphaltierter Serpentinenstraße durch sandfarbene, kaum bewachsene Bergmassive gefahren, haben Pässe überwunden und in tief eingeschnittene Canyons hinuntergeblickt.
Hier in Matmata gibt es noch die senkrecht in den Erdboden eingegrabenen Lehmhöhlenbauten der Berber. Teils sind sie zerfallen, teils werden sie aber auch heute noch genutzt.
Wir müssen gut aufpassen, dass wir nicht zu dicht an den Rand einer dieser riesigen Löcher herantreten, die sich mit einer Tiefe von etwa 5 bis 6 Metern vor uns auftun. Einige sind durch weiße Pfähle oder Maschendrahtzäune kenntlich gemacht worden. Die meisten von ihnen tauchen aber unvermutet vor uns auf. Von oben sehen wir in den zentralen Innenhof des Höhlengebäudes herunter, in dem in zwei oder drei Etagen die Eingänge zu den einzelnen Wohnräumen zu erkennen sind.

Eine dieser Wohnhöhlen beherbergt heute das Hotel Sidi Idriss. Diese Höhle ist einer der Originaldrehorte der Star Wars Verfilmung und ist auch heute noch außerordentlich gut erhalten. Wegen des Ramadan ist das Hotel zur Zeit zwar geschlossen, doch gegen eine Gebühr von einem Dinar pro Person dürfen wir hinein und durch die Räume, bestückt mit den originalen Filmkulissen, wandern. Da können wir doch tatsächlich die Konturen eines Staubsaugers erkennen, der dort über der Tür eine galaktische Maschinerie dargestellt hat.

Das Hotel Sidi Idriss.
Einer der Originaldrehorte der Star Wars Episoden.

Das Hotel Sidi Idriss.
Einer der Originaldrehorte der Star Wars Episoden.

Originale Requisiten aus den Star Wars Filmen

Originale Requisiten aus den Star Wars Filmen

Kunststoffphantasien aus den Filmen

Kunststoffphantasien aus den Filmen

Blick in die oben offene Wohnhöhle des Hotels

Blick in die oben offene Wohnhöhle des Hotels

Am Abend geht es dann zum Essen in Abdouls Restaurant. Hier in Matmata gibt es die Tajine mit Geflügel und Gemüse, die wie in Marokko in einem geschlossenen Topf hergestellt wird. Im ganzen übrigen Tunesien wird ein einfacher Gemüseauflauf als Tajine bezeichnet.
Abdoul ist ein geschäftstüchtiger, kauzigfreundlicher Mann. Er vermietet seinen Campingplatz nur an die Gäste seines Restaurants. Wir genießen die Tajine und freuen uns darüber, morgen früh nicht abwaschen zu müssen.

Der Eingang zu Abdouls Geschäft

Der Eingang zu Abdouls Geschäft

Abdoul aus Matmata vor seinem Restaurant

Abdoul aus Matmata vor seinem Restaurant

TAG 25 - Besuch bei den Berbern

Was wir gestern bei der Wahl unseres Übernachtungsplatzes nicht bedacht hatten war die Moschee, die auf dem unmittelbar angrenzenden Grundstück von Abdouls Campingplatz steht. Mit etwa 120 Dezibel werden wir um halb 5 Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen und stünden jetzt senkrecht im Bett, wenn das schräg aufgestellte Zeltdach dieses zulassen würde. Das Adrenalin pocht in den Adern, die Hunde fangen an zu bellen, und die Gläubigen bewegen sich zu ihrem Morgengebet oder verrichten es zuhause.
Ok, dann hat der Tag also auch für uns angefangen. Wir trösten uns mit einer wunderbaren, heißen Dusche in dem kleinen Sanitärgebäude auf dem Parkplatz, für das wir exklusiv den Schlüssel erhalten haben.

Im Berberdorf Temezret

Nach etwa zehn Kilometern über Serpentinenstraßen sind wir in dem kleinen Berberdorf Tamezret angekommen. Wir werden von winkenden Kindern und dösenden Hunden empfangen. Es ist angenehm, nicht gleich nach einem Dinar oder nach Stiften gefragt zu werden. Die Berberkinder hier kommen uns zurückhaltender vor, als Kinder in anderen Orten. Wir sehen viele schöne junge Menschen mit glatter, leicht bronzefarbener Haut, und alte Menschen, die uns mit zahnlosen Mündern freundlich anlächeln. Sie haben auch nichts dagegen, fotografiert zu werden.

Auf bunt bemalten Stufen steigen wir durch die Straßen. Farbenfrohe Türen und Tore säumen den Weg. In einer der verwinkelten Gassen finden wir ein auf die grobe Mauer gemaltes Alphabet in Berberschrift. „Ist das hier eine Schule?“ Auch die Sprache der Berber soll hier in einigen Gegenden noch gesprochen werden. Das wissen wir allerdings nur aus der Literatur. Einen Unterschied dieser Sprache zum Arabischen könnten wir sowieso nicht erkennen.
Zwei Kinder mit pechschwarzen Zottelhaaren toben mit scheinbar endloser Energie um ein altes Auto herum. Zunächst sind sie scheu, stellen sich dann für ein Foto auf, nachdem wir ihnen unseren Wunsch in Zeichensprache deutlich gemacht haben.

Das Berberdorf Temezret

Das Berberdorf Temezret

Straße im Berberdorf

Straße im Berberdorf

Die Berber gestalten ihre Mauern, Eingänge und Tore in farbenfroher Spielerei

Die Berber gestalten ihre Mauern, Eingänge und Tore in farbenfroher Spielerei

Farbenfrohe Ornamente an den Wänden

Farbenfrohe Ornamente an den Wänden

Das Alphabet der Berber

Das Alphabet der Berber

Farbenfrohes Einfahrtstor

Farbenfrohes Einfahrtstor

Immer gut klimatisierte Wohnhöhle

Immer gut klimatisierte Wohnhöhle

Berbermütterchen

Berbermütterchen

Zwei Kinder mit pechschwarzen Zottelhaaren toben mit scheinbar endloser Energie um ein altes Auto herum.

Zwei Kinder mit pechschwarzen Zottelhaaren toben mit scheinbar endloser Energie um ein altes Auto herum.

In einem in den Fels gehauenen Berberhaus

Wir sind wieder auf dem Weg zurück. Ich halte kurz mal an, um noch eines der originalen Berberhöhlenhäuser zu fotografieren, das ich, mit blau bemaltem Eingang, etwas abseits der Straße entdeckt habe.
Kaum haben wir angehalten, da kommen drei Kinder auf uns zu. Der Älteste von ihnen, auf einem Fahrrad, etwa 12 Jahre alt, spricht uns in gutem Französisch an, ob wir nicht ihr Haus, ein echtes Berberhaus, ansehen wollten. Seine beiden jüngeren Geschwister rennen barfuß neben ihrem Bruder her.
Wir gehen mit ihnen, fragen nach Vater oder Mutter, die aber offensichtlich nicht dort sind.
Etwas unsicher sind wir schon, ob das Ganze nicht eine Abzocke ist, lassen uns aber trotzdem auf eine Führung durch das Haus ein und bekommen das gesamte Höhlenlabyrinth gezeigt.
„Hier ist unser Wohnzimmer“, heißt es in einem in den Fels gehauenen Raum, in dem aus Lehm gestaltete, mit Decken belegte Bänke stehen.
„Diese ist das Schlafzimmer unserer Eltern“. In einem wohnlich eingerichtetem Raum steht ein Doppelbettt mit Baldachin und Vorhängen.
„Das ist unsere Küche“, heißt es in einem Raum, in dem Küchenutensilien auf Regalen stehen. „Wo ist den Euer Ofen?“ „Die Küche hat ja gar keine Kochgelegenheit“.
„Der Gaskocher steht in einem anderen Raum in der Nähe der Öffnung nach draußen“. Das ist sinnvoll, damit sich beim Kochen die Dämpfe nicht in den Höhlen verteilen.
„Und die Kinderzimmer sind in der zweiten Etage“. An einem Seil klettert sein Bruder, die in den Lehm eingehauene Stufen nutzend, in eine höher gelegene Öffnung hinein. Das Mädchen hängt sich auch an das Seil und schaukeln mit keckem Blick hin und her.
„Und hier sind noch unsere Kätzchen“. In einem Korb liegen zwei winzige, vielleicht zwei Tage alte Kätzchen, denen noch das Bauchfell fehlt. Die Katzenmutter gesellt sich hinzu, leckt den beiden Kleinen über die Bäuche, die sofort an den Zitzen der Alten hängen und den Zusehenden ein wohlig waberndes Katzenfellbündel darbieten.

Immer noch sind wir nicht sicher, ob das hier nicht eine Inszenierung ist. Die Räume sind so penibel aufgeräumt. Nicht die kleinste Kleinigkeit liegt herum. Wohnen die drei Kinder dort überhaupt?
Auf die Frage nach einer Bezahlung für die Hausführung bekommen wir eindeutig eine ablehnende Haltung. Auch ein Geschenk wollen sie nicht annehmen. Vielleicht hat diese Führung tatsächlich nur aus Freundlichkeit stattgefunden und den sonst eher eintönigen Alltag der drei Kinder etwas aufgelockert.
Wie dem auch sei. Dieses Erlebnis mit den drei Berberkindern hat uns echt positiv beeindruckt.

Ein heute noch bewohntes, in den Berg gehauenes Berberhaus

Ein heute noch bewohntes, in den Berg gehauenes Berberhaus

Die drei Geschwister der Berberfamilie

Die drei Geschwister der Berberfamilie

Der Eingang in das Haus

Der Eingang in das Haus

Der Wirtschaftsraum

Der Wirtschaftsraum

Das Schlafzimmer der Eltern

Das Schlafzimmer der Eltern

Der Zugang zum Kinderzimmer

Der Zugang zum Kinderzimmer

Unsere drei Hausführer

Unsere drei Hausführer

TAG 26 zurück durch die Wüste und ans Meer

Heute geht es für uns aus den Bergen heraus. Nördlich von Gabes, einer Oasenstadt am Mittelmeer, wollen wir einen Platz für unsere letzte gemeinsame Übernachtung mit Gerhard suchen, der dann wieder zu seiner Martina zurückfahren wird.
Noch einmal fahren wir im Zweiergespann über endlose ins Nichts verlaufende Straßen. Ein sehr starker Wind ist heute wieder aufgekommen; so stark, dass große Mengen Sand quer über die Fahrbahn getrieben werden, so stark, dass Gerhards Wagen ab einer Entfernung von 100 Metern vor uns nicht mehr zu erkennen ist, und so stark, dass immer öfter Sandwehen von uns überfahren werden müssen. Dann kommen wir an eine der wenigen Straßenkreuzungen hier in der Wüste. Geradeaus geht es nach Douz, links geht es nach Ksar Ghilane und nach rechts zweigt der Weg ab, den wir nehmen werden um nach El Hamma zu gelangen. Das ist leider eine Schotterpiste.

"Jilili" - Ein Café in der Wüste

An dieser gottverlassenen Straßenkreuzung liegt, wie “das Café am Ende der Welt“ von John Strelecky, ein kleines Gebäude mit einer großen Tafel darüber:
“Café Jilili - Pizza“ steht dort verlockend. Eine schmächtige, in viele Tücher gehüllte Frau wird in der offenen Tür sichtbar und winkt zu uns herüber. Wir winken zurück und treten in den Schutz der kleinen Kaffeestube. Links steht ein Postkartenständer, auf denen die Karten so sandig berieselt sind, dass man die Fotos auf Ihnen nur noch unklar erkennen kann. Dahinter ist der Tresen, hinter dem sich ein kleiner Kocher verbirgt. Hier werden heiße Getränke und offensichtlich auch Pizza hergestellt. Die Frau ist nicht sehr alt, ihre Haut hat aber bestimmt schon mehr Sonne gesehen, als ihr gut getan hat, und Ihre Hände sind abgearbeitet. Ihr ganzes Wesen jedoch macht auf uns einen außerordentlich freundlichen und liebevollen Eindruck.Wir bestellen für jeden von uns einen Kaffee, zu dem wir dann auch noch zwei Tellerchen Gebäck bekommen. Ein Mädchen von vielleicht 12 Jahren kommt zur Tür herein. Die beiden tuscheln miteinander und setzen sich so, dass man sich gegenseitig sehen kann, auf die andere Seite des Raumes. Die Kommunikation zwischen uns, der Frau und dem Mädchen findet durch Lächeln und Zurücklächeln statt.
Bald ist unser Kaffee ausgetrunken. Wir studieren die vom Boden bis zur Decke reichenden Schriftzüge auf den weiß getünchten Wänden in dem Raum und beschließen, dass auch unsere Gruppe unter der Bezeichnung “HZJ-Tour 2022" mit unseren drei Namen darunter einen Eintrag bekommen soll. Die Frau besorgt uns einen Stift, und ehe wir ihre Frage beantworten können, ob wir nicht noch einen Minztee trinken möchten, ist sie schon hinter ihrem Tresen verschwunden. Und bevor unsere Widmung an der Wand fertig ist steht sie schon wieder da. Sie überreicht jedem von uns einen frisch zubereiteten Tee und ein großen Stück aufgebackenes Brot, das sie uns mit einem Teller Olivenöl serviert. Ganz schön geschäftstüchtig, die Dame. Aber wir geben ihr gerne die paar Dinare, die sie verlangt. Außerdem ist das, was sie uns zubereitet, frisch und auf sauberem Geschirr serviert. Bereitwillig lassen sich die beiden von uns fotografieren.

Nach einer guten Stunde machen wir uns wieder auf den Weg, nicht ohne vorher die desaströsen Toiletten in einem kleinen Gebäude hinter dem Café besucht zu haben.
Es sind zwei nebeneinander liegende Toiletten, von denen der einen die untere Hälfte der Tür fehlt, geschweige denn, dass man irgendwo hier einen Riegel vorschieben könnte. Nach Wasser zum Nachspülen bitte lieber erst gar nicht fragen. „Oh je“, da haben wir schon edlere Wüstentoiletten besucht.

Das Café "Jilili" an der Straßenkreuzung in der Wüste

Das Café "Jilili" an der Straßenkreuzung in der Wüste

Schutz vor dem Sandsturm im Café

Schutz vor dem Sandsturm im Café

Eine freundliche Bedienung

Eine freundliche Bedienung

Die Wirtin und ihre Tochter

Die Wirtin und ihre Tochter

Dekorationen an den Wänden des Cafés

Dekorationen an den Wänden des Cafés

Desaströse Toilettenzustände

Desaströse Toilettenzustände

Noch einmal durch Sanddünen

"Diese Piste ist nicht schön!" Immer wieder geraten wir auf Wellblechstrecken, bei denen der Bodenbelag wie der Sand des Meeresbodens aussieht. Fährt man darüber zu langsam, wird alles im Auto durcheinander geschleudert, ist man mit circa 80 km/h schnell genug, gleitet man ohne großes Gerappel über diese Bodenbeschaffenheit. Nur bis man die Geschwindigkeit erreicht hat braucht man starke Nerven. Und diese braucht man auch, wenn plötzlich ein Hindernis im Weg liegt, denn Lenken ist bei diesem “Sandsurfen“ praktisch nicht mehr möglich. Immer wieder versuchen wir, die optimale Spur für uns in der Piste zu finden. Und dann liegt sie vor uns, unsere nächste Herausforderung - in Form einer anderthalb Meter hohen Sandverwehung, die sich über die gesamte Straßenbreite gelegt hat.
Gabis erster Vorschlag ist umzudrehen. Das würde allerdings einen Umweg von über 50 Kilometern Schotterpiste bedeuten. Wir Fahrer laufen erst einmal den festen Boden außerhalb dieser Sandverwehungen ab und meinen, dass unsere Wagen diesen Umweg von etwa 100 Metern durch das Gelände neben der Straße schaffen müssten.
„Und woher wisst Ihr, dass sich das Ganze in zwei Kilometern nicht noch einmal wiederholt und vielleicht viel schlimmer ist?“, ist Gabis Einwand.
„Das wissen wir nicht“, ist die einzige wahre Antwort. „Wir können höchstens mit Bedacht unseren Weg auskundschaften und vorsichtig mit der Situation umgehen.“ „Aber übernachten will ich hier in diesem Sandsturm nicht.“ Die Chancen stehen gut, dass wir El Hamma vor der Dämmerung erreichen können. In diesem Augenblick kommen uns fünf Fahrzeuge mit Einheimischen entgegen. Also müssen doch auch wir durchkommen können.
Der Sand knirscht inzwischen bei jedem Wort zwischen den Zähnen, die Haare sind verklebt und das Sandmännchen braucht sich heute erst gar nicht zu bemühen. Aus unseren Augen rieselt bei jedem Wimpernschlag Wüstensand heraus.

Gerhard fährt vor und macht eine Spur für uns. Es dauert tatsächlich nicht lange bis wir die eigentliche Trasse wieder erreicht haben. Guten Mutes und in der Ansicht „alles ist machbar“ fahren wir zügig weiter in Richtung Norden.
Wieder bremst Gerhard vor uns. Und wieder tut sich eine nun schon beachtlich höhere Sanddüne auf, die sich über zwei Meter hoch, quer über die Piste gelegt hat. Also wieder raus in die Sandhölle, nicht ohne vorher das Turbantuch um den Kopf geschlungen zu haben. Der pfeifende Sand beißt in den Augen. Gabis Einwand war gar nicht so unbegründet.

Wir geben nicht auf. Wieder fährt Gerhard vor und macht die Spur. Ungeschickterweise wird an einer Steigung der Sand dermaßen pulverisiert, dass ich auch nach dreimaligem Versuch nicht über diese Steigung hinwegkomme. Jetzt helfen nur noch die Differentialsperren. Langsam wühlt sich der schwere Geländewagen in das Sandpulver hinein, steigt empor, stockt, findet wieder Halt und erreicht endlich ein wenig festes Gestein am Kopf der Düne. Das war’s. Wir sind durch. Wir haben es geschafft, ohne dass wir Winde oder Sandbleche bemühen mussten.

Die Piste nach El Hamma

Die Piste nach El Hamma

Im Sandsturm

Im Sandsturm

Sandberge verhindern das Weiterfahren

Sandberge verhindern das Weiterfahren

Auf der Suche nach einem Durchkommen

Auf der Suche nach einem Durchkommen

Finde den Weg durch die Wüste Off Road

Finde den Weg durch die Wüste Off Road

Wir sind durch

Wir sind durch

Wieder zurück auf der Piste

Wieder zurück auf der Piste

Am Mittelmeerstrand nördlich von Gabès

Wir stehen mit unseren beiden Fahrzeugen unter einer Palmengruppe am Mittelmeer. Türkisblaues Wasser, das mit weißen Gischtkronen gegen den Sandstrand spült. Hier finden wir große, unversehrte Schneckenhäuser, Knochen von uns nicht zu identifizierenden Tieren, jede Menge Sepiarücken und allerlei Zeug, von dem wir nicht wissen, was das einmal gewesen ist. Eine hinter der Palmengruppe versinkende, rote Sonne macht das Abschiedsbild perfekt. Ein letztes Mal sitzen wir zusammen und trinken unser letztes Bier aus Ksar Ghilane, das Gerhard in seinem Kühlschrank bis zum heutigen Tag auf die erforderlichen drei Grad Celsius gehalten hat. Einmal noch stoßen wir auf diese wunderbare Zeit an.

Angekommen am Mittelmeer

Angekommen am Mittelmeer

Mittelmeerbrandung

Mittelmeerbrandung

Strandgut

Strandgut

Strandläufer

Strandläufer

Der letzte Abend für uns drei

Der letzte Abend für uns drei

© Michael Bünte, 2022
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Wir starten in Hamburg und reisen mit einem Toyota HZJ78 über Neapel nach Tunesien. Dieses ist der Bericht unserer zehnwöchigen Reise.
Details:
Aufbruch: 06.04.2022
Dauer: 10 Wochen
Heimkehr: 17.06.2022
Reiseziele: Tunesien
Der Autor
 
Michael Bünte berichtet seit 5 Monaten auf umdiewelt.
Bild des Autors
Aus dem Gästebuch (3/4):
Pollensa07 1656508686000
Ein span­nen­der Urlaub ist zu Ende, der mich tief in das tu­nesische Leben mit­ge­nom­men hat. Vor Jahren war ich selbst schon einmal als Pauschal­tou­rist in diesem Land und habe einige Orte wie­derer­kannt. Sehr be­ein­druckt haben mich damals der antike Stein­bruch mit diesen warmen, gol­de­nen Farben. Das alles habe ich jetzt während Eurer Ur­laub­sta­ge wieder mi­ter­le­ben dürfen­.Ja, damals war dort alles noch of­ffi­zell geö­ffnet. Aber ich kann mich e­rin­nern, dass sich einige Tou­ris­ten unserer Rei­seg­rup­pe dort an spitzen Steinen und nied­ri­gen "Decken" ver­letzt haben. Von Eurem Stil her ist alles so aut­hentisch, dass man sich vom Lesen gar nicht los­rei­sen kann. Danke für diese inte­res­sante Reise!
Ulrike Schmittmann 1654715989000
Vielen Dank, dass ich in Ge­dan­ken mit­rei­sen kann durch Tu­nesi­en!
Ich habe alle Berich­te von eurer Reise versch­lun­gen­!
Lie­be Grüße an euch!
Jana 1654249320000
un­glaub­lich tolle Ur­laub­sbil­der! Ein spitzen Fo­tog­raf! Man hat das Gefühl mit dabei zu sein und von dem Alltag zu ent­flie­hen! Genießt euer Ab­tente­uer